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Vom Draußen- und Drinnensein. Wie sich manifeste Armut in einem Tageszentrum für wohnungslose Menschen verdichtet und sichtbar wird

  • Marc Diebäcker
  • Aurelia Sagmeister
  • Anna Fischlmayr
Chapter
Part of the Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit book series (SRF, volume 18)

Zusammenfassung

Im Zentrum dieses Beitrags steht ein Wiener Tageszentrum für wohnungslose, nicht-sozialversicherte Personen. Als privat finanziertes Angebot wendet es sich an Menschen, die aufgrund ihrer marginalisierten Lebenslage keinen Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen haben. Das Forschungsinteresse richtete sich auf die Frage, wie sich unter Bedingungen gesellschaftlicher Ausschließung die sozialen Beziehungen und Ordnungen in der Einrichtung räumlich konstituieren. Auf Basis teilnehmender Beobachtungen macht die raumrelationale Analyse u. a. deutlich, dass das Tageszentrum für die Nutzer*innen als temporärer Ort der Zuflucht und Notversorgung fungiert und wichtige Überlebenshilfen bereitstellt. In der gleichzeitigen Angewiesenheit und Abhängigkeit kann das Angebot für die Betroffenen aber nur dann eine positive Erfahrung darstellen, wenn Kernbedingungen – etwa Empathie und Wertschätzung – gewährleistet sind. Die Ergebnisse zeigen auch, dass die heterogenen Praktiken von Besucher*innen und Personal den institutionellen Raum des Tageszentrums maßgeblich mitkonstituieren. Ausgrenzungserfahrungen und soziale (auch konflikthafte) Bewältigungsstrategien der Nutzer*innen, differente fachliche Praktiken der Mitarbeitenden, oder der ‚Alltag auf der Straße‘ strukturieren die soziale Ordnung im Inneren der Einrichtung. Zugleich ist das fragile, soziale Geschehen im Tageszentrum geprägt von Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen, wodurch es sich einer homogenisierenden oder deterministischen Betrachtungsweise verschließt.

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Authors and Affiliations

  • Marc Diebäcker
    • 1
  • Aurelia Sagmeister
    • 1
  • Anna Fischlmayr
    • 1
  1. 1.WienÖsterreich

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