Einbezug der Kinder

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Part of the essentials book series (ESSENT)

Zusammenfassung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Kinder in den Beratungsprozess einzubeziehen. Es sollte mindestens ein indirektes Einbeziehen der Kinder geben. Werden die Kinder direkt in den Beratungsprozess mit einbezogen, muss genau überlegt werden, wie das geschehen kann.

Zusammenfassung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Kinder in den Beratungsprozess einzubeziehen. Es sollte mindestens ein indirektes Einbeziehen der Kinder geben. Werden die Kinder direkt in den Beratungsprozess mit einbezogen, muss genau überlegt werden, wie das geschehen kann. Lädt man die Kinder zusammen mit den Eltern ein, so sind massive Loyalitätskonflikte der Kinder zu befürchten. Daher werden Möglichkeiten vorgestellt, die Kinder zu hören, ohne ihre inneren Konflikte zu erhöhen

5.1 Indirekter und direkter Einbezug

Mit dem indirekten Einbezug der Kinder ist gemeint, dass die Kinder nicht persönlich in der Beratung erscheinen, sondern sie symbolisch, zum Beispiel als leerer Stuhl oder als Stofftier, in der Beratung mit den Eltern einen Platz finden. Es löst immer etwas aus, wenn die Eltern ein Gewahrsam dafür entwickeln, dass es um ihr Kind geht. Daher sollte das Kind für die Eltern gedanklich und emotional in der Beratung anwesend sein.

Der direkte Einbezug der Kinder ist stark vom Alter des Kindes abhängig. Babys und Kleinkinder machen keine eigenen Aussagen. Wenn sie in der Beratung mit anwesend sind, so kann das Bindungsverhalten zwischen Mutter und Kind und Vater und Kind beobachtet werden. Dies ist auch häufig im Rahmen von begleiteten Umgängen von Belang und stellt eine Interaktionsbeobachtung zwischen dem Kind und den Elternteilen dar. Interaktionsbeobachtungen können auch mit größeren Kindern Sinn machen. Ausgewertet werden können folgende Kategorien:

  • Wie ist die Beziehung zwischen Kind und Elternteil?

  • Was gibt es für Unterschiede in der Beziehung zu den einzelnen Elternteilen?

  • Wie sind die Verhaltensweisen des Kindes in Bezug auf den Elternteil (z. B. anklammerndes Verhalten, abweisend, entspannt, …)?

  • Wie ist das Bindungsverhalten des Kindes?

  • Wie ist die emotionale Unterstützung durch die einzelnen Elternteile?

  • Kann angemessen eingegangen werden auf die Bedürfnisse des Kindes? Altersangemessen?

  • Wie ist die Reaktion des Kindes auf die Beratungsfachkraft (Fremde)?

  • Wie ist das Sozial- und Spielverhalten des Kindes?

In der Rückmeldung an die Eltern können positive und stärkende Interaktionen benannt und verdeutlicht werden. Es ist zuweilen für Elternteile eine Entlastung von der Fachkraft zu hören, dass der andere Elternteil sich gut gekümmert hat und welche Verhaltensweisen besonders konstruktiv waren. Manche Elternteile wünschen sich, dass eben NICHT ihre schlimmen Erfahrungen bestätigt werden. Dann können sie ihre Sorge um das Kind loslassen, wenn es beim anderen Elternteil ist.

Sollte es kritische Beobachtungen geben, so sollten diese im Einzelsetting mit dem jeweiligen Elternteil erörtert werden.

5.2 Das kindzentrierte Interview

(In Anlehnung an das themenzentrierte Kinderinterview von Hans-Peter Bernhard, IMS München (Bernhardt 2013)).

Im Beratungsprozess ist es meist wichtig, die Position des Kindes zu kennen. Häufig glauben Elternteile, sie wissen, was der Wunsch des Kindes ist und welche Gefühle es hat. Dies geschieht besonders in symbiotischen Beziehungen, bei denen Elternteile den Kindern keine eigenen Gefühle zugestehen, sondern automatisch annehmen, dass die eigenen Gefühle mit denen des Kindes identisch sind.

Ab einem Alter von circa fünf Jahren kann mit den Kindern eigenständig gesprochen werden. Gewöhnlich werden die Kinder nicht zu den gemeinsamen Elternberatungen mit eingeladen. Das könnte als kritisches Ereignis für Kinder erlebt werden, da sie sich mitten im Spannungsfeld befinden würden. Es könnten Loyalitätskonflikte entstehen, das Kind erlebt vielleicht den Wunsch beider Elternteile, sich zu ihm zu positionieren. Ein Kind einem solchen psychologischen Druck auszusetzen ist weder hilfreich noch lösungsorientiert. Daher bedeutet der direkte Einbezug der Kinder, dass sie einen oder mehrere Einzeltermine erhalten, bei denen sie sich äußern können.

In der Arbeit mit Kindern dürfen nicht nur „Gespräche“ geführt werden. Das Erleben von Kindern ist noch fantasievoller und bildhafter als das von Erwachsenen. Sie können logisch abstrakt den eigenen Standpunkt oft noch nicht definieren, und würden dies auch häufig aufgrund von Loyalitätskonflikten nicht tun. Daher ist es wichtig, bei Kindern mit spielerischen und bildgebenden Methoden zu arbeiten. Dies kann im Rahmen eines kindzentrierten Interviews erfolgen.

Wichtig ist dabei, einleitend eine gute Atmosphäre für das Kind zu schaffen. Es ist von Belang, ihm mitzuteilen, dass die Eltern damit einverstanden sind, dass es hier ist. Man erklärt ihm, dass es wichtig ist, seine Meinung zu hören, es dennoch so ist, dass nicht alle Wünsche berücksichtigt werden können. Es wird mit dem Kind besprochen, dass es bei einigen Dingen die es sagt, gut wäre, wenn die Eltern das auch wissen dürften und man es ihnen sagen könnte. Sollte es jedoch Dinge geben, bei denen das Kind ausdrücklich wünscht, dass niemand davon erfährt, dann ist dieser Wille zu respektieren, es sei denn, es sei handelt sich um kindeswohlgefährdende Faktoren.

Methodisch können Familienaufstellungen mit Figuren (z. B. Familienbrett, Spielfiguren, Tiere) genutzt werden, bei denen das Kind sein inneres Erleben in Bezug auf Familie und soziales System abbilden kann. Bedeutsam ist schon die Auswahl der verschiedenen Figuren für die Familienmitglieder, wobei man nichts hinein interpretieren sollte, sondern das Kind selbst nach Bedeutungen suchen lassen. Wählt es z. B. das Tier Affe für ein Familienmitglied, dann kann man fragen, was es mit dem Affen verbindet, was es selber glaubt, warum es diese Figur gewählt hat (je nach Entwicklung des kognitiven Entwicklungsstandes des Kindes). Günstig ist es, keine Vorgaben zu machen, welche Familienmitglieder aufgestellt werden. Stellt das Kind nur die Kernfamilie auf? Oder ein erweitertes Familiensystem mit Großeltern und Tanten und Onkeln? Mitglieder aus dem erweiterten Familienkreis können große Ressourcen für die Kinder darstellen, wenn die Eltern sich in der Krise befinden. Eine andere Möglichkeit ist, dass sie in den Konflikt involviert sind und diesen weiter „anheizen“ oder am Laufen halten. Fehlen bedeutsame Familienmitglieder, wie z. B. ein Elternteil, so ist nachzufragen, warum dieser Elternteil nicht dabei ist. Man bittet das Kind, den Elternteil zu platzieren.

Wünsche und Bedürfnisse im familiären System können dabei erfragt werden. Eine solche Aufstellung kann hilfreich sein, um Informationen zu Bindungs- und Beziehungsqualität, familiärer Dynamik und der Bedeutsamkeit einzelner Familienmitglieder zu erhalten.

Im zweiten Schritt fordert man das Kind auf, die Figuren so hinzustellen, wie es richtig gut wäre. Was wäre dann anders? Wie würde sich das anfühlen? Wie sähe der Alltag aus, wenn es so wäre?

Es können Gefühlskarten eingesetzt werden, Karten mit Monstern oder Tieren, die sich in verschiedenen Gefühlszuständen befinden. Die Kinder können auf die Karten zeigen, die ihrem eigenen Zustand gerade am nächsten sind. Man kann sie fragen, welche Karten dazu passen, wenn es bei Mama ist, und welche, wenn es bei Papa ist. Die Anzahl der gewählten Karten darf vom Kind frei gewählt werden, da es bei jedem Elternteil in verschiedenen Situationen verschiedene Gefühle gibt.

Folgende Fragen können mit dem Kind erörtert werden:

  • Mit wem würdest du gern mehr beziehungsweise weniger Zeit verbringen?

  • Was würdest du gern mit Mama, Papa, den Geschwistern erleben oder machen?

  • Was wünschst Du dir von Mama, Papa, Geschwistern?

  • Wie war das früher, vor der Trennung? Was ist jetzt anders? Was ist besser, was ist schlechter?

  • Stell dir vor, es käme eine Fee und sie würde dir drei Wünsche frei geben. Was würdest Du dir von der Fee wünschen in Bezug auf deine Familie?

  • Wie sieht ein schöner Traum von deiner Familie aus?

  • Welchen Rat würdest Du anderen Kindern geben, die in einer ähnlichen Situation wie du sind?

  • Was denkst du, was würde dein Vater am liebsten ändern, wenn er allein bestimmen könnte in der Familie?

  • Was denkst du, was würde deine Mutter am liebsten ändern, wenn sie allein bestimmen könnte in der Familie?

  • Was denkst du, was würdest du am liebsten ändern, wenn du allein bestimmen könntest in der Familie?

  • Welche Lösungen gäbe es noch?

Kinder sollten nicht direkt gefragt werden, bei welchem Elternteil sie leben wollen. Dies führt zu Loyalitätskonflikten. Äußert das Kind von sich aus konkrete Vorschläge, dann ist es wichtig, dem Kind zuzuhören. Dann sollte außerdem gefragt werden, warum es diesen oder jenen Wunsch hat. Der Wunsch bei einem bestimmten Elternteil zu leben kann unterschiedliche Hintergründe haben. Es könnte sein, es entspricht dem Bedürfnis des Kindes, es könnte aber auch sein, dass ein Kind einen Elternteil als emotional belasteter wahrnimmt als den Anderen und deshalb auf ihn aufpassen möchte oder um ein empfundenes Ungleichgewicht wieder herzustellen.

Abschließend kann es hilfreich sein, mit dem Kind die Dinge an den Flipchart zu notieren, von denen es möchte, dass die Eltern sie erfahren. Eltern sind oft emotional berührt, wenn sie die Handschrift ihrer Kinder sehen, und erkennen, dass es um Wünsche und Bedürfnisse ihrer Kinder im Hinblick auf sie als Eltern geht.

Beispiel

Anke (9 Jahre) verweigert den Kontakt mit ihrem Vater, reagiert sehr ängstlich und aufgewühlt, wenn sie ihn zufällig auf der Straße trifft. Die Mutter ist der Ansicht, dass Anke ihren Vater nicht sehen wolle und auch nicht brauche. In der Aufstellung stellt sie zu Anfang den Vater nicht mit auf. Ich frage nach und bitte sie, den Vater ebenfalls zu platzieren. Es entsteht folgendes Bild (Abb. 5.1).
Abb. 5.1

Familienbild eines 9-jährigen Mädchens

Anke sagt: „Der Papa ist irgendwie hinter dem Zaun.“

Beraterin: „Weißt du warum?“

Anke: „Nein.“

Beraterin: „Wie geht es dir damit, dass es so ist?“

Anke: „Das macht mich traurig.“

In einem Beratungsprozess mit Anke kann mit den Gefühlen der Trauer gearbeitet werden. Was sagen ihr diese Gefühle? Was braucht sie wirklich? Wie sind ihre Bedürfnisse?

Rückmeldung an die Eltern

Die Ergebnisse aus dem kindzentrierten Interview sollten im Folgenden mit den Eltern thematisiert werden. Hier sollten schon im Vorfeld in Einzelgesprächen mit den Eltern besprochen worden sein, wie sie mit Antworten oder Gefühlen ihrer Kinder umgehen, die nicht ihren Erwartungen entsprechen. Auf Basis dessen ist auch zu entscheiden, welche Aspekte und Ergebnisse aus dem Kinderinterview den Eltern mitgeteilt werden können. Es kann Aussagen des Kindes geben, die einen Elternteil stark erschüttern könnten und auch die Beziehung dieses Elternteils zum Kind. In dem Fall ist es abzuwägen, ob diese Information mit dem Elternteil thematisiert werden kann, oder ob der entstehende Schaden größer wäre als der Gewinn. Bei der Rückmeldung muss immer deutlich sein, dass der Gewinn für das Kind und das strittige Familiensystem größer ist. Daher kann es sein, dass relevante Aussagen der Kinder nicht offiziell verwendet werden können. Es ist zu überlegen, ob und wie man diese Informationen an anderer Stelle, nicht deklariert als Aussagen des Kindes, dennoch mit einfließen lassen kann.

Ebenso kann es wichtig sein, die Rückmeldung an die Eltern im Einzelsetting zu geben. Da jeder Elternteil seine eigene Sichtweise hat, kann besser auf die jeweilige Erlebnis- und Bedürfnislage eines Jeden eingegangen werden. Außerdem könnten die Eltern Teile der Rückmeldung als neue Munition gegen den anderen Elternteil verwenden und das würde die gesamtfamiliäre Situation verschlimmern.

Unter diesen Vorüberlegungen ist im Rückmeldungsgespräch mit den Eltern zu thematisieren:

Entwicklungspsychologische Prognose bei anhaltendem elterlichen Konflikt

Man teilt den Eltern mit, wie eine wahrscheinliche Entwicklung des Kindes aussieht, wenn der elterliche Konflikt anhält und das Kind innerhalb dieses Konfliktfeldes aufwächst. Da der elterliche Konflikt und die Hochstrittigkeit ein Risikofaktor für die psychische Entwicklung von Kindern darstellt, ist dies im konkreten Fall genau zu benennen und auszuführen.

  • Wie erlebt das Kind die Beziehung zu Mutter, Vater, anderen Familienmitgliedern?

  • Wie erlebt das Kind den elterlichen Konflikt?

  • Welche Belastungen erlebt das Kind innerhalb der Familie?

  • Was ist der zentrale Konflikt des Kindes (Unterscheidung von latenter Konfliktlage, Coping und manifestem Verhalten)?

  • Welche Wünsche hat das Kind im Familiensystem und an seine Eltern?

  • Welche inneren und äußeren Ressourcen gibt es im Familiensystem?

  • Hat das Kind konkrete Wünsche in Bezug auf sein Lebensumfeld und Faktoren wie zum Beispiel die Umgangsregelung?

  • Welche Wünsche hat das Kind in Bezug auf die Zukunft?

Auch in diesen Elterngesprächen ist es häufig wichtig, mit Figuren und anschaulichem Material zu arbeiten. Dies kann besonders hilfreich sein, um die eigene Perspektive von der des Kindes zu trennen. Wenn man die Eltern bittet, ihr eigenes Bild von der Familie auf dem Familienbrett aufzustellen und ihnen anschließend zeigt, welche Sichtweise die Kinder gewählt haben, dann werden Unterschiede deutlich wahrnehmbar für die Elternteile und es kann an der Akzeptanz dessen gearbeitet werden.

5.3 Therapeutische und beraterische Interventionen für Kinder

Manche Kinder sind durch den Trennungskonflikt ihrer Eltern selber hoch belastet. In dem Fall kommt eine eigene Beratung für die Kinder infrage. Dies kann im Einzelsetting geschehen oder auch im Rahmen einer Gruppe für Trennungs- und Scheidungskinder. In der Arbeit mit den Kindern geht es immer darum, protektive Faktoren und innere Ressourcen des Kindes zu stärken, insbesondere dann, wenn der Elternkonflikt nicht deutlich reduziert werden kann.

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Authors and Affiliations

  1. 1.GörlitzDeutschland

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