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Metaphernreflexion und -analyse in sozialwissenschaftlichen Disziplinen

  • Rudolf SchmittEmail author
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Zusammenfassung

Im vierten Kapitel erfolgt eine umfassende Rekonstruktion von Metaphernanalysen in den Disziplinen Soziologie, Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit, Politologie, Gesundheitswissenschaften und Psychologie sowie in einem Exkurs zur Geschlechterforschung. Metaphernanalysen haben sich in den verschiedenen Bereichen seit der Herausbildung des für sozialwissenschaftliche Forschungen anschlussfähigen Metaphernbegriffs in unterschiedlichem Tempo und mit heterogener Methodik entwickelt. Hier interessieren die bereits explorierten Fragestellungen, ihre Ergebnisse und die im Feld entwickelten methodische Besonderheiten.

Nach der ersten Kritik vorhandener Metaphernanalysen (Kap.  1), der Rekonstruktion zweier theoretischer Stränge der Metaphernanalyse (kognitive Linguistik und Hermeneutik, Kap.  2) und dem Abgleich des metaphorischen Konzepts mit Kernbegriffen sozialwissenschaftlicher Theorien (Kap.  3) versucht das folgende vierte Kapitel zu bündeln, welche Forschungsfragen und Ergebnisse metaphernanalytische Studien bisher in den Sozialwissenschaften ergeben haben. Welche Forschungsfragen und welche Themen wurden behandelt? Welche Themen sind nicht behandelt worden? Welche methodischen Probleme und welche Errungenschaften sind zu verzeichnen? Die Antworten auf die letzte Frage bereiten auf das folgende und letzte Kapitel vor, in welchem ein Vorschlag zur Methode die Anregungen bündelt.

Der weit gesteckte Rahmen1 der Sozialwissenschaften nötigt eine Gliederung nach Disziplinen auf, denn die jeweiligen Forschungskulturen zeigen Besonderheiten. Dieser weite Kontext verhindert allerdings auch, alle in der jeweiligen Disziplin erschienenen metaphernanalytischen Arbeiten zu präsentieren. Beschränkungen der Recherche waren bei dem Umfang möglicher Arbeiten unvermeidlich: Die Arbeiten sollten für qualitative Forschung von den Fragestellungen, der Methodik oder den Ergebnissen her einen Beitrag leisten, auch wenn dieser in der Dokumentation von Problemen bestand.

4.1 Soziologie

Der Abschnitt zur Soziologie eröffnet die Übersicht über die Verwendung der kognitiven Metapherntheorie und relevante Vorläuferstudien in den einzelnen Disziplinen. Neben der Übersicht soll gefragt werden, welchen Beitrag zu Metapherntheorie und der Methode einer Metaphernanalyse diese Studien leisten.

Bei der Soziologie als Kerndisziplin der Sozialwissenschaften werden bei der Übersicht über die Befunde zur Metaphernanalyse jedoch Abgrenzungsprobleme deutlich: Bei der Fülle der Studien zur Migration schien es sinnvoll, diesen im Kapitel zur Politologie einen eigenen Abschnitt zu reservieren (vgl. Abschn. 4.5). Eine andere Problematik der Abgrenzung ist eher der Organisation des Textes geschuldet: Im dritten Kapitel war in der Diskussion, wie sich der Begriff des metaphorischen Konzepts mit eingeführten sozialwissenschaftlichen Grundbegriffen vermitteln lässt, bereits mehrfach auf soziologische Theorien verwiesen worden. Zunächst wurde der Begriff des Deutungsmusters in der Fassung von Oevermann mit dem des metaphorischen Konzepts verglichen (Abschn.  3.1) und Übereinstimmungen im Hinblick auf kulturelle Tradierung, partielle Autonomie als kulturelles Gebilde und begrenzte reflexive Zugänglichkeit festgestellt. Bourdieus Begriff des Habitus überschneidet sich mit dem des metaphorischen Konzepts vor allem im Hinblick auf die soziale Verkörperung von Denkmustern, ist jedoch eher als Integration mehrerer Bildkomplexe zu denken (siehe Abschn.  3.2). Die Theorie Moscovicis zeigt sich mit ihrer Feststellung, dass sozialen Repräsentationen ein figurativer Kern innewohne, ebenfalls partiell kompatibel zum Begriff des metaphorischen Konzepts (vgl. Abschn.  3.3), während Diskursanalysen einen weiteren Rahmen aufspannen, in dem Metaphernanalysen spezifische Aufgaben übernehmen können (Abschn.  3.5). Weitere Bezugnahmen deckten die Nähe der „conceptual metaphor theory“ zur Wissenssoziologie auf (vgl. Abschn.  3.6.2).

Auf diese Diskussionen wird nur im Folgenden nur summarisch verwiesen, denn das Kapitel wechselt die Blickrichtung. Es sollen nicht verwandte Begriffe zu dem des metaphorischen Konzepts elaboriert werden, sondern der Forschungsstand im Hinblick auf Metapherntheorien und Metaphernanalysen skizziert und Ergänzungen und kritische Hinweise für eine Methodik (Kap.  5) formuliert werden:
  • Der erste Abschnitt (Abschn. 4.1.1) referiert Arbeiten, welche metaphorisches Denken in der Geschichte soziologischer Begriffsbildung elaborieren.

  • Der folgende Abschnitt (Abschn. 4.1.2) widmet sich der Wissenssoziologie, deren besondere Affinität zur Metapher schon angedeutet wurde.

  • Dass es in der Soziologie selbst Ansätze zu einer metaphernanalytischen Forschungsmethodik gibt, belegt der dritte Abschnitt (Abschn. 4.1.3).

  • Die Organisationssoziologie zeigt sich darauf als Schwerpunkt von empirischen Metaphernanalysen in der Soziologie (Abschn. 4.1.4).

  • Ein kurzer Überblick über empirische Studien in weiteren Teilbereichen der Soziologie, die sich metaphernanalytischer Überlegungen bedienen, schließt sich an (Abschn. 4.1.5).

  • Zuletzt wird ein Fazit gezogen, das den besonderen Beitrag soziologischer Metaphernanalysen zu einer systematischen Methodik skizziert (Abschn. 4.1.6).

4.1.1 Metaphern in der soziologischen Theoriebildung

Die folgenden Darstellungen der Geschichte der Metaphern in der soziologischen Theoriebildung berücksichtigen ihre kulturelle und soziale Motivierung, und so wundert die Nähe der folgenden Autoren zur Wissenssoziologie nicht, auch wenn der historisch-vergleichende Zugriff auf die Texte überwiegt. Vier gegensätzliche Publikationen verfolgen unterschiedliche Analyse- und Darstellungsstrategien: „The Metaphorical Society“ von Daniel Rigney (2001) und „Society and its Metaphors“ von José López (2003) beanspruchen, einen Überblick über wesentliche Traditionslinien der Soziologie zu geben, und orientieren sich entweder an zentralen Metaphern (Rigney) oder den Bildwelten der Autoren (López). Demgegenüber erscheint „Metaphern der Gesellschaft. Studien zum soziologischen und politischen Imaginären“ von Susanne Lüdemann (2004) einerseits fokussierter, aber auch eingeschränkter im Zielbereich (Hobbes, Durkheim, Tönnies) wie in der Breite der diskutierten Metaphern (Vertrags- vs. Organismusmetaphorik), während Sina Farzins Studie „Die Rhetorik der Exklusion. Zum Zusammenhang von Exklusionssemantik und Sozialtheorie“ (2011) unterschiedliche metaphorische Konstruktionsprinzipien von sozialer Ausgrenzung in den Werken von Foucault, Bourdieu und Luhmann skizziert.2

Rigney (2001) studiert Metaphern für das Phänomen Gesellschaft in soziologischen Theorien. Als Ordnungsgesichtspunkt seines Buches stellt er die Metaphern der Gesellschaft (als lebendes System, Maschine, Krieg, (Rechts-)Ordnung, Marktplatz, Spiel/Wettkampf, Theater und Diskurs) vor, die er für zentral hält. Lakoff und Johnson werden zustimmend, aber nicht vertiefend zitiert (ebd., S. 4), de facto akzeptiert er deren Konzeptbegriff und reformuliert das Phänomen des „hiding“ und „highlighting“ in eigener Begrifflichkeit. Er bezieht sich ebenso allgemein auf die Wissenssoziologie nach Mannheim sowie Berger und Luckmann. Seine Überlegungen werden wegen des breiten Beitrags breiten Beitrags ausführlicher dargestellt.

Das zweite Kapitel „Society as Living System“ (ebd., S. 13–40) verhandelt unter dieser sehr breiten Überschrift so unterschiedliche Metaphern wie der Familie, des Organismus, des evolutionären Prozesses und des Ökosystems mit differierenden Implikationen; die besprochenen Theorien umfassen Durkheim, den Funktionalismus (u. a. Parsons, Merton), den Sozialdarwinismus, das Modell der Abweichung als Pathologie und die Chicago School.

Übersichtlich ist dann das folgende Kapitel zu „Society as Machine“ (ebd., S. 41–62). Ausgehend von den Hoffnungen der frühen „Sozialphysik“ von Comte, die am Vorbild der Maschine und der mathematisch-physikalischen Wissenschaften orientiert sind, zeichnet er ihre Implikationen bis in die Logik des wissenschaftlichen Vorgehens nach und skizziert die naturwissenschaftsaffine Betonung von Objektivität und Neutralität (Weber), den geforderten Reduktionismus auf Elemente und Konstanten und die Orientierung an Vorhersage und Kontrolle als Aufgabe der Soziologie.

Die Übersicht zur Metapher „Society as War“ (ebd., S. 63–80) zeigt im vierten Kapitel militärische Modelle der Gesellschaft. Es benennt frühe und späte Konflikttheoretiker (Hobbes, Marx, Frankfurter Schule) und geht der Verbreitung der Kriegsmetapher in öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskursen zu Geschlecht, Rasse und Ethnizität nach.

„Legal Order“ ist eine weitere Metapher für Gesellschaft (ebd., S. 81–100). Dieser Abschnitt behandelt Verträge (Locke), Regeln als Werkzeug und Regeln als System (Parsons), die soziale Konstruktion von Regeln (Berger, Luckmann) bis hin zur postmodernen Anomie.

Das sechste Kapitel widmet sich der Gesellschaft als Marktplatz (ebd., S. 101–120). Die Konzeptualisierung des Marktes (Smith), Entwicklungen und Kritik der Austauschtheorie (Mauss, Lévi-Strauss), Rational-Choice-Modelle (Homans) und die Annahme eines homo oeconomicus werden im Licht dieser Metapher beleuchtet.3

Dass die Gesellschaft als Spiel (play) oder Wettkampf (game) organisiert sei, wird in den Theorien des siebten Kapitels angenommen (ebd., S. 121–141). Das Lernen des sozialen Rollenspiels (Mead) ist hier ebenso diskutiert wie die Schriften aus Goffmans mittlerer Schaffensphase. Zuletzt wird auch die mathematische Spieltheorie als Beispiel entfaltet.

Keineswegs die jüngste Metapher stellt die von der Gesellschaft als Theater dar (ebd., S. 143–161), die in der Regel mit dem (frühen) Goffman verbunden wird; hier werden Rollentheorien diskutiert und die Implikationen der Theatermetaphorik entfaltet (Regie, Kostüme, Proben, Zuschauer, Schauspieler, Skript und Improvisation).

Das neunte Kapitel (ebd., S. 163–198) versammelt zum Abschluss die Metaphern von der Gesellschaft als Gespräch bzw. Diskurs. Die postmoderne Wende, Vorläufer in der Sprachphilosophie, der Phänomenologie, dem symbolischen Interaktionismus und anderen werden mit den gegenwärtigen VertreterInnen entsprechender Theorien (u. a. Derrida, Foucault) im Licht dieser Bildlichkeit besprochen.

Auch wenn das abschließende Postskriptum des Buchs mit „A Guide to Metaphorical Analysis“ (ebd., S. 199–204) eine Methode andeutet4, enttäuscht die Lektüre mit allgemeinen Hinweisen, wie Metaphern zu finden sind und welche AutorInnen schon zu diesem Thema publiziert haben.

Rigney geht nicht von einzelnen Autoren aus, sondern von den metaphorischen Konzepten, in denen Gesellschaft in den Theorien der Soziologie konstruiert wird. Das Vorgehen hat für ein einführendes Werk in die Soziologie den Vorteil, die Ausdifferenzierungsmöglichkeiten einer Metapher und die jeweiligen Fokussierungen und Ausblendungen des Denkens über Gesellschaft zeigen zu können. Es zerreißt jedoch den Zusammenhang eines einzelnen Werks, wenn zum Beispiel bei Marx Gesellschaft nicht nur als Kampf, sondern auch in räumlichen und Arbeitsmetaphern gedacht wird. Allerdings hilft das Namensverzeichnis zu sehen, dass Marx an 13 weit auseinanderliegenden Stellen im Buch thematisiert wird und sich nicht einer einzigen Metapher unterordnen lässt.5 Weiterhin ist zu problematisieren, dass Rigney nicht plausibilisiert, wie er zu den benannten acht zentralen Metaphern gelangt. So fällt auf, dass zum Beispiel die Netzwerkmetapher fehlt (s. u.). Ferner enthalten einige Formulierungen, wie z. B. die des „lebenden Systems“, nur begrenzt miteinander kompatible Sprachbilder (Familie, Organismus). Die methodische Reflexion ist, wie erwähnt, wenig entwickelt. Dennoch beeindruckt immer wieder, in welcher Reichweite Metaphern die Entstehung und Binnendifferenzierung soziologischer Theorien motiviert haben könnten.

Im Gegensatz dazu stellt López (2003) in seinem Buch „Society and its Metaphors“ Theorien in den Mittelpunkt und entwickelt die Netzwerke ihrer Metaphern. Lakoff und Johnson (1980) kommen nur in einer marginalen Wendung vor (ebd., S. 14), der Metaphernbegriff bezieht sich auf Maasen (1995, vgl. Abschn. 4.1.2 und  5.11.7). López diskutiert die Entwicklung sozialer Theorien als „language born practice“ (ebd., S. 1–19) und versucht eine „analysis of concept formation that is compatible with a Foucauldian archeological focus“ (ebd., S. 10). Durkheim wird zuerst besprochen: Soziale Struktur wird als Organismus gedacht, daher sind viele Metaphern der Biologie, der Neurophysiologie und der Psychologie des 19. Jahrhunderts entlehnt. López betont Durkheims Verdienst, die soziale Welt nicht auf Individuen zu reduzieren; auch die Idee einer Struktur zeige sich letztendlich als Anleihe aus der Biologie (als Morphologie, ebd., S. 20–42).

López’ Diskussion der Metaphern von Marx unterscheidet die statische Basis-Überbau-Dichotomie von den Energiemetaphern im Kontext von Arbeit, Produktion, Zirkulation und Austausch, die in den späteren Arbeiten bzw. dem „Kapital“ hervortreten und in Analogie zu der Entdeckung der Thermodynamik, d. h. der Umwandelbarkeit aller Energieformen (Wärme, Kraft, Elektrizität) gebildet worden seien (ebd., S. 43–66, vgl. auch López 2001).

In der Analyse von Webers Schriften dominiert soziale Struktur als historische Konfiguration von Verhaltensmustern, als Effekt von Rationalität und als Institutionalisierung von Rationalisierung (López 2003, S. 67–89). Bei Parsons wird eine Mischung „moderner“ mechanischer, thermodynamischer, kybernetischer und Kommunikationsmetaphern offensichtlich; López entwickelt Präkonzepte wie das einer „harmony of being“ (ebd., S. 91–93), der Annahme einer vorgegebenen Ordnung, deren sprachlicher Ausdruck eine Häufung von visuell-räumlichen Vorstellungsbildern darstellt (ebd., S. 90–114).

Althusser dagegen (ebd., S. 115–137) sei mit einem Misstrauen gegenüber Metaphern der Visualität ausgestattet in der Hinsicht, dass alles an sozialer Struktur, das „gesehen“ werden kann, schon wieder dem Ideologieverdacht unterliege, denn Struktur sei unsichtbar; sein Schwerpunkt liege auf der Herausarbeitung von Prozessen, weniger von Mechanismen, die den Prozess ermöglichten.

Die Stärke des Vorgehens von López liegt darin, dass er sehr viel gründlicher die innere Architektur der Theorien ausleuchtet. Dabei verliert jedoch die Rekonstruktion der denkleitenden Metaphern an Prägnanz; seine abschließenden Überlegungen zu einer Methodik des Lesens soziologischer Texte beziehen sich auch auf Methoden der Literaturkritik (ebd., S. 142–144) und verlassen den Fokus einer Metaphernanalyse.

Im Vergleich zu beiden Texten wirkt die Studie von Lüdemann (2004) „Metaphern der Gesellschaft“ mehrfach eingeschränkt: Es finden sich keine Erwähnungen der modernen Metapherntheorien (bis auf Black), auch die bisherigen soziologischen Überlegungen zur Metaphernanalyse von Maasen (1995, 2009) und anderen werden nicht aufgenommen. Ihr Metaphernbegriff ist an Blumenberg orientiert, sie zielt auf eine Analyse des „sozialen Imaginären“. Dabei bleibt sie jedoch auf zwei metaphorische Komplexe beschränkt: Gesellschaft ist seit Platon ein Organismus (und nicht erst bei Durkheim), und sie rekonstruiert die binäre Spaltung, die Tönnies vornimmt: Gemeinschaft sei ein gesunder Organismus, Gesellschaft ein kranker Organismus. Dem setzt sie die Metapher „Gesellschaft ist Vertrag“ bei Hobbes entgegen, eine Metapher, für die sie Wohlwollen entwickelt. Das Buch endet mit einem kurzen Exkurs zum Fortleben der Körpermetaphorik der Gesellschaft im Begriff der „Biopolitik“ bei Foucault (u. a. 2012). Zu kritisieren ist neben der eingeschränkten Breite der Rezeption der Metapherntheorien, dass Lüdemann nur zwei Metaphern in das Zentrum der Analysen stellt. Dies führt dazu, die Gleichzeitigkeit anderer Metaphern zu übersehen und damit Spannungen und Brüche im Material zu eliminieren. Auch Steinmann (2005) merkt an, dass Lüdemann der Vielfalt soziologischer Theorien nicht gerecht wird – wie oben gezeigt wurde, hat die Soziologie für ihren Gegenstand „Gesellschaft“ noch andere Metaphern als „Organismus“ und „Vertrag“ entwickelt oder übernommen und bei den genannten Autoren Durkheim und Hobbes sind auch andere als die diskutierten Metaphern zu finden (vgl. Rigney 2001, der Hobbes in verschiedenen metaphorischen Szenarien, u. a. auch als Konfliktmetaphoriker, auftreten lässt).6 Blumenberg, auf den sich Lüdemann im Wesentlichen beruft, hat die metaphorischen Redewendungen nie explizit zu einer konzeptartigen Zuspitzung ausformuliert, auch wenn er in manchen Überlegungen der späteren kognitiven Linguistik sehr nahekommt (vgl. Jäkel 1997). Diese Zuspitzung hätte es erleichtert, die gegenstandsformierenden Vorstrukturierungen durch ein metaphorisches Konzept (hiding, highlighting) zu fassen. Lüdemann versucht zwar, kognitive Konsequenzen der metaphorischen Muster herauszuarbeiten, aber hier gehen die oben genannten Autoren weiter, denn gerade der eingehende Vergleich mit anderen Denkkonzepten lässt Implikationen erkennen (ähnliche Kritik Steinmann 2005, vgl. auch die Heuristik zur Metapherninterpretation in Abschn.  5.7). Daher wirkt ihr Vorwurf an die bisherige Wissenssoziologie nicht überzeugend, weder die Einsicht in die Standortgebundenheit des Denkens ernst zu nehmen noch die rhetorische Inszenierung der Soziologie zu hinterfragen (Lüdemann 2004, S. 9–19). Es ist eher eine Arbeit, die handwerklich noch der älteren literaturwissenschaftlichen Motivforschung verpflichtet ist. Die umfangreichste Kritik an Lüdemann äußert Lemke (2010) in einer umfangreichen Diskussion des Organismuskonzepts in der Soziologie: Lüdemann blende die Widersprüche und Ambivalenzen der Organismusmetaphorik aus und verkenne diese zu sehr als Harmonisierung gesellschaftlicher Widersprüche. Ferner übersehe sie, dass die von ihr präferierte Vertragsmetaphorik in Hobbes’ Beschreibung des Staats durch Körpermetaphern mitkonstruiert werde.

Die Studie „Die Rhetorik der Exklusion“ von Farzin (2011) nähert sich dem Thema der Metaphern in soziologischen Theorien mit der Hypothese, dass Metaphern das Sagbare der Soziologie jeweils anders konstituieren:

Sozialtheorien erzeugen die Anschaulichkeit ihres Gegenstands, indem sie ihn durch bestimmte sprachliche Analogien, Metaphern und Bilder imaginieren. Es sind voraussetzungsreiche und vor allem folgenreiche Entscheidungen, das Soziale als räumliche Struktur, als Sprache oder als Formation von Systemen zu benennen. In allen Fällen jedoch gewährleisten diese metaphorischen Übertragungen, dass das Objekt der soziologischen Analyse in eine sinnlich greifbare Form gegossen wird, die zugleich die Reichweite des theoretisch Sagbaren bestimmt (Farzin 2011, 23 f.).

Diese metaphorischen Konstruktionen des Gegenstands beschreiben nun soziale Exklusion nicht einfach; diese erscheint als Unsagbares und als Bruch der jeweiligen Rhetorik:

Denn die Metaphern des Sozialen, die jede Sozialtheorie begründen, prägen zugleich den Einsatz der Metaphern, bildlichen Darstellungen und Beispiele sozialer Exklusion. Dieses konstitutive Verhältnis verläuft jedoch nicht reibungslos […], sondern entlang der Grenzen des theoretisch Denk- und Sagbaren. Dieser Grenzkonflikt schlägt sich nieder in dem Abbruch der wissenschaftlichen Sprachroutinen, sobald die Thematik der Exklusion in den Blick gerät (Farzin 2011, S. 9).

Diese Stelle kann als Präzisierung des Vorschlags von Lakoff und Johnson gelesen werden, jeweils das „hiding“ und „highlighting“ einer Metapher in den Blick zu nehmen (Abschn.  2.1.5). Auch die Entscheidung, den Metaphernbegriff breit zu fassen und auch Personifikationen zu analysieren (ebd., S. 29), könnte sich auf diese Autoren berufen. Sie werden jedoch nicht erwähnt. Unklar bleibt, warum sich die Autorin auf Brown (1976) stützt, der wie Ricœur (1991) auf neue, auffallende und implikationsreiche Metaphern fokussiert7, also dem verdinglichenden Gebrauch der Metaphorik nur begrenzt Aufmerksamkeit schenkt, obschon Farzin gerade diesen Aspekt sucht (Farzin 2011, S. 43). Besonders instruktiv sind allerdings die Überlegungen Farzins zur Rolle von Exempeln in der soziologischen Literatur (ebd., S. 44–49 f.), also.

Beispiele, die zur realitätserzeugenden Funktion wissenschaftlicher Texte beitragen, indem sie einen direkten Übertritt des Textes in die außerdiskursive Realität suggerieren und damit den textstrategischen Charakter eines solchen Verweises auf ‚das Reale‘ invisibilisieren (ebd., S. 44 f.)

Farzin behandelt Exempel als von der Metapher unabhängige rhetorische Elemente. Wie später in der Diskussion von Bohnsacks „Fokussierungsmetapher“ noch gezeigt werden wird (vgl. Abschn. 4.1.3), sind solche Exempel als Allegorie, das heißt als ausgebaute Metaphern begreifbar, deren Bestandteile und innere Zusammenhänge als komplexe Modelle auf abstraktere Gegenstände übertragen werden können. Exempel bzw. Allegorien sollten daher in die Methodik einer systematischen Metaphernanalyse integriert werden können (Abschn.  5.6.1.2).

Die Autorin diskutiert zunächst die Metaphorik Luhmanns, weist auf die Entlehnung des Systembegriffs aus der Biologie hin, was auch für den Begriff der „Autopoiesis“ gilt, der Selbstbegründung, das Überleben einer Gestalt und deren Selbstreferenz gegenüber der Umwelt fasse (ebd., 63 f.). Gegenüber der von Luhmann behaupteten Nichtanthropozentrik seiner Theorie weist die Autorin anhand der Metaphorik des Beobachters und des Beobachtens doch personifizierende Bilder nach (68 f.). Vor allem in Texten des späten Luhmann findet die Autorin Brüche: Zur Beschreibung sozialer Exklusion dienten ihm vor allem literarische Stilmittel wie Exempel und der Unsagbarkeitstopos (ebd., S. 80), Exklusion erscheine als das, was vom System „unsichtbar“ gemacht worden sei. Dazu stünden die auf Sichtbares verweisenden Schilderungen im Gegensatz, die einen involvierten menschlichen Beobachter Luhmann zeigten, der auf seinen und auf andere Körper reagiere. Luhmann verweise selbst zur Beschreibung von Exklusionserfahrung auf Kunst (aus Schrott, Müll) und privilegiere die ästhetische Erfahrung als eine, die anderen Erfahrungen (auch der soziologischen Theorie) vorausgehe (ebd., S. 81 f.).8

Farzins metaphernanalytische Beiträge zum Werk Foucaults wurden bereits im Abschn.  3.5.1 diskutiert: Sie rekonstruiert, dass in den frühen Texten Diskurs als akustische Metapher dominiert, die mit den Topoi der Sagbarkeit und des Schweigens operiert (Farzin 2011, S. 100 f.). Ferner falle ein an Modellen orientiertes Denken auf (ebd., S. 110 f.), aus denen bildliche Muster für die weitere Analyse gewonnen werden: das Leprosorium, das Narrenschiff und das Panoptikum. Letzteres leitet zu den später dominierenden visuellen Metaphern seines Werks über (ebd., S. 123).

Bourdieu zeigt sich in der Rekonstruktion durch Farzin metaphernbewusster, als er einen Raum ohne Grenzen zu denken versucht (auch mit Verweis auf mathematische Modellierungen des Raums), ohne den Verdinglichungen der Raum-Metaphorik ganz entgehen zu können (ebd., S. 150). Exklusion erscheine im Spätwerk als Rhetorik der Identifikation mit den Zurückgewiesenen und Enttäuschten (ebd., S. 162). – Die Lektüre von Farzin bereichert die vorangegangenen Studien also deutlich, ohne dass sie jedoch eine vollständige Metaphernanalyse der von ihr diskutieren Autoren anbietet.

Eine Reihe speziellerer Untersuchungen ergänzen die obigen Studien. Hervorzuheben ist die umfassende Arbeit von Levine (1995) über die hier schon mehrfach angesprochene Organismusmetapher. Er stellt sie in den historischen Kontext der Anstrengung der Soziologie, als eigene Wissenschaft kenntlich zu werden und die metaphysischen und theologischen Beschreibungen von Gesellschaft zu überwinden. Dazu sind die Anleihen bei der Biologie als damaliger Leitwissenschaft sinnvoll, die er mit ihren Abwandlungen und unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen wie theoretischen Implikationen bei Rousseau, Herder, Comte, Spencer, Durkheim, Radcliffe-Brown und Cooley skizziert. Die weitreichenden Implikationen der biologischen Metapher bis hin zur Diskussion „sozialer Pathologien“ werden vergleichend diskutiert, Durkheims Verständnis des Soziologen als „Arzt der Gesellschaft“ scheint da nur konsequent. Levine skizziert Durkheims Kritik an Tönnies, der nur frühen Gemeinschaften einen „organischen“ Status zugestand und die moderne Gesellschaft als „mechanisch“ beschrieb. Für Durkheim war die moderne Gesellschaft – biologisch gedacht – eher vergleichbar mit einem höher entwickelten und differenzierteren Tier. Levine sieht drei Funktionen der biologischen Metapher in der Soziologie:
  • Diese Metaphorik ermunterte Sozialwissenschaftler, menschliche Phänomene in einer naturalistisch-naturwissenschaftlichen Art und Weise zu untersuchen.

  • Diese Metaphorik stimulierte ein neues theoretisches Verständnis sozialer Phänomene.

  • Diese Metaphorik diente als ökonomisches Medium für zentrale theoretische Debatten (zwischen Comte, Spencer, Durkheim und Tönnies).

Levine diskutiert Kritiker der Organismusmetapher in der Soziologie: Bentham, Nisbet und insbesondere Weber. Die naturwissenschaftlich assoziierte Organismusmetapher stand im Gegensatz zu einer Methodik des Verstehens sozialen Handelns; die von der Organismusmetapher abgeleiteten moralischen Implikationen (z. B. der Solidarität bei Durkheim) widersprachen einer neuen wissenschaftlichen wertbezogenen Neutralität.9 Schlechtriemen (2014a, S. 247; vgl. Schlechtriemen 2008) sieht in seiner Analyse der Organismusmetapher in Gründungstexten der Soziologie sechs Funktionen der Organismusmetaphorik:
  • Die Metaphern der Gesellschaft verliehen dem Gegenstand Gesellschaft eine sinnlich wahrnehmbare Gestalt.

  • Jede Metapher biete durch ihre Implikationen spezifische Anschlussstellen für die soziologische Theoriebildung.

  • Metaphern generierten Evidenz, welche nicht einfach die begriffliche Argumentation unterstütze, sondern sie zuweilen auch unterlaufe oder ersetze.

  • Metaphern hätten eine unterschiedliche Reichweite, sei es, dass sie einzelne Argumente plausibilisierten, sei es, dass sie als Hintergrundmetaphorik (im Sinne Blumenbergs) einen ganzen Ansatz plausibilisierten.

  • Metaphern erzeugten bild- oder wissenschaftspolitische Wirkungen.

  • Metaphern sorgten als Schnittstelle zwischen fachwissenschaftlichem und öffentlichem Diskurs für zusätzliche Plausibilität der an die Öffentlichkeit gerichteten soziologischen Publikationen.

Schlechtriemen (2014b) rekonstruiert die Metapher des Netzwerks in der Soziologie mit der besonderen Implikation: Ihm geht es auch darum, wie in den Texten von Jacob Levy Moreno, Manuel Castells und Bruno Latour Zeichnungen und Grafiken die schriftliche Darstellung ergänzen und konturieren. Hejl (2000) unterscheidet materialreich in der deutschsprachigen Soziologie unterschiedliche Formen der Anknüpfung an die Biologie (biologische Metaphern, organizistische Metaphern, biologische oder biologieähnliche menschliche Eigenschaften als Metapher, Evolutionsmetaphern und Darwinismus), ohne jedoch seinen Metaphernbegriff zu klären.10

Eine Metaphorik, die zu selbstverständlich zu sein scheint, um diskutiert zu werden, ist die räumliche Metaphorik – und es wundert daher nicht, dass zuerst ein bei Lakoff und Johnson sich informierender Soziologe diese diskutiert: Silber (1995) nutzt die Bestimmungen des frühen Werks der kognitiven Metapherntheorie zur vergegenständlichenden Raummetaphorik, unterscheidet dann zwischen a) „master metaphors“, die eine Theorie konstituieren, b) einer üblichen Raummetaphorik der Sprache und c) den tatsächlichen räumlichen Dimensionen sozialen Lebens. Er referiert räumliche Metaphern bei Marx als „Basis“ und „Überbau“, Sorokins Idee eines soziokulturellen Raums, Simmels bewussten Gebrauch räumlicher Metaphern, Shils Konzept einer zentralen „Zone“ einer Gesellschaft (zentrale Werte)sowie die Abwesenheit von Raummetaphern in der Theorie des parsonschen Strukturfunktionalismus.11 Vor diesem Hintergrund elaboriert er „Raum“ und „Feld“ bei Bourdieu. In der Verbindung mit traditionellen Dichotomien wie der Gesellschaft und den Akteuren erzeugt Bourdieu damit eine mögliche relationale Positionierung des Denkenden selbst, und eine Freiheit von bisherigen Bildern scheint möglich. Silber referiert auch die Kritik an Bourdieus Raummetaphern, die als statisch erscheinen, und weitere Raummetaphern in der Soziologie, die stärker an einer naturwissenschaftlichen Konzeption des Raums orientiert seien. Die Raummetaphorik allein sei fähig, sowohl Einheit und Fragmentation als auch Ordnung und Unordnung zu fassen12.

Wenig systematisch und vom Umfang her nicht zu vergleichen, aber dennoch anregend skizziert Rathmayr (1991) Metaphern für FeldforscherInnen und findet Jäger, Feldherrn, Vogelkundler, Detektive und Wanderer als (Vor-)Bilder soziologischen Tuns. Murray (2003) elaboriert für SoziologInnen mit Goffman stärker ambivalente Konstruktionen: „spy“ (Spion/Spitzel), „shill“ (ein im Zuschauerraum versteckter Schauspieler) und „go-between“ (Vermittler).

Festzuhalten bleibt:
  • Die Theorien der Soziologie sind, wie vielfältig belegt, von metaphorischen Denkmustern durchzogen.

  • Oft bleibt in diesen Analysen der Metaphernbegriff unklar und die Methode der Analyse unausgearbeitet, was zu deutlichen Differenzen in den Aussagen führt.

  • Während es einige Überblicksanalysen gibt, fehlen metaphernanalytische Detailstudien zur Theoriegeschichte, für die Silber (1995) und Schlechtriemen (2008) lesenswerte Modelle anbieten.

  • Farzins Diskussion der Exempel (Farzin 2011, S. 44–49 f.) ergibt einen wichtigen Hinweis für die Erweiterung der Methodik der systematischen Metaphernanalyse: Als Visualisierung und Wirklichkeitsinszenierung eines abstrakten Modells entwickeln sie ihrerseits metaphorische Qualitäten, indem sie das abstrakte Modell vertreten. Solche Inszenierungen von Beispielen könnten in einem Spannungsverhältnis zu metaphorischen Konzepten stehen, die mit einer konventionellen Metaphernanalyse gefunden wurden (vgl. Abschn.  5.6.1.2.1).

4.1.2 Wissenssoziologie

Wie in Abschn.  3.6.2 erwähnt, würdigt Reichertz (1999) die kognitive Metapherntheorie von Lakoff und Johnson als wissenssoziologisch zu verstehenden Zugang. Einige Grundannahmen der kognitiven Linguistik sind, wie dort gezeigt, in Überlegungen zur Typisierung und Objektivation von Wissen, wie sie von Berger und Luckmann geäußert werden, übersetzbar (Stadlbacher 2010). Auch deren Verweis auf Leiblichkeit als Ausgangspunkt von Schemata der Erfahrung ist kompatibel mit Annahmen der kognitiven Metapherntheorie. Nicht zuletzt ließ sich zeigen, dass Mannheim in seiner Bestimmung der Wissenssoziologie den Begriff der standortgebundenen „Denkmodelle“ mit Beispielen metaphorischer Denkmuster belegte und (wie Weber) an solchen Stellen eine Protometaphernanalyse vorlegt. Der folgende Abschnitt ergänzt die oben skizzierte Verknüpfung mit aktuellen Diskussionen in der Wissenssoziologie in einer anderen Perspektive: Dort wurde nach Anschlussmöglichkeiten der Theorie der kognitiven Linguistik an wissenssoziologische Ansätze gesucht; hier soll es darum gehen, wie Metaphernanalysen als Methode der Wissenssoziologie genutzt werden können.

An erster Stelle zu nennen sind die Arbeiten von Maasen (1999, 2009).13 Auch wenn ihr Metaphernbegriff heterogene Ansätze umfasst und die Forschungsmethodik als Korpusanalyse deutlich von dem hier vorgestellten Modell abweicht (vgl. ausführlicher in Abschn.  5.11.7), generiert der Ansatz aufschlussreiche Ergebnisse. Bereits die frühe Studie von Maasen et al. (1995) zeigt, dass der Ideologieverdacht gegenüber biologischen Metaphern der Geschichte der Soziologie nicht gerecht wird. Denn diese Bilder besaßen längst nicht immer konservative oder gar wie in der deutschen Rezeption eines „Sozialdarwinismus“ rassistische Züge, sondern generierten im 19. Jahrhundert für viele Soziologien angemessene Bilder der Komplexität für soziale Systeme. Biologische Metaphern des Kampfes, der Evolution, des Organismus oder der Krankheit (z. B. für wirtschaftliche Krisen) seien nicht per se ideologieverdächtig, sondern dies hänge von unterschiedlichen Stadien ihrer Verwendung ab: So lange Metaphern im Stadium des „Transfers“ ermöglichten, neue Aspekte zu identifizieren, seien sie von einer Verdinglichung noch entfernt, die erst im Stadium der „Transformation“ eintrete, in der eine Metapher den Gegenstand ausschließlich bestimme. Maasen (1995) fügt noch die Überzeugung hinzu: „my claim is that the use of metaphors is constitutive for scientific theorizing“ (ebd., S. 12 f.). Es fällt dabei auf, dass die Autorin stärker auf die heuristischen und neuigkeitsschaffenden Theorien der Metapher blickt und nur der Transfer einer Bedeutung von einem Wissensbereich in einen anderen und die Funktion der Metaphern in der Argumentation wichtig sind. Die bereits vorhandene metaphorische Durchdringung des theoretischen Denkens wird dann weniger fokussiert bzw. ist nur aus dem historischen Abstand erkennbar (vgl. Brown 1976).

Stärken und Schwächen der Herangehensweise sind in der umfassendsten mit diesem Instrumentarium verfassten Studie (Maasen und Weingart 2000) zu besichtigen: Neben einer verkürzten Rezeption der Annahmen der kognitiven Metapherntheorie, dass sie zum Beispiel die körperlichen Grundlagen der Metaphorisierung überstrapaziere (ebd., S. 32), findet sich der aus dem Missverstehen dieser Theorie rührende Vorwurf, dass Lakoff die „Oberflächenmetaphern“ (d. h. Einzelmetaphern) zugunsten der konzeptuellen Metaphern vernachlässige (ebd.). Die weitere Kritik, dass Lakoff und Johnson nicht die Metaphern eines Diskurses (im foucaultschen Sinn) erhoben hätte, übersieht den Entwicklungskontext der kognitiven Linguistik. Spannender ist dann die Diskussion der Befunde zur Karriere der Metaphorik vom „Kampf ums Dasein“ (ebd., S. 41–62): Kurz wird auf ihre Quellen vor Darwin eingegangen, dann die Engführung in der deutschen Rezeption gezeigt. Die Metapher des „Kampfs ums Dasein“ wandelt sich vom deskriptiven Terminus, das Verhältnis zwischen biologischen Arten im Lauf der Evolution betreffend, zum normativen Antrieb politischen Handelns und wird mit der Übersteigerung des Begriffs der „Rasse“ amalgamiert. Die zweite Fallstudie zeigt, wie sich der Buchtitel von Thomas Kuhns epochemachendem Werk zur „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ ebenso wie sein Begriff des „Paradigmas“ als Metapher verbreitete. Die letzte Rekonstruktion elaboriert die Karriere des Wortes vom „Chaos“ als Metapher von seinen mathematischen Quellen bis hin zu seiner populärwissenschaftlichen Verbreitung. Die quantitativen Ergebnisse, dass die Karriere der Metapher vom „Kampf ums Dasein“ vorbei sei, die kuhnsche Metapher ihren Höhepunkt überschritten und die vom Chaos zum Zeitpunkt der Studie (2000) ihren Höhepunkt erreicht habe, wirken in der Hinsicht beeindruckend, als sie die Wandelbarkeit eines bestimmten Typus von zeitgeisthaltigen Metaphern nachdrücklich belegen. Die letzte Metapher vom Chaos scheint 13 Jahre danach als wissenschaftliche Metapher weitgehend und schnell wieder verschwunden zu sein.

Allerdings kann die Studie nicht zeigen, welche alternativen Metaphern zur Einschränkung, Ausdifferenzierung oder zum Verschwinden der drei genannten Metaphern geführt haben. So wird übersehen, dass die evolutionäre Biologie seit den 70er-Jahren die Idee des Kampfes ums Dasein auf die Gene übertragen hat (hierin genauer: Rigney 2001, S. 32–35). Der Terminus wandelt sich dabei zum „egoistischen Gen“ – darauf war der Suchalgorithmus von Maasen und Weingart offenbar nicht vorbereitet. Das Beispiel zeigt, dass quantitative Analysen einer reflexiven Kontextualisierung bedürfen. Ferner ist über die auf eine Disziplin beschränkten Feinstudien der Metaphernverteilung (z. B. Chaos in der Ökonomie oder der Psychologie, vgl. Maasen und Weingart 2000, S. 105–114) keine weitere Tiefenschärfe der Verwendung zu finden. Die Schwächen dieser bibliometrischen Studien laden dazu ein, sie durch Triangulation mit einer mit kleinen Materialmengen arbeitenden hermeneutischen Metaphernanalyse zu kompensieren (vgl. Abschn.  5.8.9).

Weniger in den Kontext der Wissenssoziologie als in den des Wissensmanagements ist die Arbeit von Andriessen (2006) zur Konstruktion von Wissen in Organisationen einzuordnen, dessen methodisches Vorgehen im Abschn.  5.11.5 vorgestellt wird. Das Gleiche gilt für die Arbeiten zur Analyse der sozialen Realität in Organisationen von Koch und Deetz (1981) sowie Deetz (1986), die sich sowohl der Organisations- wie der Wissenssoziologie zurechnen. Ihr Vorgehen wird als erste moderne soziologische Metaphernanalyse im Abschn.  5.11.1 diskutiert.

Zusammenfassend lässt sich feststellen,
  • dass neben historisch-vergleichenden Arbeiten (Abschn. 4.1.1) auch die Wissenssoziologie einen Raum bietet, die soziale Konstruktion von Bedeutungen durch Sprache zu diskutieren;

  • dass mit Maasen (u. a. 2009), Andriessen (2006), Koch und Deetz (1981) gleich vier AutorInnen, die sich selbst in der Wissenssoziologie verorten, eigene Methoden zur Metaphernanalyse vorschlagen, die darum in Abschn.  5.11 vergleichend diskutiert werden;

  • dass die Rezeption der kognitiven Metapherntheorie zuweilen von Missverständnissen behindert wird und ein gemeinsamer Metaphernbegriff in der Wissenssoziologie nicht vorhanden ist, was es erschwert, ihre Schlussfolgerungen aufeinander zu beziehen.

4.1.3 Methodische Reflexionen soziologischer Metaphernanalysen

In der jüngeren Zeit hat vor allem Junge (2010b, c, 2011c) die Dringlichkeit der Reflexion von Metaphern in der Soziologie angemahnt. Insbesondere arbeitet er heraus (2011c), dass für eine soziologische Betrachtung die Pragmatik der Metaphernverwendung im Vordergrund stehe, die in bisherigen Analysen und in linguistischen und philosophischen Metapherntheorien zugunsten semantischer Fokussierungen vernachlässigt worden sei. Allerdings bezieht sich seine Definition einer Metapher auf die ältere rhetorische Konzeptualisierung, dass eine Metapher nicht sage, was sie meine, also wörtlich genommen unwahr sei (z. B. werde die Formulierung „kleinere Brötchen backen“ in den allerwenigsten Fällen wörtlich verstanden). Damit fallen die von Lakoff und Johnson genannten Metaphern, in denen wir unerkannt leben, aus dem Fokus der Definition.

Eine nur teilweise sich auf Lakoff und Johnson beziehende Thematisierung der Metapher im Rahmen der „dokumentarischen Methode“ hat Bohnsack (2010, S. 86; 2011) entwickelt. Er unterscheidet „begriffliche“ Metaphern, die er dem Metaphernverständnis von Lakoff und Johnson zuordnet, und „szenische“ Metaphern im Sinn von „Beschreibungen und Erzählungen von (relativ) hohem Detaillierungsgrad, in denen zentrale Orientierungen ihren metaphorischen Ausdruck finden“ (Bohnsack 2011, S. 67). Letztere nehmen als „Fokussierungsmetaphern“ einen prominenten Platz in der von ihm vertretenen Forschungsmethode ein. Mit der Verkürzung auf „begriffliche“ Metaphern übersieht Bohnsack das implizite Wissen, das sich in metaphorischen Konzepten andeutet (vgl. dazu den Abschnitt zum „tacit knowledge“ oben in Abschn.  3.6.1) und das „konjunktive“ Wissen gemeinsamer Orientierungen umfasst. Weiterentwicklungen in der Anwendung der systematischen Metaphernanalyse haben ferner dazu geführt, die von Bohnsack genannten szenischen Texte ebenfalls als Metapher (genauer: als Allegorie bzw. exemplarische Narration) zu fassen, zumal sie in aller Regel durch andere metaphorische Redewendungen validiert werden können.14 Insofern ist Bohnsacks Abgrenzung gegen Lakoff und Johnson für die systematische Metaphernanalyse nicht hilfreich. Darüber hinaus verleitet diese Definition der Fokussierungsmetapher dazu, eine einzige szenische Metapher für zentral zu halten. Das ist, wie bereits mehrfach diskutiert wurde, mit erheblichen Überdeutungen der in Metaphern enthaltenen Sinngehalte verbunden.

Neben den oben genannten Überlegungen zu einer metaphernanalytischen Methode in der Soziologie von Maasen gibt es weitere Versuche, Metaphern als Deutungsmuster oder Ähnliches explizit zu rekonstruieren. Die Schwierigkeiten der Vermittlung zwischen soziologischer und linguistischer Begriffsbildung suchen Geideck und Liebert (2003a, b) im Anschluss an Weber mit dem neuen Begriff der „Sinnformeln“ zu lösen; sie sehen damit eine Möglichkeit, unterschiedliche Begriffe kollektiver Orientierungsmuster aufeinander zu beziehen. Sinnformeln seien Antworten auf die Fragen: Wer sind wir, woher kommen wir, wo stehen wir, wohin gehen wir, was müssen wir tun? Sie enthielten sozialen Sinn und gäben Antworten auf die Fragen nach dem Warum, indem sie eine legitimierende Idee enthielten. Sie seien auf ästhetische Resonanz angelegt und seien emotional ansprechend; im Gebrauch würden sie verändert, expliziert und neu beantwortet und hätten damit einen dynamischen Charakter. Geideck und Liebert positionieren sich zurückhaltend und begreifen den Sammelband als Ausdruck einer ersten Suchbewegung nach einer neuen Vernetzung soziologischer und linguistischer Ansätze des Sinnverstehens. Der Begriff der Metapher nimmt einen zentralen Platz ein, ohne dass sein Verhältnis zu Deutungsmustern oder ähnlichen Begriffen genauer bestimmt wird. Der Begriff der Sinnformel wird jedoch im weiteren von ihnen herausgegebenen Band nicht wieder aufgenommen. Siegel (2003) bemüht sich in die gleiche Richtung, indem sie den Begriff der „Denkmuster“ als kollektive Vorstellungen von richtig und falsch definiert, die so selbstverständlich seien, dass sie nicht einfach abgerufen werden könnten; sie stellten eine Kombination von logisch verbundenen Handlungsorientierungen her. Dabei knüpft sie vor allem bei Webers Bestimmung des Glaubens an die Legitimität einer Handlung als tiefster Sinnschicht sozialen Handelns an (ebd., S. 22 f.) und bezieht sich dabei kurz auf Metaphern, die diese Funktionen leisten könnten. Sie entwickelt keine konkrete Methodik.

Weitere AutorInnen tragen Überlegungen zu einer metaphernanalytischen Methodik in der Soziologie bei. Kochis und Gillespie (2006) nutzen die Analyse von Metaphern in einer von Lakoffs Studie zu amerikanischen Metaphern politischer Moral (Lakoff 2002) angeregten Untersuchung zu studentischen Diskussionen über „diversity“. Ihre Methodik, die Schritte der Metaphernerkennung und der Konzeptrekonstruktion unterscheidet, erbringt jedoch nur drei zentrale metaphorische Konzepte: „life is a journey“, „the problem is a barrier/maze“ und „the self is divided“ (Kochis und Gillespie 2006, S. 568). Das zitierte Material zeigt weitere, jedoch nicht rekonstruierte Metaphern, die Studie ist also eher als Versuch einzuschätzen. Anregend ist jedoch die Reflexion, dass übliche Beziehungsmetaphern (Eltern–Kind, Geschwister, Freund …) das Verhältnis zu sich selbst („divided self“) bestimmen. Ohne sich an dem von Lakoff (1987) vorgeschlagenen Begriff des „Scenario“ zu orientieren, schlagen sie den Begriff der „Konstellation“ für die Rekonstruktion des Zusammenhangs mehrerer metaphorischer Konzepte vor. Am gleichen Problem arbeitet Morgan (2008). Sie geht davon aus, dass es Bildquellen wie „competition“ gibt, die im Kern aus weiteren Konzepten wie „sport“, „race“, „game“ und „predation“ bestehen, zu denen sich periphere Konzepte wie „business“, „politics“, „love“ oder „argument“ gesellen, die ebenso als Bildquellen dienen können. Zentrum dieser Metaphern würde ein zentrales „basic abstract schema“ (ebd., S. 488) bilden, das zu allen diesen Metaphernkernen passe, wie in diesem Fall das binäre Schema „us“.versus „them“. Morgans Überlegungen lassen eine neue soziale Lesart der Schemata nach Johnson möglich erscheinen: „competition“ könnte die Metaphoriken von „Kampf“ bei Lakoff und Johnson ersetzen und „interconnection“ das Schema von Bindung/Band; „cooperation“ wäre eine komplexere Metapher, die einfachere Metaphoriken wie die des körperorientierten Handelns mit der Metaphorik des Gebens und Nehmens verbindet. Mit dieser Überlegung wäre ein Weiterdenken der sogenannten „kinaesthetic image schemas“ von Johnson (1987) möglich (vgl. Abschn.  2.1.3) wie der „primary metaphors“ (Abschn  2.1.2), die jedoch von Morgan leider nicht ausgeführt werden. Die Studie legt nahe, auf diese drei offenbar zentralen Dimensionen in einer soziologischen Metaphernanalyse zu achten. Ebenfalls für gegenwärtige soziologische Studien empfiehlt Turner (2003), das Behälterschema des abgeschlossenen Körperganzen als Quellbereich einer Metaphorisierung soziologischer Themen zu reflektieren; es umfasse die Orientierung von „innen“ und „außen“, die Konstruktion einer Grenze (vgl. oben Morgan 2008, S. 488: „us“ vs. „them“) und die Überschreitung vor allem im Medium von Metaphern der Flüssigkeit. Seine Beispiele der Metaphorisierung umfassen Bilder von Asyl Suchenden und Terroristen, die das als Körper imaginierte soziale Ganze bedrohe; auf der anderen Seite notiert er eine Faszination moderner Theoretiker an der „Verflüssigung“ von bisherigen Grenzen und Unterscheidungen.15

In der Übersicht sind folgende Hinweise aus soziologischen Reflexionen der Metaphernanalyse abzuleiten:
  • Für sozialwissenschaftliche Metaphernanalysen sollte die Pragmatik der Metaphernverwendung als soziales Handeln im Vordergrund stehen (Junge 2011c).

  • Bohnsack (2010, 2011) verweist darauf, dass Erzählungen und szenische Präsentationen ebenfalls (als Allegorie) Bedeutungsmuster von einer Sphäre in eine andere übertragen.

  • Kochis und Gillespie (2006) belegen die Rolle von Beziehungen als sozialen Quellbereichen der Metaphorik und erweitern die körperbezogene Fundierung der Metaphorik bei Lakoff und Johnson. Auch Morgan (2008) betont, dass soziale Beziehungen als Quellbereich einer Metaphorisierung fungieren können; sie transformieren einfachste körperliche Gestaltschemata (z. B. das Behälterschema) in soziale Bedeutungen („us“ vs. „them“).

4.1.4 Organisationssoziologie

Die Diskussion der Funde im Bereich der Organisationssoziologie ist wegen der disziplinären Herkunft oder der späteren Verortung der AutorInnen nicht immer eindeutig auf die Soziologie zu beziehen, vielmehr finden sich Übergänge zur Organisationsforschung in den Wirtschaftswissenschaften und der Arbeits- und Betriebspsychologie.

Eine umfassende deutschsprachige Übersicht zu Studien über Metaphern, die auf Organisation zielen, bietet Hroch (2005, S. 49–67, vgl. Schmitt 2006b). Sie rekonstruiert aus Vorläuferstudien, insbesondere Morgan (1986) und Clancy (1989), typische Metaphern der Organisation (Maschine, Organismus, Gehirn, Kultur, politisches System, Gefängnis, Fluss, Machtinstrument, Gesellschaft, Reise, Spiel und Krieg) und nennt auch die Kritik an diesen Studien in Bezug auf ihre empirische Fundierung und unklare Reichweite der Formulierung bzw. Verortung, ob nun UnternehmerInnen, mittlere Führung oder Angestellte bzw. ArbeiterInnen oder Außenstehende (KundInnen, Medien) als Quelle der Metaphorisierungen gelten (ebd., S. 68–70). Unbeeindruckt von solcher und ähnlicher Kritik elaboriert Morgan (2002) die zu Verdinglichung und Herstellung eines Scheins von Objektivität genutzten Metaphern des Rechnens und der Buchführung in der Betriebswirtschaft – jedoch wie bisher ohne seine Materialbasis, Methodik oder seinen Metaphernbegriff zu klären.

Eine englischsprachige Übersicht liefern Cornelissen et al. (2008). Sie unterscheiden in kritischer Absicht vier große Bereiche der Metaphernanalyse in der Organisationsforschung: Studien zur Organisationstheorie und zur Kommunikation in Organisationen neigten dazu, Metaphern in präskriptiver Absicht für weiteres Theoretisieren und Forschen vorzuschlagen (z. B. Sackmann 1989).16 Arbeiten zur Organisationsentwicklung nutzten einzelne Metaphern zur Intervention bei Entscheidungsfindungen. Untersuchungen zum Organisationsverhalten fokussierten auf individuelle Sinngebungen bei krisenhaften Ereignissen in Organisationen.17 Diese Zusammenfassung ist durchaus kritisch gemeint, denn die Autoren sprechen sich (ebd., S. 9 ff.) gegen die Projektion einzelner Metaphern auf den Gegenstand aus und insistieren auf einer sorgfältigen Rekonstruktion der tatsächlich gebrauchten Metaphern. Sie kritisieren an den dekontextualisierten Metaphernanalysen von Morgan (s. o.), dass lokale Differenzierungen dadurch eliminiert würden (ebd., S. 11 ff.) und Politiken der Selbstdarstellung und normative Bewertungen immer nur kontextgebunden rekonstruiert werden könnten. Der von ihnen präferierte „discursive approach“ (ebd.) greift allerdings zu kurz, wenn behauptet wird, jeder Sinn sei nur streng kontextgebunden zu rekonstruieren – das verneint die Möglichkeit der Abstraktion, die mit dem Begriff des metaphorischen Konzepts gegeben ist. Zudem geraten die Autoren in einen Widerspruch, wenn sie zur Operationalisierung des Metaphernbegriffs Anleihen bei der regelbasierten Prozedur der Pragglejaz-Autoren machen (ebd., S. 17), denn diese nutzen gängige Metaphernwörterbücher als Prüfinstrument auf Metaphorizität.18 So sind lokale Metaphernbildungen nicht zu identifizieren, denn was in dem einen Kontext eine Metapher ist, ist in einem anderen lokalen Kontext keine (man kann real wie metaphorisch im Glashaus sitzen). Zudem entgehen ihnen mit diesem Regelwerk ontologisierend gebrauchte Metaphern (Gegenstand, Substanz, Behälter) ebenso wie allegorisch zu verstehende Redewendungen. Sinnverstehen ist nicht vollends operationalisierbar; man kann sich bestenfalls durch Erfahrung begründete Regeln geben, die eine Intersubjektivität und Anschlussfähigkeit qualitativer Forschung sichern (vgl. Abschn.  5.1 zur Übersicht über unterschiedliche Positionierungen innerhalb des qualitativen Forschungsdiskurses). Anregend ist der Hinweis (ebd., S. 13 f.) auf Metaphern jenseits von Sprache und Diskurs in Bildern, Gesten, Gegenständen, Klängen und Geräuschen („multimodal metaphor“), dessen Realisierung in Studien von Hroch (2005) und Nürnberg (2010) noch diskutiert wird, der aber noch weniger in das vorgeschlagene operationalisierbare Vorgehen zu integrieren ist.19

Koller (2008a, b) erkennt in ihrer Korpusstudie Metaphern zur Selbstdarstellung von Unternehmen mit Computerhilfe anhand von fertigen Wortlisten. Während in Printmagazinen eher die Kampfmetaphorik des evolutionären Überlebens der Firmen präsentiert (und von der Autorin für ein „männliches“ Thema gehalten) wird, werden in den „mission statements“ der direkten Kommunikation der Unternehmen vor allem das ideale Selbst, Partnerschaft und Emotionen betont (was Koller für „weiblich“ hält). Auch die Metaphoriken von Fluss und lebendem Organismus, Fürsorge und Kreativität werden in dieser Textsorte betont, ein deutlicher Hinweis darauf, Textsorten und ihre Einbettung in lokale Kommunikationsstrukturen in einer qualitativen Metaphernanalyse zu beachten.20 Hoßfeld (2011, 2013) untersucht mit einer Triangulation von Inhalts- und Metaphernanalyse die legitimatorischen Strategien von Unternehmen, die ihre Personalabbaumaßnahmen rechtfertigen. Wolfslast (2015) liefert eine umfassende, 21 metaphorische Konzepte umfassende Sammlung aus Quartalsberichten großer Konzerne, die er statistisch-korrespondenzanalytisch in die übergeordneten Themen Soziales, Ökonomie, Ökologie einordnet: So ist die Wegmetapher des „Fortschritts“ eine in allen Bereiche wirksame Metapher mit hohem Legitimationspotenzial, während Metaphern der Kontrolle eher im Ökologie-Bereich zu finden sind.

Zwei Dissertationen sollen ausführlicher dargestellt werden, da sie sich auf frühere Fassungen der metaphernanalytischen Methodik des Autors beziehen, aber jenseits der Textanalysen ethnografisches Material bzw. die Interpretation von Artefakten einbeziehen:

Hroch (2005) fokussiert in ihrer mehrteiligen Studie zur Stellung des Umweltmanagements in mittelständischen Betrieben die Metaphern, die das Verhältnis von mittelständischen Betrieben zu dem von ihnen praktizierten Umweltmanagement beschreiben.21 Dieser Analyse sind spezifischere Bilder als die allgemeinen zur Organisation zu verdanken: Das Verhältnis von Umweltmanagement und Unternehmen wird als Krieg, als Weg mit Hindernissen, als Abwägungs- und Gleichgewichtsprozess, als Spiel und als Spannung geschildert. Der Konflikt, der in den zunächst zu allgemein gebildeten metaphorischen Konzepten zum Umweltmanagement oder zur Organisation kaum zu finden war, wird nun offensichtlich. In fast allen Metaphern sind dichotom-bewertende Muster zu entdecken, was die prekäre Stellung des Umweltmanagements in den Betrieben verdeutlicht. Zwei vertiefende Fallstudien entwickeln anhand der zentralen metaphorischen Modelle den jeweiligen mentalen Mikrokosmos und seine bildgesteuerte Logik; dazu werden nicht metaphorische Aussagen der InterviewpartnerInnen, Feldnotizen und Beobachtungen während der Interviews (Raumgestaltung u. Ä.), biografische Daten der Befragten und Materialien aus der Unternehmenskommunikation (Geschäftsberichte) etc. einbezogen. Das Ergebnis sind aufschlussreiche „dichte Beschreibungen“: In einem Fall war das Unternehmen eine Maschine, das Erreichen von Unternehmenszielen war Sport, Planung und Umsetzung waren Kampf. Die metaphorischen Konzepte ließen sich als Muster der biografischen Sinngebung wie der Gestaltung des Lebenskontextes sowohl im Interview wie auf der Ebene der Handlungspraktiken finden – bis hin zu irritierenden Fotos aus der Bundeswehrzeit auf dem Tisch eines Unternehmers und einem verschleißenden Umgang mit MitarbeiterInnen. Im zweiten Beispiel metaphorisierte ein Unternehmer seinen Betrieb als Organismus und als Familie und sorgte sich um deren Wohlbefinden. Hroch kann zeigen, dass die Unternehmer mehrere metaphorische Konzepte verwenden, die sich jedoch jeweils ergänzen; keiner verwendet wirklich einander ausschließende oder komplementäre Konzepte. Wie die Autorin später (ebd., S. 185) andeutet, handelt es sich in dieser Klarheit eher um Extremtypen; bei den anderen Befragten war eine solche Bezogenheit des Handelns auf wenige metaphorische Modelle weniger eindeutig zu rekonstruieren. Diese Studie zeigt sehr deutlich, dass erst hinreichend spezifizierte Forschungsfragen gehaltvolle Ergebnisse generieren und zudem Beobachtungsprotokolle und die Dokumentation von Artefakten eine metaphernanalytische Studie vertiefen können.

Nürnberg (2010) untersucht, wie BerufsanfängerInnen in exponierten Bereichen einer Londoner Großbank Sinngebungen ihrer Situation und der Organisation entwickeln. Sie zielt auf den Diskurs der Organisation und ihrer Praktiken der Sozialisation, aber auch auf die Veränderung der Wahrnehmung der Novizen. Die Kompilation bisheriger Metaphernanalysen ist umfassend (ebd., S. 33–39) und trägt auch die bisherige Kritik am erwähnten Morgan zusammen, dass dieser in seinen Studien die Organisation zu sehr in den Fokus stelle, die Möglichkeiten der Intervention mit und durch Metaphern überschätze und ihm eine Methodik der Analyse fehle (ebd., S. 28–30). Die Defizite der kognitiven Metapherntheorie im Hinblick auf die soziale Situiertheit des Metapherngebrauchs rechtfertigen für die Autorin das Hinzuziehen der Theorie der Sozialen Repräsentationen nach Moscovici. Interviews mit Berufsnovizen, die unter anderem im Rückgriff auf Schmitt (1995) inhalts- und metaphernanalytisch ausgewertet werden, ergänzt sie mit Feldexplorationen.

Überraschenderweise spielt die Organisation als solche in den während des ersten Berufsjahres aufgenommenen Interviews kaum eine Rolle; stattdessen sind das Sicheinfinden in die einzelnen Teams und das Bewältigen von erschreckenden Arbeitsbedingungen (bis 14 h/Tag) wie die Hoffnung auf einen Aufstieg („climbing the ladder“) dominierend. Die Bearbeitung der Erfahrung, unter Hunderten ausgewählt worden zu sein und diese Erwartung rechtfertigen zu können, ist häufig Thema. Erst im zweiten Jahr wird die Organisation als solche in den Interviews sichtbar; dies geht einher mit der vorsichtigen Abgrenzung gegenüber belastenden Praktiken und der spezifischeren Hoffnung, von den Beurteilten zu Beurteilern aufzusteigen. Zentrale, für die Sinngebung der Novizen relevante Metaphern der Organisation sind die Metaphern des Gebens und Nehmens („transaction“), hier werden die geopferte Lebenszeit, die auf bestimmten Evaluationsstufen zur Verfügung gestellten Gratifikationen wie zum Beispiel wertvolle Smartphones, Wissens- und Statusgewinne in ähnlich verdinglichender Weise „verrechnet“.22 Die Wegmetapher ist häufig, wird aber in irritierender Abwesenheit von Metaphern des Wachstums oder der Entwicklung gebraucht. Die Behältermetapher wird nicht, wie Morgan es vorschlägt, für die gesamte Organisation gebraucht, sondern für das eigene Team. Bei den Kampfmetaphern fällt auf, dass es kein gemeinsamer, sondern ein einsamer Kampf ist. Trotz der einengenden Bedingungen, die Nürnberg mit einer „totalen Organisation“ vergleicht, kann sie in diesen Metaphern eine „agency“ der Novizen rekonstruieren.

Zum Schluss des Abschnitts sollen einige Studien skizziert werden, die weniger differenziert in Metaphernbegriff und Methodik, aber als Anwendungsbeispiel innovativ sind: Amernic et al. (2007) rekonstruieren die Metaphern, die ein mächtiger und erfolgreicher Manager eines amerikanischen Konzerns zur Kommunikation mit Aktionären entwickelt; die Metaphernanalyse vermag sowohl die Passungen von Metapher und wirtschaftlicher Situation wie auch einen historischen Ablauf zu entwickeln. Yanow (1992) zeigt, wie eine einzige dominierende Metapher die kommunalpolitisch sinnvolle Gründung von Nachbarschaftszentren in Israel dominiert und zu Konflikten führt, hier bleibt anhand der Beschreibung unklar, wie erhoben und ausgewertet wurde. Steger (2007) fokussiert ohne explizit verorteten Metaphernbegriff jeweils eine auffällige Metapher aus den Biografien ostdeutscher Manager. Cassell und Lee (2012) wiederum rekonstruieren für gewerkschaftliche Bildungseinrichtungen in Großbritannien und Neuseeland sieben verschiedene metaphorische Konzepte für sozialen Wandel; leider bleibt ihr Metaphernbegriff auf die erste Publikation von Lakoff und Johnson (1980) beschränkt.

Als Fazit lassen sich zwei Ergebnisse für zukünftige Metaphernanalysen herausheben:
  • Die von Cornelissen et al. (2008) geforderte Erweiterung der Erhebung auf „multimodale“ Metaphern und Praktiken ist bei Hroch (2005) und Nürnberg (2010) überzeugend realisiert. Insbesondere die Praktiken der nicht monetären, aber statusbezogenen Gratifikationen wie zum Beispiel teurer Smartphones sind umfassende Erweiterungen einer sonst nur sprachlich gefassten Metaphorik des Gebens und Nehmens. Auch die Feldbeobachtungen von Hroch ergänzen ihre Interviewstudie um triftige Details.

  • Die ebenfalls von Cornelissen et al. geforderte Spezifizierung auf die Rekonstruktion metaphorischen Denkens in lokalen Situationen findet sich in Kollers Studien mit ihren Hinweisen auf eine strategische Kommunikation mit unterschiedlichen Metaphern je nach Kontext (Koller 2008a, b); auch hier bieten Hroch (2005) und Nürnberg (2010) überzeugende Beispiele der lokal spezifischen Metaphernverwendung, welche die Reichweite von älteren Studien zum Vorhandensein globaler metaphorischer Muster (Weg, Krieg, Behälter …) deutlich einschränken.

4.1.5 Weitere Beispiele soziologischer Metaphernanalysen

Der folgende Abschnitt gibt eine Übersicht über weitere Metaphernanalysen mit zwei kleineren thematischen Verdichtungen in der Professionssoziologie sowie der Soziologie des Körpers und notiert disparate Bezüge aus verschiedenen Gegenstandsbereichen der Soziologie.

Die Übersicht beginnt mit einem Beispiel noch aus der Ära vor der kognitiven Linguistik, das zudem in dem für die weitere Diskussion zentralen Sammelband von Ortony (1979, [1993, 2002]) sichtbar publiziert war: Donald A. Schön hat, wie bereits im Abschn.  3.6.1 erwähnt, in seinem professionssoziologisch motivierten klassischen Aufsatz über „generative metaphors“ (1979; vgl. 1993) metaphorische Denkmuster im beruflichen Handeln und in der Sozialpolitik rekonstruiert. Zunächst beschreibt er am Beispiel einer sozial vermittelten Problemlösung aus dem handwerklich-technischen Bereich, wie eine metaphorische Übertragung neues Wissen generiert. Im zweiten, hier eher interessierenden Beispiel eines sozialpolitischen Problems diskutiert er die gegenläufigen Implikationen von zwei Metaphern der städtebaulichen Planung: Wenn Slums als „Krebsgeschwüre“ wahrgenommen werden, die sich in die Städte „fressen“, bleiben nur radikale „einschneidende“ Maßnahmen der Destruktion, Umsiedlung und weiterer Zwangshandlungen; wenn Slums als organische Einheit beschrieben werden, können Interventionen entwickelt werden, die das Funktionieren dieser organischen Einheit verbessern. Am Beispiel dieser „conflicting frames“ zeigt er, dass diese von einer zentralen „generative“ Metapher her organisiert sind, und fordert eine „reciprocal inquiry“ (ders. 1979, S. 256), die er jedoch nicht weiter ausführt. Später spricht er davon, dass die hinter einer Problem erzeugenden Sicht stehende generative Metapher „konstruiert“ werden müsse:

Given a problem-setting story, we must construct the deep metaphor which is generative of it. In making such a construction, we interpret the story. We give it a ‚reading‘, in a sense very much like the one that is employed in literary criticism. And our interpretation is, to a very considerably extent, testable against the givens of the story (ebd., S. 267).

Diese Lesart der Metaphernanalyse als Konstruktion und Interpretation mit der gleichzeitigen Bemühung um empirische Absicherung wird jedoch nicht weiter von ihm entwickelt. Der letzte Abschnitt seines Aufsatzes beschäftigt sich mit der auf die Mediation solcher Konflikte zielenden Frage, wie konfligierende metaphorische Denkweisen mit einer komplexeren Narration begegnet werden könnte, welche die entgegengesetzten Metaphern integriert. Damit ist auch eine Anwendungsperspektive gedacht, die auf einer vorhergehenden Metaphernanalyse beruht.23

Auf Schön beruft sich die Studie von Liljegren (2012), der in einem Durchgang durch die Literatur der Professionssoziologie eine von mir vorgeschlagene fünfstufige Variante der Metaphernanalyse nutzt (Schmitt 2005b). Allerdings reduziert er die in der theoretischen Literatur vorfindbaren Metaphern auf die Metaphern der Hierarchie und der Landschaft, denen er wenige andere Metaphern, etwa die des Kampfs und des Konflikts, unterordnet, was angesichts seines Materials nur begrenzt nachvollziehbar erscheint.

Die deutschsprachige Diskussion kann an die bereits erwähnte Diskussion von Gugutzer (2002) anknüpfen; seine Analyse der Leiblichkeit stützt sich auf Plessner, Merlau-Ponty und Bourdieu und nutze die Metaphernanalyse zur Rekonstruktion von personaler und leibvermittelter Identität. Er kritisiert, dass Identität vor allem rein kognitiv (im eingeschränkt psychologischen Sinn) in sozialwissenschaftlicher Literatur verstanden werden würde.24 Das Gefühl, mit sich selbst identisch zu sein, beziehe sich aber auch auf ein Spüren des eigenen Körpers. Empirisch untersuchte er die These mit einer früheren Fassung der von mir vorgeschlagenen metaphernanalytischen Auswertung von Interviews mit Ordensleuten und BalletttänzerInnen. Entgegen seiner Vorannahmen ergab sich, dass die Ordensangehörigen ihren Körper eher als Lebenspartner metaphorisierten oder als Geschenk Gottes, mit dem pfleglich umzugehen sei, die TänzerInnen dagegen ihren Körper als Gegner oder Feind, dessen Begrenzungen zu überwinden seien (Schmerzen inbegriffen), oder als Werkzeug. Allerdings waren auch überlappende metaphorische Konzepte zu rekonstruieren, die beiden Gruppen gemeinsam waren (u. a. die Behältermetaphorik, ebd., S. 154). Alle Metaphern ließen sich als Bindeglied zwischen Körper und Identität begreifen.

Der Zusammenhang von Körper, Metaphern und Kultur und sozialer Struktur hat auch weitere AutorInnen angeregt: Pirani (2005) verweist auf die Wichtigkeit der von körperlichen Rhythmen (Wachheit/Schlaf, Hunger/Sattheit etc.) geprägten Metaphern zur Einteilung der Zeit und damit elementarer kultureller Abläufe, sie seien ein „missing link“ in dem Dualismus von Geist und Körper. Allerdings kritisiert er, Lakoff und Johnson übersähen, dass der Körper auch Objekt gesellschaftlicher Formung ist. Dies ist, wie hier bereits mehrfach ausgeführt, nur teilweise richtig; vor allem die Sammelbände zur aktuellen kognitiv-linguistischen Forschung von Kristiansen und Dirven (2008) wie von Frank et al. (2008) haben zur Kulturalität von metaphorischen Konzepten einiges beigetragen. Hockey (1993) entwickelt eine Soziologie des Todes mit metaphernanalytischen Überlegungen: Sie beginnt mit der Überlegung, dass die westlichen Begräbnisrituale eine weniger wichtige Rolle bei der Bewältigung von Trauer spielen als in nicht westlichen Gesellschaften. Sie sieht in den westlichen, ahistorisch-biologisierenden Metaphern von Emotionen als „Druck in einem Behälter“ und Emotionen als „Naturgewalt“ Formen einer Konzeptualisierung, die einen integrierenden Umgang mit heftigen Affekten verhinderten. In dieser Studie wäre allerdings eine reichhaltigere Materialbasis für nichteuropäische Metaphern der Emotionen hilfreich. Stadelbacher (2014) hat in ihrer Bearbeitung des Themas die Metaphern des Sterbens in Krankenhäusern als „Kämpfen“ u. a. mit denen des Weges, der Brücke und der Familie in Hospizen verglichen. Seale (2002) arbeitet für eine Soziologie der Krankheit in öffentlichen Zeitungsdiskursen über krebserkrankte Personen heraus, dass Frauen über Metaphern der emotionalen Arbeit des Durchleidens, Männer immer noch über heroische Bilder wie zum Beispiel dem „Sieg“ über die Erkrankung charakterisiert werden (vgl. Abschn. 4.7 zur Genderforschung).

Neben diesen Schwerpunkten metaphernanalytischer Publikationen in der Professionssoziologie und zum Zusammenhang von Körper und Gesellschaft sind nur noch vereinzelte Forschungsthemen zu finden:
  • Owen (1985) geht von der These aus, dass ein Gruppenzusammenhang in Kleingruppen durch gemeinsame Metaphern hergestellt werde. Er orientiert sich zunächst an Lakoff und Johnson, aber verkürzt deren Ansatz auf das Schema von visuellen, akustischen, gustatorischen und anderen Sinnesmetaphern nach Bandler und Grinder (1990). Diese Vergröberung der Konzeptidee ist empirisch unbefriedigend, denn die Tatsache, dass fast von allen Teilnehmenden visuelle Metaphern gebraucht werden, dürfte eher dem universellen Vorkommen dieser Metaphorik als einer bestimmten Gruppendynamik geschuldet sein.

  • Pevey und McKenzie (2008) untersuchen Großgruppendifferenzen: Sie interessieren sich für die Wahrnehmung von Muslimen durch Christen. Trotz der Berufung auf die von mir vertretene Metaphernanalyse wird de facto eine Provokation von Metaphern durch die Interviewer geleistet, auch werden Metaphern vorgegeben und die Auswertung orientiert sich an auffallenden Metaphern nach Zaltman (2003, vgl. Abschn.  1.3.7).

  • Sennett experimentiert ebenfalls mit der Analyse von Metaphern. In seinem Buch über Autorität (2008) beschreibt er eine „Metaphernbindung“ mit der Gleichung „Firmenchef = Vater“, das die paternalistische Führung von Firmen im 19. Jahrhundert kennzeichne und eine Amalgamierung von familiärer Liebe und Macht darstelle. Er findet dieses Konzept auch in der öffentlichen Präsentation Stalins. Sein Metaphernbegriff ist jedoch unspezifisch, von Black über Richards bis Ricoeur werden einige heterogene Ansätze genannt. Er entwickelt die Idee des metaphorischen Konzepts nicht und rekonstruiert andere Formen der Autorität nicht metaphernanalytisch (ebd., S. 102–108).

  • Eine soziologische Interpretation von familientherapeutischen Theorien als Austauschtheorien liefert König (1997), der daneben zeigt, dass Geben und Nehmen als zentrale Metaphern sozialer Interaktion bei Marcel Mauss, Claude Levy-Strauss, George C. Homans sowie den daran anschließenden Rational-Choice-Theorien vorkommt.

  • Nerlich et al. (2002) wollen über die Rolle der Metaphern als kognitive Muster hinaus zu geteilten kulturellen Erfahrungen und Rahmen gelangen – „frames“ und „narratives“ werden jedoch als Gegensatz zu Metaphern nicht genauer definiert. Nach einer Orientierung an Maasen und Weingart (vgl. Abschn. 4.1.2) findet sich eine breite Darstellung von Metaphern des Krieges gegen die Maul- und Klauenseuche in Großbritannien, ferner die Metaphern biblischer Plagen und Metaphern übernatürlicher Erscheinungen. Die Kriegsmetapher dominiert in sehr ausdifferenzierter Weise – bis hin zur Literalisierung der Metapher, als tatsächlich die Armee eingesetzt wird, um Schafe zu verbrennen und Landstriche abzusperren. Entgegen der durchaus begrüßenswerten Ankündigung, die soziale und kulturelle Einbettung der Metapher zu betonen, bleibt es bei exemplarisch dokumentierten Handlungsweisen der Öffentlichkeit oder des Landwirtschaftsministers; die Hinweise auf Barthes oder Moscovici (vgl. Abschn.  3.3) werden nicht ausgeführt.

  • Giarchi (2001) führt in die bisherige und nicht problemfreie Verwendung der Netzwerkmetapher in der Geschichte soziologischer Untersuchungen seit den 50er-Jahren ein, will dann aber in völliger Verkennung der Wirkung und des Gehalts einer Metapher den Begriff des „Netzwerks“ reservieren: „The same metaphor cannot be applied in two very different realities“ (ebd., S. 66). Für informelle Beziehungen schlägt er die Metapher „Kreis“ („circle“) vor. Dieser sprachpuristische und präskriptive Eifer mutet naiv an und steht ganz im Gegensatz zur Fülle der von ihm genannten Literatur; differenzierter wird die Netzwerkmetapher mit ihren technischen Ursprüngen beispielsweise bei Friedrich (2012) diskutiert.

  • Gurney (1999) schließt aus wenigen metaphorischen Stichworten aus teilstrukturierten Interviews mit Hausbesitzenden in nicht systematischer Weise darauf, dass die üblichen Redewendungen zum Grundbesitz („my house is my castle“ etc.) ein Vorurteil gegenüber den BewohnerInnen von Mietwohnungen ergäben. Die ideologische Seite des Haus- und Grundbesitzes wird durchaus herausgearbeitet, die präsentierte Menge und Struktur des Materials und die dürftige Auszählung der Interviews nach Motiven (Stolz, Wahl der Innendekoration etc.) sind nicht mit den Überlegungen zur Metaphernanalyse fundiert.

  • Malsch (1997) plädiert ohne explizierten Metaphernbegriff dafür, dass sich die Soziologie mit der Metaphorik der verteilten künstlichen Intelligenz beschäftigen sollte, denn diese sei in großem Umfang der Soziologie entnommen und würde dort als Hinweis für die Konstruktion technischer, das heißt algorithmisierter Modelle genutzt, die wiederum den Anspruch hätten, mit diesen Modellen eine Theoriegrundlage zukünftiger Soziologie zu bilden. Es erscheint jedoch fraglich, wie anschlussfähig eine solche sehr spezielle Metaphorik ist.

  • Lüdtke (2007) notiert in ihrer Dissertation zu Globalisierung und Lokalisierung von Rapmusik am Beispiel amerikanischer und deutscher Raptexte in drei Unterkapiteln typische metaphorische Komplexe dieser Musik, die unter anderen Klischees männlicher Dominanz rekonstruieren.

4.1.6 Zusammenfassung

Der explorative, tastende Zugriff auf Sprachbilder als relevante Deutungsmuster ist nur in den in Abschn 4.1.4 genannten Texten kaum mit der kognitiven Metapherntheorie verbunden, jedoch in fast allen anderen. Insgesamt wird eine nachvollziehbare qualitative Forschungsmethodik selten präsentiert; und des Öfteren beschränken sich die Diskussionen auf die Verfolgung einer einzigen Metapher (z. B. in der Stadtsoziologie die organische Metapher: Maiques 2003; vgl. dagegen Weiske 2014). Der Wert vieler Texte ist eher in der Anregung eigener empirischer Bemühungen als in deren Ergebnis zu suchen, während andere empirische Studien (z. B. Gugutzer 2002) mit den Ergebnissen bereits zur Diskussion beitragen.

Hroch (2005) und Nürnberg (2010) haben in ihrer Erweiterung über die reine Sprachanalyse hinaus soziale Praktiken und Artefakte in die Metaphernanalyse einbezogen. Auch wenn diese Erweiterungen nur äußerst schwer in einem methodischen Prozedere vorab zu planen sind, stellen sie bedeutende Neuerungen dar. Gleichzeitig sind diese Studien ein schönes Beispiel für die von Cornelissen et al. (2008) und von Junge (2011c) geforderte Annäherung der Metaphernanalyse an die Pragmatik des Sprachgebrauchs als Fokus sozialwissenschaftlicher Metaphernanalysen.

Die zu Beginn des Kapitels dargestellten Texte zeigen, in welcher Tiefe soziologisches Denken metaphorisch präfiguriert ist und dass die Metaphernanalyse zur soziologischen Selbstreflexion bereits beiträgt. Die Soziologie hat viele ihrer Begriffe aus anderen Disziplinen importiert; umgekehrt zeigen die Studien von Morgan (2008), Sennett (2008) und König (1997), dass soziale Beziehungen als Quellbereich von Metaphorisierungen abstrakterer Phänomene dienen. Familiale Beziehungen wie bei Sennett (2008) werden bei Lakoff und Johnson kaum als Quellbereiche von Metaphern anerkannt25, obschon auch sie zu den frühen Erlebnismustern zählen, deren Übertragung auf andere Bereiche zu wesentlichen Musterbildungen beiträgt. Im Abschn.  3.6.2 war auf die Studie von Durkheim und Mauss (1993, org. 1901) hingewiesen worden, die den erfahrungsfundierten Ausgangspunkt aller logischen Klassifikationen allein in Verwandtschaftsbeziehungen suchten. Auch wenn dies in seiner Ausschließlichkeit kritisiert wurde, wird damit doch eine Kontrastposition formuliert, welche die Verschattung des Blicks der Begründer der kognitiven Metapherntheorie deutlich zeigt. Diese empirische und theoretische Fehlstelle dürfte die Zurückhaltung bei ihrer Rezeption in den Sozialwissenschaften zu einem großen Teil erklären.

4.2 Erziehungswissenschaft

Der Abschnitt zur Metaphernanalyse in der Erziehungswissenschaft soll wie der vorhergehende zur Soziologie den Beitrag des Fachs zur Methodik rekonstruieren. Welche Forschungsfragen ließen sich mit der Methode beantworten oder sind noch ein Desiderat, welche besonderen Erhebungsmethoden sind in dieser Disziplin für Analysen der Sprachbilder genutzt worden, welche Hinweise für Auswertungen generiert die jetzige Diskussion? Im Gegensatz zur Soziologie wird die kognitive Linguistik in der Erziehungswissenschaft erst in jüngerer Zeit rezipiert (Schmitt 2011a, b, Gansen 2014)26. Gansen (2009a) kritisiert in seiner Übersichtsarbeit die Metapherndiskussion in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft als selbstbezogenen Diskurs um die metaphorische Sprache pädagogischer Texte ohne empirische Hinwendung an die Sprache der Erziehungsobjekte und -subjekte. Sein Text skizziert die im erziehungswissenschaftlichen Bereich immer noch seltene kognitive Metapherntheorie, benennt deutschsprachige Vordenker und Kommentatoren (Blumenberg 1960, Jäkel 2003a) und diskutiert wichtige erziehungswissenschaftliche Autoren jenseits der kognitiven Metapherntheorie, die später hier noch einmal gewürdigt werden sollen. Er benennt auch einige empirische Ausnahmen, bevor er einen Katalog von praktischen Aufgaben zukünftiger Metaphernforschung skizziert. Bei der Durchsicht der Literatur bestätigt sich sein Befund, dass zuweilen eine sehr differenzierte geisteswissenschaftliche Reflexion um die Rolle der Metapher im pädagogischen Denken dominiert – jedoch in der Regel mit einem nicht explizierten oder nicht aktuellen Begriff der Metapher. Ebenso ist eine ausgesprochene Zurückhaltung zu konstatieren, sich (nicht nur metaphernanalytisch) mit der empirischen Wirklichkeit heutiger Erziehungssubjekte und -objekte auseinanderzusetzen. Entgegen Gansens Verdikt bieten vor allem die Didaktik und die englischsprachige Schulforschung viele empirische Studien zum Verstehen von Lerninhalten und zum Selbstbild der Lehrenden. In diesem Text bietet sich daher die folgende Kapiteleinteilung27 an:
  • empirische pädagogische Studien mithilfe der kognitiven Metapherntheorie,

  • empirische metaphernanalytische Arbeiten ohne Bezug zu Lakoff und Johnson,

  • pädagogische Metaphernreflexion.

4.2.1 Empirische pädagogische Studien mithilfe der kognitiven Metapherntheorie

Es fällt auf, dass die Nutzung von empirischen Metaphernanalysen sehr ungleich in der Erziehungswissenschaft verteilt ist: Im Kontext des Lehrens und Lernens in der Schule sowie der Selbstreflexion der Disziplin finden sich differenzierte Studien, in anderen Bereichen kaum eine. Der Neuigkeit des Themas ist geschuldet, dass in einigen Texten zunächst Einleitungen in die kognitive Metapherntheorie gegeben werden und zuweilen noch diskutiert wird, welche Begriffe dieser Theorie nützlich sein könnten. Ebenso unsicher ist das Verhältnis zu qualitativen Forschungsmethoden; manchmal wird recht deduktiv das vorhandene Metaphernreservoir abgefragt statt Sinn verstehend rekonstruiert. Die sich auf die kognitive Metapherntheorie beziehenden empirischen Studien lassen sich nach vier Schwerpunkten ordnen:
  • Metaphern der Kinder bzw. SchülerInnen für sich und den Erziehungskontext,

  • Metaphern der LehrerInnen für sich und ihr Handeln,

  • Lehren und Lernen: Metaphern der Didaktik,

  • pädagogische Beratungs-, Lebenswelt- und Biografieforschung.

4.2.1.1 Metaphern der Kinder und SchülerInnen im Erziehungskontext

Die folgende Übersicht diskutiert die empirischen Studien, die sich dem metaphorischen Denken der zu erziehenden Subjekte widmen: Geffert (2006) hat in seiner Dissertation die Sprachbilder von Haupt- und FörderschülerInnen untersucht. Faktoren und Formen ihrer Benachteiligung im Hinblick auf die Berufsbildung werden benannt, bevor der Autor zur Beschreibung des betreffenden Milieus Bourdieus Überlegungen nutzt: Er diskutiert Habitus und die Ausstattung benachteiligter Jugendlicher mit ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital. In dieser Perspektive integriert der Autor die konstruktivistische Ausgangsthese, dass Wirklichkeit sozial konstruiert wird, und lässt die empirische Frage folgen, wie die Konstruktion subjektiver und gruppenspezifischer Sichtweisen durch metaphorische Denkweisen im Feld erfolgt. Damit stellt er eine spannungsreiche Verbindung her zwischen einer Theorie der sozialen Praxis (Bourdieu), erkenntnistheoretischen Positionen (Konstruktivismus) und der kognitiven Linguistik (Lakoff und Johnson). Er erhebt 40 Aufsätze zum Thema „Schule“ in verschiedenen Haupt- und Förderschulen sowie drei Gruppendiskussionen mit insgesamt 21 SchülerInnen. Die zentralen metaphorischen Konzepte ihres Erlebens zeigen, dass Schule gesehen wird als:
  • Versorgungsanstalt, die etwas „bringen“ muss,

  • Arbeit im Sinne des „Abarbeitens“,

  • „schwere“ Last,

  • „Druck“ und „Stress“,

  • zwangsweise vorgegebener „Weg“,

  • „Regel“ bzw. „Ordnung“,

  • „lockeres“ oder „strenges“ „Band“,

  • „Sehen“ und „Klären“,

  • fremdbestimmter „Raum“ der Lehrenden,

  • „Blackbox“,

  • „Sache“ und

  • „Behältermetapher“, indem die Pause auf dem Schulhof als „eine andere Welt“ empfunden wird.

In seiner Interpretation arbeitet Geffert die Problematik der gefundenen Konzepte heraus:
  • In der Metaphorik der Versorgung der Schule, die etwas „bringen“ muss, mangelt es am Moment des Tauschens aufseiten der SchülerInnen (damit verbunden: kein eigenes „Geben“ von Aufmerksamkeit o. Ä.).

  • Im Bild der Arbeit für die Schule kommt das selbst gesteuerte und schöpferische „Bauen“ nicht vor.

  • Die schulische Anstrengung wird nicht in einer sportlich-motivierten Rahmung gesehen.

  • Es fehlt das metaphorische Konzept eines selbstbestimmten Gehens auf einem Weg.

  • In Bezug auf die Lehrenden wird die Bindungsmetaphorik nicht genutzt, nur untereinander.

  • Die Metaphorik des Wissens als Haus kommt nicht vor, es existiert auch kein weiteres Bild für seine Organisation (außer der Verdinglichung, Wissen zu „haben“).

  • Die Essensmetaphorik des Lernens (z. B. ein Buch „verschlingen“) bleibt aus - hier fehlen also elementar-sinnliche Denkweisen des Lernens.

  • Organische Bilder fehlen, die SchülerInnen sehen sich nicht als „Wachsende“, sie haben kein Bild für ihre Bildung.

In einem Abschnitt (ebd., S. 252–262) wird diskutiert, dass einige wenige metaphorische Schemata (z. B. Behälter) sehr stark dominieren: Behälter (mehr als 600 Nennungen), Geben–Nehmen (270), Weg (230), Arbeit (200). Das dominante Behälter- bzw. Raum-Schema wird separat diskutiert: Die Wirksamkeit dieser Metaphorik ist vor allem deshalb nicht zu unterschätzen, weil eine ihrer Implikationen, die Passivität in der Eingeschlossenheit, durch andere metaphorische Konzepte erhärtet wird: So ist selbstständiges Arbeiten/Bauen wie eigenes Geben ebenfalls kein Thema, Schule ist eher Last im Sinne des Erleidens – das wird im Resümee der Auswertung noch einmal aufgenommen.

Die aus anderen Studien (s. u.) bekannten, aber hier fehlenden metaphorischen Konzepte, die aktives Gestalten wie sensorisch reiches Erleben thematisieren, validieren diesen Befund. Als Ergebnis formuliert der Autor, dass das so oft geforderte „selbstgesteuerte Lernen“ auf zwei Widerstände trifft: zunächst auf die des Schulwesens, seiner Lehrpläne und die Selektionsfunktionen der Schule im Hinblick auf Marktanforderungen, zum anderen auf eine im hohen Maß stereotype passive Erwartungshaltung der Schüler, die sich in diesen metaphorischen Konzepten darstellt. Hier ließe sich – auch mithilfe der Metapherntheorie – sowohl für praktisch-didaktische Zwecke wie für weitere Forschungen überlegen, wie diese Erwartungsmuster flexibilisiert werden könnten.

Eine umfassende Arbeit zur Rolle der Metapher in der kindlichen Weltaneignung liefert Gansen (2010) in seiner Dissertation. Er will eine pädagogische Metaphorologie als „anthropologisch begründete erziehungswissenschaftliche Theorie der Metapher“ entwickeln, „die für weitere theoretische, empirische und didaktische Forschung im Fach anschlussfähig ist“ (ebd., S. 181). Er entwirft diese in vier Dimensionen: Korporalität und Sprache, Subjektivität und Erinnerung, Sozialität und Entwicklung, Kulturalität und Weltaneignung. In diesen Dimensionen sammelt er interdisziplinär relevante Befunde zum alltäglichen Metapherngebrauch von Kindern und begründet damit die Notwendigkeit einer pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Thema (ebd., S. 181–294). Den empirischen Kern seiner Arbeit stellen explorative Fallstudien dar, die sehr unterschiedliche Aspekte kindlicher Metaphernkompetenz abdecken: Leitfadenorientierte Interviews mit Rückfragen zu konventionellen Sprachbildern lassen vermuten, dass das Ausmaß des Kontakts mit der Welt der Erwachsenen das Verständnis von Metaphern bestimmt. Die Analyse der Transkripte des Philosophierens mit Grundschulkindern zur Entstehung der Welt, zur Liebe und zur Frage, was das Ich sei, erbringt überraschend eigenständige Bilder. Die Sekundäranalyse transkribierter Gedichtinterpretationen erbringt eine starke Metaphorisierung des eigenen Bezugs zum Gedicht und bei der Reflexion der Wirkung von Worten. Im Sachunterricht zum Thema Weltall und Kosmos wird deutlich, dass Kinder mehr und andere sprachbildliche Modelle kennen, als der schulische Bildungsplan ihnen zutraut. Während die papiergebundene Erhebung als „Reizwortgeschichte“ eher zeigt, dass der schriftliche Gebrauch von Metaphern dem mündlichen hinterherhinkt, ergibt die Analyse von Zukunftsaufsätzen Jugendlicher eine sehr starke Orientierung an der Normalbiografie, in der eine konventionelle Wegmetaphorik für die erhoffte Karriere genutzt wird. Die kreativste Metaphernproduktion leisten Kinder in der Aufgabe, Gedichte zu schreiben nach einer Vorlage, die nahelegt, sich selbst als Gegenstand oder Naturphänomen zu imaginieren (ebd., S. 455–459).

Gansen orientiert sich an Lakoff und Johnson, zugunsten einer breiten Exploration des Phänomens jedoch weniger an einer stringenten Metaphernanalyse. Es finden sich daher auch keine expliziten Darstellungen metaphorischer Konzepte, ihrer Überschneidungen und ihres Fehlens, sondern im Sinne des Anthropologen Geertz dicht gewebte, beschreibende Texte des kindlichen Metapherngebrauchs. Gansen folgert aus seinen Untersuchungen, dass die Arbeit mit Metaphern bereits in der Primarstufe und nicht erst in der Sekundarstufe sinnvoll sei. Überlegungen zur Didaktik werden mehrfach mit Rückgriff auf die Arbeiten von Harald Gropengießer (s. u.) formuliert. Gansen insistiert auf der naturalistischen Erfassung des kindlichen Verstehens in seinen Kontexten (vgl. auch Gansen 2014); auch Cameron (1996, 2003) besteht darauf, dass der lokale Kontext – materiell, vor allem aber der soziale Kontext als Gespräch − für Kinder den Rahmen des Metaphernerwerbs bilde. Er müsse daher kindliche Verstehen in seiner lebensweltliche Einbettung studiert werden, um die tatsächliche „metaphor capacity“ zu erheben (vgl. auch Cameron und Deignan 2006, insbes. S. 677 f.).

Kontopodis und Pourkos (2007) untersuchen das Zeiterleben von 16-Jährigen in der Schule, das sie durch die Analyse von Zeichnungen und anschließenden Erklärungen erheben. Sie verbinden die dokumentarische Methode der Bildinterpretation nach Bohnsack mit einer Metaphernanalyse, die sich auf die Vorarbeiten des Autors beruft. Die Zeit in der Schule wird als stillstehende Uhr, als aufeinanderfolgende Blocks, als rennender Mensch, als Schlafen und die freie und Arbeitszeit in der Schule als fließende/erfüllte Zeit konzipiert. Daran schließt sich jedoch eine wertende Zusammenfassung an, die in der Dichotomie von „leerer Zeit“ oder „erfüllter Zeit“ gipfelt, die nicht von den metaphorischen Konzepten gedeckt ist.

Eine der wenigen naturalistischen Studien bietet Wiedenhöft (2005) zu den Alltagsvorstellungen des Lernens. Sie analysierte Zeitungen und Zeitschriften, eine Radiosendung des Deutschlandfunks und Gespräche mit Teilnehmenden und Lehrenden einer beruflichen Weiterbildung. Lernen wurde.
  • im Kontext der Metaphorik des Sehens,

  • als Einflößen und Eintrichtern (Behältermetaphorik),

  • als Reinziehen und Verdauen (Metaphorik des Essens),

  • als Hegen und Pflegen (Gärtnermetaphorik),

  • als Packen und Weitergeben (Metaphorik des Tauschens),

  • als Bezahlen und Besitzen (Metaphorik des Geschäftes),

  • als Produzieren und Schaffen (Metaphorik des Arbeitens),

  • als Planen und Aufbauen (Metaphorik des Hauses),

  • als Durchsteigen und Steckenbleiben (Metaphorik des Weges),

  • als Funktionieren (Metaphorik der Technik),

  • als Anstrengen (Metaphorik des Sports) und

  • als Konfrontieren (Metaphorik des Kampfes) verbildlicht.

Der breite Rahmen der Erhebung nötigt die Autorin, die scheinbare Eindeutigkeit der gefundenen metaphorischen Konzepte zu relativieren:

Die innerhalb einer Metaphorik auftretenden Bedeutungen können sich durchaus unterscheiden, schon ein einzelnes Konzept kann u. U. entgegengesetzte Sichtweisen zulassen. Bei der Diskussion der Gärtnermetaphorik wurde dies besonders deutlich: Dessen Aufgabengebiet ist zu breit gefächert, um daran eine bestimmte pädagogische Sichtweise festzumachen; vielmehr lassen sich eine große Anzahl verschiedenster Auffassungen mit diesem Bild vereinbaren. Des Weiteren ist festzuhalten, dass kein metaphorisches Modell das Phänomen des Lernens gänzlich abbildet, vielmehr betonen unterschiedliche Modelle unterschiedliche Aspekte (Wiedenhöft 2005, S. 77).

Im Weiteren betont sie, dass manche konkrete metaphorische Redewendung in mehr als einem Konzept codiert werden könne, alltagssprachliches Denken also immer mehrere Konzepte miteinander legiere (ebd., S. 78 f.). Diese Überlappungen sind allerdings auch dem breiten Zugriff auf das Phänomen „Alltagsvorstellungen“ geschuldet; ein spezifischer Zugriff auf ein soziales Milieu wie z. B. bei Geffert (s. o.) ermöglicht es, spezifische Konzepte und deren Implikationen zu rekonstruieren.

Festhalten lässt sich als Anregung insbesondere bei Gansen (2010) die Vielfalt möglicher Erhebungen für Metaphernanalysen, die vom Unterrichtsmitschnitt konventioneller und nicht konventioneller Lehrformen bis zur Dokumentenanalyse schultypischer schriftlicher Produktionen, vom Schulaufsatz mit unterschiedlichsten Aufgabenstellungen bis zum selbst verfassten Gedicht reichen. Dennoch weisen diese ersten, heterogenen Erschließungen des breiten Felds der kindlichen und jugendlichen metaphorischen Konstruktionen von Selbst und Welt in ihrer Vielfältigkeit (nach Geschlecht, Alter, sozialem Hintergrund, besonderen biografischen Umständen wie Sinnesbehinderungen und idiosynkratischen Erfahrungen etc. und Kontexten des Wissenserwerbs) noch viele Forschungslücken auf. Diese stellen vielversprechende Themen für weitere Studien dar. Vielfältiger erscheinen die folgenden Studien zu Lehrenden.

4.2.1.2 Metaphern der Lehrenden

Die Untersuchung der metaphorischen Denkweisen von Lehrenden weist eine größere Zahl empirischer Forschungen auf. Sehr früh nutzte Munby Metaphernanalysen (Munby 1982, 1983, 1986, 1987, 1990). Der Aufsatz von Russel, Munby (1990) sei exemplarisch benannt: Er konzentriert sich auf einen spannenden Moment, die Veränderung der Wahrnehmung von professionellen Problemen des Lehrerhandelns im Laufe mehrerer Interviews. Dabei lehnt er sich an die soziologische Professionsforschung in der Tradition von Donald A. Schön (siehe Abschn.  3.6.1) an und leitet nachvollziehbar aus den Defiziten der jeweiligen metaphorischen Modelle implizite Handlungsprobleme ab. Methodisch problematisch ist die Beschränkung auf wenige, für wichtig gehaltene Metaphern, die Studie bleibt bei anregungsreichen Einzelfällen stehen. Leider geben Munby und Russel auch sonst kaum Hinweise auf ihre konkrete Vorgehensweise bei der Metaphernanalyse.

Stärker auf die metaphorische Konstruktion der Rolle der Lehrenden gehen die Studien von De Guerrero und Villamil (2000, 2002) ein. Sie betonen, Lakoff und Johnson ein wenig zu kurz verstehend, dass Metaphern nicht nur ein kognitives, sondern auch ein soziales Phänomen seien, und baten Englischlehrende in Puerto Rico zunächst in einem Satzergänzungstest vom Typus „Ein Lehrer ist wie …“ um eine metaphorische Vervollständigung. Im Verlauf des Workshops wurde die genannte Bildlichkeit in Diskussionen weiter differenziert, die Gruppendiskussion aufgezeichnet und nach Cameron und Low (1999) ausgewertet. Es entstanden die folgenden komplementären Konstrukte:
  • Lehrer als kooperativer Führer, Schüler als aktiver Teilnehmer,

  • Lehrer als Wissenslieferant, Schüler als Empfänger von Wissen,

  • Lehrer als Herausforderer, Schüler als Objekt des Wandels,

  • Lehrer als Ernährer, Schüler als sich entwickelnder Organismus,

  • Lehrer als Reformer, Schüler als Widerständiger,

  • Lehrer als Anbieter von Werkzeug, Schüler als Baumeister,

  • Lehrer als Künstler, Schüler als Rohmaterial,

  • Lehrer als Reparateur, Schüler als defektes Individuum,

  • Lehrer als Trainer, Schüler als Sportler.

Eine Analyse der theoretischen Annahmen hinter diesen Metaphern zeigt heterogene ältere und neuere Postulate. Ähnlich wie bei Wiedenhöft (2005) waren Überlappungen zwischen den einzelnen metaphorischen Konzepten zu finden und die Codierung nicht eindeutig. In ihrem Resümee betonen die Autoren die Wichtigkeit der Reflexion der von den Lehrenden eingebrachten Bilder.

Ebenfalls zur Rolle bzw. dem Selbstbild von LehrerInnen arbeiten Saban (2004) und Saban et al. (2007). Saban (2004) metaanalysiert interessanterweise zunächst die Metaphern, die benutzt werden, um die Rolle von Metaphern in erziehungswissenschaftlichen Diskussionen zu konstruieren. Metaphern werden gesehen als.
  • Spiegel der persönlichen Realität,

  • Mechanismus des Geistes,

  • Sinn herstellendes Werkzeug,

  • Medium der Reflexion,

  • didaktisches Werkzeug und

  • Werkzeug der Evaluation.

In dieser ersten Studie bot Saban auf einer ankreuzbaren Skala 20 zentrale, aus der bisherigen Literatur extrahierte Metaphern an, die vorab in lehrerzentrierte bzw. schülerzentrierte Konzepte unterschieden wurden. Entsprechend dem quantifizierenden und deduktiven Zugang sind die Ergebnisse nur begrenzt mit rekonstruierenden Metaphernanalysen zu vergleichen. Es fällt auf, dass Lehrerinnen stärker als ihre männlichen Kollegen die als „schülerorientiert“ klassifizierten Metaphern ankreuzten. Die Studie von Saban et al. (2007) ist etwas stärker qualitativ angelegt: Nicht weniger als 1142 Lehramtsstudierende wurden gebeten, den Satz „Ein Lehrer ist wie …, weil …“ als Aufsatz zu vervollständigen; sie hatten dafür 45 min Zeit. Dieser Zugang fokussiert allerdings nur wenige Metaphern in einer handlungsfernen Erhebungssituation. Hier könnte man mit Hinweis auf Moser (2000), die in ihrer Studie einen Bruch zwischen den Metaphern des idealen und des realen Selbst gefunden hatte, kritisch anmerken, dass hier nicht unbedingt die handlungsrelevanten Metaphoriken generiert wurden (vgl. Abschn. 4.6.2.6). Ähnlich der Studie von De Guerrero und Villamil (2002) ließen sich Rollenpaarungen für das Lehrerhandeln finden; über diese oben genannte Studie ergaben sich noch die Modelle „Organisationsberatung/Schüler als Objekt der Veränderung“ und „Autorität/Folgsamkeit“. Die AutorInnen notierten, dass die angehenden LehrerInnen sich selten auf eine oder wenige Metaphern beschränkten. Der Gegenstand erzwingt eine komplexe Verbildlichung, sodass die rationale Kritik einzelner Bilder die tatsächlich gelebte Vielfalt metaphorischer Konzeptualisierung im Moment des Handelns unter Umständen wenig trifft. Die Studie wurde in der Türkei durchgeführt, die Forschenden sahen jedoch keine besonderen kulturellen Eigenarten, eher eine Übereinstimmung mit Denkmustern in anderen Kulturkreisen28. Lehramtsanwärterinnen wählten etwas häufiger als ihre männlichen Kollegen Metaphern aus dem Bereich der Vermittlung, des organischen Wachstums und der Beratung. Eine Vertiefung im Sinne einer Genderdiskussion (vgl. Abschn. 4.7) findet sich nicht.

Einen sonst unbeachteten Aspekt des Lehrerhandelns diskutiert Breymaier (2004). Sie rekonstruiert die Metaphern der Kooperation von LehrerInnen miteinander in einer Schule in der Veränderung: An einer Schweizer Primarschule sollte ein Integrationszentrum mit heilpädagogischen Ansätzen integriert werden, um die Sonderbeschulung von Kindern mit Entwicklungsrückständen zu verhindern. Breymaier findet Kooperation als Bindung, Behälter, Gespräch, Gewicht, Reise, Geben und Nehmen, Hausbau, Produktion sowie als Recht und Ordnung. Anhand der zum Teil defizitären Implikationen einzelner metaphorischer Konzepte weist sie nach, dass die Hinzuziehung einer externen, keiner der handelnden Parteien verpflichteten Person sinnvoll sein könne.

Sehr reflektierte Überlegungen zur Analyse von Metaphern im Kontext des Lehrens bietet Low (2003). In seiner ausführlichen Metaanalyse von fünf älteren Studien pointiert er beispielhaft zahlreiche Verkürzungen im Sampling, in der Konzeptbildung und der allzu optimistisch eingeschätzten Verallgemeinerungsfähigkeit der Aussagen. Allerdings vermag auch Low nicht zu sehen, dass die Rekonstruktion eines metaphorischen Konzepts eines hermeneutischen Sinnverstehens bedarf, das nicht durch Regeln der Zuordnung von metaphorischen Redewendungen zu Konzepten ersetzt werden kann. Dennoch regt seine kritische Musterung bisheriger Studien an, verkürzende Erhebungen und Auswertungen zu vermeiden. Es sind noch weitere Studien zu den Metaphern der Lehrenden zu finden wie z. B. McGrath (2006), die jedoch im Umfang deutlich kleiner und in der Erhebungsmethodik verkürzend sind oder die veraltete Begrifflichkeit von Lakoff und Johnson (1980) nutzen und daher keine darüber hinausgehenden Ergebnisse erbringen.

Marsch (2009) richtet sich in ihrer explorativen und mit einem breiten Methodenspektrum argumentierenden Dissertation auf die Metaphern des Lehrens und Lernens – und damit auch auf das Denken, Reden und Handeln – von BiologielehrerInnen. Sie fragt, ob in den subjektiven Theorien von Lehrenden dieses Fachs bildliche Muster zu identifizieren sind, die einer moderat-konstruktivistischen Auffassung des Lehrens eher zuarbeiten als andere und ein Gegengewicht gegen klassische, lehrerzentrierte und auf Stoffvermittlung orientierte Selbstbilder darstellen. Eine umfangreiche, multimethodische Herangehensweise (Erhebung: Interviews, Videoanalysen und zwei Fragebögen; Auswertung: Inhaltsanalyse nach Mayring, systematische Metaphernanalyse und quantitative Auswertung der Fragebögen und Videocodierungen) setzt die Metaphernanalyse in Kontrast zu den Ergebnissen der anderen Methoden. Sie erhält weitgehende Übereinstimmungen im Hinblick auf das Ausmaß, in dem schülerzentrierte im Gegensatz zu instruktionalen (lehrerzentrierten) Handlungsweisen abgebildet werden. Dies gilt sowohl für die Interviews mit Lehrenden wie für einen Schülerfragebogen, der offene wie geschlossene Fragen (mit vorgegebenen Metaphern) zu den eigenen Vorstellungen vom Lernen enthält und den nicht weniger als 366 SchülerInnen ausfüllten. Eine Teilstudie versammelt fünf HochschullehrerInnen in Experteninterviews zur Frage nach der Eignung bestimmter Sprachbilder (Bauen und Konstruieren, Gehen und Reisen, Geben und Nehmen, Leben und Wachsen, Arbeiten und Leisten) für ein konstruktivistisch orientiertes Lehren und Lernen (ebd., S. 67 ff.). Insgesamt fällt auf, dass diese allgemeinen metaphorischen Konzepte sehr gegensätzlich gefüllt werden können.

Ein abschließender Abschnitt diskutiert die Metaphern des Lehrens und Lernens in einer Gesamtschau im Hinblick auf konstruktivistische Implikationen (ebd., S. 74–96). Vier zentrale metaphorische Muster (Lehren und Lernen ist: Gehen und Reisen, Eintrichtern und Verinnerlichen, Bauen und Konstruieren, Verbinden und Verknüpfen) werden im Hinblick auf ihr „hiding“ und „highlighting“ diskutiert, bevor weniger häufige Konzepte ebenfalls kurz skizziert werden (Lehren und Lernen als Pflanzen und Gärtnern, Sehen und Aufdecken, Arbeiten und Leisten, Bilden und Prägen, Speichern und Verstauen, Kämpfen und Trainieren). Die Autorin kann keine Metapher als die beste im Sinn konstruktivistischer Theorien identifizieren. Tendenziell sind Vorstellungen, welche die Aktivität der SchülerInnen ins Zentrum stellen, mit konstruktivistischen Annahmen besser zu verknüpfen. Als Fazit für die Lehramtsausbildung formuliert die Autorin, dass Gelegenheiten geschaffen werden müssten, in denen die zukünftigen LehrerInnen ihre eigenen Bilder identifizieren, Stärken und Schwächen derselben erkennen und die eigene Rolle gegebenenfalls kritisch reflektieren können.

In den Teilstudien finden sich gegensätzliche Interpretationen innerhalb von globalen Konzepten wie dem des Lernens als Reisen und Gehen (vom fürsorglichen Begleiten bis zum autoritären Führen). Der Gewinn, den die globalen Metaphernkonzepte als Ergebnis einer Metaphernanalyse erbringen, scheint beschränkt zu sein. Das legt für zukünftige Studien nahe, metaphorische Konzepte spezifischer für die Untersuchungsgruppe zu rekonstruieren.

Nittel (2006) entwickelt mit sehr breiten Beispielen aus Zeitzeugeninterviews mit ProtagonistInnen der hessischen Erwachsenenbildung die Hypothese, dass der metaphorischen Sprache eine besondere und bisher zu wenig betrachtete Rolle im Professionswissen zukomme. Insbesondere einige der Erfolgreichen, die in ihrer beruflichen Laufbahn persönliche Wandlungs- und Entfaltungsprozesse durchlebt hätten und nicht auf formale Bildungsabschlüsse zurückgreifen konnten, hätten in den narrativ-biografischen Interviews auf eindrückliche Metaphern zurückgegriffen. Metaphern erwiesen sich als besondere Form der Aggregierung des Professionswissens in Unterscheidung zum theoretischen Wissen.

Als Fazit aller Studien zum Denken und Handeln von Lehrenden fällt auf, dass viele davon die Metaphorik von Lehrenden in deren Ausbildungskontext erhoben und eine Reflexion der mitgebrachten Denkschemata ermöglichten.29 Hier sind noch weitere spannende, ausbildungsnahe Studien möglich. Gleichzeitig verweist Nittel auf offene wissens- und professionssoziologische Fragen: Welchen Status hat metaphorisches Denken und Sprechen in den Professionen in Abgrenzung zu Metaphern der Wissenschaft (Abschn.  1.4.6) oder dem Denken im Alltag (Kap.  3)? Diese Frage könnte auch an die professionssoziologischen Ansätze von Schön (1979) und Polányi (1985) (beide Abschn.  3.6.1) anknüpfen.

4.2.1.3 Lehren und Lernen: Metaphern der Didaktik

Petrie (1979) und Petrie und Oshlag (1993) schlagen vor, Lernen als den Erwerb der mit einer Metapher verbundenen neuen Modellvorstellung eines Gegenstands zu begreifen, Lernen sei also „conceptual change“, ein Wandel der Metapher. Gropengießer (2004) und die sich auf ihn berufenden AutorInnen (s. u.) legen stärker den Wert auf Lernen als „conceptual development“, d. h. die Entwicklung und Ausdifferenzierung vorhandener metaphorischer Schemata. Damit ist eine Debatte über die Rolle der Metapher in der Didaktik skizziert, deren Verästelung hier nicht skizziert werden kann.30 Dass die Interaktion des Lehrens und Lernens nicht ohne Metaphern auskommt, haben im deutschsprachigen Raum Peyer und Künzli (1999) an sechs Didaktiken exemplarisch gezeigt. Die reflektierte Anwendung von Sprach- und Denkbildern kann sich auf Gropengießer (1998, 1999, 2003, 2004, 2007, 2008) stützen, den wichtigsten Förderer der kognitiven Metapherntheorie in der Didaktik der Naturwissenschaften. Die erste Arbeit (Gropengießer 1998) erschließt das Begriffsinventar vor allem von Lakoff (1987) zur Rekonstruktion von Vorstellungen der SchülerInnen im Hinblick auf das Sehen (als Gegenstand des Biologieunterrichts). Die zweite Arbeit (Gropengießer 1999) plädiert in der bis dahin stark durch quantitative Erhebungsmethoden geprägten Fachdidaktik für andere Erhebungsformen, um eine kognitionslinguistisch adäquate Dokumentation der vorhandenen Denkschemata zu ermöglichen: Auch die fachdidaktische Lehr- und Lernforschung müsse qualitative Forschungsverfahren zur Identifikation von Deutungsmustern nutzen. Den konstruktivistischen Hintergrund formuliert Gropengießer (2003) zu einer Theorie der didaktischen Vermittlung aus, bevor derselbe (2004) seine Metaphernanalyse zu typischen metaphorischen Denkfiguren zum Lehr-Lernprozess entfaltet, die den szenischen Charakter vieler Konzepte herausarbeitet. Gropengießer (2007) skizziert seine an Lakoff und Johnson angelehnte Theorie des erfahrungsbasierten Verstehens im Biologieunterricht und auch später (2008) bietet er ein engagiertes Plädoyer, die Auffassungen der Lernenden vom Lerninhalt mithilfe der kognitiven Metapherntheorie zu erheben, bevor gelehrt wird.

Niebert (2010) widmet sich in seiner Dissertation exemplarisch der Erarbeitung der Didaktik eines konkreten Themas, des Klimawandels, vor dem Hintergrund von Gropengießers Ansatz.31 Er vereint Konstruktivismus und die kognitive Linguistik (als „Theorie des erfahrungsbasierten Verstehens“ reformuliert), die im Forschungsrahmen der „Didaktischen Rekonstruktion“ (Kattmann et al. 1997) verbunden werden. Lernen wird als „conceptual reconstruction“ (ebd., S. 23–26) verstanden, Lernende seien keine Tabula rasa, im Gegenteil: Alltagsvorstellungen erwiesen sich gegenüber einer Vermittlung oft als hartnäckig und seien deshalb in den Lernprozess einzubinden. Das Modell der „Didaktischen Rekonstruktion“ fügt dem hinzu, dass auch wissenschaftliche Vorstellungen historisch und sozial gebundene Konstrukte seien. Sie müssten ihrerseits erst auf zentrale Schemata hin untersucht werden, bevor ein Abgleich zwischen alltäglichen und fachlichen Denkformen Inhalte und Leitlinien der Vermittlung ergebe. Nieberts Interesse ist konkret: Wie lassen sich wichtige Aspekte des Klimawandels erfolgreich vermitteln? Dazu werden zunächst Fachtexte samt ihren Grafiken mithilfe der Inhaltsanalyse nach Mayring und der systematischen Metaphernanalyse im Hinblick auf zentrale Denkfiguren rekonstruiert. Die Analyse basiert zudem auf Interviews mit insgesamt 35 Lernenden zum gleichen Thema.

Auf Grundlage der Vorstellungen zum Klimawandel identifiziert Niebert verschiedene Denkmuster in der Wissenschaft und bei Lernenden. Es sind Konzepte wie die eines „natürlichen“ und eines „künstlichen“ Kohlenstoffdioxids, eines anthropogenen Ungleichgewichts oder auch eines Lochs in der Atmosphäre, die das Denken zum Klimawandel prägen. Ein Speicher-Fluss-Schema wie Metaphern von Start–Weg–Ziel, des Kreislaufs, des Verbrennens als Verschmutzung und Personifizierungen finden sich („CO2 frisst ein Loch in die Ozonschicht“). Die didaktische Strukturierung vergleicht die wissenschaftlichen und alltäglichen Denkfiguren, entdeckt Gemeinsamkeiten wie Verschiedenheiten und diskutiert die Metaphern im Hinblick auf verständnisförderliche und -hinderliche Aspekte – mit interessantem Ergebnis: Lernende denken wie WissenschaftlerInnen mit dem Schema des Speichers, des Flusses oder mit dem des Gleichgewichts zum Klimawandel. Wissenschaft nutzt dieselben Schemata in elaborierter Weise.

Aufbauend auf diesen Ergebnissen entwickelt Niebert Lernangebote, welche die metaphernanalytisch rekonstruierte Erfahrungsbasis der Lernenden und der Wissenschaft als Grundlage nehmen. Dabei stellt er den gedanklichen Schemata materielle Modelle gegenüber, um die wie selbstverständlich verwendeten Muster zum Verstehen des Klimawandels erfahrbar und bewusst zu machen. Den Schemata kann nun die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt und ihre angemessene bereichsspezifische Verwendung ausgearbeitet werden. Es ist, als würde mit den Denkwerkzeugen so lange hantiert, bis mit ihnen ein adäquates Begreifen der Phänomene möglich wird.

Das neunte Kapitel stellt die Evaluation der Lernangebote dar: Die Vermittlung geschieht in Experimenten, die zusammen mit den Eingangsinterviews und der videografierten Durchführung in Kleinstgruppen eine eigene Forschungsmethode darstellen. Individuelle Denkpfade im Rahmen dieser Modelle für einzelne Beteiligte werden rekonstruiert. Niebert zeigt mithilfe der Metaphernanalyse, dass Lernen nicht zwangsläufig auf eine Entwicklung neuer Vorstellungen zielt („conceptual change“), sondern auf ein Umlernen anhand vorhandener Schemata („conceptual growth“) (vgl. Niebert et al. 2012).

Vor dem Hintergrund der von Gropengießer angeregten Untersuchungen in der Biologiedidaktik finden sich weitere AutorInnen: Langlet (2004) untersucht an wechselnden Beispielen die kognitiven und rhetorischen Funktionen von Metaphern im Biologieunterricht; Groß (2004) diskutiert lebensweltliche Vorstellungen als Hindernis und Chance bei Vermittlungsprozessen im Kontext von Symbiosen von Pilz und Ameisen; und Riemeier (2004) rekonstruiert, warum die metaphorische Alltagsvorstellung von der Zelle als abgegrenztem Raum im Biologieunterricht stört – und deshalb explizit aufgenommen und angesprochen werden muss (ähnlich: Riemeier und Gropengießer 2008).

Weitere Anregungen zur Didaktik sind in der Literatur zu finden: Lakoff und Núñez (2000) zeigten, dass Metaphern auch mathematisches Denken durchziehen. Ruwisch (2003, 2004) hat erste Versuche unternommen, dies für die Didaktik der Mathematik weiterzuentwickeln. Danesi (2007) hat auf der Basis von Lakoff und Núñez (2000) in einer experimentellen Studie nahegelegt, dass es manchen Studierenden das Verständnis der Mathematik erschwert, wenn sie die metaphorischen Implikationen der mathematischen Symbolik nicht verstehen, und hat Konsequenzen für die Vermittlung angeregt.

Auch in der Physik regte die kognitive Metapherntheorie didaktische Überlegungen an: Kasper (2008a) stellte die Relevanz von Lakoff und Johnson an metaphorisch präformierten Gegenständen des Physikunterrichts vor, er schlug (2008b) vom Schulbuch bis zu populärwissenschaftlichen Texten Material zur Analyse der vorhandenen alltäglichen wie wissenschaftlichen Denkbilder physikalischer Erscheinungen vor. Carroll und Eifler (2002) untersuchen dagegen die Metaphern der Lehrenden für Technologie selbst. Die Begrifflichkeit der kognitiven Metapherntheorie und die Methodik der Analyse werden im Gegensatz zu Kasper nur ansatzweise herausgearbeitet. Carew und Mitchell (2006) finden fünf Metaphern von Lehrenden verschiedener Ingenieurschulen für Nachhaltigkeit, als „weaving“, „garding“, „trading“ und „observing limits“. Sie seien unverzichtbar im lehrenden Gebrauch, obschon alle Metaphern Begrenzungen in der Beschreibung des Phänomens implizierten. Nicht im engeren Sinn eine metaphernanalytische Studie, aber ein hilfreiches didaktisches Experiment zur Klärung von Lernschwierigkeiten beim Fremdsprachenerwerb bieten Deignan et al. (1997). 143 polnische Studierende wurden gebeten, englische Sätze in ihre Sprache zu übersetzen. Worte mit gleicher buchstäblicher, aber unterschiedlicher metaphorischer Bedeutung und unterschiedliche metaphorische Konzepte erwiesen sich als Problem; die AutorInnen schlagen daher Metaphern sensibilisierende Übungen im Fremdsprachenunterricht vor.

Auch dieser Abschnitt eröffnet ein großes Arbeitsprogramm: Die für die einzelnen SchülerInnen wie für ganze Jahrgangsstufen typischen metaphorischen Präkonzeptualisierungen der unterschiedlichen Lerninhalte sind noch zu rekonstruieren. Dies gilt nicht nur in der Primar- und Sekundarstufe, sondern auch in der Hochschuldidaktik: So erweisen sich z. B. die lebensweltlichen Metaphern des Begriffs der „Gesellschaft“ bei Studierenden der Sozialen Arbeit als weitgehend inkompatibel zu Metaphern der soziologischen Theorie (Schmitt in Vorbereitung). Insbesondere dominierte die Metaphorik der Gesellschaft (oder des Staats) als Person, die in elterlicher Funktion verstehen und versorgen soll und diesen Aufgaben nicht nachkommt. Wie mit solchen mit wertenden Affekten aufgeladenen Vorannahmen, die die Rezeption anderer Denkformen zumindest stören, in der Hochschuldidaktik umgegangen werden kann, ist derzeit nicht systematisch untersucht. Die wissenschaftlichen und praktischen Implikationen der kognitiven Linguistik für die Didaktik sind bisher gerade in Ansätzen entwickelt.

4.2.1.4 Pädagogische Biografie-, Beratungs- und Lebensweltforschung

Hünersdorf und Studer (2011) beschreiben in einer explorativen Studie Metaphern für Beziehungen von Pflegeeltern zu den aufgenommenen Kindern. Vor dem Hintergrund der Geschichte des Begriffs der „Liebe“ im pädagogischen Diskurs rekonstruieren sie dessen Zwiespältigkeit angesichts des Risikos der (nicht nur sexuellen) Übergriffigkeit einerseits, einer entfamiliarisierenden Professionalität der Pflegefamilien andererseits. Im ersten von zwei dicht kommentierten Interviews wird gegenüber der Pflegetochter in vereinnahmenden Metaphern eine notwendige Distanz nicht gewahrt (z. B. in dem Sinne, dass sie den neuen „Familiengeruch“ angenommen habe, ob sie wolle oder nicht). Im zweiten Fall erscheint die Beziehung in Bildern zeitlich begrenzter „Dienstleistung“. Diese Metaphern sind Kondensate von Fallbeispielen, weitere Metaphern werden nicht genannt.

Schröder (2011, 2012, 2014, 2015) untersucht exemplarisch, welche sprachlichen Konstruktionen Männer zum Verständnis des Beratungsprozesses im Kontext häuslicher Gewalt wählen, und findet das dominierende metaphorische Konzept „Beratung ist Schule“: Nicht nur die verwendeten Worte, sondern auch das Handeln in der Situation folge diesem Muster (z. B. Verdeutlichung von Zusammenhängen durch den Berater an einer Tafel; der Klient spricht von seinen „Hausaufgaben“, die er auf Anraten des Beraters übernommen hat).32

Karl (2006) versucht, Metaphern als „Spuren“ von Diskursen in biografischen Texten zu rekonstruieren. Ihr Ansatz ist insofern bemerkenswert, dass Metaphernanalysen genutzt werden, um „Verschränkungen von Individuations- mit Vergesellschaftungs- und Vergemeinschaftungsprozessen zu analysieren“ (Karl 2007, Abs. 3), denn sie geht davon aus, dass Erzählende in vergangene und gegenwärtige Diskurse verstrickt sind (ebd., Abs. 20). Metaphern seien die Schnittstelle zwischen dem Subjekt, das sich gleichzeitig den Diskursen unterwirft wie sich ihrer kritisch vergewissert, und jenen diskursiven Formationen als überindividuellen und symbolischen Ordnungen (ebd., Abs. 10).

Im Kontext einer psychologischen Biografieforschung war der eigene Aufsatz (Schmitt 1996) in einer Kritik an Straub und Sichler (1989) daran orientiert, das Verhältnis von sozialer Strukturierung und individueller Konstruktion zu bestimmen: Individualität erscheint als spezifische Auswahl von metaphorischen Denkmöglichkeiten, die in einem bestimmten Milieu zu einer bestimmten Zeit möglich sind. Die Konsequenz dieser Überlegung für die Methodik einer Metaphernanalyse besteht darin, dass die Analyse keinesfalls bei auffallenden individuellen Sprachbildern stehen bleiben darf, sondern das Geflecht der individuellen Metaphernverwendung rekonstruieren muss. Darüber hinaus bedarf es zum Vergleich eine Rekonstruktion kultureller Hintergründe, vor dem die Eigenheit individuellen Sprechens erst gezeigt werden kann. – Die Erschließung zentraler Metaphern des Lehrens und Lernens einer in der Erwachsenenbildung Tätigen und deren Wandel im Lebenslauf in Schmitt (2006a) legte erneut nahe, dass erst die komplexe Ergänzung auch widersprüchlicher Metaphern eine individuelle Ausdrucksgestalt ergibt, und ferner, dass Beschreibungen des Berufs und der Biografie erstaunliche Ähnlichkeiten enthielten. In Schmitt (2013a) wurde am Fallbeispiel einer an Brustkrebs erkrankten Frau gezeigt, dass die Metaphernanalyse biografische Wandlungsprozesse in einer Weise aufschlüsselt, die eine Verknüpfung mit dem Bildungsbegriff von Marotzki nahelegt: Die Metaphernanalyse rekonstruiert in der Wiederkehr und Veränderung zentraler Bilder jenes Phänomen der „Bildung“ nicht als bereichsspezifische Wissenserweiterung, sondern als Veränderung der „Haltung und Auffassung […], die der Einzelne sich selbst wie auch der Welt gegenüber einnimmt“ (Marotzki 2006, S. 63).

Zusammengefasst lässt sich angesichts der wenigen Studien unter der breiten Überschrift der pädagogischen Biografie-, Beratungs- und Lebensweltforschung formulieren, dass nach exemplarischer Klärung der methodischen Grundlagen viele Forschungsfragen offen sind. Dies gilt auch, wenn man sich die weiteren Hinweise zur Biografieforschung in Erinnerung ruft, die sich der Erziehungswissenschaft zuordnen lassen (Norton 1989; Horsdal 2013) und am Ende des Abschn.  3.4.3 anlässlich der Frage nach dem Verhältnis von Narration und Metapher diskutiert wurden, und wenn man die wenigen Studien ohne Bezug auf die kognitive Metapherntheorie im Abschn. 4.2.2.3 noch einbezieht. Das Phänomen Bildung als Erwerbung, handelnde Verwirklichung und reflexive Veränderung zentraler Deutungsschemata jenseits der schulischen Bildung könnte sich als wichtiges Aufgabenfeld der Metaphernanalyse entwickeln.

4.2.2 Empirische metaphernanalytische Arbeiten ohne Bezug zu Lakoff und Johnson

In den im folgenden Kapitel skizzierten metaphernanalytischen Arbeiten findet sich die kognitive Linguistik entweder nur undifferenziert zitiert, da zentrale Merkmale der kognitiven Metapherntheorie (u. a. Rolle des Konzepts und der Schemata, Wichtigkeit alltäglicher Metaphern) nicht aufgenommen werden, oder sie wird überhaupt nicht erwähnt. Es bietet sich eine ähnliche Unterteilung dieses Unterkapitels an, jedoch lässt sich ein neues Feld identifizieren:
  • Metaphern der Lehrenden,

  • Metaphern der Lernenden,

  • Metaphern in der erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung,

  • Metaphern der populärwissenschaftlichen Vermittlung.

Diese Arbeiten werden dahin gehend diskutiert, ob sie weitere Erhebungsmethoden, ergänzende Hinweise zur Auswertung oder substanzielle Funde zu einer erziehungswissenschaftlichen Metaphernforschung beitragen.

4.2.2.1 Metaphern der Lehrenden

Sfard (1998) kritisiert in ihrem oft zitierten Aufsatz sehr differenziert die metaphorische Substanzialisierung des Lern „stoffs“ als „Aneignung“ vor dem Hintergrund der „Teilhabe“-Metaphorik. Leider fasst sie unter dem Terminus „Aneignung“ auch Behälter- und Konstruktionsmetaphern – eine Orientierung am Konzeptbegriff der kognitiven Linguistik hätte diese inhomogene Typologie vermieden.

Ihrer dichotomisierenden Einteilung „Aneignung“ versus „Teilhabe“ folgt auch Elmholdt (2003) in seiner Studie über das Lernen in einer Softwarefirma. Bullough (1991) und noch stärker Bullough und Stokes (1994) nutzen eine explizite Erfragung von Metaphern mit mehrfacher Datenerhebung während des einjährigen Kurses zur Ausbildung von LehrerInnen (22 Teilnehmende). Es bleibt bei einer impressionistischen und fallbezogenen Auswertung. Der Befund, dass diejenigen, die der Reflexion ihrer Metaphern abgeneigt waren, die Schuld am Misslingen ihres Unterrichts eher bei anderen bzw. in den Umständen suchten und dominanter im Seminar waren, ist anregend, müsste aber erst erhärtet werden.

Farrell (2006) geht auch davon aus, dass man die gelebten Metaphern der künftigen LehrerInnen als „belief systems“ analysieren müsse, bevor sie ausgebildet und in die Praxis vermittelt werden. Seine Erhebungsmethodik ist bereits eine Intervention: Er ließ Journale vor und während der sechsmaligen Kursteilnahme schreiben, stiftete Gruppendiskussionen über die verwendeten Denkbilder und dokumentierte deren Veränderung in Interviews. Die Auswertung bleibt aber trotz der Zitierung von Lakoff und Johnson in einen groben System gefangen, er unterteilt die gefundenen Metaphern in a) soziale Ordnung (hierzu zählt er auch die Metapher der Produzierens), b) kulturelle Weitergabe, c) schülerorientiertes Wachstum (hier fallen so heterogene Metaphern vom Lehrer als Ernährer bis zum Entertainer zusammen) und d) soziale Reform (Lehrer als Partner, als Unterstützer). Die Kategorienbildung bleibt also als Sammlung von Bildbrüchen hinter der Erhebung zurück.

Ebenfalls als Verlaufsstudie, aber als Einzelfall präsentiert Sumsion (2002) die Ergebnisse von Interviews im Verlauf von sieben Jahren mit einer angehenden Grundschullehrerin, die ihre Motivation zum Beruf im Verlauf der Ausbildung und der ersten Praxiszeit verliert. Sie fordert die Frau in der Erhebungssituation auf, ein Bild von sich zu malen, das als Metapher für die gegenwärtige Situation entfaltet wird, eine metaphernanalytisch nachvollziehbare Gesamtinterpretation wird jedoch nicht geboten. Der Eindruck, dass die Kreativität der Erhebung größer ist als die Solidität der Kategorienbildung in der Auswertung, zeigt sich auch in einer frühen Arbeit von Richards und Gipe (1994). Datenquellen sind jeweils ein Text der AusbildungskandidatInnen, in dem die eigene Metapher für das Lehren beschrieben werden soll, die wöchentlichen Berichte der Unterrichtserfahrung und eine teilnehmende Beobachtung bei mindestens acht Terminen bei 23 LehrerInnen. Der Metaphernbegriff entstammt jedoch frühen experimentalpsychologischen Ansätzen und beschränkt sich auf konventionalisierte Metaphern (vgl. Abschn. 4.6), die Studie orientiert sich dann irritierenderweise bei der Kategorienfindung an der „Grounded Theory“ und unterscheidet nur wenige Hauptklassen: „Lehrer als Informations-Geber“ und „schülerzentriert“, das Curriculum selbst wird in der Metapher von der „Reise“ und der des „Besitzes“ gesehen. Es folgen drei interessante Einzelfallbeispiele mit spezifischeren Metaphern (z. B. Schule als Restaurant, Lehrer als Koch), aber solche gelebten metaphorischen Haltungen verschwinden in der Grobklassifikation.

Vadebonceur und Torres (2003) werden in ihren Einzelfallanalysen der Metaphern zukünftiger LehrerInnen von einer unbrauchbaren Dichotomie zwischen bloßen „surface metaphors“ und „generative metaphors“ in ihrer Auswertung beschränkt, da sie mit letzteren eine zentrale Metapher einer einzelnen Person meinen – eine metaphorisch induzierte Verkürzung von Metaphernanalysen ähnlich der „Wurzelmetapher“ (vgl. Abschn.  1.3.4 und  1.4.5). Auch hier ist die Erhebung spannend: Von der Masterthesis bis hin zu Studienberichten aus dem Verlauf von zwei Jahren werden reale Dokumente aus der Lebens- und Lernpraxis untersucht. Metaphern zur Analyse der sozialen Wirklichkeit von Erziehung diskutieren Bloom und Erlandson (2003) anhand der Interviews mit drei afroamerikanischen Schulleiterinnen, sie reduzieren die Analyse jedoch auf die Metapher des Kampfes um „Sichtbarkeit“ (visibility).

Abschließend sei noch auf die Übersichtspublikation von Allister und McLaughlin (1996) hingewiesen, welche nach der Forderung, dass die Metaphern der Lehrenden in ihren Folgen für ihr Handeln untersucht werden müssten, und einer informativen Skizzierung von bisherigen Arbeiten mit der für die sozial- und erziehungswissenschaftliche Rekonstruktion recht unbrauchbaren Beschwörung endet, Metaphern seien letztendlich ein Mittel des kreativen Denkens.

4.2.2.2 Metaphern der Lernenden

Auch bei den folgenden Studien werden interessante Datenerhebungen mit ungenügenden Auswertungen um ihre Ergebnisse gebracht: Proctor (1991) findet mithilfe von Fokusgruppen mit Teilnehmenden der Erwachsenenbildung, dass es für einige eine „Buße“ sei, sich im späteren Alter die Schulabschlüsse zu erarbeiten, die in der Jugend versäumt wurden; andere sprechen von einer „Sucht nach Lernen“. Der Autor rekonstruiert die Metapher der „Familie“ der Lernenden, die für das Milieu der Erwachsenenbildung hilfreich sein könnte. Hier wie in der folgenden Studie hätte die Rekonstruktion in sich homogener metaphorischer Konzepte das Ergebnis vertiefen können: Bozlk (2002) fragt SchülerInnen allgemeinbildender Schulen direkt nach Metaphern und erhält daher eher kreativere Sprachbilder: Schülerinnen als Schwamm, als Kind, als Eichhörnchen, als Computer. Im anschließenden Interview wurde das Bild elaboriert, aber die Auswertung bleibt eine einfache Klassifikation und findet kaum Zusammenhänge. Die Autorin folgert, dass Bilder der Passivität dominieren. Calvert (2000) betont die Rolle der Metaphern im kindlichen Denken, es bleibt jedoch bei anekdotischen Fallbeispielen aus Unterrichtseinheiten zum Philosophieren mit Kindern. Ebenfalls beim Philosophieren mit Kindern entwickelt Hymer (2003) lediglich die Metaphorik der „konzeptuellen Spielwiese“ für Kinder. Über die Metaphern in Satzergänzungstests geht Lahelma (2002) nicht hinaus, wenn sie während der Schulzeit und danach aus der Erinnerung fragt, die Auswertung bleibt impressionistisch, keiner Methode und keinem Metaphernbegriff verpflichtet. Ist diese Arbeit eher ethnografisch angelegt, so ist die folgende allzu deduktiv: DeJong (2004) erfragt für ein Mentorenprogramm zwischen Freiwilligen und Kindern aus sozial problematischen Familien die Bilder für die Beziehung in der Betreuung. Aber schon der Fragebogen zur Erhebung gibt als metaphorische Übertragung nur den Vergleich mit anderen Beziehungen vor und enthält keine darüber hinausgehenden Bilder, und das Interview mit ausgewählten TeilnehmerInnen des Programms expliziert nur die dort erfragten Vergleiche. Er erhält als Ergebnis, dass die Familienmetapher oft abgelehnt werde, weil sie mit Disziplin assoziiert sei, und stattdessen die Metapher der Freundschaft gewählt werde.

Zwei Publikationen aus Betriebswirtschaft und Organisationsanalyse beziehen sich auf Ausbildungssituationen: Allan (2007) stellt sich die spannende Frage, welche Metaphern und Praktiken Studierende im E-Learning für den Umgang mit Zeit entwickeln, da diese Lernmethode einen größeren zeitlichen Anspruch auf Verbleib in der virtuellen Lernumgebung stellt. Genutzt werden die dabei entstehenden Postings, in denen die Studierenden auch beraten werden. Allerdings wird deutlich, dass mithilfe eines differenzierteren Metaphernbegriffs eine größere Breite metaphorischer Vorstellungen hätte rekonstruiert werden können: Es werden nur 30 Metaphern zum Umgang mit Zeit in 1140 Postings entdeckt, sodass man folgern muss, dass alltägliche Metaphern offenbar übersehen wurden. Die Kategorienbildung orientiert sich nicht am metaphorischen Konzept, die Autorin findet vier Gruppen von Metaphern: „time as a scarce commodity“, „challenges in managing time“, „conflict between natural study patterns and external factors“, „lack of control“. Die spannende Forschungsfrage ist somit kaum beantwortet.

Eine interessante Beobachtung berichten Gross und Hogler (2005) in der betriebswirtschaftlichen Ausbildung: Die Lerninhalte aus den Bereichen des Markts und der Wirtschaft schlagen sich strukturierend nieder in der Interaktion von Lehrenden und Studierenden als Konsum des angebotenen Wissens und limitieren den produktiven und diskursiven Umgang mit Wissen. Enttäuschenderweise bleibt es eher bei Beispielen, es fehlt eine systematische Rekonstruktion des Befunds, und auch hier wird nur das alte Buch von Lakoff und Johnson (1980) ohne Aufgreifen seiner zentralen Neuerungen feigenblattartig zitiert. Dennoch wäre für die einzelnen Fachdidaktiken fruchtbar zu erforschen, wie ihre Themen als Metapher die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden prägen.

4.2.2.3 Metaphern in der erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung

Auch in diesem Abschnitt spielt die kognitive Metapherntheorie theoretisch und methodisch keine Rolle. Koller (1993, 1994a, 1994b) begreift metaphorische Formulierungen als nachträgliche rhetorische Konstruktion von Erfahrungen und pointiert diese Überlegung gegen die Annahme von Schütze, dass die narrative Erzählung durch ihre Eigengesetzlichkeit und Präzisierungszwänge frühere Bildungsprozesse darstelle. Letztere seien als rhetorische Konstruktion zu verstehen, in denen grundlegende Kategorien unser Welt- und Selbstorientierung umgebildet würden. Daher seien die rhetorischen Figuren interessant, die solche Transformationen möglich machen − diese Rolle traut Koller neben anderen rhetorischen Figuren auch der Metapher zu. Das zwingt zu einem Metaphernbegriff, der die metaphorische Vorkonstruiertheit unserer Erfahrung vollständig ausblendet und dem der kognitiven Metapherntheorie entgegengesetzt ist (vgl. auch Abschn.  3.4). Die Analyse der rhetorischen Strategien verspricht eine weitere Betrachtungsweise, die gleichermaßen soziale, kognitive und biografische Phänomene erfassen kann. Hier ist die Metapher ein Element unter anderen rhetorischen Elementen. Dabei geht jedoch eine Präzisierung metaphorischer Vorstellungen verloren, die sich sowohl aus der Stellung der untersuchten im Kontrast zu anderen Metaphern der Texte als auch aus ihrer Aggregierung zu metaphorischen Konzepten ergibt. So ist in Kokemohr und Koller (1996) in der Analyse einer Biografie nur die Entgegensetzung zweier sehr auffälliger Metaphern zu finden (die „Fruchtblase“ als Schutzraum und die Bundeswehr als „Schießkino“) – das hätte sich am Text vermutlich mit weniger auffälligen Metaphern noch anders ausdifferenzieren lassen.33

Ohne sich an Lakoff und Johnson zu orientieren, hat Nittel (2002) in seiner Studie über berufliche Selbstbeschreibungen von in der Erwachsenenbildung tätigen PädagogInnen metaphorische Bildfelder materialreich expliziert, die den Konzepten nahekommen. Er nennt zum Teil drastische Metaphern für die eigene Arbeit („Misthaufen“), für mangelnde soziale Anerkennung, für Passungen zwischen Beruf und Privatleben, für die konfliktreiche soziale Struktur in Trägern der Weiterbildung und die Spannung zwischen üblichen Bildern der Berufswelt und eigenen Bildentwicklungen – eine weite Palette von metaphernanalytischen Untersuchungszielen ist hier benannt.

4.2.2.4 Metaphern der populärwissenschaftlichen Vermittlung

Einige Publikationen beschäftigen sich mit Schul- und Lehrbuchtexten sowie der populärwissenschaftlichen Vermittlung in einem die Erziehungswissenschaften übersteigenden Anspruch: Ohlhoff (2002) rekonstruiert aus Texten zum Immunsystem, wie das Selbst und das Immunsystem als „freundlich“, Bakterien dagegen als „angreifende Feinde“ metaphorisiert werden: Metaphern des Freund-Feind-Schemas aus gesellschaftlichen und politischen Kontexten würden auf das Material projiziert und rückwirkend würde ein Subjekt konstruiert, das sich auf elementaren Ebenen schon immer „seiner Haut erwehren“ müsse. SchülerInnen lernten, so Ohlhoff, im Unterricht nicht nur neutrale Fakten, sondern kulturelle Praktiken und Denkmuster. Auch wenn die Beispiele beeindrucken, lässt sich begründet vermuten, dass mit einer an der kognitiven Metapherntheorie geschulten Analyse mehr als nur zwei metaphorische Konzepte zu finden gewesen wären.

Vier Studien zur schulischen und populären Vermittlung von Wissen bietet Pramling (2006) in seinen Exkursen über die Gedächtnisforschung, die moderne Genetik, die Evolution und zu Piaget. Er übersieht die zentrale Rolle der metaphorischen Konzepte und so bleibt es bei unverbundenen Metaphernfunden. Er kritisiert die fehlende soziokulturelle Dimension bei Lakoff und Johnson, die er eher bei Vygotsky sieht, ohne dass dies in den Analysen eingelöst werden würde. Weitere Metaphernanalysen von Schul- und Lehrbuchtexten finden sich bei Bock von Wülfingen (2007), die explizit einer Diskursperspektive verpflichtet ist (siehe daher Abschn.  3.5.1), sowie in gendersensiblen Analysen (Martin 1988, 1992, 1993; Wagner et al. 1995, Keller 2000, 2002, Ebeling 2002), die daher im Abschn. 4.7.4.4 besprochen werden.

Zusammenfassend bestätigt der Abschn. 4.2.2 den bereits im ersten Abschn. 4.2.1 zur Erziehungswissenschaft gewonnenen Eindruck, dass die unterschiedlichen pädagogischen Praxen sehr vielfältige Erhebungen erlauben, die in den Lehr-Lern-Situationen gut eingebettet sind und oft die Rekonstruktion von Bildungsprozessen erlauben, d. h. den Moment der Veränderung des Selbst- und Weltbezugs, der über die quantitative Zunahme von Wissensdetails hinausgeht. Gerade angesichts dieser forschungspragmatischen Idealsituation könnte durch die Nutzung elaborierter Metaphernanalysen ein bedeutendes Potenzial bildungswissenschaftlicher Forschung entstehen.

4.2.3 Metaphern in den Theorien der Pädagogik

Guski (2007) hat in einer von der kognitiven Linguistik inspirierten Dissertation die metaphorischen Konzepte des schulischen Lernens in pädagogischen Texten von Comenius bis zur Gegenwart rekonstruiert. Zunächst erfasst sie historisch konstante Modelle, welche mit erstaunlicher Regelmäßigkeit seit dem Ende des Mittelalters zu finden sind: die Metaphorik des Wegs, des Wachsens, des Sehens und anderer. Während die Theorien der Pädagogik wechselten, bleiben diese Bilder die gleichen. Mit Lakoff und Johnson vermutet die Autorin, dass es sich hier um basale, erfahrungsnahe Modelle handelt. Guski zeigt, dass organische Metaphern häufig eine prominente Rolle bei der Polemik gegen die bisherigen Denkfiguren spielen. Der zweite Teil der Studie widmet sich einzelnen Epochen und entwickelt zunächst die metaphorische Heterogenität bei Comenius zwischen Paradiesgarten und Buchpresse, zwischen christlicher Pansophie und Frühaufklärung, bevor die Autorin die Pädagogik der Aufklärung diskutiert: Lernen als zügiges Reisen, als stützende und effiziente Pflanzenzucht, Kunsthandwerk, Ziehen und Steigenlassen, maschinelle Verarbeitung, „Treibhaus und Backofen“. Für das 19. Jahrhundert wählt sie Diesterweg und die Erneuerung der Organismusmetaphorik in der Reformpädagogik um 1900. In den Metaphern für Schule nach 1965 fallen schulkritische Bilder auf („Drillschule“, „Mittelklassenagentur“), die Autorin zeigt die Systemmetapher in ihren Wandlungen und zuletzt die gegenwärtigen Denkmodelle der Ökonomie. Sie erarbeitet, dass epochenspezifische Metaphoriken die oben genannten Bildwelten nicht überschreiten, aber zuspitzen; darüber hinaus sind je nach AutorIn weitere spezifische Einflüsse möglich: z. B. bei Diesterweg die zeitgenössische Biologie. Guski folgert aus der Gesamtbetrachtung der Metaphern eine Abnahme pädagogischer Einwirkungsszenarien und eine Zunahme autopoietischer Lernmodelle (ebd., S. 487).

Wie im Eingang des Aufsatzes erwähnt, ist auch sonst eine reiche Reflexion zur Rolle der Metaphorik im pädagogischen Denken zu finden. Mit der Ausnahme von Guski34 sind diese Überlegungen – manche bald 30 Jahre nach Erscheinen des ersten Buchs von Lakoff und Johnson formuliert – frei von der Zurkenntnisnahme aktueller Metapherntheorien.35 Sie lassen sich in folgende Schwerpunkte ordnen:
  • die Rolle der Metapher im pädagogischen Denken,

  • Untersuchungen zur Geschichte metaphorischer Denkmuster in der Pädagogik und

  • Reflexionen zu einzelnen Metaphern.

Die Unterteilung ist nicht als ausschließende gedacht: Viele systematisch argumentierende AutorInnen nutzen auch historische Beispiele und einige historisch arbeitende AutorInnen leiten systematische Überlegungen zur Rolle der Metaphern in der Pädagogik ab. Die Unterteilung soll also nur den Schwerpunkt der Publikationen vergleichend ordnen.

4.2.3.1 Die Rolle der Metapher im pädagogischen Denken

Eine erstaunlich modern klingende Argumentation führt Scheuerl (1967) vor: Statt – wie viele andere – einen Autor auf eine für zentral gehaltene Metapher zu reduzieren, sieht er das Neben- und Gegeneinander verschiedener Bilder bei den gleichen Texten und Verfassern, so bei Comenius gleichzeitig Samenkorn-, Spiegel-, Wachs- bzw. Prägebilder, und er beobachtet, dass in manchen späteren Programmatiken dagegen nur einzelne Denkfiguren ausgeführt werden. Er führt vor, dass wir zwar Bilder für Erziehen als Prozess und für den Erzieher unterscheiden können, diese aber vom Bildfeld her nicht zu trennen sind und eine szenische Einheit bilden (ebd., S. 326). Scheuerl beginnt auch bereits Bildbereiche zu ordnen in einer Weise, die dem des metaphorischen Konzepts nach Lakoff und Johnson (oder des Bildfelds bei Weinrich) nahekommt: Er unterscheidet Metaphern des Organismus, der „tabula rasa“, den Komplex von Töpfer, Handwerk, Kunst und Technik, fügt allerdings auch die bildlich nicht zusammenhängenden Themen der Begegnung, des Dialogs und der Mäeutik zusammen und zwingt Metaphern des Wegs, der Bahn und der Führung mit denen von Aufbau, Gebäude und Schichtung in einer Gruppe zusammen. Auch etwas überdeterminiert erscheint die Verdichtung von Licht, Finsternis, Schlaf, Wachheit, Kern und Schale in einem Modell. Sein Plädoyer für die Verständigung jenseits „aller verfestigten Bildergehäuse“ (ebd., S. 331) impliziert eine Wahrnehmung der Hervorhebungen und Schattenseiten jeglicher Metaphorik, dem also, was Lakoff und Johnson als „hiding“ und „highlighting“ benennen.

De Haan (1991) bezieht sich in seinen Überlegungen auf Blumenberg und diskutiert zunächst die durch die Wachstumsmetaphorik von Comenius bis Montessori gestifteten Ausblendungen. „Reife“ sei ein problematischer Zustand, der folglich immer weiter hinausgeschoben werden müsse, denn die Pädagogik kümmere sich nicht um den Tod und das Sterben in dieser Bildlichkeit. Gleichzeitig delegitimiere die Organismusvorstellung die technisch-handwerklichen Bilder des Machbaren. Die Breite der Funde führt ihn zu der Überlegung, dass Metaphern durch Begriffe vielleicht gar nicht ersetzt werden können, dass sie „absolute Metaphern“ im Sinne Blumenbergs seien: Sie gäben der Welt Struktur und Sinn und dienten als Anhalt von Orientierung. Sie erzeugten wie Begriffe eine Eindeutigkeit und sie seien nicht nur unklare Restbestände. Die Metapher von den „Strömungen“ der Pädagogik und deren „Quellen“ generiere ein Geschichtsphantasma, als stünden alle Konzepte ohne Brüche in einem Zusammenhang. Er gibt dagegen zu bedenken, dass die Pädagogik ein eher nachträgliches Theoretisieren eines vorgängigen Handelns vornehme – diese praktische Quelle der Theorie (und der Metaphorik) fehle aber in den Diskursen regelmäßig. Gerade solche Brüche in der Geschichte der Disziplin, aber auch die Einbrüche der Praxis in die theoretische Reflexion seien spannend. In seinem Resümee (ebd., S. 372 f.) entwickelt er die Schattenseiten des metaphorischen Denkens: Metaphern ließen bestimmte Begriffsbildungen nicht zu und provozierten Vorbehalte gegenüber anderen. – Auch Schulze (1990) orientiert sich an Blumenberg, den er am gründlichsten von den bisher referierten Autoren referiert und zugleich eine Übersicht über die bisherige Diskussion zur Unverzichtbarkeit der Metaphorik in der Pädagogik liefert.

Oelkers (1991) sieht seine Aufgabe darin, die „Wirklichkeitsunterstellungen der Metaphernwelt“ in der pädagogischen Kommunikation zu reflektieren (ebd., S. 121). Zu dieser Folgerung kommt er in seiner Rekonstruktion des pädagogischen Realismus von Herbart in den Metaphern der „Einwirkung“; er diskutiert beiläufig noch andere Denkfiguren vom „Wachstum“, der „Kraft“ und der „Fabrikation“ und sucht Auswege, um die gewohnten Bilder von „Einwirkung“ und „Entwicklung“ zu vermeiden. Auch Herzog (1983) ist von der Unmöglichkeit, Pädagogik ohne Metaphern zu begreifen, überzeugt. In Herzog (2002) kritisiert er jedoch wenig nachvollziehbar, dass Raum-, Weg- und visuelle Metaphern den Diskurs dominierten und eine „Überschaubarkeit“ des pädagogischen Geschehens suggerierten. Er sieht darin eine Verkürzung. Mit Lakoff und Johnson ließe sich argumentieren, dass er damit die Breite der Denkbilder kaum erfasst hat, dass gerade Komplexitätsreduktion eine wichtige Leistung der Metaphorik ist und dass erfahrungsnahe Quellbereiche besonders prädestiniert sind, komplexe Bereiche wie den der Erziehung zu konzeptualisieren (vgl. Abschn.  2.1). Er plädiert dafür, die drei für ihn grundlegenden Dimensionen der Pädagogik (Wissen, Kommunikation und Sozialität) in differenzierteren und die Zeit abbildenden Metaphern zu fassen. Allerdings wäre anzumerken, dass die von ihm abgewertete Wegmetaphorik oft zeitliche Verläufe abbildet (vgl. Casale 2003).

Empirisch orientiert und mit Bezug auf Lakoff und Johnson rekonstruiert Danforth (2007) in einer frühen Variante der von mir vorgeschlagenen Methodik psychoanalytische und verhaltenstherapeutische Metaphern in Texten der US-amerikanischen Sonderpädagogik zu Verhaltensauffälligkeiten im schulischen Kontext. Diese Beschränkung scheint den Bereich verwendeter Metaphern ebenso wenig auszuschöpfen wie die alleinige Diskussion der Maschinenmetaphorik in der Autismusforschung in Danforth und Naraian (2007).

Einige Publikationen behandeln Themen, die mit dem Metaphernbegriff der kognitiven Linguistik umfassender erschlossen werden können: Reble (1995, ursprünglich 1959) und Meinberg (1988) diskutieren implizite Menschenbilder, ohne ihren Begriff des „Menschenbilds“ linguistisch zu fundieren; Scholz (1994) diskutiert „Konstruktionen des Kinds“, ohne zu operationalisieren, wie diese Konstruktionen sich sprachlich materialisieren. Auch Kron (1996) spricht von „Bildern der Erziehung“, ohne genauer zu beschreiben, was er mit „Bild“ meint, und nennt ihrer sechs: Erziehung als Ziehen, als Führung, als Regierung und Zucht, als Wachsenlassen, als Anpassung, als Lebenshilfe. Er erklärt nicht, wie und an welchem Material er diese Unterscheidungen gewonnen hat. Mader (1991) hat einige Metapherntheorien vor Lakoff und Johnson rezipiert (Nietzsche, Black, Weinrich), bleibt aber unklar in seinem Referat über verschiedene Metaphern des Alters. Solche Publikationen können zur Anregung für methodisch fundierte Metaphernanalysen dienen.

Petrie (1979) wie Petrie und Oshlag (1993) trennen pädagogische Metaphern von theoriekonstitutiven Bildern und übersehen dabei die Durchdringung aller Sprachspiele und allen Denkens durch kulturell gegebene Schemata. So können sie auch nicht auf die mitgebrachten Muster des kindlichen Denkens referieren. Sie erkennen jedoch Metaphern als unverzichtbare „Brücke“ zwischen altem und neuem Wissen: Zunächst sei eine neue Metapher eine Anomalie, die gedankliches Handeln fordere, und wenn ihre Implikationen ausbuchstabiert würden, werde eine neue Betrachtungsweise möglich und reichhaltig. Metaphern seien erkenntnistheoretisch unverzichtbar. Sticht (1993) pflichtet beiden AutorInnen im Wesentlichen bei, bleibt jedoch in der mechanischen Vorstellung befangen, dass Bilder „tools“ seien für Kommunikation und Denken und dass die Reflexion von Metaphern als metakognitives „tool“ fungieren könne. Wie bei Petrie und Oshlag spielen die widerständigen metaphorischen Schemata der SchülerInnen keine Rolle in seinen Überlegungen.

Auch ohne die Orientierung an Lakoff und Johnson zeigen die diskutierten AutorInnen, dass die Pädagogik in ihrem lebensweltlichen Bezug ohne eine Fülle heterogener und alltäglicher Metaphern nicht auskommt. Die Kritik einzelner Bilder, die immer wieder geäußert wird (z. B. bei Herzog 2002), muss relativiert werden, da sie unvollständigen Metaphernanalysen entstammen und der Schluss von den Metaphern eines theoretischen Textes auf eine davon abzuleitende Praxis eine Determination voraussetzt, die erst empirisch zu untersuchen wäre.

4.2.3.2 Untersuchungen zur Geschichte pädagogischer Metaphorik

Die Geschichte metaphorischer Denkmuster in der Pädagogik wird neben der oben erwähnten Guski (2007) vor allem von zwei AutorInnen rekonstruiert: Meyer-Drawe (1995, 1999) und Bilstein (1996, 2003, 2008).36 Meyer-Drawe (1995) diskutiert zunächst eine Übersicht über die Maschinenmetaphern in der Pädagogik von der Renaissance bis zu den selbstreferenziellen Maschinen unserer Zeit, die sich – entgegen manchem Selbstverständnis – auch im aufgeklärtesten Bildungsideal wiederfinden. Ihre Zuordnung heutiger autopoietisch-systemischer Auffassungen vom Gehirn überdehnt jedoch das Bild der Maschine. Meyer-Drawe (1999) verfolgt in einer Diskursgeschichte von „Bildung“ und „Erziehung“ den metaphorischen Gehalt der beiden Begriffe und verortet Traditionslinien der Metaphorik von „Bildung“ und „Selbstbildung“ in der griechischen Antike und christlichen Frühgeschichte, während Erziehung als „Zucht“ eine jüdisch-christliche Tradition habe, die sich bis zu Kant immer auch im Moment der Unterordnung zeige (vgl. auch Meyer-Drawe und Witte 2007).

Bilstein (1996) stellt Metaphern des Generationenverhältnisses vor, die der Erziehung vorangehen. Es imponieren vor allem in der Renaissance die Ausfaltungen der organischen Bilder von der älteren Generation als Gärtner und Baum, der jüngeren komplementär als Unkraut und Frucht. Er zeigt, wie die neue Metapher des Generationenvertrags von den ökonomischen Entwicklungen jener Zeit ausgeht. Bilstein (2003) problematisiert das Verhältnis zwischen Bild und Referenz durch die Geschichte hindurch und legt dabei seinen theoretischen Hintergrund des Metaphernverständnisses bei Nietzsche und Blumenberg dar. Bilstein (2008) erschließt die Theoriegeschichte der Pädagogik über einen Katalog der Metaphern impliziter Menschenbilder, nicht ohne sich vorher zu versichern, dass „Katalog“ auch eine Metapher sei, welche die abendländische Bildungsgeschichte seit den Schiffskatalogen Homers präge. Er nennt die folgenden Metaphernfelder:
  • Kreation, Schöpfung aus dem Nichts,

  • das Leere füllen, Invasion (er zählt allerdings Licht dazu, was m. E. einen Bildbruch darstellt),

  • Materialgestaltung, Formation (als Prägung und Skulptur),

  • Konstruktion von Gebäuden,

  • Regulation (er fügt „Balance“ und „Maschinen“ zusammen, die ebenfalls in den Quellbereichen heterogen erscheinen),

  • Lebendiges pflegen (Gärtner, Arzt),

  • dem Werdenden helfen (er nennt es „subsidiative Metaphorik“),

  • Wahl und Weg erleichtern, Führungsmetaphorik,

  • und zuletzt als „synkretistisches Super-Bild“ „Bildung“ als Metapher.

Wiederholt referiert er Blumenberg, insbesondere dessen Skepsis an der begrifflichen Erkenntnis. Metaphern stellen nach Blumenberg „Leitfossilien“ dar – das passe zur Pädagogik, eine letzte begriffliche Ordnung könne es in diesem Fach nicht geben. Die Breite und Heterogenität der Bilder, deren implizite Verkürzungen er vorher diskutiert hat, sei unvermeidlich und das „Super-Bild“ der „Bildung“ ermögliche eine breite Aufmerksamkeit für Phänomene der pädagogischen Bemühung.

4.2.3.3 Reflexionen zu einzelnen Metaphern

In diesem letzten Abschnitt sind Überlegungen zur Wirkung und Kritik oder Vorschläge für den Gebrauch einzelner Metaphern zu finden, die empirisch anregend wirken könnten: Ungar (2003) kritisiert die Metapher der Wissensgesellschaft, da ihre Voraussetzungen (u. a. freier Wissenszugang) nicht gegeben seien und übersehen werde, dass die Produktion von Wissen notwendigerweise Wissensspezialisierungen schaffe, die sich von anderen Spezialisierungen abschotten. Warnick (2004) überlegt, in welcher Form technische und insbesondere Computermetaphern für die Moralerziehung relevant seien, und beschreibt dies mit Hinblick auf die Funktion der Computermetapher in der sogenannten „Hacker-Ethik“. May und Short (2003) beschreiben differenziert die (meist negative) Wirkung der Einstellungen von HochschullehrerInnen auf das Online-Lernen; aber der Vorschlag, die Metaphorik des Gärtners für die verschiedenen Stationen der Pflege von Homepage und Kommunikationsboards zu nutzen, ist im Ansatz nicht so neu, wie beide Autoren behaupten. Recht früh kritisiert Gozzi (1994) die Implikationen ökonomischer Metaphern im Erziehungswesen; im deutschen Sprachraum hat Klein (2003) bei der Betrachtung der Hochschulen als Unternehmen auf zahlreiche Unstimmigkeiten des Bildes aufmerksam gemacht: Es fehle in den ausformulierten Konzepten z. B. der „Gewinn“, den die Hochschule machen soll; auch die Ökonomie der „Finanzierung“ über Sponsoring und Studiengebühren passe nicht zu einem Unternehmen; und wer sei eigentlich „Kunde“? Die Studierenden, die Arbeitgeber, die „Gesellschaft“? Letztendlich transportiere diese Metapher nur einen unscharf gefassten Deutungsrahmen von Rationalisierung und Effizienz.

4.2.4 Zusammenfassung

Die Rolle der Metapher im pädagogischen Denken scheint in diesen Studien, seien sie auf die Gegenwart oder die Geschichte orientiert, gut durchdrungen zu sein. Ähnlich wie in der Soziologie (Abschn. 4.1.1) und, wie noch zu zeigen sein wird, auch in der Psychologie (Abschn. 4.6.2.9) sind die Annahmen Kuhns, dass Metaphern den Kern wissenschaftlicher Paradigmen bilden (Kuhn 1993), kaum zu widerlegen. Die Erziehungswissenschaft ist im Vergleich mit diesen beiden Disziplinen dadurch gekennzeichnet, dass hier einige Stimmen ihre Skepsis, diese Disziplin sei begrifflich zu ordnen, besonders klar formulieren (Scheuerl 1967; Schulze 1990; De Haan 1991; Meyer-Drawe 1995, 1997, Herzog 2002; Guski 2007; Bilstein 2008). Die empirische Nutzung von methodisch nachvollziehbaren Metaphernanalysen fällt gegenüber dem erreichten Reflexionsstand ab, obschon viele Bereiche der Pädagogik sich in der forschungspragmatischen Idealsituation befinden, dass in ihren Kontexten empirisch brauchbare Dokumente des Lernens und Lehrens von der Hausarbeit bis zum Schulbuch in großer Zahl produziert werden. Immerhin sind die ersten Studien zu kindlichen und jugendlichen Metaphern des Selbst und der Welt im schulischen Kontext, zu Selbstkonzeptualisierungen der Lehrenden und zu Ansätzen einer mit der kognitiven Metapherntheorie begründeten Didaktik geschrieben. Der erziehungswissenschaftliche Beitrag zu einer Methodik der systematischen Metaphernanalyse ist daher schmal und beschränkt sich auf die Öffnung der Metaphernanalyse für unterschiedlichste Materialien und Erhebungen. Die Aussicht auf Studien, in denen Prozesse der Veränderung metaphorischen Denkens rekonstruiert werden, und die Aussicht auf eine Anwendung der durch Metaphernanalysen gewonnenen Einsichten sind noch uneingelöste Versprechen.

Was bleibt in der Erziehungswissenschaft zu tun? Gansen (2009a) hat einen umfangreichen Katalog für eine originär erziehungswissenschaftliche Metaphernforschung entwickelt:
  1. a)

    Zunächst schlägt er weitere Analysen der Wissenschafts-, Fach- und Handlungssprache vor, die sich von der Ratgeberliteratur über Lehrbücher der Fachdisziplin und bildungspolitische Publikationen bis hin zu Curricula verschiedener Bildungsinstitutionen erstreckt.

     
  2. b)

    Eine zweite Analyserichtung sollte sich dem Selbstkonzept, dem Professionsverständnis und den leitenden Konstrukten der PraktikerInnen für Kindheit, Erziehung und Bildung widmen.

     
  3. c)

    Ein besonderes Augenmerk legt er auf die empirische Kindheitsforschung: Wenn metaphorischem Denken eine zentrale anthropologische Bedeutung einzuräumen wäre, dann müssten die Metaphern der kindlichen Weltaneignung und des kindlichen Denkens über das Denken erhoben werden. Wenn die Postulierung einer „Metaphernkompetenz“ hilfreich ist, kindliche Entwicklung zu verstehen, dann müsste untersucht werden, wie diese Kompetenz in der Erziehung gefördert werden könnte.

     
  4. d)

    Im schulischen Rahmen wäre zu erforschen, wie das Wechselspiel von kindlichem metaphorischem Denken und Wissensvermittlung zu gestalten sei, ob metaphorisches Denken in der Schule gefördert werden könne und ob neue Formen möglich seien, ästhetische Lernprozesse zu initiieren.

     
Nicht zuletzt plädiert er dafür, eine aus einem anthropologischen Verständnis begründete pädagogische Metaphorologie zu begründen, die sich die Errungenschaften der neueren Metapherntheorien angeeignet hat. Unabhängig davon, ob man sich mit diesem Projekt identifiziert, müssen weitere Forschungsdesiderate notiert werden:
  1. e)

    Der Bereich erziehungswissenschaftlicher Biografie-, Lebenswelt- und Beratungsforschung ist im Kontext dieser Methoden kaum entwickelt. So ist die Rolle der Metaphern, in deren Bann Eltern ihre Kinder erziehen, bisher nicht thematisiert worden. Subdisziplinen wie die Wirtschafts- und Berufspädagogik, Sonderpädagogik oder Sozialpädagogik und andere haben die Metaphernanalyse bisher nicht genutzt.

     
  2. g)

    Die Rolle der Metaphern, mit denen Nichtprofessionelle, d. h. in der Regel Eltern erziehen, ist bisher nicht thematisiert worden. Diese alltäglichsten metaphorischen Konzepte dürften je nach Lebenslage unterschiedliche Denkmuster in heterogenen sozialen Mikrosystemen beinhalten. Darüber hinaus reflektiert der erziehungswissenschaftliche Diskurs mit sehr wenigen Ausnahmen (Proctor 1991; Dejong 2004; Geffert 2006) soziale Exklusion nicht, obschon diese sich auch unter Bildungsgesichtspunkten diskutieren ließe.

     
  3. h)

    Die Wissensvermittlung in außerschulischen Kontexten und der Einfluss dominierender kultureller Diskurse ist bisher nur in Ansätzen metaphernanalytisch durchdrungen (anregend zu Ersterem: Nittel 2007, zum zweiten: Ohlhoff 2002).

     
  4. i)

    Eine Analyse der fachwissenschaftlichen metaphorischen Konzepte könnte helfen, didaktisch besser durchgearbeitete Lernangebote zu entwickeln, vor allem, wenn sie, wie z. B. durch Gropengießer und Niebert (Abschn. 4.2.1.3) angeregt, Modelle der Vermittlung zwischen dem metaphorischen Ausgangswissen und der metaphorischen Konzeptualisierung der Lernstoffe entwickeln.

     
  5. j)

    Die Veränderbarkeit und Möglichkeit der Reflexion der Metaphern von Lehrenden und Lernenden ist bisher wenig untersucht; an solche Prozessstudien wie bei Niebert (2010) knüpft sich die Hoffnung, auch das Lehren zu verbessern.

     

Diese breite Übersicht der Möglichkeiten verdeutlicht noch einmal, dass sich das Phänomen der Bildung als Aneignung, Reproduktion und reflexiven Distanzierung von Schemata der Interpretation zu einer wichtigen Aufgabe der Metaphernanalyse entwickeln kann.

4.3 Soziale Arbeit

4.3.1 Kontexte der Sozialen Arbeit37

Die Sozialarbeitswissenschaft nähert sich ihrem Gegenstand unter der Perspektive des „Person-in-Environment“-Ansatzes (Mühlum 2004, S. 133) und sucht eine Ebene der Phänomenbeschreibung, welche die subjektiven Konstruktionen der Handelnden ebenso ernst nimmt wie die wirksamen milieuspezifischen bzw. kulturellen Kategorisierungen der Welt vor dem Hintergrund der sozioökonomischen Vorstrukturierung. Die bisherigen Beispiele zeigten, dass Metaphern basale Muster der Konstruktion von Welt und Selbst darstellen, und so sind die in den Abschn.  3.1 und  3.2 diskutierten Begriffe des Deutungsmusters und des Habitus auch in der Diskussion der Sozialarbeitswissenschaften relevant (Dewe und Otto 1996, Michel-Schwartze 2002; Müller 2007). Allerdings ist in diesem Kontext zu beachten, dass kollektive, aber auch individuelle Muster der Kategorisierung der Welt nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen interessieren, sondern auch aus lebensweltlichen wie professionsbezogenen Motiven wie dem Gelingen sozialen Miteinanders und der Reduktion von Gefährdungen: Die Wissenschaft der Sozialen Arbeit versteht sich als Handlungswissenschaft (Sommerfeld 2010). Metaphernanalysen entwickeln in diesem Kontext Implikationen für Beratung, Intervention und Prävention: Wenn zum Beispiel männliche Alkoholkranke oder Alkoholmissbrauchende ihr Trinken als „Leistung“, „Kampf“ oder „Sport“ sprachlich darstellen, dann sind nicht nur metaphorische Heldentaten gemeint, sondern auch für die Betreffenden und ihre Umwelt problematische Selbstdefinitionen und Handlungsvollzüge, deren Veränderung zuweilen an sprachlich unattraktiven Metaphern von unmännlicher „Abstinenz“ oder „Nüchternheit“ scheitert. Metaphernanalytisch informierte Beratung versucht daher, sich auf die Konstruktion der Welt seitens der KlientInnen einzustellen (Schmitt 2002a, b, 2009c).

Ausgehend von dieser Problemskizze lassen sich für die Metaphernanalyse in der Sozialen Arbeit die folgenden Forschungsbereiche ableiten: Sie rekonstruieren.
  • problembezogene individuelle oder gruppentypische Konzepte von Betroffenen oder Professionellen im Hinblick auf ein für die Betroffenen nicht mehr lösbares Problem,

  • Lebens- und Beziehungskonzepte in biografischen Fallstudien,

  • den Habitus von AdressatInnen und Professionellen,

  • interaktive Passungen im Rahmen des Arbeitsbündnisses zwischen AdressatInnen und Professionellen.

Diese breite Aufgabenstellung einer angewandten Forschung führt unvermeidlich zu Überschneidungen mit einigen Themen der Soziologie (Abschn.  3.1,  3.2), mit der erziehungswissenschaftlichen Beratungs- und Lebensweltforschung (Abschn. 4.2.1.4) sowie der klinischen Psychologie und psychologisch fundierten Beratung (Abschn. 4.6.1). Die folgende Darstellung verweist nur kurz auf die Querbezüge und konzentriert sich auf den Beitrag der Sozialarbeitswissenschaft.

4.3.2 Sozialpolitik

Ein Klassiker der Metaphernanalyse in der Sozialpolitik war bereits im Abschn. 4.1.5 erwähnt worden: Schön (1979) dokumentiert an Beispielen aus der lokalen Sozialpolitik die Rolle von Metaphern als Handlungsanweisungen, wenn Stadtplaner, die Slumgebiete als „Krankheit“ oder „Geschwür“ wahrnahmen und auf radikale „Operationen“ drängten, die Planierung von Slumsiedlungen und Neubauten von Sozialwohnungen darunter verstanden. Wurden Slums als „natürliche Gemeinschaft“ interpretiert, bestanden die städtebaulichen Eingriffe aus behutsamer Unterstützung der Eigenregie der Bewohner bei Modernisierungen.

Marston (2000) findet trotz imponierenden methodisch-rhetorischen Aufwands in einer Verbindung von Metaphernanalyse und „critical discourse analysis“ in einer Analyse von politischen Programmatiken des sozialen Wohnungsbaus nur die (nachvollziehbar kritisierte) Metaphorik von Mietern als „Kunden“ und Wohnen als „Produkt“. Haw (2006) kritisiert in den Praktiken der neuseeländischen Kriminalitätsbekämpfung die dominierende Metapher der „Wege“ („pathways“) in der Analyse von und im Umgang mit Risikofaktoren, welche die komplexen Interaktionen im Feld außer Acht lasse – eine Analyse, die konkurrierende Metaphern leider nicht in den Blick nimmt. Dies wird von der Studie von Woodhams (2012) zur Wahrnehmung der Sozialpolitik Neuseelands durch die konservative Regierung eingelöst: Innerhalb der Wegmetaphorik werde Vollbeschäftigung als Ziel gesetzt und Sozialpolitik dem untergeordnet; Sozialhilfe erscheine als „Verstrickung“, „Abhängigkeit“ und „Behinderung“ der Betroffenen auf dem „Weg zur Selbstständigkeit“, dem ein „aktivierendes“ System der Sozialhilfe gegensteuern müsse. Die Metapher der Abhängigkeit vom Sozialsystem werde in weiteren Krankheitsmetaphern, in denen die Hilfebedürftigkeit als Epidemie erscheint, gestützt. – Den Themen der Sozialen Arbeit nahe stehen Studien aus dem Bereich von Migration und Fremdenfeindlichkeit, die im Abschn. 4.5.3 (Politologie) skizziert werden.

4.3.3 Beratung und Mediation

Schulze (2007) hat in ihrer Dissertation zur Verfahrenspflegschaft bei hochstrittigen Sorgerechtsverfahren die Metaphernanalyse für eine Teilstudie genutzt, in der sie die jeweiligen Erwartungen und Handlungsmuster der Eltern, der RichterInnen und der Verfahrenspflegerinnen kontrastierte. Ihre Ergebnisse, die sich vor allem auf die Berufsgruppe der SozialarbeiterInnen beziehen, sollen im Kontrast zu einer eher pragmatisch orientierten Arbeit von Rose (1996) dargestellt werden, denn hier zeigt sich ein Spezifikum der Sozialen Arbeit als Umgang mit komplexen Aushandlungsprozessen in praktischer Absicht. Rose erhebt die aus der Selbstwahrnehmung von Sozialprofessionellen unterschiedlicher Herkunft erinnerten und bewusst gebrauchten Metaphern in der Mediation zwischen Eltern, die um ihr Kind bei einer Scheidung streiten. Sie empfiehlt, das Misstrauen zwischen den Eltern bei der vom Gericht auferlegten Mediation nicht direkt, sondern figurativ anzusprechen: „parents are business partners“, bei denen vielleicht das Vertrauens-„Konto“ „überzogen“ worden sei. So stelle sich die Frage, wie das Konto wenigstens ausgeglichen werden könne. In der gleichen Metaphorik erscheint das Kind als das „wichtigste Produkt“, in das „investiert“ werden müsse. Die Rivalität um das Kind spricht sie in der Weise an, dass sie zunächst die Metapher des „football game“ für den Zustand zwischen den Eltern etabliert, um dann deutlich zu machen, dass das Kind der Ball sei, der hin- und hergetreten und für Punkte bzw. Tore gegen den anderen gebraucht werde. „Verfahrene“ Passagen der Mediation umschreibt sie damit, dass das „Auto im Dreck stecken geblieben“ sei, um innerhalb der Metapher zu erarbeiten, wie es wieder fahrbereit werden könne. Der durch diese Eltern häufig zu findende Missbrauch des Justizsystems wird offen behandelt, sogar zugespitzt: „going to court is waging war against the other parent“, „the courtroom is a battlefield“. Die Rolle der Mediation wird anders als in einigen der in Abschn. 4.6.1 diskutierten Beratungsansätze, in denen das Verständnis der Beratung selbst erst verhandelt wird, in einer Metapher explizit vorgeben: „mediation is a peaceful way of resolving conflict“. Auch die gelebte Metapher, das Gerichtsverfahren sei ein sportlicher Wettbewerb darüber, wer der bessere Elternteil sei („court ligation is a contest to decide which is the better parent“), wird direkt konfrontiert: „parenting is not a contest“, denn wenn es in diesem „Spiel“ dann einen „Verlierer“ gebe, dann sei das immer das Kind. Dessen Auffälligkeiten im Scheidungsprozess werden in der Krankheitsmetaphorik genutzt: „your child’s health is at risk“, „in an emergency situation“, und die Eltern werden als „Rettungssanitäter“ angesprochen. Die Metaphorik des Körpers und seiner Schmerzen wird auch sonst genutzt: „separation and divorce create a painful wound“, und wer immer wieder alte Geschichten anspreche, reiße im Rahmen dieser Metapher den Verband von einer Wunde. Verabredungen werden in einer territorialen Metaphorik diskutiert: „resolution involves secure borders“, es könne nicht einfach jemand die Landkarte der vor Gericht erzielten Vereinbarung neu zeichnen („redraw the map“).

Zum gleichen Problemfeld, jedoch im deutschsprachigen Raum mit anderen gesetzlichen Vorgaben im Kontext von Scheidung und Sorgerecht untersucht die erwähnte Arbeit von Schulze (2007) die Tätigkeit und die Metaphorik von VerfahrenspflegerInnen nach § 50 FGG bei hochstrittigen Sorgerechtsverfahren.38 Im Unterschied zu Rose wurden hier sowohl die Betroffenen wie die Professionellen befragt und Passungen wie Nichtpassungen zwischen beiden untersucht (ebd., insbes. S. 408–433): Trennungsfamilien erscheinen den Betroffenen als „zerbrochene Objekte“ oder als „laute, unaufgeräumte Häuser“. Sie erwarten von den Professionellen, dass deren Hilfe „heilen“ und „Ruhe und Ordnung“ bringen soll. Die Verfahrenspflegschaft soll auch „vermitteln“ – die Metaphorik der Waage und der Brücke wird dafür genutzt. Trennung und Gerichtsverfahren erweisen sich als „Weg mit Hindernissen“, der ein „richtiges Zugehen“ der Professionellen erfordert. Umfangreich sind die Metaphern für Lernprozesse auf der Seite der AdressatInnen: Lernen ist Merken, Fassen, Begreifen (Kinästhetik), ist Hören und Sagen (akustische Metaphern), ist besseres Sehen, Einsicht und Erklärung (visuell) und ist das Versorgtwerden mit Wissen. Lernen ist Aufbauen und Erarbeiten, ist Laufen (lernen) und „Erfahrungen machen“. Von diesen Metaphern nutzen die Professionellen wenige, sie sehen die Verfahrenspflegschaft als „Entlasten“, das kindschaftsrechtliche Verfahren sei ein „Kampf“ und sie selbst „Friedensstrategen“. Sie erlebten die Gespräche und Personen zum Teil als verschlossene „Gefäße“. Zuletzt ist die Metaphorik der Bindung zu finden: Der Trennungskonflikt sei eine „Verstrickung“, die Professionellen die Konflikt-„Löser“. Schulze arbeitet an einem komplexen Fallbeispiel mehrfach heraus (ebd., S. 425–432), dass es vor allem eine produktive Passung der Metaphern zwischen Verfahrenspflegerin und der in dem Streitfall befangenen Mutter ist, die schließlich ihre Tochter nicht mehr gegen deren Willen bei sich hält, sondern den Kontakt mit dem Vater zulässt. Damit bestätigt Schulze auch an einem extremen Beispiel, dass die Anschlussfähigkeit der Sprachbilder von KlientInnen und Professionellen im Gespräch ein wirksamer Faktor von Beratungs- und Therapiegesprächen ist.

Wenn nun auch die empirischen Ausgangsbasen von Rose (1996) und Schulze (2007) forschungslogisch und aufgrund der kulturellen Differenz nicht wirklich zu vergleichen sind, so fällt doch in der Arbeit von Schulze auf, dass zwar ein Teil der Metaphern mit der älteren Studie übereinstimmt, die Sicht der AdressatInnen jedoch in ihrer breiter angelegten metaphorischen Wortwahl die Anstrengungen verdeutlicht, die Menschen in einem Trennungskonflikt zu bewältigen haben. Die Professionellen, die in einem für viele Bereiche der Sozialen Arbeit typischen Spannungsverhältnis zwischen psychosozialer Notlage, juristischen Rahmenbedingungen und begrenzten zeitlichen Ressourcen handeln, holen in ihren Metaphern diese Breite der Klientenvorstellungen kaum ein.

4.3.4 Konstrukte der Adressatengruppen der Sozialen Arbeit

Die folgende Übersicht dokumentiert vor allem Studien zu Konflikt- und Notlagen, die professionelle Hilfeleistungen herausfordern: Die Publikation von Beck (2007; vgl. 2009) zur Metaphernanalyse in der textbasierten anonymen Onlineberatung mit suizidalen Jugendlichen zeichnet in einigen Falldarstellungen deren Bilder für Leben, Tod, Sinn und relevante Beziehungen nach und entwickelt Vorschläge für die Beratung, welche die Bilder der KlientInnen aufnehmen. Die Metaphern der Trauer und ihre Rolle in der Begleitung Trauernder werden in Michulitz und Garten (2009) dargestellt. Die Studie von Hünersdorf und Studer (2011), die exemplarisch zwei metaphorische Beziehungsmuster in der Beziehung zwischen Pflegeeltern und angenommenen Kindern rekonstruiert, wurde in Abschn. 4.2.1.4 schon dargestellt. Zur Thematik der Sucht liegen ebenfalls Publikationen vor: Holzer (2001) rekonstruiert in einer mit Foucaults Überlegungen ergänzten Metaphernanalyse illegale Drogen als Medium der biografischen und psychosozialen Entwicklung junger Frauen. Schmitt (2002a) thematisiert die subjektiven Wahrnehmungsmuster des Alkoholkonsums, Schmitt (2002b) problematisiert gesellschaftlich übliche Bilder der Abstinenz. Schmitt und Köhler (2006) rekonstruieren sowohl die metaphorisch induzierte Selbstbestätigung von Nikotinkonsumierenden sowie die im Material der Vorstellungen liegenden Ansatzpunkte zu einer Veränderung des Rauchverhaltens (vgl. ausführlicher in Abschn.  3.4.3). Eisikovits und Buchbinder (1997, 1999) rekonstruieren zunächst die Metaphern, in denen misshandelnde Männer sich und ihre Situation schilderten (dies. 1997), dann eruieren die AutorInnen die der misshandelten Frauen (dies. 1999). Diese Studie wird im Abschnitt zu Geschlechterstudien im Kontext häuslicher Reproduktion ausführlicher diskutiert (Abschn. 4.7.4.2). Die Arbeit von Schröder (2015) zu den sprachlichen Konstruktionen in der Beratung von Männern bei häuslicher Gewalt war ebenfalls bereits in Abschn. 4.2.1.4 erwähnt worden. Geffert (2006) rekonstruiert im Übergangsbereich von Berufsschulpädagogik und Sozialer Arbeit die Denkwelt und die Erwartungen von jugendlichen Schülern einer Berufs- und einer Förderschule und die mit ihren metaphorischen Konzepten verbundenen Einschränkungen einer umfassenderen Teilnahme an gesellschaftlichen Möglichkeiten (ausführlicher wegen des erziehungswissenschaftlichen Bezugs im Abschn. 4.2.1.1 dargestellt).

Diese leider erschöpfende Übersicht zeigt, dass die Breite der in der Sozialen Arbeit verhandelten Problemlagen (Straffälligkeit, Armut, Obdachlosigkeit, Schwangerschaftskonfliktberatung, häusliche Gewalt, Sucht, Gesundheitsvorsorge bei Risikopopulationen etc.) nicht oder nur mit ersten explorierenden Studien metaphernanalytisch erschlossen sind. Das fällt umso stärker auf, weil dieser Methode der Auswertung eine besondere Nähe zur Beratung (vgl. Abschn. 4.3.6 und 4.6.1) eigen ist.

4.3.5 Konstrukte der Professionellen

Die Selbstanalyse der Professionellen in der Sozialen Arbeit und ihrer dominierenden Metaphern ist ebenfalls vertreten; Gould und Harris (1996) beziehen sich zwar auf Lakoff und Johnson, gehen aber über eine vergleichende Dokumentation von wenig bildlichen Vorstellungen von Studierenden der Sozialen Arbeit und Lehramtsstudierenden nicht hinaus. In der Arbeit, in der die systematische Metaphernanalyse entwickelt wurde (Schmitt 1995; vgl. Schmitt 1997a, 2013), wurden neun zentrale metaphorische Konzepte des psychosozialen Helfens in der aufsuchenden Einzelfall- und Familienhilfe dokumentiert, die auch wegen der Bedeutung für die Entwicklung der Metaphernanalyse als Methode ausführlicher dargestellt werden sollen:
  1. a)

    Helfen ist Begleiten: Einzelfallhilfe ist „auf den Weg bringen“, geht von einem „engen“ oder „heimatlosen“ Ort aus und über eine „Gratwanderung“ in einen „Freiraum“.

     
  2. b)

    Helfen ist Entlasten: Einzelfallhilfe ist ein „Unterstützen“ von „belasteten“ AdressatInnen, die es „schwer“ haben und deren Bedingungen „erleichtert“ werden sollen.

     
  3. c)

    Helfen ist Binden: EinzelfallhelferInnen knüpfen „Bindungen“ und „Kontakte“, versuchen, ihre AdressatInnen im Kiez „anzubinden“, bevor sie sich „abnabeln“.

     
  4. d)

    Helfen an der Behältergrenze: Einzelfallhilfe ist Hilfe zum „Sichöffnen“, ein „Einmischen“ bei „verschlossenen“ und „Grenzenziehen“ bei allzu „aufgeschlossenen“ AdressatInnen.

     
  5. e)

    Helfen ist Geben (und Nehmen): Einzelfallhilfe ist „Geben“ von Zuwendung, Hilfen, Versorgung, Erfahrung und „Nehmen“ von Supervision und Beratung.

     
  6. f)

    Helfen ist Klären: Einzelfallhilfe versucht „durchzublicken“, auch wenn man im „Dunkeln“ tappt, und will „Sichtweisen“ und „Vorstellungen“ bei Eltern, Kind und Amt „klären“.

     
  7. g)

    Helfen ist Nachhilfe, es geht um „Leistungen“, „Erfolge“ und um das tägliche „Pensum“ nicht nur der Hausaufgaben, die AdressatInnen sollen (für das Leben) „lernen“.

     
  8. h)

    Räumlich-akustische Metaphorik: Einzelfallhilfe ist Reden „mit“, „über“ und „an“ die Beteiligten, die sich manchmal „herum-“ und „heraus-“reden „im“ Gespräch.

     
  9. i)

    Helfen ist Machen: Einzelfallhilfe zeigt sich als „Herstellen“ von Beziehungen, „Machen“ von alltäglichen Unternehmungen und „Aufarbeiten“ von unverwirklichten Anforderungen.

     

Alle metaphorischen Konzepte enthalten eine implizite Diagnostik der KlientInnen, zum Teil normativ aufgeladene Handlungsempfehlungen und fokussieren mentale, szenische und temporale Rahmungen der Hilfe. Jedes Konzept stellt andere Beziehungsgestaltungen in den Vordergrund und verbirgt alternative Rahmungen. Diese metaphorischen Deutungsmuster des Helfens waren in den Einzelanalysen in individuellen Kombinationen miteinander verbunden oder fehlten in charakteristischer Weise.39 In dieser Funktion als Organisationsmuster von situativem Sinn lassen sich die metaphorischen Konzepte als „tacit knowledge“ beschreiben (Abschn.  3.6.1); zu erinnern ist an dieser Stelle an die Hypothese, dass Metaphern im Professionswissen eine besondere Rolle einnehmen (Nittel 2006; vgl. Abschn. 4.2.1.2). Bereits von Kleist geht als eine der ersten deutschsprachigen Rezipientinnen der kognitiven Metapherntheorie im Beratungskontext davon aus, dass Lücken zwischen Theorie und erlebter Praxis mit Bildern, Gleichnissen und Geschichten gefüllt werden, welche die Erfahrungen der PraktikerInnen besser repräsentieren (von Kleist 1987, S. 117). Bull und Shaw (1992) skizzieren ein Forschungsprojekt, das die metaphorisch verfassten kausalen Konstruktionen in der Sozialen Arbeit erheben soll, warum zum Beispiel eine Hilfe (nicht) für sinnvoll gehalten werde oder warum sich ein Klient in einer spezifischen Weise verhalte. Sie halten solche Kausalattributionen für den Kern des professionellen Wissens und der Selbstkonstruktion, es findet sich jedoch kein eingelöstes Forschungsvorhaben. Schmitt (2014b) untersuchte in Hausarbeiten von Studierenden der Sozialen Arbeit Metaphern der Gesellschaft. Es existierten mit Ausnahme des räumlichen Schicht-Modells der Gesellschaft („oben“, „unten“) keine Gemeinsamkeiten zwischen studentischem Denken des zweiten Semesters und soziologischen Theorien (dazu vgl. Abschn. 4.1.1). Dafür dominierten in studentischen Formulierungen einfach strukturierte „kinaesthetic image schemas“ wie Vertikalität, Kraft, Behälter und Personifikation; nur Letztere wird zu einem komplexeren metaphorischen Konzept elaboriert. Dabei erscheint ein neues Konzept von Gesellschaft als (versorgender) Elternschaft, das im theoretischen Sprechen bisher nicht auftauchte. Lakoffs (2002) Betonung der Zentralität der Eltern-Metapher für das alltägliche Begreifen von Gesellschaft kann bestätigt werden, auch wenn seine Analyse zu sehr darauf fokussiert zu sein scheint. Die Zusammenschau der Hervorhebungen bzw. Ausblendungen der Konzepte ergibt eine beeindruckende Komplexitätsreduktion der Wahrnehmung des Phänomens „Gesellschaft“ und eine unmittelbare lebensweltliche Zugänglichkeit und Füllung des Begriffs: Die Zuschreibung von Verantwortung und die Kritik an „Gesellschaft“ im Sinne der Überforderung und der mangelnden Versorgung ist im Eltern-Modell formulierbar, damit können auch normative Vorstellungen artikuliert werden, die Gesellschaft habe versorgend zu sein. Solche Vorstellungen sind in einer Soziologie, die sich – in welchen Schattierungen auch immer – als wertneutrale oder wertreflektierende versteht, kaum zu äußern. Hier scheint die Differenz auf, die eine „Grundlagen“-Wissenschaft Soziologie von einer „angewandten“ Wissenschaft der Sozialarbeit trennt. Eine weitere lebensweltlich relevante Normierung ergibt das „Inklusions“-Modell der Behälter-Metaphorik, „in“ eine Gesellschaft „integriert“ sein zu sollen. Anderenfalls wird Gesellschaft als übermächtige, entpersönlichte Kraft gedacht, bzw. Alternativen zu den bekannten Formen gesellschaftlichen Lebens sind in der Gefäß-Metaphorik kaum zu vermuten. Entdifferenzierungen werden deutlich, so sind gegensätzliche Dynamiken innerhalb des Phänomens „Gesellschaft“ nicht hinnehmbar, weil es als singuläres und einheitliches Wesen verdinglicht wird. Eingriffsmöglichkeiten bestehen angesichts der Hinnahme naturwüchsiger Kausalitäten fast nur in der Kritik allzu strenger Elternbilder oder Schuldzuweisung an die nicht versorgende Person. Das studentische Alltagswissen und das Spezialwissen der Disziplin unterscheiden sich daher sehr; das Missverstehen im Studium scheint unvermeidbar, da die Bildwelten der Studierenden in hohem Maße inkompatibel zu denen der Bezugswissenschaft stehen.

4.3.6 Überlegungen zur Intervention

Bisher waren Metaphern der KlientInnen wie Metaphern der Professionellen benannt worden; bereits in den Arbeiten von Schulze (2007) und Beck (2009) deutet sich an, dass zu einer gelingenden professionellen Interaktion eine spezifische Korrespondenz der metaphorischen Denkweisen beider Seiten beitragen könnte. Diese Anschlussfähigkeit der Sprachbilder selbst kann von den Professionellen erleichtert werden; die Metaphernanalyse hat also auch einen unmittelbar praktischen Bezug, weil sie Beratungshandeln um Hilfen zum Arbeiten mit Metaphern erweitert (u. a. Rose 1996; Schmitt 2000b; Babits 2001; Engel, Sickendieck 2004). Auch wenn dieser Text auf die Forschungsmethode zielt, soll kurz gezeigt werden, dass eine Metaphernanalyse keine folgenlose Interpretation um des Interpretierens willen bleiben muss, sondern sich – wie einige andere qualitative Forschungsmethoden – als Beratungs- und Supervisionsmethode praktisch bewähren kann (vgl. Miethe 2007). Hier sollen nur die wichtigsten Hinweise genannt werden (Schmitt 2009c):

Validieren der Metaphern der KlientInnen

Vor allem für den Beginn einer Beratung hat Barkfelt (2003) vorgeschlagen, die Metaphern der KlientInnen wertschätzend zu spiegeln und ihre Implikationen zu entwickeln: Was bedeutet für einen Alkoholkranken die Formulierung, in nüchternem Zustand „verschlossen“ zu sein? Was bedeutet die trunkenheitsinduzierte Kategorisierung, „locker“ zu sein? Anders als in der Gesprächspsychotherapie nach Rogers impliziert eine metaphernanalytisch gestützte Beratung nicht nur ein Spiegeln der Affekte, sondern auch ein Rekonstruieren der gedanklichen Konstrukte, in denen KlientInnen sich und ihre Welt vorstellen. Diese Haltung nimmt das oben genannte highlighting durch Metaphern ernst.

Arbeiten innerhalb der Metaphorik der KlientInnen

Nach der Sicherung des Verstehens und der Arbeitsbeziehung können in einem zweiten Schritt die Schattenseiten der metaphorischen Konstrukte (hiding) elaboriert werden: Wenn Trinken Kampf und Sieg bedeuten, wäre der Konsumverzicht dann eine Niederlage? Wenn ja, welche Alternativen dazu sind denkbar? Oder: Wenn die Rituale des Trinkens soziales Geben und Nehmen bedeuten, dann ist Nichttrinken ein Verweigern von Zugehörigkeit und eine empfindliche Störung der sozialen Bindung. Wie können Geben und Nehmen auf eine andere Weise entwickelt werden?

Umdeutung von Metaphern

Zum Umdeuten bzw. Reframing gibt es sowohl in der kognitiven Verhaltenstherapie wie in den systemischen Ansätzen einige kunstvolle Erklärungen (Wilken 2010). Mit Interviewbeispielen lässt sich zeigen, dass Umdeutungen in der Lebenswelt selbst vorkommen (Schmitt 2002b): So gebrauchen trinkende Männer oft eine Metaphorik des Kampfs („Kampftrinker“, „einen Kasten Bier niedermachen“, Alkohol als „Nachschub“). In Interviews mit abstinent lebenden Männern lässt sich nach der Abhängigkeit kaum noch das großspurig dargestellte Trinkvermögen, sondern die Abstinenz als männlich-kämpferische Höchstleistung finden. Diese Umdeutung taugt als praktischer wie theoretischer Hinweis: Metaphorische Konzepte als habituelle Wahrnehmungsmuster können nicht einfach „dekonstruiert“ werden; hier gilt die soziologische Einsicht, dass jedem Habitus ein großes Beharrungsvermögen zugesprochen werden kann.40 Beratung kann bewirken, dass metaphorische Deutungsmuster weniger selbst- und fremdschädigend genutzt, dass sie konstruktiv gewendet werden und dass im besten Fall reflexive Distanz zu ihnen entsteht.

Anbieten von neuen Metaphern

In seiner Bedeutung oft überschätzt wird das Anbieten neuer Metaphern, das in der Praxis das Risiko des manipulierenden Überstülpens fremder Konzepte birgt und daher mit einigen Vorsichtsmaßnahmen überlegt werden sollte. Angus und Korman (2002), aber auch schon Kopp (1995) haben darauf aufmerksam gemacht, dass weniger die Einführung einer neuen Metapher, sondern vor allem die Ausdifferenzierung der Sprachbilder der KlientInnen eine Weiterentwicklung des Selbst- und Weltverständnisses nach sich ziehen kann.

Solche Überlegungen zur Intervention werden im Abschn. 4.6.1 zur psychologisch fundierten Beratung und Psychotherapie wieder aufgenommen.

4.3.7 Zusammenfassung

Wenigen exemplarischen metaphernanalytischen Arbeiten steht die Breite nicht bearbeiteter Themen der NutzerInnen von Angeboten Sozialer Arbeit und der Professionellen gegenüber. Insbesondere fehlen Studien, welche wie bei Schulze (2007) die bestenfalls partielle Anschlussfähigkeit der Vorstellungen der beteiligten Gruppen untersuchen. Ein Spezifikum der Beiträge aus der Sozialen Arbeit ist der Bezug auf psychosoziale Konflikte und deren Aushandlungen. Über die Dokumentation der vorhandenen Denkmuster hinaus hat die Metaphernanalyse einen unmittelbar praktischen Bezug für die Soziale Arbeit, weil sie Beratungshandeln um das Arbeiten mit Metaphern erweitert und zu einer Reflexion eigener metaphorischer Vorprägungen anleitet.

Der Beitrag der Sozialarbeitswissenschaft zur Metaphernanalyse liegt daher weniger in der Entwicklung der Methodik (die eigenen Arbeiten außer Acht gelassen) als in einer spezifischen Zuspitzung der Annahmen der kognitiven Metapherntheorie: Metaphern organisieren nicht nur in allgemeiner Weise Wahrnehmung und Handlung, sondern tragen in Professionen, das heißt in Anwendungsabsicht viel zur Klärung der Denk- und Handlungsweisen der KlientInnen bei – also zu einer eigenen Art der Diagnostik. Sie informieren darüber hinaus die Sozialprofessionellen über eigene und gruppentypische Muster der Reflexion, dienen also der Supervision. Über die Wirkung von Sprache im Sinn der Rhetorik hinaus helfen sie in professioneller Interaktion als Intervention zu einer gelingende(re)n Abstimmung zwischen KlientInnen und SozialarbeiterInnen, die nicht durch Überredung, sondern durch Sinnverstehen und gedankliches Erproben von Handlungsspielräumen gekennzeichnet ist. Innerhalb dieses Raums des Professionswissens sind zwei Themen mehrfach benannt: Zum einen werden Studien zur metaphorischen Konstruktion von Beziehung im Rahmen der professionellen Arrangements (Schmitt 1995; Hünersdorf und Studer 2011) relevant; zum anderen rückt das Thema der Zuschreibung von Kausalität als Kern des Professionswissens in den Vordergrund. Dieser Gedanke führt zur Hochschuldidaktik als bisher wenig thematisiertem Problemfeld angewandter Sozialwissenschaften: Wie sehr gerade bei Studierenden der Sozialen Arbeit vorher erlernte lebensweltliche Deutungsmuster die vermittelten Studieninhalte abweisen und umgekehrt diese Deutungsmuster auch als Ausgangspunkt einer Transformation begriffen werden müssen, wird von Treptow (2000), Schweppe (2000), Kallert (2000) und Schulze-Krüdener (2005) thematisiert. Eine analytische Rekonstruktion der metaphorischen Denkmuster, die Studierende der Sozialen Arbeit in das Studium einbringen und die erhoben, identifiziert und auf eine produktive Weise konfrontiert werden müssten, liegt außer der unvollständigen Skizze von Gould und Harris (1996) nicht vor. Wie in Abschn. 4.2.1.3 erwähnt, nutzen Studierende der Sozialen Arbeit zur Verbildlichung des Begriffs „Gesellschaft“ kaum die aus soziologischen Theorien bekannten Metaphern (Organismus, Kampf, Markt etc., vgl. Abschn. 4.1.1). Stattdessen dominiert die Metaphorik der Gesellschaft (oder des Staats) als Person, die in elterlicher Funktion verstehen und versorgen soll und diesen Aufgaben nicht nachkommt. Damit sind normative Annahmen verknüpft, die sich auf die Wahrnehmung der eigenen Tätigkeit auswirken dürften.

4.4 Sozialmedizin, Pflege- und Gesundheitswissenschaften

4.4.1 Der Körper, seine Wissenschaften und die Metapher

Der Zusammenhang41 von Metaphern und den auf Gesundheit und Krankheit orientierten Wissenschaften42 wird inzwischen auch in der deutschsprachigen pflegewissenschaftlichen und sozialmedizinischen Diskussion thematisiert (vgl. Schachtner 1999, 2001; Schrems 2003; Schnell 2004; Schiefer 2006). Bereits vor dem Erscheinen des ersten Buchs von Lakoff und Johnson skizzierte Warner (1976), dass andere Kulturen, etwa der Eskimos und der Navaho sowie Teile Chinas Krankheiten unter anderem in Metaphern der Balance ausdrücken, während die Sprachen des „Standard Average European“ extensiv Metaphern der Verräumlichung (innen/außen) und der Verdinglichung von Krankheit als Gegenstand nutzen. Warner folgert, dass diese Metaphorisierung die Wahrnehmung des Arztes als Chirurgen fördere, der Krankheit als krankes Körperteil identifiziere und ab- oder herausschneide. Diese Interpretation verdeutlicht die mögliche Reichweite metaphernanalytischer Untersuchungen zum Verständnis von Erkrankungen und ihrer Behandlung. Vor allem die breit gestreuten Hinweise aus dem englischsprachigen Raum43 zur Metaphorik als Ausdruck von Schmerz und Körperbefinden sowie als Möglichkeit und Hemmnis der Kommunikation drängen zum weiteren Nachdenken über ein Handlungsproblem: Im Zentrum professioneller Interaktionen steht ein oft auf die Lösung existenzieller Fragen bezogener und mit besonderen Erschwernissen behafteter kommunikativer Prozess (vgl. Remmers 1999; Friesacher 2000; Darmann 2000; Böhnke 2010, S. 12–23). Diese kommunikative Problematik spitzt sich im Handlungsfeld der Krankenpflege insbesondere durch die existenziellen, lebensbedrohlichen Krisen und das eingeschränkte Sprachvermögen der zu Pflegenden besonders zu (Schmitt und Böhnke 2006). Metaphern überspringen den Graben zwischen einem nicht begrifflichen Deutungsvermögen und bewusst-sprachlicher Reflexionstätigkeit und markieren das Übergangsfeld, das pflegewissenschaftlich Forschung, die sozialwissenschaftliche Medizindiskussion (Schachtner 1999, 2001) und die anthropologische Forschung bzw. Ethnomedizin (Kirmayer 1992, 1993; Boeker 2001) in den Blick nehmen. Aber nicht nur die pflegewissenschaftliche oder sozialmedizinische Diskussion im engeren Sinn, sondern auch die pragmalinguistische Analyse von Ausdrucksmöglichkeiten körperlichen Leids rekurriert auf Metaphern als Träger persönlichster Erlebnisse, wie unten in der Diskussion des Sammelbands von Brünner und Gülich (2002a) vorgeführt werden wird. Schließlich werden kommende Veränderungen des Körper-, Gesundheits- und Krankheitsverständnisses wie zum Beispiel durch die Gentechnik auch durch Metaphern antizipiert (Gogorosi 2005; Nerlich 2005; Musolff 2005; Bock von Wülfingen 2007; Nerlich, Helsten 2009).

Die kognitive Linguistik nach Lakoff und Johnson lässt sich an diesem Punkt heranziehen, denn sie skizziert ein besonderes Verhältnis von Metaphern und Körper. Sie geht davon aus, dass elementare Gestaltschemata des Denkens und Sprechens ein Resultat früher körperlicher Auseinandersetzung mit der Umwelt sind, so etwa die Schemata vom Gefäß, von Höhe und Tiefe, des Wegs, der Balance oder der gerichteten Kraft (Johnson 1987; vgl. Abschn.  2.1.3). Von diesen Schemata leiten sich Metaphern ab, wie sie zum Beispiel bei Alkoholkranken (vgl. Schmitt 2002a, 2002b) die biografischen Erfahrungen der Trinkerkarrieren als „Höhen“ und „Tiefen“ bebildern, als „Kampf“, als „Last“, als „Klarheit“ – für viele Metaphern lässt sich eine sensomotorische Grundlage fassen (vgl. Abschn.  2.1.6). Das Gleiche gilt für Metaphern der räumlichen „Enge“, des „Festhaltens“ und „Loslassens“ im Fallbeispiel einer an Brustkrebs erkrankten Frau (Schmitt 2013a).44

Der Körper als Gegenstand der Pflege, der Medizin und der Gesundheitswissenschaften und die Methode der Metaphernanalyse berühren einander also an einem zentralen Punkt. Darüber hinaus ist, wie zu zeigen sein wird, die Zahl von Studien über die metaphorische Sprache erkrankter Menschen und die Metaphern in der Lebenswelt für Erkrankungen beeindruckend. Erste Arbeiten zu Metaphern in der Interaktion zwischen Kranken und Professionellen, den Metaphern der Professionellen und der Didaktik der Pflegewissenschaften sind ebenfalls vorhanden, jedoch schon deutlich spärlicher. Die im Folgenden erwähnten Texte umfassen die breite Palette von unsystematischer, aber anregender Metaphernsammlung über eine Dokumentation von Tonbandmitschnitten bis hin zu sehr wenigen reflektierten methodischen Auswertungen, die Gütekriterien einer verlässlichen wissenschaftlichen Rekonstruktion einlösen können. Oft werden einzelne Metaphern isoliert und über deren weitreichende Bedeutung spekuliert (vgl. die kritischen Anmerkungen bei Thorne et al. 2002), der innere Zusammenhang mehrerer Metaphern nicht diskutiert und die Breite des Vorkommens von Metaphern nicht dokumentiert. Beim jetzigen Stand der Bemühungen um eine systematische und nachvollziehbare Metaphernanalyse ist es notwendig, diese Arbeiten als Vorläufer, als Anregung und als Warnung vor Sackgassen zu rekonstruieren.

4.4.2 Metaphern für Erkrankungen in Lebenswelt und Medien

Welche Metaphern für Erkrankungen dominieren die Lebenswelt und strukturieren den individuellen Umgang mit Erkrankungen? Susan Sontag hat zwei einflussreiche Texte über die Metaphern von Tuberkulose und Krebs (1978) und Aids (1989) publiziert. Im ersten Buch analysiert sie, wie im 19. Jahrhundert Tuberkulose als Krankheit eines ausschweifend-romantischen Lebens metaphorisiert wird (von der „Kameliendame“ bis zum „Zauberberg“) und gegenteilig dazu Krebs in der Folge der Vorstellungen von Wilhelm Reich als Folge ungelebter Gefühle gesehen wird, wie es im Roman „Mars“ von Fritz Zorn beschrieben ist. Die Folge dieser Metaphorisierung ist ein den Erkrankten treffender Vorwurf, Gefühle nicht oder falsch gelebt zu haben. Sontag nutzt jedoch selbst eher technische Metaphern, dass Krebs letztlich eine Krankheit sei, die „durch ein einziges Behandlungsprogramm unter Kontrolle zu bringen ist“, und hofft, dass sie „eine schlichte physische Ursache“ habe (Sontag 1978, S. 66, ähnlich 72 f.). Ihre Arbeit knüpft an einen nicht explizierten Metaphernbegriff und ihr fehlt eine Methode. So kann sie nur die Metaphern erkennen, die nicht zu ihren Überzeugungen passen. Sie spitzt diese Metaphoriken polemisch zu, ohne ihre eigene Metaphorik, die Metaphorik der rational-technischen Beherrschung einer nur biologisch begriffenen Erkrankung als solche erkennen zu können.45 Czechmeister (1994) hat die Folgen dieser Publikationen für das Metaphernverständnis in der Pflegewissenschaft kritisch diskutiert, insbesondere das Übersehen technischer Metaphern.46

Krebserkrankungen und Aids haben im öffentlichen Sprachgebrauch viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seale (2002) arbeitet die öffentliche mediale und metaphorische Inszenierung von Männern mit einer Krebserkrankung als Heroen heraus, die durch ihren Willen und Kampf überlebten, während Frauen eher „Gefühlsarbeit“ („emotional labor of self-transformation“, ebd., S. 107) zeigten. Leider ist die Arbeit wie viele andere nicht systematisch an Lakoff und Johnson orientiert. Gwyn (1999a) exploriert die moralisierende Seite der Kampf- und Kriegsmetaphorik bei Aids im Hinblick auf das Subkonzept der Invasion des Fremden auch bezüglich Homosexueller, die in der Öffentlichkeit als Träger der Erkrankung fokussiert werden, was im Vergleich mit anderen bakteriell ansteckenden Erkrankungen auffällt, die weniger moralisiert werden. Gwyn (1999b) verweist bei Krebs wie bei Aids auf die starke Bedeutung der Kampfmetaphorik hin. Auch Dobrovol’skij (1997) untersucht Metaphern von Aids in mündlichen Fach- und Vermittlungstexten (z. B. Pressekonferenzen) und fokussiert mit einer nicht immer nachvollziehbaren Anknüpfung an Lakoff und Johnson auf die Metaphorik des Kriegs („Killerzellen“, „Bekämpfen“) und der (bedrohlichen) Fortbewegung. Liebert (1997) interessiert, wie metaphorische Denkmodelle von Aids im Gespräch zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftsjournalisten koproduziert werden, wobei auch er dies an Varianten der Kriegsmetaphorik entfaltet. Er entwickelt ein dramatisches Modell, wie metaphorische Konzepte in die Kommunikation eingeführt, abgewiesen und wiederaufgenommen werden, interessiert sich jedoch nicht für die Rekonstruktion der Breite der Aids-Metaphern. Wagner (1997) schließt an Moscovicis Theorie der sozialen Repräsentationen (vgl. Abschn.  3.3) an und skizziert anhand der Aids-Berichterstattung des „Spiegels“ exemplarisch ebenfalls die Metaphern von Kampf und Krieg und der (Natur-)Katastrophe.

Ebenfalls eine Analyse von Printmedien stellen Chiang und Duann (2007) dar, welche die ansteckende Lungenerkrankung SARS in Taiwan ebenfalls vorwiegend als Kriegs- und Naturkatastrophenmetaphorik sehen; sie arbeiten die unterschiedlichen politischen Implikationen dieser Metaphern heraus. Metaphern als Material einer an Foucault angelehnten diskursanalytischen Perspektive im Hinblick auf eine Kulturgeschichte der Medizin diskutiert Sarasin (2003), jedoch ohne Bezug auf eine bestimmte Empirie bzw. Erkrankung und ohne Bezug zur kognitiven Metapherntheorie. An die frühe Arbeit von Lakoff und Johnson (1980) knüpft Johnstone (2011) an, um im Wesentlichen drei Metaphernkomplexe der öffentlichen Diskussion über Demenz zu eruieren (als Epidemie, als Angriff und Verteidigung, als Raub der Fähigkeiten), ferner die Entwicklung, dass die Alzheimererkrankung selbst zur Metapher geworden und eine Überlappung der Diskurse zur Euthanasiediskussion festzustellen sei. Eine eigene metaphernanalytische Methodik fehlt, welche die geringe Zahl der metaphorischen Konzepte und die unklare Überlappung mit anderen Diskursen erklärt. Knaptons (2013) Analyse von Webseiten, die sich für eine gelebte Anorexie aussprechen („Pro Anorexia“), findet gerade zwei metaphorische Konzepte (Anorexie als Fähigkeit/Begabung und Anorexie als Religion) und basiert noch auf Lakoff und Johnson (1980). Muenchberger et al. (2011) rekonstruieren die in Printmedien zu findende Debatte über behinderte und kranke Jugendliche in Pflegeheimen (Metaphern der Gefangenschaft, ökonomische Bilder, Metaphern von Kämpfen, der Fragmentierung der Gesundheitssysteme und der Identität der Betroffenen sowie Metaphern der Zeit) mit einer früheren Version der hier vorgelegten Metaphernanalyse.

Auch die Medizinethnologie hat das Potenzial von Metaphernanalysen entdeckt: Wolf (1996) vergleicht vor dem Hintergrund der kognitiven Metapherntheorie die Kriegsmetaphorik in Europa („Seuchen-Bekämpfung“ und „Killer-Zellen“) mit derjenigen in Malawi, in der das Aids-Virus vor allem in Essensmetaphern begriffen wird: Das als Wurm begriffene Virus isst den Menschen auf, ähnlich wie Hexen und soziale Abweichler anderen Dorfmitgliedern Nahrungsmittel „wegnehmen“ und sogar deren Körper „aussaugen“. Sexualität wird auch stark durch Essensmetaphern strukturiert, und so wundert sich Wolf nicht, wenn die Kondompackungen, die mit Schild und Speer zwar afrikanische Krieger, aber europäische Bekämpfungsgedanken zeigen, nicht als Prävention ankommen. Die Generation der 14- bis 18-Jährigen in Malawi scheint stärker mechanisch-verdinglichende Metaphern der Sexualität zu nutzen, so die Studie von Undie et al. (2008) im Kontext der Prävention von früher Schwangerschaften (Nebenbeziehungen wurden als „spare tire“, d. h. als „Ersatzreifen“ bezeichnet), was mit der Wahrnehmung von Aids als „Autounfall“ (Dilger 2000) korrespondiert: Die mechanischen Metaphern korrespondieren mit den sozialen und technischen Umwälzungen im ländlichen Afrika. – Bennstam und Diwan (2004) gehen dagegen nicht über Sontags oben diskutierten unklaren Metaphernbegriff hinaus: Sie untersuchen die Wahrnehmung der Tuberkulose im Kongo in der praktischen Absicht, Gesundheitsprogramme zu implementieren. Tuberkulose erscheint als Stigma, wird räumlich-metaphorisch in der Distanz gesehen und erscheint darüber hinaus als Person, die in andere Menschen eindringt.

4.4.3 Metaphorische Sprache erkrankter Menschen

Einen Sammelband zur sprachlichen Problematik, Krankheit zu versprachlichen wie zu verstehen, legen Brünner und Gülich (2002a) vor (vgl. ausführlicher Schmitt 2002c). Im einleitenden Aufsatz (Brünner und Gülich 2002b) wird die Grenzposition des Sprechens über Krankheit elaboriert: Das Sprechen berührt das eigene Selbst ebenso schmerzhaft wie entlastend; gleichzeitig ist Schmerz ein leiblich erlebtes, nicht unmittelbar in Sprache gegebenes Phänomen. Die häufig wiederholte Floskel, die Schmerzen eigentlich nicht beschreiben zu können, sind ein Ausgangspunkt vieler Interviews; die sprachlichen Mittel, kommunikativen Verfahren und sozialen Handlungsmuster zur Fortsetzung des Gesprächs sind Thema des Bands. Bei diesen sprachlichen Verfahren, leibliche Erfahrung mitzuteilen, fällt die Metaphorik auf. Ihnen steht eine nicht sprechende, technikintensive Medizin gegenüber, die ihre Handlungsweisen und Wissensbestände zunehmend weniger verständlich machen kann. Brünner und Gülich (2002c) suchen die Antwort auf die Frage: Welche im- und expliziten Methoden der Veranschaulichung werden von Professionellen im medialen Diskurs wie im Gespräch mit KlientInnen genutzt? Sie analysieren dazu Vorträge, Seminare für PatientInnen, Radio- und Fernsehsendungen wie auch Interviews mit Betroffenen. Bei Herzerkrankungen gebrauchen ExpertInnen und Laien ähnliche Metaphern (das Herz als Motor oder Pumpe, Kreislaufsystem als Rohr- oder Verkehrssystem47). Erstere führen die Metaphern expliziter ein, sind sich des Abstands zwischen Bild und realem Phänomen bewusster und nehmen die sprachlichen Bilder seltener verdinglicht-real wahr. Nur bei den KlientInnen taucht die Wettermetapher für die Erkrankung auf: Sie sei wie ein „Blitz aus heiterem Himmel“ gekommen. Bei den Betroffenen einer Epilepsie zeigt sich, dass das Wort vom „Anfall“ ein leeres Konzept ist, das die Überwältigung des Bewusstseins den Betroffenen nicht verständlich macht. Brünner und Gülich unterscheiden verschiedene Formen von Formulierungsschwierigkeiten (vgl. Gülich 2005); die Betroffenen suchen nach Metaphern für den Anfall, finden jedoch häufiger Beispielerzählungen als Modus der Veranschaulichung. Sie differenzieren zwischen Metaphern, Vergleichen, Szenarien, Analogien, Beispielen, Beispielerzählungen und Konkretisierungen, die jeweils auf ihre konversationellen Aufgaben untersucht werden. Man kann darüber diskutieren, ob man der von den AutorInnen vorgenommenen Trennung zwischen Metapher und narrativen Formaten folgt. Im Gegensatz dazu nutzt Bohnsack (2011) solche zentralen Erzählungen als „Fokussierungsmetaphern“, das heißt als Allegorien.

Auch Surmann (2002; vgl. 2005) analysiert die Bilder, mit denen an Epilepsie Erkrankte ihre epileptischen Anfälle beschreiben. Im Vergleich mit der Sprache von Medien und ExpertInnen fällt auf, dass die Metapher der Epilepsie als „Gewitter im Gehirn“ von den Betroffenen kaum genutzt wird. Eine Frau berichtet dagegen, es sei ihr, „als ob einer so ne heiße Flüssigkeit durchkippt“, eine andere, als ob sie „so ‚n Baseballschläger vorgekricht“ habe, „als hätt ich noch ne zweite Person in mir“, „das war wie Aquarium,… als würde man drinne sitzen und nach draußen gucken, so … verschwommen“, „is auch wie ‚n nervöser Magen, den ich dann im Kopf hab“ (ders. 2002, S. 97). Sehr überzeugend ist Surmanns Herleitung, dass die literaturwissenschaftliche Unterscheidung zwischen Vergleich und Metapher anhand der gesprochenen Sprache nicht gelingen könne (ebd., S. 102). Ebenso belegt er, dass konventionelle Metaphern psychologisch relevant sind – gerade in der Formulierungsarbeit am Nichtfassbaren seien sie eine wichtige Ressource (ebd., S. 102 f.). Er beschreibt, wie auch die metaphorische Kommunikation scheitern kann, wenn schnell wechselnde Bilder gebraucht werden. Er belegt, dass der Metapherngebrauch zwar nicht konsistent, aber kohärent sein kann: Unterschiedliche metaphorische Konzepte ergänzten sich dann in ihrer Beschreibung des Erlebens (ebd., S. 109 ff.). Surmann diskutiert die Rolle der Metaphern in der Beschreibung des Grenzphänomens mit dem Hinweis, dass Metaphern bzw. metaphorisch brauchbare Schemata im Sinne von Piaget präoperational erworben werden, in einer Phase also, in der eine Objektkonstanz sich gerade entwickelt – was sie als Kommunikationsmittel für diesen Grenzfall des Bewusstseinsverlusts prädisponiert; Metaphern transportierten somit frühes Erleben (ebd., S. 106). Solche Querverbindungen von der Entwicklungspsychologie in die Gesundheitswissenschaften lassen das Potenzial der kognitiven Metapherntheorie für die qualitative Forschung erkennen. Allerdings zeigt Surmanns Kurzreferat die bei Lakoff und Johnson aufscheinende Gefahr, die Analyse der Metaphern in der Hirnforschung fundieren zu wollen. Dagegen belegt Surmanns Arbeit am Text, dass die Analyse der Metaphern in lebensweltlichen Texten ein hermeneutisches Unterfangen ist.

Oben sind bereits kulturell und medial tradierte Metaphern der Krebserkrankung diskutiert worden, denen zumindest sechs unterschiedliche Studien zur metaphorischen Sprache der tatsächlich Betroffenen gegenüberzustellen sind. Eine der konzentriertesten Arbeiten liefern Gibbs und Franks (2002). Sie untersuchen in einer Interviewstudie vor dem Hintergrund der kognitiven Metapherntheorie die Wortwahl von sechs an Krebs erkrankten Frauen vier Jahre nach der Behandlung, wobei sie sich nicht wie hier vorgeschlagen auf eine Forschungsfrage begrenzen, sondern alle Metaphern rekonstruieren, die das Thema Krebserkrankung spiegeln. 23 metaphorische Konzepte werden gefunden:

Life is a journey, cancer is an obstacle on life’s journey.

Emotional effect is physical contact.

Emotional strength is physical strength.

Self is a container, cancer is a fluid within the self container.

Life is a gambling game, cancer and its treatment is a game.

Understanding is seeing, cancer clears vision and allows for new understanding.

Healing is a choice, cancer is not.

Cancer is entity from a different world.

The body is a machine.

Cancer is war.

Cancer is a teacher.

Psychological distance is physical distance.

Happy is up and sadness is down – one must stay up to heal.

Emotions are natural forces.

Life and cancer are natural processes.

Life is a bank account.

The self is made of different parts – cancer helps to uncover these parts.

Cancer is a wake-up call.

Mind is a brittle object – to heal one must keep it together.

Life is a play – cancer offers one new roles.

Psychological growth is biological growth – cancer helps us grow.

Understanding is grasping.

Cancer is an alien self (ebd., S. 150 f.).

Diese gründliche Sammlung bleibt derzeit unerreicht. Sie bleibt jedoch bei den Konzepten stehen, ihre Interpretation wird im Aufsatz wenig ausgebaut, weil ein soziologischer, kulturwissenschaftlicher und klinisch-psychologischer Hintergrund fehlt, vor dem diese Konzepte erst mit mehr Tiefe zu interpretieren wären. Der Aufsatz bietet jedoch eine gute Einführung in die kognitive Metapherntheorie; bei der Analyse orientieren sich die Autoren an dem regelbasierten Prozedere von Semino et al. (2004).

Dornheim (1987) sucht in ihrer Interviewstudie vor allem individuelle Metaphern der Betroffenen, etwa derjenigen, dass der Körper durch die Chemotherapie „wie eine Picasso-Figur“ aussähe. Ihr an Black orientierter Metaphernbegriff fasst die konventionellen Metaphern und ihren kognitiven Wert kaum; die Empirie bleibt anregend, aber unsystematisch. Obschon an Lakoff und Johnson orientiert, interessiert sich Skott (2002) ebenfalls nur für auffallende Metaphern und Vergleiche. Ebenfalls nicht systematisch untersucht Gwyn (1999b) Metaphern für chronische Erkrankungen, unter die er Krebs-, Herz- und weitere Erkrankungen reiht. Ähnlich wie die vorher zitierten AutorInnen referiert er nur die hervorstechendsten Metaphern („captain of my own ship“). Teucher (2003) will quantitative und qualitative Forschungsmethoden integrieren, nimmt zunächst 29 Interviews auf, die aufgrund der Materialmenge nicht zu bearbeiten sind, sodass er davon angeregt einen Fragebogen mit Metaphern für die Erkrankung ausgibt, deren Wichtigkeit er die Befragten auf einer Skala von 1 bis 7 ankreuzen lässt: Diese Studie exemplifiziert sowohl Samplingprobleme, Probleme der Triangulation unterschiedlicher Methodologien und auch handwerkliche Probleme, denn ein expliziter Metaphernbegriff existiert nicht; kritiklos übernimmt er die Vorstellung von Sontag (1978). Ganz im Gegensatz dazu diskutieren Semino et al. (2004) für die Krebserkrankung vor allem die methodischen Probleme der Metaphernerkennung nach Lakoff und Johnson in Interviews sehr gründlich und diskutieren nur nebenbei mögliche metaphorische Konzepte der Krebserkrankung als „galoppierendes“ oder „schlafendes“ Tier und als „Ausbruch“. Reisfield und Wilson (2004) diskutieren die Tiefe der Kriegsmetaphorik und mögliche Alternativen. Coreil et al. (2004) stellen in einer wieder unsystematischen Metaphernanalyse bei Brustkrebs jenseits der Kriegsmetaphern des Überlebens und „Bekämpfens“ der Erkrankung die Selbsthilfegruppe oft als „Familie“ oder „Schwesternschaft“ heraus. Als Einzelfallstudie und näher am Konzeptbegriff der kognitiven Metapherntheorie bietet Bowker (1996) die einzige bisher bekannte umfangreichere metaphernanalytische Selbstanalyse: Sechs Jahre nach einer Krebserkrankung analysiert sie ihre eigenen Tagebuchausschnitte und Tonbandprotokolle einer begleitenden Psychotherapie im Hinblick auf Metaphern der Kontrolle und des Kontrollverlusts und arbeitet Implikationen für weitere Studien heraus. – Als letzte der Arbeiten zu Krebs sollen Degner et al. (2003) erwähnt werden, die Frauen mit einer Brustkrebserkrankung acht verschiedene Metaphern zur Auswahl gaben. Diese Prozedur verkürzt die individuelle Bedeutungsgebung massiv, kann aber für Übersichtsarbeiten (es wurden 1.012 Frauen befragt) ein hilfreiches Modell sein. Allerdings wurden die angebotenen Metaphern („challenge“, „enemy“, „punishment“, „weakness“, „relief“, „strategy“, „irreparable loss“, „value“) nicht aus qualitativen Untersuchungen abgeleitet und bedürfen daher der Überarbeitung. Wie die lebensgeschichtlich sinnvolle Kombination von Metaphern das Krankheitserleben einer an Brustkrebs erkrankten Frau prägt, dabei Veränderungs- und Bildungserfahrungen durch Krankheit vorzeichnet wie verhindert, skizziert Schmitt (2013a). Arnold und Lloyd (2013) benennen trotz der Berufung auf Lakoff und Johnson eher eine thematische Ordnung der Metaphern von Sterbenden eines Hospizes (Unausdrückbarkeit transzendenter Erfahrungen, Weltlichkeit, Wahrnehmungsveränderung, Frieden).

Die Metaphorik des Alkoholmissbrauchs und der Abhängigkeit ist schon erwähnt worden (vgl. Schmitt 2002a, b; vgl. Abschn. 4.6). Sopory (2005) untersucht mit Rückgriff auf Lakoff und Johnson die Zusammenhänge zwischen riskantem Alkoholkonsum und (riskanter) Sexualität bei Studierenden, findet ebenfalls die Metaphorik des Alkohols als Kraft und als Person, die Hemmungen vertreibt oder vermindert. Alkohol sei ein „Schmiermittel“ für soziale Kontakte, auch er findet die Metaphorik der Klarheit für Abstinenz bzw. die Metaphern des eingeschränkten Sehens und der Dunkelheit für Alkoholkonsum, ohne dass er auf eine vollständige Darstellung aller Metaphern zielt. Redden et al. (2013) beobachten an Metaphern von Methadon-NutzerInnen die (retrospektive) Verwendung von aktivitätsanzeigenden Metaphern des beginnenden Drogengebrauchs und solche der Passivität in der jetzigen Lebenslage.

Kütemeyer (2002) interessiert sich für Metaphorik in der Schmerzbeschreibung; leider führt sie nur in ein psychoanalytisches verkürztes Schmerzverständnis ein – chronischer Schmerz diene dazu, vergangenes oder gegenwärtiges Leiden auszudrücken, das sonst keinen Ausdruck fände. Der Metaphernbegriff ist unklar: Ein „pochender“ oder „elektrisierender“ Schmerz sei keine Metapher, im Gegensatz zu „ein Schwert im Rücken“ (ebd., S. 193), und dann steht „Metapher“ wiederum für alle Formen bildhafter Schilderung (ebd., S. 196). Es finden sich keine Hinweise auf systematische Interviewauswertungen; es sind eher Erzählungen aus der klinischen Praxis. Es folgt eine eigene Systematik von Schmerztypen mit den jeweiligen Metaphern mit kasuistischen und nicht immer ganz überzeugenden Kurzbeispielen: „hypochondrische Fremdkörper-Metaphern“, „Auflösungs-Metaphern“, „metaphorische Ausgestaltung organischer Schmerzen“, „Metaphorik körperlicher Befunde“. Es ist zu bezweifeln, dass mit dieser Systematik ein „Alphabet der Affekte“ (ebd., S. 206) vorliegt.

Smith und Sparkes (2004) analysieren die Lebensgeschichten von 14 Männern zwischen 26 und 51 Jahren, die sich beim Rugby Querschnittlähmungen zuzogen (vgl. Abschn. 4.7). Die Diskrepanz zwischen einem geschlechtsspezifisch körperbetonten Sport und einer Verletzung, die zu einer passiv erlittenen Versorgung zwingt, wurde in den narrativen Interviews zwangsläufig zum Thema. Die Autoren übernehmen die Einteilung in die drei narrativen Formate „Wiederherstellung“ (restitution), „Chaos“ (chaos) und „Suche“ (quest) aus älteren Studien, denen sie nun bestimmte Metaphern zuordnen. Während die Schilderung der dominierenden Kampfmetaphern im zahlenmäßig überlegenen „restitution“-Szenario nachvollziehbar ist, kann nach bisherigen Studien nicht überzeugen, dass die sonst häufigen Weg-, Licht- und Behältermetaphern und das Bild vom Körper als zerbrechlichem Objekt einzig bei der Chaosnarration vorkommen. Allerdings wird die Methode der Metaphernrekonstruktion wie die der Konzeptbildung nicht expliziert. Zum Verhältnis von Metapher und Narrationen fehlt noch ein überzeugender Versuch (siehe Abschn.  3.4.3); die ausschließende Zuordnung von Metaphern zu bestimmten narrativen Formaten dürfte die Möglichkeiten einer Metaphernanalyse einschränken.

Baumgartinger et al. (2002) untersuchen in einer kleinen Studie mit acht PatientInnen die Wahrnehmung von Brustschmerzen bei Angina Pectoris und Lungenerkrankung. Sie nutzen gründlich die Schematheorie von Johnson (1987), versuchen dann jedoch in statistisch testender Weise Unterschiede zu erhärten: Zwischen der verdinglichenden Metaphorik des Schmerzes als Besitz („haben“, „kriegen“) und des Schmerzes als „Täter“ lassen sich zwischen Herzinfarkten und anderen Erkrankungen, aber nicht zwischen den Geschlechtern Unterschiede finden, was jedoch bei der geringen Fallzahl von acht Interviewten problematisch bleibt; zudem repräsentieren diese zwei metaphorischen Konzepte sicher nicht die Breite der relevanten Metaphern (ähnlich: Goetzmann et al. 2009). Gassner et al. (2002) stellen eine der in diesem Bereich häufigen Arbeiten vor: Sie stoßen im Rahmen einfacher Textauswertung von Interviews mit HerzinfarktpatientInnen auf eine starke Metapher, in diesem Fall die der „Herzattacke“ und einige ihrer Implikationen, eine systematische Klärung unterbleibt jedoch. Auch Jairath (1999) beschreibt die Metaphern von HerzinfarktpatientInnen, bezieht sich dabei auch auf Lakoff und Johnson, bleibt jedoch bei einzelnen Metaphern zunächst stehen. Immerhin arbeitet er heraus, dass Schmerz oft personifiziert wird und dass viele Metaphern für Herzschmerzen genutzt werden, die von der Verletzung durch äußere Objekte bildlich abgeleitet werden (z. B. von einem Messer geschnitten zu werden). Auch Jenny und Logan (1996) konzentrieren sich in ihrer Studie zum Erleben von Menschen, die künstlich beatmet werden, auf die auffälligen Metaphern: Unzusammenhängende Bilder wie „six feet under“, „in a black tunnel“ und „on another planet“ werden zusammengefasst in der unspezifischen Kategorie „altered self“ (ebd., S. 351). Die Orientierung an Lakoff und Johnson hätte hier eine Typisierung anhand der im Feld vorhandenen Sinnstrukturen ermöglichen können. Ähnliches gilt für die Studie von Richardson und Grose (2009) für die Sprache der Patienten einer Palliativtagesklinik. Sweeney et al. (2001) finden Unterschiede der Metaphern für Asthma zwischen Professionellen, die eher Metaphern des Prozesses fokussieren, und Betroffenen, die ihre Brust als statischen Behälter bebildern, der sich im Verlauf der Erkrankung füllt und leert. Andere Metaphern werden nicht systematisch rekonstruiert.48 McClelland und Huttlinger (2013) fokussieren dagegen bei der gleichen Erkrankung mit einer sich auf Schmitt (2005b) beziehenden Methodik auf Besitz- und Kampfmetaphorik – die geringe Zahl der metaphorischen Konzepte und ihre Gegensätzlichkeit in beiden Studien legt nahe, dass Metaphern nicht in aller Gründlichkeit erhoben wurden.

Obwohl nicht metaphernanalytisch im hier genannten Sinn, aber als Hinweis für qualitative Metaphernanalysen kann die Studie von Papagno (2001) dienen, die das Metaphernverständnis von Menschen mit einer Alzheimererkrankung untersucht. Sie kommt zum Ergebnis, dass der Rückgang der metaphorischen Sprache kein frühes Symptom der Erkrankung ist und auch in Teilen unabhängig von den Einschränkungen der nicht bildlichen propositionalen Sprache stattfindet.

Zusammenfassend ist zu notieren, dass die aus der pragmatischen Linguistik kommenden Studien von Brünner und Gülich (2002a) und Surmann (2002, 2005) sowie die aus der kognitiven Psychologie stammende Studie von Gibbs und Frank (2002) aufgrund ihrer empirischen Gründlichkeit, der Breite der Ergebnisse und dem reflektierten Bezug auf aktuelle Metapherntheorien die Referenzarbeiten dieses Abschnitts darstellen, auch wenn der Bezug zur qualitativen Forschung wenig elaboriert wird.

4.4.4 Metaphern in der krankheitsbezogenen Interaktion

Das Phänomen der metaphorisch geprägten Interaktion ist auf drei Ebenen zu verorten:
  • Zunächst erzeugen vor allem Metaphern körperlicher Zerstörung wie z. B. die Rede von einem „brennenden“ Schmerz emphatische Resonanzen im Gegenüber, die einer verkörperlichten Simulation („embodied simulation“) entspringen (Semino 2010).

  • Im weiteren organisieren Metaphern die Interaktion: Sachweh (1997) hat in der Kommunikation von Pflegenden mit Menschen, die an einer Demenzerkrankung leiden, die Kommunikationsstruktur des sogenannten „baby talk“ gefunden (reduzierte Satzkomplexität, Koseworte, Wortwiederholungen etc.), ein Muster, das mit der Metapher, dass alte Menschen Kinder seien, gut zu fassen ist. Metaphorisches Denken strukturiert die Interaktion (vgl. Buchholz und von Kleist 1995): Sachweh kann sehr schön zeigen, wie eine alte Dame sich in dieser Ansprache geborgen fühlt, während eine andere entrüstet darauf reagiert (Sachweh 1997, S. 101). In dieser Perspektive steht die metaphorisch strukturierte Interaktion im Vordergrund: Eine andere Form der Beziehung und eine andere Ansprache, die einer anderen Metapher gehorchen würde, wäre dann angemessener. Es fehlen nicht nur zu diesem Thema Studien zu den tatsächlich wirksamen Metaphern, in denen das Alter wahrgenommen und kommunikativ hergestellt wird,49 sondern auch sonst sind solche Interaktionsstudien selten. Die schon erwähnte Studie von Gülich und Brünner (2002a) fokussiert noch auf die Vermittlung von (medizinischen) Inhalten, die metaphorische Strukturierung der Beziehungsebene ist bisher noch nicht untersucht worden.

  • Eine dritte Ebene von Metaphernanalysen stellen diejenigen Studien dar, in denen die Verhandlung und der Austausch von Krankheitsvorstellungen beobachtet werden. Indirekt und stärker im medizinischen Bereich nähern sich Mabeck und Olesen (1997) diesem Phänomen an, indem sie PatientInnen mit Arthritis, Bluthochdruck und Herzerkrankungen nach ärztlichen Konsultationen, die ebenfalls aufgezeichnet wurden, fragen, was sie von den ärztlichen Erklärungen verstanden haben. Die Autoren beschreiben, dass die PatientInnen unabhängig von den medizinischen Erklärungen im Rahmen der Metaphern ihrer eigenen Krankheitstheorie blieben. Verstehen heißt, folgt man diesen Studien, sich innerhalb von gemeinsam geteilten Metaphern zu bewegen. Umgekehrt zeigt Ostergaard (1998), wie das Nichtverstehen zwischen Eltern asthmakranker Kinder und den medizinischen BehandlerInnen zustande kommt: Die umgangssprachlichen Metaphern der Eltern werden nicht aufgenommen. Diese Studie hat jedoch keinen expliziten Metaphernbegriff. Den kann die Studie von Döring et al. (2009) vorweisen, die in Berliner Hausarztpraxen die in Metaphern gelingende wie scheiternde Kommunikation zum Thema Übergewicht zwischen Professionellen und PatientInnen untersucht.

Metaphern dienen also als Medium sinnlicher Resonanz, als organisierende Struktur der professionellen Interaktion und als Objekt der Verhandlung im Gespräch. Eine unmittelbare Folgerung für Professionelle aus diesen Befunden lautet, auf die Sprache und die Metaphern der PatientInnen einzugehen, eine Einsicht, die im Kontext psychologischer Reflexion von Beratung und Therapie nicht wirklich neu wirkt (vgl. Abschn. 4.6.1). Damit verbindet sich die Zusatzfrage nach der Intervention, wie mit Sprachbildern im professionellen Alltag umgegangen werden könnte: Hier fehlen noch pragmatische und lehrbare Systematiken. Ansätze finden sich dazu für psychosoziale Hilfen in Schmitt (2000b; vgl. Abschn. 4.3.6), für Aids bei Dozor und Meece (1990), für Lungenerkrankungen bei Arroliga et al. (2002), bei Krebserkrankungen bei Olweny (1997). Allerdings tendieren die letzten beiden Studien dahin, in der Metapher, dass Sprache ein Werkzeug sei, die für hilfreich gehaltenen Metaphern ohne differenziertes Hinhören auf das Gegenüber „anzuwenden“; insbesondere Olwenys rezeptartige Verwendung der Kriegsmetaphorik verwundert vor dem Hintergrund differenzierterer Überlegungen wie denen von Reisfield und Wilson (2004).

4.4.5 Metaphern der professionellen AkteurInnen

Czechmeister (1994) hat, ohne an Lakoff und Johnson anzuknüpfen, die Notwendigkeit von Metaphern in der Elaboration des pflegespezifischen Wissens beschrieben. Im deutschsprachigen Raum knüpft Sexl (2001) daran an und deutet metaphorische Sprache als Ausdruck des spezifischen Erfahrungswissens von Pflegenden. Froggatt (1998) hat in ihrer Studie zur Emotionsarbeit angesichts der Belastung von Pflegenden in Hospizen und der Onkologie die Metapher des „breakdown“ gefunden, die stärker als die deutsche Übersetzung eine mechanische Konnotation des Zusammenbrechens einer Maschine zu haben scheint; ferner „draining“ (Austrocknung oder Entleerung); Last und Bedrückung („that pulls you down“), gleichzeitig das Bild des Behälters, der mit den Gefühlen von Trauer und anderen negativen Emotionen „gefüllt“ wird. Die Befragten sprechen vom „Abschalten“ („to switch on and off“), das nach der Arbeit notwendig sei, und der „Abhärtung“ („hardening“), um die Arbeit auszuhalten. Leider nutzt sie den Begriff des metaphorischen Konzepts nicht, um die Vielzahl der Metaphern besser zu bündeln.

Diese Möglichkeiten der Begrifflichkeit von Lakoff und Johnson werden in einer Untersuchung der beruflichen Belastung von Pflegenden in der Onkologie von Remmers et al. (2004) in einer Einzelfallstudie genutzt. Weitere Thematisierungen von Metaphern in unterschiedlicher Qualität finden sich in Forschungen zur Umstrukturierung des Gesundheitswesens (Goodman 2001), Rollenkonflikten in psychiatrischer Arbeit (McArthur und Montgomery 2004), Pflegediagnoseprozessen (Schrems 2003), Verarbeitung von emotional belastenden Erlebnissen (Mitchell und Bunkers-Schmidt 2003) und einengenden metaphorischen Vorstellungen bei der Behandlung von Alzheimer (Rockwood et al. 2003). In aller Regel beschränken sich diese Arbeiten auf wenige auffallende Metaphern, der Metaphernbegriff selbst wird nicht expliziert oder ist veraltet, es bleiben Einzelfallstudien oder die Methodik fehlt. Exemplarisch sei dies an der Studie von Hartrick und Schreiber (1998) gezeigt: Sie erfragen von Pflegenden in einer berufsbegleitenden Ausbildung deren bewusste Bilder für ihr berufliches Handeln und lassen sie darüber einen Aufsatz schreiben. Beides geht in die Analyse ein, aber ohne einen klaren Metaphernbegriff werden die Bilder der Pflegenden zu den vier Kategorien „Charakter der Berufsarbeit“, „Macht und Ermächtigung“, „Pflege als Wachstumsprozess“ und „Beziehungscharakter der Pflege“ zusammengefasst, die wenig passende Metaphern mischen.

Es sind zwei Ausnahmen zu den methodisch kaum reflektierten Metaphernstudien zu verzeichnen: Van Rijn-van Tongeren (1997) untersucht 33 Aufsätze aus zwei zentralen Handbüchern zum Thema Krebs mit einer differenzierten Rezeption von Lakoff und Johnson, die leider nicht die späteren Theorieveränderungen einbezieht und auch ihre Methodik nicht erläutert. Dennoch arbeitet sie mit sehr eindrucksvollem Beispielmaterial die folgenden Quellbereiche medizinischen Denkens und auffallende metaphorische Konzepte heraus: Tumorzellen werden als handelnde und wahrnehmende Personen begriffen, die sich nicht um die Regeln ihrer Gesellschaft, das heißt ihres Gewebes kümmern, sondern autonom handeln. Wenn ihre Ausbreitung als „Invasionen“ in gesundes Gewebe und als „Kolonisation“ desselben metaphorisiert wird, bleibt nicht aus, in Bildern von Verteidigung und Angriff die verschiedenen Zellmechanismen zu diskutieren: Krebs wird zum Krieg. Die Zuschreibung einer kausalen Agency ist in diesem Zusammenhang häufig. Weitere Metaphern sind die Bilder der DNA- und weiterer Zellreproduktion in der Metapher des Texts, der kopiert oder übersetzt wird; ferner wird das Krebsgeschehen in einer Variante der Wegmetapher zu Schritten oder Stufen verräumlicht (alle Beispiele ebd., S. 62–78). In einem weiteren Kapitel benennt sie medizinische Theorien, die in diesen metaphorischen Konzepten formuliert werden, bevor sie das highlighting/hiding dieser Metaphern diskutiert: So versteckt die Metapher von den unordentlichen Abweichlerzellen als Feind soziale Zusammenhänge. In der Behandlung, die als Krieg gegen diese Zellen gedacht wird, sind alle radikalen Mittel recht – Nebenwirkungen von Behandlungen sind dann kein explizites Thema.

Die zweite Ausnahme und eine der wenigen neueren deutschsprachigen Publikationen stellt die Dissertation von Schiefer (2006) dar, der von den Metaphern, die er in den Entlassungs- oder Arztbriefen findet, auf die implizite Ethik schließen will. Mit einer an Baldauf angelehnten Methodik der Metaphernanalyse (1997) rekonstruiert er die folgenden metaphorischen Konzepte:
  • Krankheit als fass-, lokalisier- und quantifizierbarer Gegenstand,

  • Krankheit als Weg, Therapie als Weg,

  • Gesundheit als Ausschluss von Krankheit, Diagnose als isolierter Raum,

  • Befund als Skala,

  • Therapie als Raumposition,

  • Verstehen/Diagnostik als Sehen,

  • Krankheit/Diagnose als schweres/leichtes Gewicht,

  • Krankheit/Problem als zu tragende Bürde/Last,

  • Diagnostik als Rätsel/Puzzle, Arzt als Detektiv (ebd., S. 99 f.).

Die Orientierung an Baldaufs Klassifikation, ob es nun Attributionsmetaphern, vergegenständlichende Metaphern, bildschematische Metaphern oder Konstellationsmetaphern sind (ebd., S. 37 f.), ist etwas unglücklich, weil diese quer zu den vom gemeinsamen Sinn her bestimmten metaphorischen Konzepten liegt. In seiner Übersicht über andere Metaphernstudien leitet er das Vorherrschen dreier zentraler Metaphern ab: „Medizin als Krieg“ (insbesondere bei Krebs: Penson et al. 2004), „Medizin als Geschäft“ und der „Mensch als Maschine“ (vgl. Uschok 2000; Schnell 2004) innerhalb des medizinischen Paradigmas (Schiefer 2006, S. 5). Er kann die behauptete Dominanz dieser drei metaphorischen Konzepte in seiner Studie an Arztbriefen nicht bestätigen – pauschale Aussagen über die Metaphorisierung von Gegenstandsbereichen riskieren ohne Hinweis auf die untersuchten Textsorten und Gesprächskontexte eine unzulässige Verallgemeinerung. Die in Abschn.  3.2.4 bereits diskutierte Sammlung der Metaphern niedergelassener ÄrztInnen von Schachtner (1999) hat ebenfalls kaum Bezug zu Kampfmetaphern, ebenso wenig die an Schachtner angelehnte Arbeit von Boeker (2001) zu Metaphern ärztlichen Handelns in Venezuela, die Metaphern als „habitualisierte Deutungs- und Handlungsvorlagen“ (ebd., S. 170) versteht und Metaphern der Berührung, Entdeckung, Kontrolle und Disziplinierung, Autorität und des Holismus rekonstruiert (ebd., S. 171–210), wobei in der Letzteren auch heterogene Metaphern sozialer Beziehung (Arzt als Freund, Priester) enthalten sind.

Gegen diese Befunde einer weitgehend von Kampfmetaphern freien Zone lässt sich neben der erwähnten Studie von van Rijn-van Tongeren (1997) auch der Aufsatz von Penson et al. (2004) für den nordamerikanischen Sprachraum setzen. Zunächst fasst letzterer Aufsatz eine Podiumsdiskussion vorwiegend von onkologischen ÄrztInnen zusammen, die alle die durchdringende Macht der Kampfmetaphorik für ihr eigenes Handeln, aber auch bei PatientInnen beschreiben, selbst wenn sie den Implikationen der Metaphern nicht immer zustimmen, wenn zum Beispiel zweijährige Kinder als „fighter“ gesehen werden. Der weitere Text ist ein historischer Überblick zur langen Geschichte der Kriegsmetapher in der Medizin (ebd., S. 713 f.).50 Diese Gegenüberstellung verdeutlicht, dass zur Interpretation der Reichweite einer Metaphernanalyse der pragmatische Gesprächs- oder Textentstehungskontext in seinen sozialen Funktionen unbedingt berücksichtigt werden muss: Die Selektion der Metaphorik der Arztbriefe muss im Zusammenhang mit ihrer spezifischen kommunikativen und sozialen Situation gesehen werden; die Selbstpräsentation deutschsprachiger ÄrztInnen vor ihresgleichen scheint einen „kognitiven“ Stil zu verlangen (vgl. obige Aufzählung: Diagnostik als Rätsel, Arzt als Detektiv); demgegenüber stellt die Metaphorik des „Kämpfens“ eine an öffentliche Diskurse anschlussfähige Bildlichkeit dar.

Es dominieren in der weiteren Übersicht kleinere Arbeiten, die hilfreich als sensibilisierende Hinweise für weitere Untersuchungen sind, auch wenn sie im Hinblick auf ihren metaphernanalytischen Gehalt nicht befriedigen, da sie meist nur auf eine einzige Metapher fokussieren: Organisationsentwicklung und Leitbildveränderungen in der „primary health care“ (Rowe und Hogarth 2005; Warne und Stark 2003), erzwungene Veränderungen des Leitbilds einer Klinik (Richman und Mercer 2000), ein Handlungsmodell der Pflege in der Psychiatrie (Barker 2003), Gesundheitsförderung in afroamerikanischen Kontexten (Nwoga 2004), Coping von emotionalen Extremsituationen (Mitchell und Schmidt-Bunkers 2003), Sterbeprozess (Callahan et al. 2003), Gesundheitsreform und Marktmechanismen (Piterman 2005).

Zu den etwas differenzierteren Studien zählen Aita et al. (2003) mit einer Untersuchung von Hausarztpraxen. Sie fassen komplexe Interview- und Beobachtungsmaterialien mit den Metaphern „practice as a franchise“, „practice as a mission“ und „practice as nurturing a family“ zusammen und beschreiben damit nicht nur den medizinischen Bereich, sondern auch die Verankerung in der Gemeinde. – Eine diffuse Metaphorik, die nicht nur in der Pflege zu finden ist, ist die der Ganzheitlichkeit. Bischoff (1996) arbeitet die Omnipotenzansprüche beinhaltenden Implikationen dieser Metapher kritisch für das Selbstverständnis der Pflegewissenschaften heraus.51

Das Verhältnis von MedizinstudentInnen und ihren AnleiterInnen diskutieren Rees et al. (2007) und Rees et al. (2009) in Anlehnung an die hier vorgeschlagene Methodik und finden die metaphorischen Konzepte für diese Beziehung als Krieg, als Hierarchie, als Arztzentrierung, als Markt, als Maschine und als Theater. Für alle diese Metaphern arbeiten sie eine starke Dichotomisierung der Rollen von Studierenden und Lehrenden heraus.

Bilanzierend lässt sich formulieren, dass neben vielen kleineren Studien ein umfassende Studie in der Pflegewissenschaft, vergleichbar der, die Schachtner (1999, 2001, vgl. Abschn.  3.2.4) zum metaphorischen Denken und Handeln von niedergelassenen ÄrztInnen vorgelegt hat, noch fehlt. Eine solche Studie könnte sich an der pflegewissenschaftlichen „Artikulationsforschung“ im Sinne von Benner (1997) orientieren. Sie wäre als biografische Forschung zu verstehen und würde ergründen, in welchen Bildern sich die Sozialisation zum Pflegeberuf, die unterschiedlichen Praxen und das verkörperte Wissen verdichten. Hier könnten metaphernanalytische Arbeiten zur Reflexion bzw. Supervision professioneller Tätigkeit beitragen, indem sie zum Beispiel die Implikationen der Kampfmetaphorik, insbesondere eines um jeden Preis zu vollziehenden Kampfs, im Hinblick auf ihre unerwünschten Nebenwirkungen verdeutlichen.

4.4.6 Metaphern in der Geschichte der Fachdiskurse

In diesem Abschnitt stehen nicht die aktuell gebrauchten Metaphern der Professionellen selbst wie im obigen Abschnitt im Fokus, sondern die metaphorischen Denkmuster in der Selbstreflexion der Profession, die in ihren Schriften aufscheinende Metaphorik im historischen Verlauf. Hier sind einige oft zitierte Studien zu finden, die in methodischer Hinsicht nicht immer zufrieden stellen.

Eine historische Untersuchung von „moralischen Leitbildern“ der Pflege gibt Wurzbach (1999). Sie rekonstruiert zu Beginn der Pflege bei Florence Nightingale vor allem militärische Metaphern in der Pflege („obedience“, „loyality“, „duty“: Gehorsamkeit, Loyalität und Pflicht) in der Beziehung der Ärzteschaft gegenüber den PatientInnen. Auch die Ausbildung sei von diesen soldatischen Tugenden geprägt gewesen. In späteren Zeiten kommt die Anwaltsmetapher auf („nurse“ als Advokat der PatientInnen gegenüber den ÄrztInnen), die akademischen Metaphern der rationalen Entscheidungsfindung bei Pflegeentscheidungen, die individualistische Metapher („nurse“ als autonome Entscheiderin) und die „Community-is-Caring“-Metapher: Die Gesundheit der Gemeinschaft gilt als wichtigstes Gut. Sehr schön rekonstruiert sie die Stärken und Schwächen der einzelnen Metaphern. Die Schwachstelle ihrer Arbeit ist die unsystematische Empirie: Sie gibt keinen Hinweis auf Belegtexte oder Beispiele und es muss offen bleiben, ob damit alle zentralen Leitbilder der Pflege erfasst sind, ob zum Beispiel Nightingales Metaphern tatsächlich eine Monokultur militärischer Bilder sind oder ob sie nicht auch andere Leitbilder der Pflege hatte; und ob die Geschichte der Pflege wirklich eine Abfolge leitender Metaphern war oder ob nicht immer verschiedene metaphorische Leitbilder miteinander im Konflikt waren. Ferner ist zu fragen, ob die Entwicklungen in Europa und in Deutschland von ähnlichen metaphorischen Denkmustern bestimmt waren oder ob hier nicht andere eine Rolle spielen. Hier stellt sich die Frage, welche Metaphern die noch junge deutsche Pflegewissenschaft für ihren Gegenstand konstruiert. Aus einer explorativen Studie seien zwei metaphorische Konzepte benannt, die mit Beispielen aus Fachpublikationen belegt werden:52

Konzept: Die Entwicklung der Pflege ist ein Befreiungskrieg

[…] darauf gerichtet, Pflege aus der Definitionsmacht tradierter Praxis und bisher bestehender Fremdherrschaft durch andere Wissenschaften zu befreien

Mut gegenüber den Platzhaltern im bestehenden Gesundheitssystem

Bildungssystem, das Pflege bisher ganz ausgegrenzt hat

Pflege als Teil der beruflichen Bildung ihren angemessenen Platz erhalten muss

sich aus bestehenden und drohenden Vorherrschaften herauszulösen

jenseits der bisher etablierten Fremdherrschaft

Zuviel an Wissen, das nur zur Entmutigung und Entmündigung beiträgt

Wie jede Metaphorik hat auch das Bild, die Entwicklung der Pflege als Befreiungskrieg zu sehen, Verdeutlichungen und Ausblendungen zur Folge:
  • Machtverhältnisse werden in der Kriegsmetaphorik genauer gesehen; sie erlaubt, dass eine eigene und mobilisierende Identität in der Abgrenzung zu anderen Gruppen formuliert werden kann und dass lohnende Ziele der Veränderung formuliert werden können.

  • Diese Metaphorik blendet aus, dass Kooperationen mit anderen Berufsgruppen notwendig sind. Es ist eine sehr stark polarisierende Metapher – das kann die Mobilisierung von Pflegenden behindern, die sich in dieser Metapher nicht repräsentiert sehen. Das genuine Pflegehandeln wird zudem in dieser Metaphorik nicht abgebildet.

Allerdings sind in der Pflegewissenschaft auch alternative metaphorische Muster Selbstdefinition zu finden:

Konzept: Die Pflege wurde auf ihrem Weg aufgehalten:

hat dies zu einem jahrzehntelangen Rückstand bezüglich der Etablierung von Pflegewissenschaften … geführt

unzureichende Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten

Entfernung von einer patientenorientierten Pflege

dass sich die Pflege – noch schwankend zwischen Wissenschaft und Praxis – auf dem besten Wege zu einer wissenschaftlichen Disziplin

ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Stärkung des beruflichen Selbstverständnisses

endlich eine längst überfällige Entwicklung angeschoben und nachgeholt

der große Vorsprung, den andere Länder … haben

Dieses metaphorische Konzept, dass die Pflege „zu langsam“ auf ihrem Weg war, hat nun für das Selbstverständnis ganz andere Implikationen. Es richtet sich sehr viel weniger nach außen oder gegen andere Berufsgruppen, sondern sehr viel mehr auf die Entwicklung der Pflege als „verspätete“ Disziplin. Es kann also Anlässe für Verspätungen genau benennen, Wege und Sackgassen aufzeigen. Umgekehrt kommen faktische Machtverhältnisse in dieser Metaphorik kaum vor – das war durch die Metaphorik des Befreiungskriegs sehr viel besser abzubilden.

Beide Metaphoriken bieten wenig Anhaltspunkte für die Kooperation mit anderen Berufsgruppen: In der ersten Metaphorik sind sie Feinde, die zweite Metaphorik bekommt sie nicht in den Blick. Diese metaphorischen Konzepte geben auch wenig Struktur für das konkrete Pflegehandeln. – Damit sind nun nicht alle metaphorischen Konzepte der Pflegewissenschaft geschildert, eine vollständige Studie steht auch hier noch aus.

Hinweise, dass Metaphern auch in der Geschichte medizinischer Entdeckungen und Modellbildungen eine Rolle spielen, gibt Pickering (1999). Eine kurze, aber instruktive Studie liefert Annas (1995) in seiner Diskussion der Metaphern für die Reform des Gesundheitssystems in den USA. Er skizziert die dominierende Marktmetaphorik, welche die Metaphorik der „kämpfenden“ Medizin in wirtschaftlicher Hinsicht abgelöst habe, und beschreibt die Konfusion und Widersprüchlichkeit der Bilder für die Gesundheitsreform der Clintonära. Sein Vorschlag entfaltet die Implikationen der ökologischen Metapher. Sie impliziert den verantwortlichen Umgang mit begrenzten Ressourcen, die sonst der Marktmetapher überlassen werden.

4.4.7 Metaphern in der Didaktik der Pflege und Gesundheitswissenschaften

Die Nutzung von Metaphern hat eine lange Vorgeschichte in der Pädagogik (vgl. Abschn. 4.2): Metaphern vermitteln zentrale Bilder des noch unbekannten Lehrstoffs. Die Rolle von alltagsüblichen Krankheitsmetaphern in der Ausbildung der Pflege wird von Czechmeister (1994) thematisiert, die Integration von Elementen der Pflege bei Asp und Fagerberg (2002) mit der Metapher des gewebten Stoffs versucht. Cook (1991) besinnt sich eher auf die alltäglichen Metaphern der Pflege, ihre Wahrnehmung könnte die Spannung zwischen tatsächlich geleisteter Pflege und den Theorien der Pflegeausbildung ausbalancieren. Als kurzes Beispiel sei die Vermittlung von interprofessioneller Zusammenarbeit mit einer Essensmetapher bei Tamura et al. (2005) geschildert. In der japanischen Kultur spielt gemeinsames Essen eine wichtige Rolle, und so bat das Forschungsteam die Studierenden einer Pflegeschule, ihre Vorstellungen zur Zusammenarbeit anhand eines Essensgerichts auszuarbeiten: Welche Zutaten und welche Zusammenhänge mit welchen Berufsgruppen werden von den PflegeschülerInnen nun gesehen. Das lässt sich im Einzelnen mit der deutschen Metapher, welche Berufsgruppe nun das „Salz in der Suppe“ sei, nicht wirklich gut abbilden, regt aber zum Nachdenken darüber an, welche Bilder in der Lehre genutzt werden können.

4.4.8 Zusammenfassung

Die Verortung der Analyse von Metaphern als qualitative Forschungsmethode mit der entsprechenden methodischen Reflexion ist in Pflegewissenschaft, Sozialmedizin und Gesundheitswissenschaften noch jung, Ansätze dazu finden sich in einigen der bisher genannten Texte (Warne und Stark 2003; Aita et al. 2003; Bonner und Greenwood 2005). Diesen Aufsätzen, die sich auf eine einzige oder wenige Metaphern konzentrieren, ist mit Thorne et al. (2002) jedoch entgegen zu halten, dass manche der als Metapher formulierten Ergebnisse von Studien so allgemein sind, dass sie für Krebs, Aids, Diabetes oder Querschnittlähmung unterschiedslos taugen. Dies betrifft nicht die Arbeiten, die aus der pragmatischen Linguistik (Brünner und Gülich 2002a; Surmann 2002, 2005), der kognitiven Psychologie (Gibbs und Frank 2002) oder der Methodenentwicklung der systematischen Metaphernanalyse stammen (vgl. Schmitt 2003, 2004, 2007a, 2013a). Schrems (2003, S. 283–290) bietet einen Exkurs über die Funktion von Metaphern im Verstehensprozess sowie über Metaphern in der bisher diskutierten Pflegeforschung und schlägt in Anlehnung an Lakoff und Johnson (1980) eine eigene Metaphernanalyse vor, die methodisch von der Grounded Theory inspiriert ist. Studien nach diesem Ansatz werden noch nicht genannt.

Insgesamt ist also eine Vielzahl von Studien zu finden, welche die Metaphern freilegen, in denen die Pflege- und Gesundheitswissenschaft wie die Medizin und das soziale Feld Gesundheit, Krankheit und deren Behandlung – und damit auch sich selbst – konstruieren:
  • Die Analysen von Sontag (1978) zu Tuberkulose und Krebs (1989) haben die Diskussion zu gesellschaftlich üblichen Metaphorisierungen von Erkrankung lange geprägt, obschon sie sowohl von der Methodik wie vom Metaphernbegriff kritikwürdig sind. Spätere Arbeiten zu Aids und Krebs sind deutlich differenzierter (Liebert 1997).

  • Die Metaphern der von einer Erkrankung Betroffenen sind insbesondere von pragmalinguistischen AutorInnen (Gülich und Brünner 2002a; Surmann 2002, 2005) oder kognitiv-psychologischen AutorInnen (Gibbs und Frank 2002) modellhaft rekonstruiert worden, hier fehlt allerdings die Diskussion qualitativer Forschungsmethoden.

  • Wenig umfangreich zeigt sich das Feld der Interaktionsstudien darüber, wie Erkrankungen zwischen KlientInnen und Professionellen verhandelt werden (Abschn. 4.4.4).

  • In der Selbstdarstellung der Professionellen wird einerseits die Gefühlsarbeit in existenziell herausfordernden beruflichen Situationen deutlich (Frogatt 1998), zuweilen die Dominanz der Kriegsmetapher (van Rijn-van Tongeren 1997), die, wie die differenzierte Arbeit von Schiefer (2006) zeigt, nicht auf alle Kontexte beruflicher Selbstpräsentation verallgemeinert werden darf.

  • Historisch zeigt sich insbesondere die Pflegewissenschaft als Abfolge von Metaphern seit der Entwicklung der modernen Pflege aus Nightingales Erfahrungen des militärischen Lazaretts.

Dass es noch keine kohärente metaphernanalytische Diskussion in diesem Feld gibt, mag mit dem oft ungenauen Metaphernbegriff und einer fehlenden verlässlichen Forschungsmethodik zusammenhängen. In vielen Studien sind jedoch Präzisierungen auf beiden Ebenen zu verzeichnen, die dazu führen können, dass die genannten Wissenschaften sich ihrer Bilder bewusster werden.

4.5 Politikwissenschaft

Die Literatur zu Metaphern in der Politologie ist erstaunlich umfangreich; als Indiz unter anderen möge die 50 Seiten umfassende Literaturliste zu Metaphern und Politik bereits in Beer und de Landtsheer (2004a, S. 265–314) dienen.53 Neben einigen zentralen dort erwähnten Publikationen und einigen neueren soll hier der methodische Entwicklungsstand der von der kognitiven Linguistik angeregten metaphernanalytischen Studien in der Politologie skizziert werden. Anschließend wird gefragt, welche Anregungen die politologischen Metaphernanalysen für eine qualitative Metaphernanalyse geben können.54

Das Kapitel zur Politologie beginnt mit Lakoffs Studien zur US-amerikanischen Außen- wie Innenpolitik und rekonstruiert forschungsmethodische Probleme seines Zugriffs auf das Material. Der folgende Abschnitt diskutiert davon angeregt die forschungsmethodisch bedeutsamen Studien in den Politikwissenschaften. Die beiden nächsten Unterkapitel stellen Migration/Fremdenfeindlichkeit sowie die europäische Integration als besonders häufig untersuchte Themen der politologischen Forschung vor, bevor am Schluss versucht wird, metaphernanalytische Arbeiten aus älteren Traditionen und ihren Ertrag für gegenwärtige Studien zu rekonstruieren. Wie für die anderen Abschnitte des vierten Kapitels gilt, dass es hier nicht darum geht, aus der Binnensicht der jeweiligen Disziplin zu argumentieren, sondern darum, den Stand der metaphernanalytischen Diskussion des entsprechenden Fachs zu erfassen.55

4.5.1 Lakoffs Studien zur US-amerikanischen Politik

Es deutete sich bereits im ersten Buch zur kognitiven Metapherntheorie in einigen kritischen Kommentaren zu Metaphern wie „time is money“ (Lakoff und Johnson 1980, S. 7 ff.) oder „bigger is better“ (ebd., S. 22 ff.) ein politisches Engagement des Linguisten Lakoff an, das in späteren Publikationen (Lakoff 2004, 2006a, b, Lakoff und Wehling 2008) immer deutlicher geworden ist. Es sind im Wesentlichen zwei kritisch bearbeitete Themen: die amerikanische Außenpolitik im Kontext der Irakkriege sowie des Anschlags auf das World Trade Center und, davon nicht zu trennen, das Verständnis von Staat und Politik in den beiden größten Parteien der USA. Vor allem in „moral politics“ (Lakoff 2002) hat er seine größte als sozialwissenschaftlich anzusprechende Studie vorgelegt, in der er versucht, die metaphorischen Denkmuster freizulegen, welche konservativen und liberalen Politikströmungen zugrunde liegen. Er hat damit einige Studien angeregt und, so viel sei vorweggenommen, am deutlichsten auch die Grenzen seines Zugriffs auf das Phänomen gezeigt, da er ohne eine sozialwissenschaftliche Reflexion seiner analytischen Vorgehensweise auszukommen glaubte. Seine Publikationen und die Reaktionen darauf in der Politologie werden skizziert und abschließend zentrale Kritikpunkte seines Vorgehens zusammengefasst.

4.5.1.1 Die Außenpolitik der USA im Kontext der Irakkriege

Die erste metaphernanalytisch-politische Intervention verschickte Lakoff wenige Wochen nach dem Überfall Iraks auf Kuwait und vor dem drohenden ersten Krieg USA vs. Irak als „open letter to the internet“, sie wurde auf mehreren Webseiten platziert (Lakoff 1991). Er analysiert darin die Sprache der Bush-Administration als metaphorische Verschleierung der Verhältnisse: Nationen stünden sich als Einzelpersonen in einem Märchen vom gerechten Krieg mit Held, Unhold und Opfer gegenüber. Hier aber handle der Held nicht uneigennützig, sondern habe eigene wirtschaftliche Interessen (Ölförderung); und der vermeintliche Unhold (Irak) handle im Rahmen seiner Metaphern rational, denn das angeblich unschuldige Opfer (Kuwait) habe seinerseits die irakische Bevölkerung ausgebeutet. Auch die alternative Metapher nach Clausewitz, dass Politik ein rationales Geschäft der Maximierung des Gewinns sei und Krieg nur die Fortsetzung dieser rationalen Kalkulation, ergebe ein massives Verbergen („hiding“) von Leid und Tod, das nicht in einem solchen Kalkül zu fassen sei. Die Vorstellung eines „Sieges“ sei zudem eine naive Metapher, die aus Spielen entlehnt sei: Denn anders als in einem Spiel, das mit dem Sieg beendet ist, gebe es hier kein Ende, jeder Sieg habe langfristige und auch unberechenbare weitere Konsequenzen. Er diskutiert auch die metaphorische Gleichung Saddam = Hitler und sieht viele Differenzen. Darüber hinaus skizziert er, dass die arabischen Auffassungen von Ehre in den amerikanischen Metaphern ausgeblendet werden: Die arabischen Staaten würden von der amerikanischen Außenpolitik als (unterentwickelte oder ungehorsame) Kinder behandelt, was entsprechende Reaktionen nach sich ziehe.

Die Anschläge am 11. September 2001 und der Umgang der Administration des US-amerikanischen Präsidenten Bush Junior forderten Lakoff erneut heraus (ders. 2001). Er arbeitet heraus, wie in den ersten Tagen statt der Konzeptualisierung des Geschehens als Verbrechen die Folie einer Kriegserklärung deutlich wurde: Ein Verbrechen impliziere Aufklärung und Bestrafung der Schuldigen, in einem Krieg sei die Analyse aber abgeschlossen und der Feind als das unkorrigierbare Böse ausgemacht. Diese Metaphorik kollidiere jedoch mit der US-amerikanischen Wirklichkeit, in der die USA selbst Terrorgruppen unterstützten. Während die konservative Agenda Vergeltung und Rache als akzeptable Justiz begriffe, fehle eine sorgende Grundhaltung („nurturant parent morality“, dazu später) der Welt gegenüber. Das gelte auch im Verhältnis zu den eigenen Bürgern: Die für über 40 Billionen US-Dollar geplante Aufrüstung könne schließlich nur über eine Minderung der Sozialausgaben finanziert werden.

Der Beginn des Kriegs in Afghanistan wurde zum Anlass einer dritten Intervention (Lakoff 2003), welche die sich wiederholenden metaphorischen Szenarien der Kriegsbegründung darstellt und damit auch die lesbarste Fassung ist. Die halbresignativen Schlussbemerkungen, dass auch das erste Papier den Krieg nicht verhindert habe, wurden aufgehoben von der Zuversicht auf eine Gegenbewegung, die ihre Werte explizit und wirksam formuliert.

Jenseits dieser auf aktuelle politische Situationen bezogenen Publikationen dominiert ein Werk von Lakoff die durchaus skeptische politologische Diskussion: „Moral Politics“ (ders. 2002).

4.5.1.2 „Moral Politics“: Demokraten und Republikaner in den USA

Die folgende Auseinandersetzung mit diesem Werk geschieht in drei Abschnitten: Zunächst soll der auf das politische Phänomen gerichtete Ertrag zusammengefasst, dann der weitergehende methodische Anspruch diskutiert und zuletzt die Kritik an diesem Buch zusammengetragen werden.

4.5.1.2.1 Inhaltliche Zusammenfassung der Studie

In den oben genannten politischen Interventionen finden sich schon einige Analysen skizziert, die in Lakoffs zentraler politischer Studie „moral politics“ (Lakoff 1996, zweite Ausgabe 2002, vgl. auch Lakoff 1995) in aller Breite entfaltet werden. Das Ziel des Buches ist es, das Verhältnis von moralischen Vorstellungen und politischer Ideologie zu rekonstruieren. Lakoff geht von der Überlegung aus, dass Moral in Formen des elementaren Wohlseins gegründet sei: „metaphorical morality is grounded in nonmetaphorical morality, that is, in forms of well-being“ (ebd., S. 43). Diese Hypothese gelte quer durch viele Gesellschaften dieser Welt. Er skizziert zunächst in sehr großer Dichte (ebd., S. 41–43), dass Erfahrungen wie Gesundheit/Krankheit, Reichtum/Armut, Stärke/Schwäche, Freiheit/Gefangenheit, Fürsorge/Unversorgtheit, Glücklich- und Unglücklichsein, Ganzheit statt Defizit, Sauberkeit statt Schmutz, Schönheit vs. Hässlichkeit, Licht statt Dunkelheit, Aufrechtsein vs. Gefallensein und feste Bindung eher als Bindungslosigkeit oder gar Feindschaft jene „basic experiential forms of well-being“ (ebd., S. 42) ergäben, also Quellbereiche seien, die den Zielbereich moralischen Handelns und Argumentierens metaphorisch strukturieren.

Nur einen dieser Erfahrungsbereiche, den von Armut/Reichtum, entfaltet Lakoff umfangreicher als Quelle moralischen Denkens: die „moral accounting metaphor“ (ebd., S. 44–64). Es geht ihm um das Denken in Gewinnen, Schuld(en) und Verlusten, das die folgenden Schemata enthält: „reciprocation“ (Ausgleich auch nach dem Muster von Schulden und deren Zurückzahlung), „retribution“ (Vergeltung, die legitimiert oder als nicht legitime Rache gelebt wird), „restitution“ (Wiederherstellung) und „altruism“ (als Ansammeln von moralischem Kredit). Das Denken an ein Karma oder an „himmlischen Lohn“ wird als „moral accounting with the universe“ gefasst, wenn angenommen wird, dass ein imaginäres Kapital aus den Zinsen irdischer Wohltaten erwirtschaftet werde. Insgesamt dominiert das Begriffspaar „Belohnung und Strafe“ dieses Denken. Grundlegende, davon abgeleitete moralische Prinzipien wären „credit and trust“, „moral capital“, „justice“ als „settling the accounts“ und die Ausgewogenheit von „rights and duties“ und Fairness (im Sinne gleicher Verteilung) (ebd., S. 40–64). In seiner Zusammenfassung wertet er den Komplex als ökonomische Metaphorik (ebd., S. 62).

Kernstück des Buches sind dann zwei entgegengesetzte Modelle familiärer Erziehung,56 die von Anfang an präsent sind. Zunächst skizziert er eine Erziehung nach dem konservativen Modell einer Familie mit starkem und strengem Vater, in der die Kinder zu Disziplin und Selbstständigkeit erzogen werden, um sich von den Versuchungen einer feindlichen Welt nicht einfangen zu lassen und in ihr um ihr Fortkommen kämpfen zu können. Demgegenüber steht die liberale, versorgende Familie, die nicht nur Wert auf gegenseitige Achtung und Hilfe legt, sondern auf deren breite Entfaltung, auch zur Ästhetik und zum Genuss.

Das Modell der „strict father morality“ wird umfassend (ebd., S. 65–107) entfaltet und setzt sich als System aus folgenden metaphorisch begründeten Werten zusammen:
  • moral strength (Selbstdisziplin, klare Unterscheidung von gut/böse, moralische „Schwäche“ als Unmoral),

  • moral authority (Eltern und deren Legitimitätsübertragung auf andere gerechtfertigte Autoritäten),

  • moral order („natürliche“ Ordnung im Sinne hierarchischer Machtrelationen: Gott gilt mehr als der Mensch, der Mann mehr als die Frau, Eltern mehr als Kinder, Reiche qua Verdienst mehr als Arme),

  • moral boundaries (räumliche Ordnung: richtiger Pfad, „abweichendes“ Verhalten),

  • moral essence (moralische „Substanz“ als „Charakter“, wobei aus vergangenem Verhalten auf zukünftiges geschlossen wird),

  • moral wholeness (Einheit und Ganzheit als Zeichen moralischer Integrität mit der Gefahr, Zeichen der Nichteinheit an sich zu entdecken),

  • moral purity (Reinheit und Schmutz bzw. Ekel als Quellbereich moralischen Empfindens),

  • moral health (Moral als Gesundheit, Unmoral als (ansteckende) Krankheit),

  • moral self-interest (Es ist moralisch, den eigenen Vorteil zu suchen, solange es nicht andere Werte beschädigt.),

  • morality is nurturance (Versorgung; diese Metaphorik ist Kern des nächsten Modells und kann als untergeordnetes Modell auch hier vorkommen). (ebd., S. 99–101)

Es gäbe drei Gruppen dieser Werte mit unterschiedlichen Prioritäten (in der Reihenfolge: the strength-group, moral self-interest, moral nurturance (ebd., S. 102)). Abweichungen von dem Modell wären nach dem Muster einer linearen Skala und durch die Relativierung im Rahmen eines Gegensatzes von idealem und pragmatischem Modell möglich (ebd., S. 103–107).

In einem nicht ganz so umfangreichen Abschnitt (ebd., S. 109–140) wird das Gegenstück, eine „nurturant parent morality“ vorgestellt.57 Dieses Modell hat mit dem oben genannten eine wichtige Gemeinsamkeit in der Annahme, dass die Art der Erziehung sich im Charakter des Kindes widerspiegele:

Though this model is very different from the Strict Father model, it has one very important thing in common with it. They both assume that the system of childrearing will be reproduced in the child. In the Strict Father model, discipline is incorporated into the child to become, by adulthood, self-discipline and the ability to discipline others. In the Nurturant Parent model, nurturance is incorporated into the child to eventually become self-nurturance (the ability to take care of oneself) and the ability to nurture others (ebd., S. 110).

Während das erste familiäre Muster auf Lob und Strafe setzt, geht das der versorgenden Eltern davon aus, dass Kinder am Modell lernen und aus einer sicheren Bindung heraus sich eine Orientierung an den Erwartungen der Eltern entwickelt.58 Das Modell der Moral der versorgenden Eltern enthält die Elemente:
  • morality as nurturance (Hilfe zu geben ist moralisch),

  • morality as empathy (die Fähigkeit, die Welt aus der Perspektive des anderen zu sehen),

  • moral self-nurturance (auf sich selbst achten können),

  • morality ist the nurturance of social ties (Sorge um und Aufrechterhaltung von Beziehungen),

  • morality is self-development (Moral erfordert, an der Entwicklung von sich selbst und anderen interessiert zu sein),

  • morality is happiness (antiasketische Moral, Fähigkeit zur ästhetischen Wahrnehmung),

  • morality as fair distribution (gerechte Verteilung),

  • moral growth (als Annahme, dass jedem Menschen dieses Wachstum zur Verfügung steht),

  • moral strength (in dem Sinne, dass sie hier der Versorgung untergeordnet ist),

  • restitution over retribution (Wiedergutmachung vor Strafe),

  • moral boundaries (im Sinne des Übertretens von Grenzen des Verhaltens, welches zu schädlichem Verhalten führt; weniger im Sinne eines eindeutigen Weges),

  • moral self-interest (Eigeninteresse, dass hier allen anderen Werten untergeordnet ist),

  • moral authority (erwächst aus der Leistung als Versorger) (ebd., S. 135–138).

Es gebe auch hier drei Gruppen in diesem System mit unterschiedlichen Prioritäten (in der Reihenfolge: moral nurturance; moral self-interest; the strength-group (ebd., S. 138).

Diese beiden von familiären Werten abgeleiteten Denkmuster von Moral stünden nun in völligem Gegensatz zueinander und würden einander als jeweils amoralisch verkennen. Lakoff widerlegt entsprechend Annahmen der Liberalen, dass Konservatismus schlicht Eigennutz, eine bloße Ablehnung des Staats und eine Konspiration der Ultrareichen sei, mit vielen Gegenbeispielen, in denen konservative Denkmuster dem Eigennutz schaden, den Staat stärken und von den weniger Begüterten vertreten werden (ebd., S. 143 ff.).

Was haben nun diese beiden Familienmodelle mit ihren inhärenten Werten mit politischem Denken zu tun? Lakoff geht davon aus, dass das Denken in familiären Werten auf den Staat projiziert werde. Er formuliert dazu ein eigenes metaphorisches Konzept, die „nation as family metaphor“ mit Beispielen und Ausfaltungen („the government is a parent“, „the citizens are children“, ebd., S. 153 f.). Es gebe keine Möglichkeit, Familienwerte aus der Politik herauszuhalten, weil es keine höheren Werte gebe (ebd., S. 326).

Ein umfangreicher Teil des Buches dekliniert die Folgen der beiden moralischen Grundmuster in Bezug auf politische Streitthemen in den USA durch: soziale Programme, Steuern, Kriminalität und Todesstrafe, Umwelt, Kulturförderung, ein strenges und ein fürsorgliches Modell des Christentums, Abtreibungen und die Abneigung gegen den Staat (Kap. 10–16). Diese zwischen Demokraten und Republikanern in den USA umstrittenen Sachverhalte werden anhand der Positionen der beiden Parteien diskutiert, die identisch gesetzt werden mit den beiden Familienmodellen.

4.5.1.2.2 Der forschungsmethodische Anspruch von „moral politics“
Es ist jedoch nicht nur der Inhalt, der eine Beschäftigung mit dem Buch in einer Diskussion der methodischen Möglichkeiten einer qualitativen Metaphernanalyse nahelegt. Lakoff formuliert seinen Anspruch so: „I see this book as an early step in the development of a cognitive social science that can us allow to comprehend our social and political lives better“ (ebd., S. 17 f.). Es geht also um nichts weniger als die Entwicklung einer „cognitive social science“. Dieser Anspruch könnte hoffen lassen, dass mit dieser Studie eine Grundlegung zu finden ist, welche
  1. a)

    die Methode(n) einer kognitiven Sozialwissenschaft elaboriert,

     
  2. b)

    benennt, für welche Phänomene sie adäquat sein könnte und

     
  3. c)

    das Verhältnis zu etablierten Theorien und Methoden skizziert.

     

Der zweite Anspruch des Buches ist der einer Modellierung des Verhältnisses mehrerer metaphorischer Konzepte zueinander („system of concepts“, ebd., S. 4), eine Frage, die in vielen Metaphernanalysen bisher offen geblieben ist. Lassen sich über die Rekonstruktion metaphorischer Konzepte hinaus diese zueinander in ein Verhältnis setzen, das – analog zu einer „Grounded Theory“ – ein umfassenderes Modell eines Phänomens formulieren lässt?

Lakoff geht davon aus, ein solches mit einer Konstruktion gefunden zu haben, in dessen Zentrum die metaphorischen Familienmuster stehen. Das Modell sei sehr einfach, es bestehe nur aus drei Teilen: a) die beiden Modelle der Familie, b) die verschiedenen Metaphern für Moralität und c) die Familie als Nationmetapher, die für beide Wertsysteme gelte und Familie auf die Nation übertrage (ebd., S. 155 f.). Diese drei Teile bestünden unabhängig voneinander und das Modell der beiden politischen Grundströmungen sei das Resultat „of a maximally economic use of existing conceptual resources to make sense of politics“ (ebd., S. 156), das heißt mit minimalem Anspruch an die Existenz kognitiver Möglichkeiten formuliert. Er weist dem Modell einen umfassenden Erklärungsanspruch zu:

To date, I have found only one pair of models for conservative and liberal wordviews that meets all three adequacy conditions, a pair that (1) explains why certain stands on issues go together (e. g. gun control goes with social programs goes with pro-choice goes with environmentalism); (2) explains why the puzzles for liberals are not the puzzles for conservatives, and conversely; and (3) explains topic choice, word choice, and forms of reasoning in conservative and liberal discourse. Those worldviews center on two opposing models of the family (ebd., S. 32 f.).

Sein Modell soll also erklären (vgl. auch ebd., S. 157 f.), warum die einzelnen Teilansichten innerhalb der beiden Gruppen zusammenpassen. Es muss nachvollziehbar machen, was Liberale an Konservativen erstaunt und umgekehrt; es muss Details des jeweiligen Diskurses sinnvoll einordnen und auch auf zukünftige Texte anwendbar sein. Dabei geht er auf mögliche Gütekriterien des Modells ein: „evidence“, „explanation“ und „prediction“ (ebd., S. 158), ohne sie zu vertiefen.

4.5.1.2.3 Kritik und Diskussion

Lakoff ist Linguist, und die folgende Kritik, die aus der Perspektive einer qualitativen Sozialforschung argumentiert, könnte daher als gegenstandsunangemessen gelten – wenn nicht der Autor selbst den Anspruch geäußert hätte, dass es sich hier um die Entwicklung einer „cognitive social science“ (s. o.) handle.

Unklare Begrifflichkeit

Die eigentlich zentralen Begriffe seiner Studie, „worldview“, „common sense“, „(political) ideologies“, „morality“ (ebd., S. 4, S. 22), werden nicht präzisiert. Sie werden mit großen Überschneidungen gebraucht und nicht mit Begriffsdefinitionen aus sozialwissenschaftlicher oder politikwissenschaftlicher Theorie vermittelt, was das ganze Unternehmen wenig anschlussfähig macht. Tinnick und Barker (2006) zählen eine Reihe von Diskussionssträngen in der Politikwissenschaft auf, auf die sich Lakoff hätte beziehen können.

Fehlende Dokumentation des empirischen Materials

Ohne eine Beschreibung der Erhebung seines Materials ist unklar, für welchen Bereich der sozialen Wirklichkeit seine Rekonstruktion gilt (ähnliche Kritik an einer frühen Studie Lakoffs bereits bei Weber 1997, vgl. auch Musolff 2000, S. 18–27). Eine Reflexion bzw. Testen der Grenzen und Reichweite der Ergebnisse einer Studie (Steinke 2012, S. 329 f.) steht deshalb aus. Die Argumentation scheint sehr auf die USA eingeschränkt, die Übertragbarkeit zum Beispiel auf Europa müsste geprüft werden, aber sie scheint auch den US-amerikanischen Kontext zu vergröbern.

Fehlende Dokumentation des methodischen Vorgehens

Durch das Fehlen einer genaueren Beschreibung des methodischen Vorgehens bei der Identifikation von Metaphern und der Konzeptrekonstruktion ist eine wissenschaftliche Kritik nicht möglich (ähnlich kritisch: Cienki 2008, S. 242 f.). Zu einem Kernkriterium der Bewertung qualitativer Forschung zählt zum Beispiel Steinke die „intersubjektive Nachvollziehbarkeit“ (ders. 2012, S. 324), die durch eine vielfältige Dokumentation des Forschungsprozesses, seiner Stufen und Entscheidungen, die Interpretation in Gruppen und die Anwendung kodifizierter Verfahren erreicht werden kann. Davon kann hier keine Rede sein. Qualitätsminderungen bei Metaphernanalysen entstehen, wenn interpretationsrelevante Sprachmaterialien nicht erhoben, nicht ausgewertet, nicht interpretiert oder nicht präsentiert werden (vgl. Abschn.  5.8). Auch die Darstellung gegensätzlicher metaphorischer Konzepte, die in vielen Metaphernanalysen (und auch dieser) zugunsten einer stimmigen Präsentation weggelassen wird, hätte ein Indiz für eine durch solide Herleitung gewährleistete Qualität sein können.

Das ungelöste Problem der Modellbildung

Bisher ist wenig erarbeitet, wie wir Modelle von sozialen Phänomenen mithilfe der Metaphernanalyse entwickeln können. Versuche wie in Lakoff (1987, S. 397 ff.), mehrere metaphorische Konzepte zu einem „prototypical scenario“ zu einer komplexeren Gestalt zusammenzusetzen, haben wenige Nachahmer gefunden (Schmitt 1996, S. 221 f.) Lakoffs Modell-Bildung zeigt die folgenden Probleme:
  • Die Art und Weise, wie das Modell entwickelt wurde, erschließt sich nicht: Bereits auf Seite 12, aber auch schon in der Einleitung Seite XV findet sich die frühe Festlegung auf zwei zentrale Modelle von Familie, welche die Vielzahl der metaphorischen Konzepte ordnen sollen. Die Typenbildung geschieht hier also im Gegensatz zu qualitativer Forschung nicht aus einem induktiven Fluss heraus, auch wenn er einen solchen in einem Nebensatz andeutet (ebd., S. 11). Die Modelle durchziehen das Buch von Anfang an und ex post werden die dazu passenden Beispiele erzählt. Das ist kaum Modellbildung, eher nur Modellinnenausstattung. Die später (ebd., S. 32) formulierte, oben zitierte Hypothese, dass „one pair of models“ das politische Funktionieren erkläre, müsste in einer sozialwissenschaftlichen Forschungstradition entweder am Ende einer induktiven, qualitativ-entdeckenden Forschung formuliert werden59 oder sie würde als testbare Hypothese an den Anfang gestellt, um sie mit quantitativen Erhebungs- und Auswertungsmethoden gegen eine Alternativhypothese zu testen. Beides ist nicht der Fall.

  • Zwei wichtige Teile des Modells werden nicht entwickelt: Allein für die Darlegung der unterschiedlichen metaphorischen Konzepte, die Lakoff für eine grundlegende und kulturübergreifende „experiential morality“ voraussetzt, wäre eine eigene umfassende Studie nötig gewesen, nicht nur eine Skizze von zweieinhalb Seiten (ebd., S. 41–43). Nur einen metaphorischen Quellbereich, den von Reichtum/Armut, diskutiert er im folgenden Kapitel (S. 44 ff.) auf 20 Seiten. Darüber hinaus wird das wichtige Scharnier in diesem Modell, die „Family-as-Nation“-Metapher, also die Projektion familiärer Werte auf die Nation, nur kurz (ebd., S. 153 f.) elaboriert und sonst als gültig vorausgesetzt.

  • Die von Lakoff herausgearbeiteten Kohärenzen zwischen den einzelnen metaphorischen Konzepten für existenzielles Wohlfühlen und den einzelnen Familienmodellen sind nachvollziehbar, aber deren ausschließliche Zuordnung (z. B. Räumlichkeit, Substanz, Ganzheit, Reinheit und Gesundheit zum Strict-Father-Modell) müsste empirisch erhärtet werden. Umgekehrt zeigt das Vorkommen von metaphorischen Konzepten wie „Stärke“ oder „Versorgung“ in beiden Clustern familiärer Werte eine Überlappung statt einer ausschließlichen Entgegensetzung. Das berührt die oben schon genannte Frage der Modellbildung: Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Unterordnung aller Quellbereiche unter zwei Familienmodelle die Verhältnisse im Feld stark verkürzt. Es wäre denkbar, dass nicht familienbezogene metaphorische Wertungen das politisch-moralische Denken sehr viel stärker prägen. Diese Idealisierung (ebd., S. 15) könnte daher ein Zerrbild wirklicher Verhältnisse sein. Das US-amerikanische dualistische Parteiensystem scheint selbst eine spezifische Teilmenge des moralisch-politischen Denkens zu sein, und dessen einfache Verdopplung in seiner Analyse reproduziert binäre Spaltungen aus Gut und Böse.60

  • Das Argument, dass das Modell sparsamen Gebrauch von der kognitiven Ausstattung des Menschen mache („maximally economic use of conceptual ressources“, Lakoff 2002, S. 156), spielte schon in früheren Werken eine Rolle (Lakoff 1987, S. 13 ff., Lakoff und Johnson 1999, S. 11). Die Frage ist, ob diese Sparsamkeit auch für ein wissenschaftliches Modell gelten muss, das unbewusste Muster des psychosozialen Funktionierens abbilden soll, oder ob Sparzwänge hier zu empfindlichen Einbußen an Differenziertheit führen.

  • Man muss gegen Lakoff mit Argumenten aus Lakoff und Johnson (1980, S. 52 ff.) argumentieren, dass jede Metapher nur partiell ihren Zielbereich strukturiert, also der Staat auch anders dargestellt werden kann. Die Untersuchungen zur Metaphorik von Staat und Nation sind so selten nicht: als singuläre Person auf einem Weg (Musolff 2003), als Körper (Musolff 2007), als Maschine (Mayr 1987, Ringmar 2008), historisch vergleichend bei Peil (1983): als Hirt und Herde (ebd., S. 29–165), als Bienen„staat“ (ebd., S. 166–301), als Körper (ebd., S. 301–481), als Maschine (ebd., S. 489–595), als Gebäude (ebd., S. 596–695), als „Staats“schiff (ebd., S. 700–870). Harnischmacher (2004) weist auf die selbst von Lakoff (1999, 2001, 2003) beschriebene Metapher der Nation als Person hin.61 Immerhin konzediert Lakoff, es gebe keine vollkommene Entsprechung von Familie und Nation (Lakoff 2002, S. 160). Dennoch behauptet er, es gebe keine Möglichkeit, Familienwerte aus der Politik herauszuhalten, weil höhere Werte als die der Familie kaum möglich seien (ebd., S. 326). Mit diesem Argument verdeckt er mögliche Legierungen oder Kontrastierungen mit anderen Metaphern und erklärt den Zielbereich Nation unter der Hand doch zu einem allein von der Familienmetaphorik strukturierten Zielbereich. Dass Lakoff kurz darauf die kontrastierende Metapher vom Staat als Unternehmen kurz diskutiert (ebd., S. 327), ficht ihn nicht an, deren Implikationen werden kurzerhand den beiden Familienmodellen wenig nachvollziehbar subsumiert (ebd., S. 326–330). Die Suche nach konkurrierenden und ergänzenden Metaphern, die als Qualitätskriterium einer gründlichen Metaphernanalyse noch elaboriert wird (Abschn.  5.7.3 und  5.8.5), fordert andere Anstrengungen, über das Bekannte hinaus zu denken.

  • Lakoff hat selbst sehr unklare Vorstellungen, wie sein Modell validiert werden könnte. Er ist recht überzeugt von dem Modell („So far as I have been able to discover, this hypothesis is the only serious attempt to explain all these phenomena together“, ebd., S. 158). Allerdings schränkt er ein, dass die Hypothese neu sei und daher noch nicht das Ausmaß an Bestätigung habe wie ausgereiftere Theorien. Das Gütekriterium, sich beim Anschauen von Fernsehsendungen bestätigt zu fühlen, dürfte unter Sozialwissenschaftlern umstritten sein: „Virtually every talk show and political speech I’ve listened to since working this out has confirmed the predictions of the model.“ Für experimentelles Testen sei seine Hypothese jedoch zu komplex (S. 158). Das lässt offen, wie dieses Modell validiert werden könnte.

Empirische Probleme und Erfolge der Bestätigung

Cienki (2005, 2008) hat sich mehrfach mit Lakoffs Modell auseinandergesetzt. Zumindest für die Fernsehdebatten der beiden Präsidentschaftskandidaten 2001 ließ sich das Modell in quantitativer Auszählung der Kernmetaphern der jeweiligen Familienwerte nicht bestätigen (Cienki 2005). Allerdings waren die nicht metaphorischen Argumentationen inhaltsanalytisch kongruent zu den beiden Familienwerten und eine Analyse der in Gesten implizierten Metaphern ließ sich in die gleiche Richtung interpretieren. Cienki riet zur zurückhaltenden Interpretation:

Cognitive models may motivate reasoning in terms of sets of metaphors, but contrary to expectation, this reasoning may be manifested much more through non-metaphorical language than through verbal metaphoric expressions. It is possible that if the source domains of the ‚deep‘ metaphors in a given model are spatially (image) schematic, the metaphors may be more likely to appear in a speaker’s use of metaphorical gesture, as the speaker is formulating thoughts for speaking, than in the speech itself. On the other hand, one could also say that the overall findings from this study support a more cautious approach (Cienki 2005, S. 304).

Eine nach dieser Skepsis unerwartete und nicht metaphernanalytische Bestätigung des Modells liefern Tinnick und Barker (2006). In einer großen Fragebogenstudie (1084 Befragte) verglichen sie Werte in der Kindererziehung mit politischen Werten in den einzelnen Bereichen (von der Todesstrafe über Schwangerschaftsabbruch bis zur Umweltpolitik) und fanden fast immer signifikante Zusammenhänge zwischen Erziehungsgrundsätzen und politischen Anschauungen im Sinne Lakoffs. Allerdings nutzten sie in Ihren Skalen bipolare Schemata, sodass auch hier eine Skepsis bleiben muss, in welcher Präzision familiäre Werte abgebildet werden.

Unreflektierte subjektive Einflüsse

Der subjektive Einfluss von Lakoffs eigenen Deutungen ist unübersehbar. Die Trennung, dass er als Autor bis zum 19. Kapitel den politisch unabhängigen kognitiven Linguisten darstellt und danach in vier Kapiteln seine eigene proliberale Haltung begründen kann, wirkt wenig überzeugend. Die implizite moralische Wertung der Metaphorik des Gebens und Nehmens, die als bloß ökonomische und nur im Sinne der moralischen Kontoführung diskutiert wird, behindert ihn an einer offeneren Explikation des Modells. Er übersieht, dass diese Metaphorik sehr viel älter ist als das, was im engen Sinn als ökonomisches Phänomen verstanden wird – darauf hat Marcell Mauss in seiner Studie zum Geben und Nehmen schon viel früher aufmerksam gemacht (Mauss 1990; org. 1950). Ebenso kommt diese Metaphorik ganz im Gegensatz zu seiner Einordnung auch in einer fürsorglichen Metaphorik professionell psychosozial Tätiger vor (Schmitt 1995): Geben und Nehmen entwickeln in der Tat eine eigene Moral, die auf einen idealen Zustand des Ausgeglichenseins zielt (auch in Verbindung mit dem „balance“-Schema). Dieser Ausgleich zwischen zwei Erwachsenen oder Erwachsenem und Kind am Ende eines Hilfeprozesses geschieht oft als ausgesprochener Dank und schließt eine Gestalt. Diese mögliche positive Bestimmung der Metaphorik des Gebens und Nehmens fehlt bei Lakoff völlig; und später wird sich bei dem von ihm präferierten „Nurturant-Parent“-Schema zeigen, dass sein Ideal das unausgeglichene Geben und Versorgen von Eltern darstellt – letztendlich spielt er wertend die parentale/juvenile gegen die erwachsene Form des Wechselspiels von Geben und Nehmen aus. Seine vorab vollzogenen Wertungen schränken also die möglichen Implikationen der von ihm diskutierten Metaphern erheblich ein. (Dass hier eine Wertung gegen Lakoffs Wertung gesetzt wurde, dient vor allem einem Kontrast, der die Einschränkungen seines Konzepts deutlich macht.) Das liberale „Nurturant-Parent“-Modell in seinem grenzenlosen Geben ist wohl eher eine Idealisierung, denn Grenzsetzung und Auseinandersetzung zwischen den Generationen sind in diesem Modell kaum denkbar. Im Abschnitt zu den Gütekriterien (Kap.  3) wird die Explikation des eigenen Vorverständnisses gezählt und vorgeschlagen, dass die eigenen metaphorischen Muster der Forschenden durch Selbsterfahrung, Eigeninterview mit anschließender Analyse etc. aufgehellt werden sollten. So kann die Konditionierung durch unaufgeklärte eigene metaphorische Denkmuster gering gehalten werden.62

Die glückliche Relativierung der starken Fassung des „embodiment“

Der Anschluss an eine starke These früherer Publikationen, das „embodiment“, das heißt die körperliche Grundlegung metaphorischen Denkens (vgl. Abschn.  2.1.6) erscheint durch die genutzten Metaphern erfreulicherweise relativiert: Die Fokussierung auf körperliche Erfahrung wird zurückgenommen, auch kulturelle Phänomene etwa des Geben und Nehmens, der Familie etc. können als zentrale Quellbereiche dienen. Die Quellbereiche existenziellen Wohlseins, die von ihm zur metaphorischen Verallgemeinerung als Denkmuster der Moral genannt werden, sind in variabler Interdependenz immer auch kulturell wie körperlich vermittelt: Gesundheit/Krankheit, Reichtum/Armut, Stärke/Schwäche, Freiheit/Gefangenheit, Fürsorge/Unversorgtheit, Glücklich- und Unglücklichsein, Ganzheit statt Defizit, Sauberkeit statt Schmutz, Schönheit vs. Hässlichkeit, Licht statt Dunkelheit, Aufrechtheit vs. Gefallensein, feste Bindung eher als Bindungslosigkeit bzw. Feindschaft. Diese Relativierung früherer Annahmen bleibt, wie so oft bei Lakoff, unthematisiert. Nur einmal findet sich eine Anspielung auf eine Behauptung der Grundlegung allen metaphorischen Denkens durch körperliches Erleben (vgl. im Gegensatz Lakoff und Johnson 1999, S. 16–44), und zwar in einer kennzeichnenden Umkehrung:

We are all immersed in American culture. Our cultural knowledge is physically encoded in the synapses of our brains. People do not get new world views overnight. New ideas are never entirely new. They must make use of ideas already present in the culture (Lakoff 2002, S. 147).

Nach den sonst oft wiederholten Begründungen des „embodiments“ ist diese umgekehrte Behauptung recht erfrischend, dass die (US-amerikanische) Kultur alles Denken bis in die Synapsen hinein durchsetze. Später, im allgemeiner gefassten 22. Kapitel über „human mind“ spricht Lakoff ebenfalls nicht von einer biologischen Grundlegung63, allenfalls im Kap. 23 geht er auf „experiential morality … on the level of direct experience“ ein (ebd., S. 380). Aber auch hier finden sich keine weiteren Verweise auf die Biologie (mehr); im Gegenteil: Er beklagt die kulturelle Verselbstständigung der metaphorischen Modelle der Stärke etc. gegen die direkte physische Erfahrung. Die direkte, leibhafte Erfahrung, könnte man interpretieren, wird so für ihn zu einer kritischen Instanz gegenüber kulturellen und sozialen Zumutungen. Aber diese Position übersieht, dass das, was wir meinen „direkt“ zu erfahren, schon von kulturellen Modellen geprägt ist (vgl. Abschn.  2.1.6), und widerspricht auch seiner oben genannten Auffassung von der prägenden Wirkung US-amerikanischer Kultur.

4.5.1.3 Zusammenfassung

Sollte man, durch einige Äußerungen Lakoffs angeregt, die Erwartungen gehegt haben, hier würde(n) a) die Methode(n) einer zukünftigen kognitiven Sozialwissenschaft elaboriert, b) benannt, für welche Themen sie angemessen ist, c) diskutiert, wie sie sich zu etablierten Theorien und Methoden verhält, so wird man feststellen, dass die erste und letzte Erwartung nicht eingelöst wird: Forschungsmethodische Explikation und theoretische Positionierung unterbleiben. In indirekter Weise, durch die Fülle passender Redewendungen, wird jedoch wieder deutlich, dass eine von der kognitiven Linguistik angeregte, qualitativ forschende Metaphernanalyse einen breiten Bereich tangiert, der als „Deutungsmuster“, „Denkmuster“, „Orientierungsmuster“, „Habitus“ oder „soziale Repräsentation“ gefasst werden kann (vgl. Kap.  3, vgl. Schmitt 2005c).

4.5.2 Forschungsmethodisch bedeutsame Studien

Die Diskussion von Lakoffs Versuch einer metaphernanalytischen Sozialforschung hat viele Problemfelder eröffnet, die hier noch einmal überblicksartig versammelt werden sollen:
  • unklare und nicht weiter definierte Begrifflichkeit („Ideologie“, „Weltanschauung“ etc.), zu der keine Anschlüsse in der politologischen Diskussion gesucht werden,

  • fehlende Dokumentation des empirischen Materials,

  • fehlende Dokumentation des methodischen Vorgehens,

  • fortbestehende Unklarheit, wie komplexe Modelle aus einzelnen metaphorischen Konzepten gebildet werden können,

  • die Frage nach der Validierung komplexer metaphernanalytisch rekonstruierter Modelle,

  • unreflektierte subjektive Einflüsse des Interpreten,

  • die Frage nach den Quellbereichen der Metaphorik außerhalb einer engen Fassung des „embodiment“.

Im Vergleich mit Lakoffs Vorgehen ist es nun spannend zu sehen, welche Themen in der weiteren politikwissenschaftlichen Diskussion aufgegriffen werden und welche neu hinzukommen:
  • der Bezug auf konkrete Samples und konkrete soziale Welten spielt bei fast allen im Folgenden genannten AutorInnen eine große Rolle,

  • die Identifikation von Metaphern und

  • ihre Clusterung zu Konzepten werden als methodische Schritte zumindest bei einigen diskutiert,

  • die kulturellen Einflüsse auf metaphernanalytische Interpretationen werden deutlich,

  • zum „embodiment“ metaphorischer Denkweisen werden einige Alternativen geschildert,

  • die Einbindung in andere Theoriehorizonte nimmt einen großen Raum ein,

  • auch quantitative Ansätze einer Metaphernanalyse sind zu finden

  • und als wiederkehrendes Problem zeigt sich eine verkürzte Rezeption der kognitiven Metapherntheorie.

Es könnte sich anbieten, die Diskussion der relevantesten AutorInnen an dieser Übersicht von Themen zu orientieren. Es liegt jedoch in der Natur dieser Arbeiten, dass sie mehrere Themen bündeln und so sollen die wichtigsten Autoren Charteris-Black und Chilton in diesem Unterkapitel zu forschungsmethodischen Klärungen separat diskutiert werden, bevor die genannten Themen entwickelt werden.

4.5.2.1 Charteris-Black

Charteris-Black (2004, 2005) kritisiert in den Analysen von Lakoff und Johnson die fehlenden Kontexte der Sprachproduktion und bemüht sich um die Integration in die neuere diskursanalytische Diskussion (vgl. dazu auch Forceville 2006). Er stellt die Metaphernanalyse daher in den Rahmen einer kritischen Diskursanalyse und ihrer Leitfrage nach der Herstellung von Herrschaft (ders. 2004, S. 28 ff.) und stellt 2005 (S. 26–31) eine daraus entwickelte „Critical Metaphor Analysis“ vor:

Critical Metaphor Analysis therefore enables us to identify which metaphors are chosen and to explain why these metaphors are chosen by illustrating how they create political myths (ders. 2005, S. 28).

Er schlägt eine eigene, dreischrittige Methode vor: zunächst die Identifikation von Metaphern (ders. 2004, S. 35), dann ihre Interpretation (ebd., S. 37–39), in der Konzeptbildung und erste Entfaltung von Bedeutungen stattfinden, und zuletzt die „Erklärung“ der Metaphern (ebd., S. 39 f.), in der die sozialen Kräfte ihrer Herstellung und ihre Überredungsmacht analysiert werden.64 Bei ihm geht die qualitative Forschung einer späteren Quantifizierung der gefundenen Konzepte voran (ders. 2004, S. 34).

Seine Forschungsgegenstände sind umfassend: die Metaphern von New Labour (2004, S. 45–64), in britischen Parteimanifesten (ebd., S. 65–85), in Reden amerikanischer Präsidenten (ebd., S. 87–110), in der Sportberichterstattung (ebd., S. 113–134), in der Finanzberichterstattung (ebd., S. 135–170) mit der Hervorhebung der Metapher, dass ökonomische Probleme als Naturkatastrophen verkleidet werden, und Metaphern im Neuen (ebd., S. 173–200) wie Alten Testament (ebd., S. 202–217) und im Koran (ebd., S. 218–240). Seine Publikation von 2005 fokussiert auf politisch relevanten Einzelpersonen und das Problem, wie Führung inszeniert wird in Reden von Winston Churchill, Martin Luther King, Maggie Thatcher, Bill Clinton, Tony Blair und George W. Bush.

Die bei Lakoff schon diskutierte Frage, wie sich aus metaphorischen Konzepten abstraktere, integrierende Cluster bilden lassen, löst Charteris-Black mit dem Vorschlag von „conceptual keys“ (2004, S. 22), die als abstraktere Konzepte wie „life is a struggle for survival“ konkrete Konzepte erzeugen: „politics is conflict“ (ebd., S. 245). Diese Idee der Subkategorisierung von Konzepten ist allerdings bereits im ersten Buch von Lakoff und Johnson beschrieben worden (1980, S. 8 f.). Ein Problem stellt meines Erachtens Charteris-Blacks Definition von Metaphern dar, die trotz des Bezugs auf Lakoff und Johnson noch von älteren Vorbildern beeinflusst ist: Er geht davon aus, dass Metaphern eine „semantic tension“, das heißt eine Spannung zu ihrem wörtlichen Umfeld herstellen (2005, S. 14) – das ist eben nicht der Fall bei vielen sprachlichen Bildern, erst recht nicht bei denen, die in großer Nähe zu den oben diskutierten „kinaesthetic image schemas“ stehen, die auch folglich in seiner Rezeption nicht vorkommen.

Seine Studie über Metaphern und Gender (Charteris-Black 2009) untersucht quantitativ vier weibliche und zwei männliche Mitglieder des Parlaments. Das Ergebnis, dass Männer mehr Metaphern gebrauchen und die Länge der Parlamentsmitgliedschaft auch die Zahl der Metaphern erhöht, ist bei dieser kleinen Zahl an Versuchspersonen nicht verallgemeinerungsfähig, zumal Effekte bei einer Parlamentarierin auftauchen, die als Feministin vermutlich die gängigen und erkannten Metaphern eher vermeidet und deren Metaphern in der (nicht klar beschriebenen) Erkennensprozedur nicht sichtbar werden. Auch sind mögliche Cross-Gender-Effekte denkbar, dass Männer emotionalere Metaphern gebrauchen, um nicht als allzu männlich zu gelten, und Frauen diese vermeiden, um nicht dem Klischee des Weiblichen zu verfallen. Hier stehen also weitere Untersuchungen noch aus.

4.5.2.2 Chilton

Nach kleineren Arbeiten, welche die kognitive Metapherntheorie nur andeuten (Chilton 1985a, b, 1988), hat Chilton (1996) über Metaphern der Sicherheit im Diskurs der Außenpolitik nach 1945 ein umfangreiches und viel zitiertes Werk vorgelegt (vgl. auch Müller 2004). Er bettet den Diskurs um die Metapher in der Politologie bei Hobbes beginnend ein, sieht jedoch in dieser Diskussion nur die absichtsvoll gebrauchten Bilder analysiert und will mit Lakoff und Johnson auch den alltäglich wirkenden Metaphern gerecht werden. Als einer der wenigen Autoren bereitet er insbesondere im zweiten Kapitel die kognitive Metapherntheorie (auch mit Hinweisen auf „kinaesthetic image schemas“) gründlich auf. In Abgrenzung von Lakoff und Johnson kann er belegen, dass selbst Schemata kulturelle Eigenheiten aufweisen. In Anlehnung an die Konversationsanalyse geht er davon aus, dass Metaphern in ihrer Wirkung nicht einfach für sich stehen, sondern verhandelt werden und unterschiedliche Grade des Abweisens oder Aufnehmens einer Metapher existieren (ebd., S. 70). Sehr umfangreich wird die Geschichte der amerikanischen und in Teilen auch der europäischen Sicherheitspolitik seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Morgenthauplan in ihren Metaphern vorgestellt.65 Kritisch könnte man allenfalls bemängeln, dass hinter den Texten aus knapp 50 Jahren keine spezifische Überlegung zum Sampling erwähnt wird – die Breite unterschiedlicher Materialien ist jedoch beeindruckend. Obschon er die Schwächen des Ansatzes von der bei Lakoff fehlenden situierten Sprachanalyse hervorhebt, mag er sich nicht zur kritischen Diskursanalyse bekennen, deren Kritikpotenzial er infrage stellt (Chilton 2005).

4.5.2.3 Diskursanalysen

Die Diskursanalyse in ihren Varianten ist, wie schon gezeigt (siehe Abschn.  3.5), ein Bezugspunkt wichtiger Arbeiten in der Politologie. Weitere finden sich in Ferrari (2007) zur Analyse des Überzeugungspotenzials des „Präventionskriegs“ und in der Rekonstruktion der Wahrnehmung Europas als politischer Einheit (Walter und Helmig 2008; Döring 2005; insbes. S. 140–164). Im deutschen Sprachraum bezieht sich Helmig (2008) auf die Diskursanalyse. In seiner Arbeit um die Metaphern in geopolitischen Diskursen am Beispiel der Raumrepräsentationen in der Debatte um die amerikanische Raketenabwehr fokussiert er drei Metaphern: die des „Schurkenstaats“, der „Achse des Bösen“ und des „Kriegs gegen den Terror“. Während seine Ausführung zur Verankerung von Bedeutungen in übergeordneten Diskursen sehr umfassend gerät und die empirische Verankerung in einer systematischen Analyse von Printmedien gegeben ist, so ist die voranalytische Setzung von drei Metaphern und ihre quantitative Auswertung fern von dem, was eine Sinn verstehende qualitative, das heißt entdeckende Forschung leisten kann. Mit drei gesetzten Metaphern zur Analyse kann die anzunehmende Vielzahl räumlicher Metaphoriken, die von mehreren „kinaesthetic image schemas“ (oben/unten, vorne/hinten, Weg–Pfad–Ziel, zentral/peripher, Behälter, auch Balance etc.) motiviert werden, kaum abgebildet werden.66

Diskursanalysen sind auch für Goatly (2007) ein Referenzpunkt, er versucht die kognitive Metapherntheorie mit der „critical discourse analysis“, also der Analyse der (Re-)Produktion von sozialer Ungleichheit in der Sprache zu verbinden. In seinem Vorgehen werden die offenen Forschungsfragen, ob und wie in einem bestimmten Sample auch Herrschaftsverhältnisse inszeniert werden, als in Teilen beantwortet an den Beginn des Forschungsprozesses gesetzt und der Gegenstand im Hinblick auf diese Frage selektiert – das ist im Sinn qualitativer Forschung eine Vorwegnahme, die mögliche gegenteilige und quer zu diesen Vorannahmen liegende Sinnzusammenhänge eliminiert. Und seine Forschung riskiert nur noch zur Selbstbestätigung vorgefasster Annahmen zu dienen (vgl. dazu ähnlich kritisch Musolff 200867). Dieses Bias wird bei ihm noch dadurch verstärkt, dass er sich – im Gegensatz zu den Annahmen der von ihm vertretenen „critical discourse analysis“ – nicht auf reale Sprachverwendungen konzentriert, sondern Vergleiche von Datenbanken mit englischen und chinesischen Metaphern unternimmt und kein Kontext die zuweilen bemüht erscheinenden Deutungen korrigieren kann.

4.5.2.4 „Embodiment“ und andere Quellbereiche politischer Metaphoriken

Die Kritik von des oben genannten Goatly (2007) eröffnet eine Fülle von Beispielen für metaphorische Konzepte, die nicht im engen Sinn auf ein enges Konzept des „embodiment“ zurückzuführen sind. In einem eigenen Kapitel (ebd., S. 217–280) diskutiert er historische und kulturelle Varianten der Körperwahrnehmung, und die Trennung einer körperlichen Fundierung der Metaphorik von einer kulturellen erscheint in dieser Perspektive als Willkür. Ganz ähnlich hat Musolff (2007) die Schwierigkeiten referiert, eine Diskursgeschichte mit Metaphern zu schreiben, und hat am Beispiel der Metaphorik, dass der Staat ein Körper sei, vom Mittelalter über Hobbes bis zum Faschismus jenseits eines Hauptkonzepts sehr unterschiedliche Konnotationen rekonstruiert und resümiert: „… the pragmatic/political effects intended are so dissimilar that it is difficult to construe a continuity spanning 800 years of metaphor history“ (Musolff 2007, S. 20).68

Lakoffs Beharren auf ein „embodiment“ metaphorischer Konzeptualisierung der Welt wirkt offenbar als Stachel, der Gegenreaktionen hervorruft.69 Die historische Fundierung der politisch wirksamen Metaphernbildung zeigt exemplarisch auch Zinken (2003), der polnische Zeitungstexte auf kulturell motivierte Metaphern untersucht: Wenn im Anschluss an das Jahr 1989 Kommunisten zum Beispiel als Kreuzritter (des ehemaligen Deutschen Ordens) bezeichnet werden, welche die slawische Bevölkerung im späten Mittelalter unterjochten, dann muss der „wahre“ polnische Bürger ein Antikommunist sein. Freilich übersieht Zinken in seinem Bemühen, die Ritter des Deutschen Ordens nur als intertextuelle Metapher zu sehen, dass die mit ihnen verbundenen Narrationen zu Gewalt und Mord auch als körperlich imaginierte gelesen werden müssten. So scheint es wenig hilfreich, kulturelle gegen körperliche Erfahrungen auszuspielen. Allerdings ist ernst zu nehmen, dass gerade in der Politik historische Analogien und kulturelle Einrichtungen als Quelle von Bildern dienen, die von einer strengen Fassung des „embodiment“ weit entfernt sind. Kornprobst (2008) zeigt in den Allegorien der „pax britannica“ und der „pax americana“, die sich als Fortsetzung einer „pax romana“ gerieren, ebenfalls eine politisch wirksame, stark aus historischen Überlieferungen gewonnene Metapher. Gleiches gilt für Hülsse (2008), der die Metaphorik der „Geldwäsche“ in „Finanzparadiesen“ und „-häfen“ untersucht, Mutimer (2008), der Stalin und Hitler als Metaphern für Saddam Hussein rekonstruiert, und Spicer (2008), der die metaphorische Selbstdarstellung der australischen Broadcasting Corporation zeigt (u. a. als „champion of multiculturalism“). Die Nutzung von Fußballmetaphern im Krieg gegen den Irak notiert Herbeck (2004). Die komplexe Verwendung von Natur-, Wasser- und Deichmetaphern in der Verarbeitung von realen Überschwemmungen in Deutschland und Frankreich (Döring 2005) zeigen sehr deutlich kulturalisierte ältere Erfahrungen als Quellbereich des gegenwärtigen Begreifens der Welt mit nur begrenztem Rückgriff auf körperliche Erfahrungen. Auch Metaphern aus der Physik, insbesondere diejenigen Newtons, haben Politik geprägt (Akrivolis 2008; Pikalo 2008). Der Staat wird als Oper neben anderen Bildern in China und Japan diskutiert (Ringmar 2008). Honohan (2008) beschreibt als Metaphern für Solidarität neben anderen die Metaphorik des sozialen Kapitals.

Am gründlichsten sind die unterschiedlichsten Quellbereiche zum Verstehen politischen Geschehens bei Beer und de Landtsheer (2004b, S.  5–22) ausformuliert: politics as body, politics as disease (politics as death), politics as game, politics as spectacle, politics as cultivation, politics as disaster, politics as violence, politics as society (market, party …), politics as technology, politics as nature, politics as everyday life, politics as family – mit jeweils mit bis zu 30 Unterkonzepten ausformuliert. Mit dieser Sammlung legen die Autorinnen für künftige Studien jene Sammlung von Hintergrundmetaphern vor, die als Differenzfolie zur Charakterisierung der speziellen Funde einer einzelnen Studie unentbehrlich ist (siehe Abschn.  5.3). Eine weitgehende Bestätigung dieser Quellbereiche, jedoch weniger umfassend, bietet Schneider (2008) vergleichend zwischen Großbritannien und USA (u. a. Biologie/Medizin, Schmutz/Sauberkeit, Verbrechen, Familie/Haushalt, Sport, Architektur, Kunst, Business, Tag/Nacht, Technik, Reisen, Militär).

Ganz im Gegensatz zu der Breite, die Beer und de Landtsheer (2004a, b) als Hintergrund entwickeln, stehen stichprobenartige Vertiefungen einzelner Metaphern, die dem Konzept des „embodiment“ mehr oder weniger nah stehen: die Metapher der sozialen Exklusion bei Koller und Davidson (2008) und Davidson (2013) in mehreren Textgenres politischer Natur (Vorträge, Interviews, akademische Texte, sowohl qualitativ und quantitativ), die Metaphorik des Pfads bei Kongressanhörungen bei Beer und Boynton (2004) und mehrfach die Metaphorik des Kampfs (Jameson und Entman 2004) für die Berichterstattung einer Budgetkrise in New York, eher allgemein für Diskussion als Kampf bei Tannen (1998), als Selbstinszenierung der amerikanischen Demokratie im Kampf gegen Faschismus, Kommunismus, Terrorismus unter anderem bei Ivie (2004) und in der Außenpolitik bei Rosati und Campbell (2004). So differenziert und ertragreich die Studien im Einzelnen sind (vgl. Koller und Davidson 2008 im Gegensatz zur eher populärwissenschaftlichen Darstellung bei Tannen 1998), so sehr ist darauf hinzuweisen, dass einzelne metaphorische Konzepte ohne die Resonanzen und Abschwächungen im Netzwerk anderer Metaphern nur begrenzt zu interpretieren sind (Schmitt 2007a, vgl. Abschn.  5.7.3).70 Ein besonderes Beispiel dafür bieten Döring und Osthus (2002), die anhand der Berichterstattung über die erfolgreiche französische Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 nachweisen, dass mittels weitgehend ähnlicher Metaphernquellen unterschiedliche Akzentuierungen französischer Identität konstruiert werden. Unter anderem wird die Farbmetaphorik der „tricolore“ in einer konservativen Zeitung zur „multicolore“ einer linken Zeitschrift in Anspielung auf die multiethnisch zusammengesetzte Mannschaft. Dieser Umstand wird im konservativen Blatt fast ostentativ übersehen und durch Metaphern der Einheit überblendet, auf die auch die linke Zeitschrift nicht verzichtet.

4.5.2.5 Metaphernanalytische Forschungsmethoden

Anders als in der Soziologie sind in der Politologie mehrere Ansätze zur Reflexion eines Prozederes einer metaphernanalytischen Forschung zu finden. Erwähnt worden ist schon der dreischrittige Ansatz von Charteris-Black (2005, s. o. Abschn. 4.5.2.1), dem Zouhair (2007) folgt. Drulák (2008) entwirft in der Auseinandersetzung mit dem Verfahren von Jäkel (1997) fünf Schritte (Drulák 2008, S. 108):
  • Bestimmung des Zielbereichs und der Sprachgemeinschaft, die analysiert werden soll,

  • Sammlung von Texten und hypothetische Annahme von möglichen metaphorischen Konzepten,

  • Suche nach metaphorischen Ausdrücken und Revision der hypothetischen Konzepte,

  • quantitative Bestimmung von Häufigkeiten der Metaphern bestimmter Diskursbereiche,

  • Rekonstruktion von praktischen Implikationen der Sprachbilder.

In der Mischung aus quantitativ-deduktiven und qualitativ-entdeckenden Verfahren wird undeutlich, welche Gütekriterien seine Methode erfüllen könnte. Wichtig sind seine Hinweise, dass das Fehlen von erwartbaren Metaphern interpretationsrelevant ist (vgl. Abschn.  5.11.3). Eliminiert man die deduktiven Elemente seines Verfahrens, so sind die restlichen Schritte kompatibel (wenn auch zu kurz beschrieben) mit dem hier vorgeschlagenen Verfahren, das eine klare Trennung von qualitativ-entdeckender und quantitativ-testender Logik vorschlägt.

Ebenfalls eine komplexe Methodik entworfen hat Ferrari (2007). Sie will zur Analyse der Überzeugungskraft bei der Analyse zur Begründung des „Präventivkriegs“ gegen den Irak explizit Emotionen für die Grundlage zur Abschätzung der Überredungskraft einbeziehen (ebd., S. 612). Sie schlägt ein vierschrittiges Verfahren vor:
  • Identifikation der Metaphern in einem Text (offenbar auch der Konzepte),

  • Ableitung der Implikationen der metaphorischen Konzepte,

  • Ableitung der angesprochenen Emotionen,

  • Vergleich der dabei gefundenen Ergebnisse mit der argumentativen Strategie des Textes.

Vor allem der erste und zweite Schritt scheinen im Vergleich deutlich unterbestimmt (vgl. Abschn.  5.6), die Aufnahme von Emotionen ist jedoch eine Anregung, in der Heuristik der Interpretation je nach Forschungsfrage diese einzubeziehen (vgl. Abschn.  5.7).

Im Gegensatz zu diesen Studien, die ein sich entwickelndes Methodenbewusstsein zeigen, stehen viele Studien, die ihren Gegenstand aufschlussreich behandeln, jedoch kein Wort zu den Methoden der Ergebnisgewinnung verlieren: Fridolfson (2008) über antieuropäische Krawalle in Göteborg oder Hulst (2008) und Yanow (2008) mit empirischen Studien über die Wahrnehmung von Stadtzentren, um nur einige zu nennen. Einen skeptisch stimmenden Hinweis, die Wirksamkeit von Metaphern als gegeben hinzunehmen, und zugleich einen unfreiwilligen Hinweis auf die Notwendigkeit methodischer Überlegungen bietet Napoli (1999), der das Umfeld der Metapher vom „Marktplatz der Ideen“ einer wichtigen amerikanischen Behörde von 1965 bis 1998 inhaltsanalytisch untersuchte. Er fand wenig Zusammenhang zwischen den Interventionen der Behörde und ihrer Verwendung dieser Metapher – ein Hinweis, dass die Vermutungen über die Wirksamkeit einer Metapher durchaus nicht immer zutreffen.

Ebenfalls erwähnt worden sind die Versuche, Metaphernanalysen quantitativ zu betreiben (Charteris-Black 2009; Drulák 2008 – vgl. Abschn.  5.11.3, Koller und Davidson 2008 – vgl. Abschn.  5.11.10, Landtsheer und de Vrij 2004; Vertessen und de Landtsheer 2008), die problematische Mischungen von qualitativen und quantitativen Vorgehensweisen zeigen (vgl. den Kommentar in Abschn.  5.11.10). Innerhalb der politischen Psychologie werden von Mio (1996, 1997, Mio und Lovrich 1998) in klassisch experimentellen Designs politische Wirkungen von Metaphern untersucht. Während das experimentelle Design einen sorgfältig kontrollierten Aufbau zeigt, bleibt die Frage, ob Effekte im Labor sich auf komplexere Kommunikationssituationen übertragen lassen.

4.5.2.6 Die heterogene Rezeption der kognitiven Metapherntheorie in der Politologie

Eine Eigenheit des Felds der Politologie soll hier noch kurz erwähnt werden: die im Vergleich zu Psychologie, Erziehungswissenschaft oder Soziologie auffallend breite Spanne der Differenziertheit des Umgangs mit der kognitiven Metapherntheorie. Chilton (1996) ist bereits erwähnt worden als Beispiel für ein gründliches Durchdringen des Ansatzes, und im deutschen Sprachbereich bietet sich die umfassende Einführung an, die Döring (2005) in seiner Studie über die Konstruktion von Natur und Nation in Umweltthemen leistet (insbesondere ebd., S. 31–62). Nicht unkritisch, aber zuverlässig wird die gesamte Theorieentwicklung der CMT bis in die Gegenwart dargestellt, ältere Metapherntheoretiker (Blumenberg, Weinrich, Black, Richards) werden vergleichend diskutiert (ebd., S. 62–109), die Vernachlässigung des Sozialen bei Lakoff und Johnson angesprochen und Theorien des Diskurses integriert (ebd., S. 140–164). Der Anschluss der kognitiven Metapherntheorie an Diskurstheorien ist ein häufiges Thema (vgl. Abschn.  3.5, exemplarisch zum „war on terror“ Kirchhoff 2010). Im Gegensatz zu diesen kenntnisreichen Texten formulieren Autoren wie Mottier (2008) und einige andere Autoren im Sammelband von Carver und Pikalo (2008) eine vernichtende Kritik an Lakoff und Johnson und beziehen sich auf nichts weiter als das früheste Buch von 1980; oder entwickeln wie Sormani und Benninghoff (2008) einen vermeintlich neuen Metaphernbegriff, ohne die umfassende Tradition auch nur an einer Stelle tatsächlich einzubeziehen.71 Es sei auf weitere Beispiele und auch auf eine Deutung des im Vergleich zu anderen Disziplinen auffälligen Phänomens verzichtet.

4.5.3 Migration und Fremdenfeindlichkeit

Zwei Themen der Politologie zeigen sich als Attraktoren der metaphernanalytischen Forschung: Migration und Fremdenfeindlichkeit und das Werden eines wie immer geeinten Europas.72 Vom äußersten Rand des Feldes betrachtet, mag für das Zustandekommen dieser Forschungskonjunktur das zeitliche Zusammentreffen von zwei politischen Sachthemen, die nach den politischen Umbrüchen 1989 aktuell wurden, mit der breiteren Zurkenntnisnahme der kognitiven Metapherntheorie ein Motiv sein. Beide Sachthemen sind in ihrer relativen Neuartigkeit ein ideales evokatives Objekt, das eine Beschreibung und Kommentierung herausfordert, die mit den Mitteln der Metaphernanalyse beobachtet werden kann. Im Rahmen dieser Kapitel kann und soll keine politologisch zu verortende Analyse gegeben werden, sondern eine Skizzierung relevanter Studien im Hinblick auf Quellen, Methoden und Ergebnisse der Analyse erfolgen. Ich beginne mit der Debatte über Migration und Fremdenfeindlichkeit.

4.5.3.1 Migration

Die fünf vorzustellenden Studien aus vier Staaten beruhen alle auf Pressetexten. Dieser Zugang hat den Vorteil des geringen Aufwands und kann sich auf einen kaum zu bezweifelnden Einfluss dieses Mediums berufen, allerdings bleiben moderierende Effekte anderer Medien (Fernsehen, Internet, Musikkulturen) ebenso offen wie das tatsächliche Denken und Verhalten von Menschen im Kontext der Migration (von der Alltagsbegegnung über formelle Bearbeitung von Migration bis hin zur politischen Entscheidungsfindung).

Charteris-Black (2006) untersucht für einen britischen Wahlkampf in konservativen und rechtsgerichteten Zeitschriften, in welchen Metaphern die Legitimität migrationsfeindlicher Politik konstruiert wird. Die Metaphern des Behälters (und seiner Bedrohungen) tauchen in der konservativen Presse auf, die von mit Wasser verbundenen Naturkatastrophen (Überschwemmungen) in der rechtsgerichteten Presse; Charteris-Black sieht einen subtilen Ergänzungszusammenhang zwischen beiden. Santa Ana (1999) dokumentiert unter anderem vier entwertende metaphorische Konzepte in Kalifornien: Einwanderer seien Tiere, falsche Menschen, Unkraut oder Gebrauchsartikel. Im Verhältnis zur Nation, als Haus metaphorisiert, gelten Immigranten als Schmutz; in der Metapher der Nation als Körper sind sie eine Krankheit oder eine Last für denselben. Ferner werden Migranten als „gefährliches Wasser“ (Überschwemmung) und als (feindliche) Armee gedeutet. Methodisch spannend ist, dass er die Texte einer Inhaltsanalyse unterzogen hat und mit dessen Kategoriensystem nur ein geringer Bruchteil der Texte tatsächlich als migrationsfeindlich bezeichnet werden kann: Metaphorik und Meinung scheinen nicht zwingend gekoppelt zu sein – hier wäre aufschlussreich, wie Nuancen in der Ausdifferenzierung der gleichen Metaphorik entwickelt werden. Methodisch ebenso spannend ist die Rückversicherung, dass die Tiermetaphorik, die ihm auffiel, in anderen Bereichen, etwa im Sport- und im Wirtschaftsteil, weniger häufig auftauchte.73 Johnson (2007) benennt weitere abwertende Metaphern von Migrationsgegnern, die gebraucht wurden, um im Jahr 2000 im Bundesstaat Arizona (USA) in einer Kampagne die Abschaffung der zweisprachigen Erziehung an den Schulen durchzusetzen, in der die zweisprachige Erziehung als eigennützige Industrie, als Falle und schlechte Investition beschrieben wurde.74

Trotz der Behauptung, dass Metaphern und ihre Interpretation immer auch auf spezielle kulturelle Situationen verweisen, fällt in der Studie von Refaie (2001) auf, dass einige der abwertenden Metaphern für Migranten in Österreich in Grundzügen ähnlich zu deuten sind: Auch hier werden Immigranten als Wasser und Flut sowie als kriegerische Bedrohung konstruiert, um ihnen mit kriegsähnlichen Gegenmaßnahmen begegnen zu können. Böke (1997) kommt für die Darstellung der Migration in Deutschland (anhand der Reportagen des „Spiegel“) zu den Quellbereichen „Wasser“ (Zustrom, Eindämmung), „Fahrzeug“ (Bremsen, Lenkung), „Militär“ (Invasion, Reservearmee) und „Waren“ (Menschenhandel, Nachschub) (ebd., insbes. S. 164–166). Als Konsequenz sieht sie eine metaphorisch unterstützte Entindividualisierung und Verdinglichung der Zuwanderer (vgl. auch Böke et al. 2000; Böke 2000).

4.5.3.2 Faschismus und Rassismus

Hier muss zunächst eine Studie aus der vorkognitiven Zeit der Metaphernanalyse aufgrund ihres Materialreichtums erwähnt werden: Nieraad (1977) hat die Metaphorik des Faschismus und die mit ihr motivierten Handlungen beschrieben: „Kampf“ und Männlichkeit, „Volk ohne Raum“ und Eroberungskrieg, in Kombination mit visuellen Metaphern (der „Sieg“ über die „Mächte der Finsternis“, mit den Scheinwerfern von Flakbatterien bei Parteiveranstaltungen inszeniert), der „Führer“ als demokratische Legitimation und des Wechsels enthobene Gestalt, die Bezeichnung von politischen Gegnern als „Ratten“ und „Ungeziefer“ und das biologische Programm ihrer „Ausmerzung“ und „Ausrottung“. Letzteres wird auch von Chilton (2005) thematisiert, der das Szenario aus dem Vergleich der jüdischen Bevölkerung mit Bakterien, der Nation mit einem Körper und der medizinischen Behandlung im Rahmen der kognitiven Metapherntheorie entfaltet. Die breiteste Untersuchung des Themas bietet Rash (2005) in ihrer gründlichen Darstellung der Metaphern in Hitlers „Mein Kampf“, die sehr gut zeigt, dass es die beeindruckende Fülle der Bilder war, die hier wirkt – bis hin auch zu religiösen Metaphern der Wiederauferstehung.75 Pörksen (2003) bereitet ohne bestimmte Materialquelle und ohne Anbindung an die kognitive Metapherntheorie die pragmatischen Funktionen dieser Metaphorik auf: die Dehumanisierung als Parasit und die Aberkennung des menschlichen Status des Gegenübers, die Euphemisierung der Gewalt (als Hausputz und Aufräumen), die Konstruktion von Notwehrsituationen zur Legitimierung von Gewalt (Abwehrkampf gegen die Überfremdung, Ausländer als Invasoren), die Fokussierung auf einen zentralen Gegner (mit Bildern der Verschwörung, vgl. auch Pörksen 1996). Einen Hinweis auf einen seltenen Quellbereich und die damit zusammenhängende Argumentationsfigur bieten Delaney und Emanation (1999): In Gerichtsdokumenten der USA zwischen 1930 und 1945 rekonstruieren sie, wie die Rassentrennung im Norden beispielsweise durch Verträge, dass Grundstücke nicht an Farbige verkauft werden durften, durchgesetzt worden ist. Neben Invasions- und Barrieremetaphern findet sich hier die Metaphorik der Ökologie der Pflanze, um zu formulieren, wo jemand hingehöre (Farbige in den Süden), also eine „natürliche Ordnung“ zu konstruieren.

4.5.4 Europa: ein heterogenes Phänomen als metaphorische Projektionsfläche

Die folgenden Studien zeigen, dass „Europa“ ein heterogenes Phänomen ist, das aus der Vielzahl nationaler und politischer Perspektiven heraus jeweils anders wahrgenommen wird. Mit anderen Worten: Es ist ein Konstrukt, das Zuschreibungen herausfordert. Auch hier ist das Ziel des Abschnitts keine Bewertung des politologischen Ertrags der diskutierten Studien, sondern eine Skizze, die ihren forschungsmethodischen Anregungsgehalt fassen soll.

Musolff (2000) hat eine umfangreiche und auf heterogenen Materialien basierende Korpusanalyse der verwendeten Metaphern vorgelegt: Europa figuriere vor allem in Wegmetaphern, Geschwindigkeiten und Fahrzeugen (ebd., S. 39–76), Konstruktionsmetaphern, Maschinen und Geometrie (ebd., S. 77–104), als Gruppe (in Form eines Behälters) und als Familie (ebd., S. 105–139), als Körper mit Geburt, Leben, Tod, Stärke, Schwäche, Größe (ebd., S. 139–162), als innerer Wett- und äußerer kriegerischer Kampf (bis zur „Festung Europa“) (ebd., S. 163–200) und als Theater (Tragödie, Komödie) (ebd., S. 201–208). Im Gegensatz zu Lakoffs Studie ist das Quellenmaterial gut dokumentiert, es werden keine aus politischen Vorlieben ableitbaren zentralen Metaphern fokussiert, sondern wird systematisch die empirische Breite der europäischen Konstruktionen dargestellt. Anmerkungen zur Methodik bleiben aus, die Konzeptbildung steht nicht im Mittelpunkt und ergibt sich eher als Resultat des gemeinsamen Zielbereichs. Bereits in dieser Studie skizziert er einen Effekt der Metaphorik, der in einer späteren (Musolff 2003a) noch einmal im Detail erläutert wurde76: Außenminister Joschka Fischer schlug in einer Rede zur Zukunft der europäischen Integration aus dem Jahr 2000 vor, dass einige Staaten auf dem „Weg“ zur europäischen Integration „schneller vorangingen“ als andere. Diese Weg- und die damit verbundene Geschwindigkeitsmetapher entfaltet eine dominante Wirkung in den Diskursen. Selbst die europaskeptische britische Presse fürchtet, auf diesem „Weg“ „zurückgelassen“ zu werden. Vereinzelte britische konservative Politiker können offenbar nur innerhalb der gleichen Metapher versuchen, das eigene „Tempo“ als angemessen zu rechtfertigen, vor „zu hoher“ Geschwindigkeit und vor „Unfällen“ zu warnen, um damit die „Langsamkeit“ zu rechtfertigen – sie sind jedoch in der Minderzahl. In der deutschen Presse wird im Gegenteil thematisiert, möglicherweise „nicht schnell genug“ zu sein. So zeigt sich an diesem Beispiel die „guiding force“ von Metaphern im Denken und Handeln: Das von Fischer imaginierte metaphorische Szenario mit der impliziten politischen Drohung, nicht auf die skeptischen Staaten zu „warten“, zeigt seine Wirkung. Musolff liefert reiches Material, unterscheidet verschiedene metaphorische Konzepte (die Reise in einem Zug, Auto, Schiff mit den jeweiligen Begleitumständen und Zielen einer Reise). Er arbeitet die metaphorischen Konzepte und ihre Differenzen nicht so sehr aus, weil er auf das Konzept übergreifende metaphorische Szenario der Reise hinaus will – damit wird das bereits bei Lakoff (2003) virulente Problem, wie metaphorische Konzepte aggregiert werden könnten, wieder angesprochen. Bei dieser Integration werden jedoch die gegensätzlichen Bedeutungen, wie sie gerade an diesem Beispiel der unterschiedlich gewerteten Geschwindigkeiten gezeigt werden, tendenziell verschliffen.

Auf der Basis des gleichen Materials diskutiert Musolff (2004) folgerichtig, dass in großen Korpora metaphorische Konzepte nur schwer zu bilden sind, sondern eher typische Domainübertragungen mit Prototypeneffekten und Unschärfen zu finden seien. So bleibt er bei einer Beschreibung der Quellbereiche stehen und bietet zum ersten Mal eine deskriptive Statistik der zwölf Quellbereiche an (ebd., S. 12). Da einige von ihnen im Quellbereich der Familie überlappen (love, engagement, marriage, couple (adultery, separation/divorce), family, parents, godparents, father, mother, child, brother, cousins), löst er diesen Bereich aus der oben genannten Behältermetaphorik heraus und bildet ein separates „Family-Scenario“. Explizit ordnet er diesen Gruppierungsversuch dem Lakoff’schen „scenario“ als Begriff zu (Musolff 2004, S. 17, vgl. hier Abschn.  2.1.7). Viele Überschneidungen zu seiner Studie zeigt Brandstetter (2009).

Ebenfalls mehrfach zu den Metaphern zur Konstruktion von Europa hat Drulák publiziert. Drulák (2004) bietet eine allgemeine Einführung zu Sprache in der Forschung internationaler Beziehungen, akzeptiert Faircloughs Diskursbegriff (Fairclough 1989; vgl. Abschn.  3.5.2), hebt darin die besondere Rolle der Metaphern hervor und arbeitet Lakoff und Johnson in die Theorien internationaler Beziehungen ein. Den Kern seiner Zusammenführung bildet die Idee, dass Staaten sich über eine „shared language“, das heißt über ein gemeinsames Verständnis organisierter Gewalt und als personalisierte Träger derselben verstehen (Staaten als Freunde, Rivalen, Feinde). In seinem methodischen Entwurf (vgl. Abschn.  5.11.3) versucht er ein deduktiv-induktives Wechselspiel der Metaphernanalyse: Aus prinzipiellen Überlegungen heraus identifiziert er drei konventionelle Metaphern: die europäische Union als „motion“ (Bewegung), die eher nicht im internationalen common sense der Politik enthalten sei, die EU als „container“ und als „equilibrium“ (Gleichgewicht, „balance of power“). Er vermutet auch eine Überlappung der beiden letzten Konstruktionen als „balance of containers“. Diesen aus einer top-down-Perspektive gewonnenen Metaphern stellt er die in einer Analyse der Reden von europäischen Politikern selbst gefundenen Konzepte gegenüber:
  • Mehrere spezielle Konzepte (EU as air/space travel, bicycle, car, train, way, speed, maritime) werden, Musolff (2000) zustimmend zitierend, zu Bewegungsmetaphern zusammengefasst.

  • Weniger nachvollziehbar ist die Einordnung der folgenden Konzepte als „Gleichgewicht von Containern“ („equilibrium among containers“): Die EU sei Kampf/Sport, eine Gruppe, eine Klasse oder ein Klub, eine Show oder Performance, eine Familie oder Nahrungsmittel. Die Konzeptualisierung, die EU sei ein Geschäft, würde in Teilen dazugehören und die Metaphorik von Disziplin und Schule (Deutschland als „Musterschüler“) stelle die Hierarchie im Container dar.

  • Ebenso subsumiert er die Quellbereiche Krieg, Geometrie, Körper als Gleichgewichtsmetaphern, die Quellbereiche Haus, Maschine und Mythen für Europa dagegen als Behälter.

Hier lässt sich skeptisch anmerken, dass die als Metapher betrachteten Entitäten Behälter, Gleichgewicht und Bewegung einen sehr allgemeinen Rahmen geben, der spezifische Bedeutungsgebungen verwischt. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Wende der Publikationen von Lakoff und Johnson von 1987 nicht wirklich einbezogen wurde, nach der Bewegung (im Source-Path-Goal-Schema), Behälter und Gleichgewicht als Schemata fungieren, die in vielen konkreten metaphorischen Konzepten als allgemeinste Strukturen enthalten, aber ansonsten recht unbestimmt sind. Sein Versuch, auf der Basis politischer Reden dann zu analysieren, ob Gleichgewicht, Bewegung oder Container als Metaphern im Reden über Europa dominieren, ist bei der vielfältigen Überlappung nicht wirklich tragfähig, zumal die politischen Veränderungen in einem mit vernünftigem Aufwand auswertbaren Sample kaum abgebildet werden können (Deutschland ist durch die Reden von Joschka Fischer, Johannes Rau und Gerhard Schröder vertreten). Es drängt sich wiederholt und wie bei Musolff (2004) bereits diskutiert für Korpusstudien der Verdacht auf: Je größer das Sample, desto unklarer die Ergebnisse.

In Drulák (2006a, 2006b) erläutert er sein Vorgehen als Wechselspiel zwischen dem schon bestehenden Verständnis als „Vorurteil“ im Sinne Gadamers, also den zu vermutenden, deduktiv abgeleiteten Metaphern, und dem Finden neuer, unüblicher Konzepte als zweitem Teil des hermeneutischen Zirkels zwischen Vertrautem und Fremdem. Es scheint, als habe in obiger Studie die vereinnahmende Tendenz vertrauter Denkmuster dominiert (vgl. Abschn.  5.11.3). Drulák und Königova (2007) gehen nach der gleichen Methode vor und entdecken zwischen Angestellten des Außenministeriums und anderen staatlichen Angestellten eine Differenz: Je mehr sie mit den Umsetzungen von Regeln der EU zu tun hätten, desto stärker spielten die Metaphern der Regelhaftigkeit und der Verhandlung eine Rolle und desto eher tauche die Metapher auf, dass die EU selbst ein Staat sei.

Im Folgenden werden einige Detailstudien notiert, welche die metaphorische Konstruktion Europas mit der engeren Forschungsfrage ergänzen:

Semino (2002) vergleicht italienische und englische Metaphern für die Währungseinheit Euro in der Zeit, als er beschlossen, aber noch nicht eingeführt war – eine Phase also, in der es um die Wahrnehmung eines neuen Phänomens ging. Anhand einer Analyse großer Tageszeitungen beider Länder (180.000 Worte aus passenden Artikeln) diskutiert auch sie eher die Quellbereiche der Metaphorik, ohne explizit Konzepte zu bilden, und gibt Zahlen einzelner Redewendungen an. Italien scheint von der neuen Währung begeistert zu sein, ohne die Kriterien des Maastrichtvertrags erfüllen zu können, in Großbritannien wird die Währung skeptisch diskutiert (und letztlich beschlossen, nicht teilzunehmen). Die wichtigsten Metaphern des Euro sind:
  • Personifikationen (vom prallen Baby und seiner Gesundheit bis zur übergewichtigen Frühgeburt),

  • Reisemetaphern: Hier sind viele konventionelle Metaphern zu finden (siehe auch Musolff 2000) und einige unübliche im Fall des Nichtfunktionierens (vor allem im Vereinigten Königreich: z. B. „Zügen, die entgleisen, weil alle selbst steuern wollen“),

  • Containermetaphern („inside/outside the euro-land“),

  • Traum- und Sportmetaphern in beiden Sprachen,

  • Kampf ist in Italien das Bild für die Bemühung, den wirtschaftlichen Kriterien des Beitritts zu entsprechen; in England ist Kampf als Metapher für die Debatte um die Zugehörigkeit präsent,

  • im Englischen fallen einige speziellere Metaphern auf: Das „Festzurren“ („lock“) der Zinsraten und der abwertende Vergleich, dass mit dem Euro eine Mütze nun allen passen soll („one size fits all“).

Semino kommt zu dem Schluss, dass vor allem die abweichenden und spezifischen Meinungen sich neuer Varianten von Metaphern bedienen würden.

Chilton und Ilyin (1993) arbeiten in einer Fallstudie Gorbatschows metaphorischen Vorschlag, zu mehr Zusammenarbeit im „europäischen Haus“ zu kommen, zunächst die überraschende Wichtigkeit der Hausmetaphorik in der russischen Geschichte auf: Das Haus („dom“) hat eine lange Tradition zur Beschreibung des Staats, ist jedoch anders als das westeuropäische Haus kein Prototyp eines Einfamilienhauses, sondern oft auf mehrere Parteien/Familien bezogen, fast immer mit mehreren Eingängen. Das führt zu folgenreichen Missverständnissen: Gorbatschow meinte offenbar durchaus, die alten Teilungen zu erhalten, nur die Kommunikation zwischen den Bewohnern des europäischen Hauses zu verbessern. Er erinnert sich an die Irritation durch eine Erwiderung des deutschen Präsidenten von Weizsäcker, der keine „Teilung im Wohnzimmer“ haben wolle. Kohl nimmt die Rhetorik des europäischen Hauses auf, vermeidet irritierende Anspielungen auf die deutsche Einheit und wiederholt oft die Metaphorik des gemeinsamen europäischen Dachs, weitere politische Anknüpfungen forcierend. Honecker spricht dagegen, Gorbatschows Intention der Metapher übernehmend, von den beiden deutschen „Appartements“. Helmut Schmidt ist irritiert und fragt nach den Implikationen der Metapher. Die französische Diplomatie weist die Metaphorik nicht wirklich zurück, argumentiert aber, dass das europäische Haus noch nicht vorhanden, sondern erst zu bauen sei. In den konservativen deutschen Parteien wird die Metapher weitgehend abgewiesen.77 – Im Detail ist diese Studie für wissenschaftliche Literatur gerade unüblich spannend zu lesen. Sie wird noch dahin gehend plausibilisiert, dass die Autoren der heuristischen Funktion der Metapher kommunikative Funktionen in der Politik gegenüberstellen: das Vermeiden direkter Kritik; die Bereitstellung gemeinsamer Denkräume und die Herstellung von Kohärenz in der eigenen Selbstdarstellung. Das differenzierte vierteilige Schema, wie eine Metapher übernommen, zurückgewiesen, in Teilen zugespitzt oder der Metapher ein neues Ziel gegeben werden kann, wird in Ausschnitten aus Reden verdeutlicht.

Ebenfalls einen Spezialfall untersucht Walter (2008): die Wahrnehmung der Türkei in deutschen und britischen Zeitungen seit 1945. Allerdings zielt der Autor nicht auf eine Metaphernanalyse, sondern liefert eher eine dichte Beschreibung im Sinne Geertz’, sich selbst so kommentierend:

Dazu wurde eine konstruktivistisch gewendete und um diskursanalytische Elemente erweiterte hermeneutische Lesestrategie ausgearbeitet, die insbesondere auf die Beobachtung von Grenzziehungen, Formen der Inklusion und Exklusion, rhetorische Strategien sowie auf die Funktion von Metaphern abstellt und mit der auch größere Textmengen gut zu verarbeiten sind (Walter 2008, S. 228).

„Lesestrategie“ ist tatsächlich zutreffender als „Methode“. Trotz der Diskussion von Lakoff und Johnson und der Betonung der Wichtigkeit von Metaphern finden sich keine Hinweise zu einer Methode der Identifikation von Metaphern oder der Rekonstruktion von Konzepten. Der dicht gefügte und kenntnisreich geschriebene Auswertungsteil (ebd., S. 133–226) streut zwischendurch recht spezifische metaphorische Verdichtungen ein, so die Funktion der Türkei als „Wächter an den Grenzen Europas“, als „defekte“ oder „zurückgebliebene“ Demokratie oder als „Demokratie in der Identitätskrise“ (Personifizierung). Trotz der Enttäuschung über das methodisch wenig nachvollziehbare Prozedere wirken die Funde für spezifische Studien gerade wegen ihrer Abweichung von den schon mehrfach wiederholten Metaphern Europas interessant.

Grenzen der Metaphernanalyse bestimmt Kimmel (2009): Zwar arbeitet er nur die Quellbereiche für Europa an zwei englischen Zeitungen („Guardian“ und „Sun“) heraus (Leben und Tod eines Organismus, Gebäude und Strukturen, Wege, Kräfte) und fokussiert, dass die Metaphern vor allem Affekte transportieren. Sein Vergleich mit einer klassischen Inhaltsanalyse zeigt jedoch, dass Letztere konkretere Beschreibungen ergibt und es ermöglicht, Argumentationsfiguren zu explizieren – ein Hinweis auf die von der Forschungsfrage abhängige Notwendigkeit der Triangulation mit anderen Methoden.

Einen häufig in dieser Übersicht zu findenden Typus von Missverständnissen der Theorie Lakoffs und Johnsons findet sich in Hülsse (2003b, 2003a). Er untersucht Plenarsitzungen des Bundestags zwischen 1990 und 2000 zur EU-Erweiterung und ordnet lediglich nach Bildfeldern: Haus, Weg, Beziehungen (Familie), Organismus für Europa. Obschon er mit moderneren sozialwissenschaftlichen Interpretationen der Metaphernanalyse und Weiterentwicklungen des Begriffsapparats in Kontakt gekommen ist (2003b, S. 19 ff.), bezieht er sich immer noch auf das veraltete erste Buch von Lakoff und Johnson (1980). Er glaubt dennoch eine „kognitiv-individualistische Verkürzung“ (Hülsse 2003b, S. 25–30) an Lakoff und Johnson kritisieren zu können – ohne den Widerspruch in seiner Darstellung zu sehen, dass es Lakoff und Johnson gerade um die weite Verbreitung konventioneller, sozial geteilter Metaphern (ebd., S. 35 f.) geht. Er nutzt auch für seine Darstellung die zentrale Neuerung, die Lakoff und Johnson einbringen, die Idee des Konzepts, nicht – und bleibt mit seiner Darstellung einem Stil der Präsentation von Bildfeldern verpflichtet, wie sie in den sehr viel älteren Werken von Peil (1983) auch zu finden ist. Seine umfangreichen Exkurse zu Konstruktivismus und Diskursivität erbringen zwar keine methodische Schärfung, aber einen weiteren Hinweis darauf, dass Kontexte (d. h. auch Diskurse) in der Analyse der Metaphern berücksichtigt werden sollten. Darauf wird das Kapitel zu den heuristischen Hilfen (Abschn.  5.7) reagieren.

Auf spezifische Personalisierungen macht Bischof (2009) aufmerksam: Sie entdeckt in österreichischen Zeitungen ein „genderspezifisches othering“: Das andere oder Fremde wird als das andere Geschlecht gedacht und die Metaphorik von Ehe und Verlobung davon abgeleitet: Europa gilt als „Braut“, nur selten als männlicher „global player“; die Methodik der Studie wird allerdings nicht ganz deutlich. Familiale Metaphern der „deutsch-deutschen Heirat“ und der „Wiedervereinigung“ werden von Senghaas-Knobloch (1992) in ihren problematischen Implikationen, aber ebenfalls ohne Hinweis auf die Forschungsmethodik diskutiert.78

4.5.5 Weitere metaphernanalytische Arbeiten aus älteren Traditionen

Die folgenden Studien sind überwiegend historisch-philologisch angelegt, ihr Vorgehen ist daher nicht mit sozialwissenschaftlichen respektive qualitativen Forschungen vergleichbar. Zudem wurden sie in der Regel vor der Rezeption der Theorien von Lakoff und Johnson verfasst. Man könnte aus diesen Gründen über diese Studien hinweggehen, würde dabei aber die Fülle historischer Details und politologisch relevanter Zusammenhänge verlieren, die auf zuweilen äußerst gründlichen Sammlungen basieren. In ihrer Gesättigtheit mögen sie als „Bergwerke“ dienen, die heutigen Arbeiten wichtige Anregungen geben können. Darüber hinaus lassen ihre Ergebnisse sich im Sinne einer Alternativ- und Gegenmetaphorik zu heutigen Metaphern als differenzgenerierende Hintergrundfolie und damit als Prüfschritt in einem metaphernanalytischen Prozedere nutzen (vgl. Kap.  3).

Mayr (1987) arbeitet in der technikgeschichtlichen Studie die Frage auf, warum Rückkoppelungsmechanismen als technische Struktur, die in der Antike zum Beispiel in hydraulischen Vorrichtungen bekannt war, im Mittelalter in Europa kaum und nicht differenziert als Metaphern des Staats genutzt wurden. Erst ab dem 16. Jahrhundert sind sie als technischer Mechanismus wie als Metapher (Waage, Gleichgewicht, Anziehung und Abstoßung) in Großbritannien wichtig, während im kontinentalen und absolutistisch regierten Europa das Uhrwerk als Metapher für Gott wie für den Staat neben einer Faszination für uhrwerksähnliche, zentralisierende Automaten zu finden ist. In der sehr gründlichen Analyse werden diese zwei Metaphernkomplexe, das der Uhr als Räderwerk als Sinnbild für Ordnung und die Metaphern der Waage und des Gleichgewichts im Spiel politischer Kräfte, ausgearbeitet. Die metapherntheoretischen Anmerkungen (ebd., S. 47 ff., 169 ff.) über den Begriff der Metapher und den Zusammenhang zwischen Metapher und kollektiver Mentalität sind jedoch kurz und unbefriedigend; divergierende Metaphern werden nicht erhoben. Dennoch fasziniert in der Studie, wie über die zwei genannten Metaphern die Bereiche von Technik-, Sozial- und Kulturgeschichte verbunden werden und implizit bestätigt wird, dass Metaphern des Alltags auch das Denken in abstrakten Domänen prägen. Umgekehrt wirft Mayrs Studie jedoch auch die Frage auf, ob die in einer Gesellschaft vorhandenen Denkmuster das Begreifen konkreter technischer Mechanismen behindern.

Eine sehr umfangreiche Untersuchung zu Staats- und Herrschaftsmetaphorik von der Antike bis zur Gegenwart in theoretischem und literarischem Schrifttum liefert Peil (1983). Noch mit dem breiten Metaphernbegriff von Weinrich und Nieraad79, liefert Peil zunächst (1983, S. 4–8) einen für den Zeitpunkt der Untersuchung adäquat kurzen Überblick der Metaphernforschung in der Politologie, bevor er als Zielbereich der Metaphorisierung den Begriff des Staats wählt. Dieser wird als Hirt und Herde (ebd., S. 29–165), als Bienenstaat (ebd., S. 166–301), als Staats „körper“ (ebd., S. 301–481), Maschine (ebd., S. 489–595), Gebäude (ebd., S. 596–695) und als Staats „schiff“ (ebd., S. 700–870) metaphorisiert. Peil arbeitet in jeder Metaphorik die Handlungsimplikationen heraus, von der Therapeutik des Staats „körpers“ über die unterschiedlichen Handwerker am Staats „gebäude“ bis zum Staats „schiff“ in unterschiedlichen Gewässern der politischen Umbrüche. Gemeinsamkeiten der Metaphern werden als Strukturäquivalenz herausgearbeitet – so lässt sich in jedem Metaphernfeld das Prinzip der Arbeitsteilung finden (ebd., S. 879–882). Historische Veränderungen und Bevorzugungen einzelner Metaphern werden ebenfalls diskutiert (ebd., S. 888 f.). Peil hat zwei davon abgeleitete Detailstudien publiziert: Peil (1993a) skizziert die politische Metaphorik von Ross und Reiter, die von der Metaphorik modernerer Fortbewegungsmittel unter Beibehaltung der Frage nach Herrschaft, das heißt „Lenkung“, abgelöst wurde. Die heute verblasste organische Metaphorik des Baums wird in Peil (1993b) diskutiert.

Rigotti (1994) hat die dritte große metaphernanalytisch–politologische Studie vor dem Einsetzen der Rezension Lakoffs und Johnsons verfasst. Sie bezieht sich sehr stark auf Peil (1983), hat jedoch weniger den Staat als solchen im Blick als das Politische insgesamt. Ihr Material sind theoretische Schriften zur Politik; sie kann schon deutlich mehr metaphernanalytische Literatur als Peil diskutieren (ebd., S. 15–47). Ihr Gegenstand ist die kriegerisch-militärische Sprache der Politik80 (ebd., S. 48–76), die Metaphorik aus dem Bereich der Familie (ebd., S. 77–114), Tiermetaphern (ebd., S. 115–160), das „Staatsungeheuer“ (Leviathan, Drache, Minotaurus, ebd., S. 161–179). Sie geht damit über den bei Peil (1983) gezogenen Rahmen politischer Metaphern hinaus.81 Einige Anmerkungen zur Metaphorik der Macht sind ebenfalls zu finden: Macht als Masse (ebd., S. 181 f.), als fließende Macht (ebd., S. 183), als Körperhaftigkeit (ebd., S. 186) und als Besitz, wenn Luhmann von „Machthabern“ spricht und Macht gar nicht theoretisch stringent als Relation behandelt (ebd., S. 186)82. Gerade solche abstrakteren Schematismen des Begreifens von Macht wären mit dem Rückgriff auf Lakoff und Johnson differenzierter zu beschreiben gewesen. Zwar werden sie zitiert, ihre Errungenschaften jedoch nicht genutzt. Rigottis Verständnis der Funktion von Metaphern aber ist dem der kognitiven Linguistik nahe:

Wer politische Metaphern gebraucht, setzt sich oft dem Vorwurf manipulativer Absichten aus. In diesem Punkt zeigt das durchforschte Repertoire, daß die Manipulationsabsicht, zumindest im Fall politischer Metaphorik gelehrter Herkunft, eine deutlich niedrigere Relevanz aufweist als die explikative und überzeugende. Dies lässt sich darauf zurückführen, daß Metaphern und Metaphernfelder oft unbewußt und gewohnheitsmäßig in Form vertrauter Schablonen benutzt und nur in seltenen Fällen ex novo geschaffen werden, um neue Modelle, welche die Interpretation der politischen Realität angemessener erscheinen lassen, vorzuführen (ebd., S. 24 f.).

Weitere Detailstudien83 können für eigene Projekte Anregungen geben, wenn auch immer angemerkt werden muss, dass die gegenseitige Relativierung der Metaphern in einem Diskurs in diesen Studien nicht erfasst wird.

Ezrahi (2005) entwickelt die Theater- und Maschinenmetapher des Politischen: Gegen die implizite abwertende Moralisierung des Theaters als das Uneigentliche von Platon bis zu den Puritanern findet er bei Bernard Mandeville, Niccolò Machiavelli und Adam Smith eine irritierende Lesart dieser Metapher: Diese Autoren betrachten moralisches Verhalten als Theater, demgegenüber gilt das triebgesteuerte Verhalten als das Authentische. Machiavelli „rechtfertigt“ jedoch Theatralik als notwendige Machtinszenierung der Herrschenden. Rousseau bleibt ebenfalls in dieser Umkehrung: Gesellschaft ist Theater, die Moral ist in der Natur zu finden. Im Gegensatz zum oben erwähntem Mayr (1987) sieht Ezrahi in der Maschinenmetapher antihierarchische Implikationen der Selbststeuerung: Newtons Vorstellungen der sich gegenseitig durch ihre Gravitation stabilisierenden Planeten lässt das freie Spiel der Kräfte jenseits hergebrachter, moralisch legitimierter Herrschaft politisch denkbar werden.84 In der Gegenwart sieht Ezrahi eine Schwächung von Natur- wie Technikmetaphern85, jedoch eine Zunahme der Bezüge auf das Theater.

Häußler (2006) hat sich im Kontext der historischen Diskursanalyse auf die älteren Metaphernbegriffe (Blumenberg, Weinrich, Peil) gestützt und die Metaphorik des Organischen in sechs politischen Bewegungen des Vormärz (Kommunismus, demokratische Bewegungen, Liberalismus, Frauenbewegung, Konservativismus und politischer Katholizismus) auf Gemeinsamkeiten (Staat und Gesellschaft entwickeln sich „triebhaft“ und „naturwüchsig“) und Differenzen der Interpretation verglichen.

In dem Materialreichtum dieser Studien lassen sich für konkrete metaphernanalytisch-empirische Projekte Anregungen sowohl auf der Ebene der Identifikation wie auch der Interpretation finden. Als historische Alternativmetaphoriken sind sie für kritische Prüfungen im zweiten Schritt der systematischen Metaphernanalyse Vergleichshorizonte, vor denen die Eigenart der eigenen Ergebnisse abgehoben werden kann (vgl. Kap.  3).

4.5.6 Zusammenfassung

Die Rezeption der kognitiven Metapherntheorie in der Politologie ist, bei allen immer wieder anzutreffenden Verkürzungen, im Vergleich zu den bisher diskutierten Disziplinen die empirisch wie theoretisch reichhaltigste.

Insgesamt bestärken diese Studien die Kritik an Lakoff und Johnson, dass Familie, menschliche Interaktionen und konkrete Vergesellschaftungen wie Glaubensgemeinschaft, Hausgemeinschaft etc. als elementare Bildquellen für die Metaphorisierung komplexerer sozialer Zusammenhänge in einem viel stärkeren Maß genutzt werden, als es von den Gründern der kognitiven Linguistik diskutiert worden ist (vgl. die ähnliche Kritik im in der Soziologie Abschn. 4.1). Insbesondere die eigene Studie von Lakoff (2002) zu den Metaphern der US-amerikanischen Wahrnehmung des Staats in Bildern der Familie korrigiert eine zu stark formulierte theoretische Prämisse. Bereits in älteren Studien (Peil 1983; Mayr 1987) war der Staat Zentrum von äußerst materialreichen, aber noch mit älteren Metapherntheorien unternommenen Analysen. Die neueren Untersuchungen, die sehr oft auf Lakoff und Johnson Bezug nehmen, zielen mit ihren durchaus als Fortsetzung begreifbaren Bemühungen auf die Konstruktion des Phänomens Europa, Migration und Fremdenfeindlichkeit.

Lakoffs eigener Beitrag (2002) zeigt am deutlichsten die Grenzen eines lediglich sammelnden linguistischen Vorgehens. Die Verkürzung auf ein bipolares Modell politischer Metaphorik und der unreflektierte Einfluss des eigenen politischen Standpunkts machen das Fehlen einer reflektierten interpretativen Methodik unübersehbar.

4.6 Psychotherapie, Beratung und weitere psychologische Subdisziplinen

Qualitative Forschung spielt in der Psychologie trotz namhafter Einzelbeiträge (Mayring 2012; Mruck und Mey 2010) eine untergeordnete Rolle. Der folgende Überblick86 in den Bereichen Psychotherapie und Beratung zeigt zunächst die breite Rezeption von Metapherntheorien im Kontext von Beratung und Psychotherapie, ohne dass sich die AutorInnen explizit innerhalb des qualitativen Forschungsparadigmas verorten. Danach werden Studien zur Metaphorik in weiteren Teilbereichen der akademischen Psychologie skizziert, wobei auffällt, dass in der Literatur zwischen den Bereichen von Psychotherapie und Beratung und dem der restlichen Subdisziplinen kaum Berührungen existieren – ein Befund, der nicht nur für die Metapherntheorie gilt. Die Ausdehnung des Unterkapitels zur klinischen Psychologie zeigt, dass das Phänomen der Metaphern hier häufiger bedacht wird als in anderen Subdisziplinen. Unabhängig davon sind es in fast allen Bereichen der Psychologie Anstöße aus der kognitiven Linguistik, die allzu enge Definitionen von Metaphern und wenig ertragreiche Erhebungs- und Auswertungsmethoden infrage stellten. Daher wird es nicht darum gehen, die älteren psychologischen Theorien der Metapher vorzustellen (vgl. die Übersichten in Huber 2005, S. 69–89; Gibbs 2006; Schmitt 2001a), sondern die vorhandenen Studien dahin gehend zu selektieren, ob sie methodische oder inhaltliche Anregungen für die Weiterentwicklung der systematischen Metaphernanalyse als qualitative Methode bieten.

Wegen des Umfangs des Unterkapitels kann darauf verwiesen werden, dass psychologische Aspekte der Diskussion bereits in vorigen Abschnitten erwähnt wurden: das Phänomen des „tacit knowledge“ nach Polányi (Abschn.  3.6.1), die sozialpsychologische Theorie der Sozialen Repräsentationen nach Moscovici (Abschn.  3.3), die sozialpsychologische Nutzung von Bourdieus Begriff des Habitus bei Schachtner (Abschn.  3.2) und mein Beitrag zur Metaphernanalyse als Forschungsinstrument der Alltagspsychologie (Abschn.  3.4) wurden bereits behandelt.

4.6.1 Klinische Psychologie

In der (weit gefassten) Subdisziplin der klinischen Psychologie ist eine umfangreiche, auch sehr heterogene Literatur zur Analyse und zur Nutzung von Metaphern in der helfenden Interaktion entstanden.87 Dieser Abschnitt zur Metaphernanalyse in Psychotherapie und Beratung lässt sich ausdifferenzieren in systemische oder Schulen übergreifende Ansätze (Abschn. 4.6.1.1) und die Psychoanalyse (Abschn. 4.6.1.2).

4.6.1.1 Beratungs- und Psychotherapieforschung

Die Literatur, welche die kognitive Metapherntheorie und beratendes Handeln außerhalb der Psychoanalyse thematisiert, ist im Laufe der letzten Jahre gewachsen und lässt sich inzwischen in zwei Gruppen unterteilen:
  1. a)

    Die kognitive Metapherntheorie wird als Forschungsmethode genutzt, um therapeutische bzw. Beratungsprozesse aufzuklären. Die Ergebnisse dieser Studien können also als Vergleichshorizonte für weitere Studien genutzt werden.

     
  2. b)

    Die kognitive Metapherntheorie wird als direkter Hinweis zur Intervention verwendet. Diese Texte werden erwähnt, weil sie Hinweise zu dem Thema geben, wie ein individueller (und indirekt sozialer bzw. kultureller) Wandel durch Metaphernanalysen abgebildet werden kann.

     

In dieser Reihenfolge werden im Folgenden die Publikationen diskutiert.

4.6.1.1.1 Die kognitive Linguistik als Forschungsmethode in Psychotherapie und Beratung

C. von Kleist hat in Interviewanalysen (1987, vgl. 1984), die deutschsprachige Diskussion eröffnet und versucht, den bereits bei Black (1983a, b) angesprochenen Modellcharakter von Metaphern in der Selbstdarstellung von Psychotherapieklienten nachzuweisen; sie folgt in der Analyse der Therapiegespräche den Anregungen von Lakoff und Johnson (1980). In einem Beispiel (1987, S. 119 ff.) zeigt sie, dass eine Studentin das metaphorische Selbstkonzept hat, ein „Haus“ zu sein: In Prüfungssituationen „gehen die Rollläden runter“, von Fragen fühlt sie sich „gelöchert“, sie kann dann nichts mehr sagen und möchte sich „abschotten“. Der Kontakt mit der Herkunftsfamilie war auf den Streit um „Standpunkte“ begrenzt. Mit dieser Metaphorik, die Zu- und Abnahme von Nähe und Distanz nicht beschreiben kann, lässt sich neben der Prüfungsangst die grundlegende Problematik der Klientin verstehen: Nähe, Intimität, Körperkontakt waren und sind für sie schwer auszuhalten und zu erwidern; sie gerät in Panik, wenn ihr etwas zu „nahe“ kommt oder sie sich „in die Enge getrieben“ fühlt. Auf ihre Interpretationserfahrung zurückgreifend, vermutet von Kleist, dass solche „verarmten“ metaphorischen Modelle auf früheren Erfahrungen und Konfliktlösungen basieren (ebd., S. 123).88

Aber nicht nur KlientInnen gebrauchen Metaphern, auch Therapeuten. Najavits (1993) hat versucht, durch eine Fragebogenstudie, in der PsychotherapeutInnen Metaphern für ihr Tun angeboten wurden, die Selbstkonzeptualisierungen des therapeutischen Handelns zu finden. Verifiziert wurden: „Psychotherapy is art, teaching, healing, science, detective work, parenting, technical procedure, spiritual quest, philosophical dialogue, acting, sales, hard labor, writing a novel, playing a game, war, handling wastes“ (ebd., S. 294). Sie merkt an, dass diese empirische Vorgehensweise an der Oberfläche bleibt. – In meiner Studie zur Konzeptualisierung des psychosozialen Helfens in den offenen Settings der Einzelfall- und Familienhilfe (Schmitt 1995) konnten neun für die Selbstreflexion der Professionellen wirksamen metaphorischen Konzepte rekonstruiert werden: Helfen ist „auf den Weg bringen“, knüpft Bindungen, ist Durchblicken und Klären, ist Entlasten und Unterstützen, Nachhilfe, ist Arbeit und Produktion, ist Einmischen und Abgrenzen (Behältermetaphorik), ist Geben (und Nehmen); schließlich existiert eine starke metaphorische Verräumlichung des Sprechens als An-sprechen, Reden „über“, „darum Herumreden“. Im Kontrast zu Najavits wird deutlich, dass eher eine rekonstruierende als eine testende Herangehensweise dem Phänomen näher kommt (vgl. ausführliche Darstellung im Abschn. 4.3.5).

Beratung und Psychotherapie sind jedoch Phänomene, die durch die gegenseitige Steuerung der Interagierenden durch Metaphern konstituiert werden, sodass die Rekonstruktion der kognitiven Muster eines/einer Interaktanden/in nur begrenzt Aufschlüsse über das Geschehen ergeben kann. Angus (1996) hat in ihrer kasuistisch angelegten Vergleichsstudie daher Therapietranskripte statt Interviews genutzt. Sie bezieht sich zwar auf Lakoff und Johnson (1980), aber eine mit der kognitiven Linguistik vergleichbare Methodik wird nicht recht deutlich. Der Befund ist jedoch überraschend: In erfolgreichen Therapien ist die Zahl der neuen Metaphern im Verlauf der Therapie, verglichen mit nicht erfolgreichen Therapien, geringer. Allerdings ist diese Aussage aus einem schmalen empirischen Korpus von insgesamt sechs Therapien bezogen. Ihre erklärende These lautet, dass in erfolgreichen Therapien KlientInnen und TherapeutInnen schneller ein gemeinsames metaphorisches Konzept des Lebensproblems entwickeln und daher die Zahl neuer Metaphern nicht steigt wie in Therapien, in denen KlientIn und TherapeutIn mit immer neuen Metaphern um weiteres Verständnis ringen. In einer exemplarischen Studie mit 20 Sitzungen einer erfolgreichen Beratung bei einer Trennung wird vor allem die gelebte Metapher der Klientin, Beziehungen seien ein Kampf, rekonstruiert. Im Verlauf des Beispiels lassen sich immer mehr Details (z. B. auch vergangene Misshandlungen) in die Metapher integrieren, dann wird diese Metapher relativiert und distanziert zugunsten der neuen Metapher, dass Beziehungen auch gegenseitige Unterstützung bedeuten können. Dieser Prozess deutet an, dass die Entfaltungen einer Metapher in hohem Maße der intersubjektiven Verhandlung von Themen entspringen; neuere Studien integrieren bei ähnlichen Resultaten daher diskursanalytische Ansätze (Tay 2013).

Eine andere Form der psychischen Veränderung wird in einer späteren Studie (Angus und Korman 2002) für Metaphern der Depression geschildert: Anhand von zwei erfolgreichen Therapien, in denen auch die Metaphorik des Kampfes zentral vorkommt, wird erarbeitet, dass hier nicht die Einführung einer neuen Metapher, sondern die Ausdifferenzierung der vorhandenen Bildlichkeit eine entscheidende Rolle spielt: Die erste Therapie entwickelt im Rahmen der Depressionsbehandlung die Metaphorik, Beziehungen (und das Leben) seien ein Kampf, hin zu dem Subkonzept, dass Kämpfen Verlieren bedeutet. Dann wird die gegenwärtige Beziehungssituation als Verhandlungspause im Kampf im weiteren Verlauf exploriert, bis am erfolgreich gewerteten Therapieende das Subkonzept dominiert, dass Kampf (im Leben und in der Beziehung) Gewinnen bedeute (dies gilt auch in der katamnestischen Nachuntersuchung). In der zweiten Therapie verändert sich die Metaphorik, dass Beziehung Kampf sei, zu einem „inneren Kampf“, zu einem intrapersonalen Problem der Integration gegensätzlicher Selbstanteile.

Angus und Korman sprechen von „dialektischen“ oder „nicht-linearen“ Veränderungen in der Psychotherapie, weil es um die Redefinition eines Selbst und seines Verhältnisses zur Welt gehe. Auch hier vertreten sie die Idee, dass die Etablierung eines gemeinsamen metaphorischen Konzepts wichtig für die gelingende Arbeitsbeziehung wie die Problembearbeitung sei. Leider ist der Bezug auf die kognitive Metapherntheorie auch in dieser späten Studie auf Lakoff und Johnson (1980) eingeschränkt; die nur kurz angedeutete Methodik ist ähnlich der hier im zweiten Kapitel vorgeschlagenen zweigeteilt in eine Metaphern identifizierende und dann Konzept rekonstruierende Phase (ähnlich, mit einfachen Häufigkeitsangaben: Angus 1992). Nebenbei wird der immense Aufwand qualitativer Psychotherapieforschung deutlich: Selbst eine einzige Kurzpsychotherapie bedeutet, 20 bis 30 Sitzungen transkribieren und auswerten zu müssen, da nicht-lineare Veränderungsdynamiken eine Auswahl von zu analysierenden Therapiestunden willkürlich erscheinen lassen (ähnlich Gelo und Morgenthaler 2012). Verkürzungen, wie sie McMullen (1989) vorführt, indem sie trainierte Rater direkt beim Hören des Bandes (ohne Transkription) codieren lässt, scheinen hoch unzuverlässig. – Trotz der kleinen Fallzahl (vier KlientInnen und zwei TherapeutInnen) ist die ältere Studie von Rasmussen und Angus (1996) zu erwähnen, die nach den Therapiestunden die Therapeuten wie KlientInnen in einem Nachinterview darum bat, Sequenzen, in denen Metaphern verwendet wurden, zu erläutern. Diese wurden auf einem Video wiederholt. Es zeigte sich, dass auch für Außenstehende als „tot“ geltende Metaphern für die Befragten in dem Kontext der Therapiesituation oft eine besondere und jeweils eigene Bedeutung hatten (ähnlich: Angus und Rennie 1989). Das gleiche Material wurde offenbar auch als Grundlage für die Studie von Rasmussen und Angus (1997) verwendet; mit einer Orientierung an der Auswertung nach Glaser und Strauss wird Borderline-Betroffenen stärker ein Verharren im „wörtlichen Modus“ als im metaphorischen oder figurativen Modus zugeschrieben, also eine weniger reflexive und Bedeutungen explorierende Haltung. Die Aufgabe der TherapeutInnen sei es daher, die geäußerten Bedeutungen der KlientInnen mit einer Borderline-Erkrankung stärker zu validieren. Aufgrund der kleinen Fallzahl scheint die Verallgemeinerung zur Borderline-Erkrankung (vgl. auch Meares 1993) zwar praktisch nachvollziehbar, jedoch noch nicht sicher bestätigt.

Zur Depression äußern sich Levitt et al. (2000). Sie nutzen wiederum den Vergleich gelingender und nicht gelingender Therapien und beschränken sich in ihrer weitgehend quantitativen Metaphernanalyse auf ein einziges metaphorisches Konzept, „Depression ist Last“:

Results indicate that, in the good outcome dyad, metaphors of ‚being burdened‘ were transformed into metaphors of ‚unloading the burden‘ over the course of the therapy, while there was no transformation evident in the poor-outcome dyad (ebd., S. 151).

Also findet auch hier der therapeutisch gestützte Wandel innerhalb einer dominierenden Metaphorik statt, hier von der „Last“ zur „Entlastung“ (vgl. ebenfalls zu den Veränderungen einer Metaphorik in der Therapie: Jung 2009). McMullen und Conway (2002) versuchen in der Analyse von nicht weniger als 471 Sitzungen aus 21 Therapien bei Depressionen mit einer älteren Operationalisierung des Metaphernbegriffs dennoch metaphorische Konzepte der Depression nach Lakoff und Johnson quantitativ zu eruieren. Sie erhalten nur vier Konzepte: „depression is darkness“, „depression is weight“ und „depression is captor“, mehr als 90 % aller metaphorischen Ausdrücke seien der Metapher „depression is descent“ (Abstieg) geschuldet. Die oben schon genannte Metaphorik des Kampfes bei der Depression fehlt. Hier wird, auch im Vergleich zur folgenden Studie, deutlich, dass eine verlässliche Methodik mehr Konzepte zu gewinnen imstande ist (vgl. auch McMullen 1989).89

Die gründlichste Studie zur Metaphorik der Depression liefert Barkfelt (2003, vgl. Schmitt 2004b): Sie rekonstruiert aus den Texten von neun AutorInnen, die das Erleben einer klinischen Depression schildern, die metaphorischen Konzepte der Depressionsbeschreibung und leitet davon ein mehrstufiges Muster der therapeutischen Nutzung von Metaphern ab. Die Fallauswahl ließe sich mit der Suche nach gelungenen Extrembeispielen (Flick 2007a, S. 165) beschreiben: Es wurden die Texte von AutorInnen untersucht, die als SchriftstellerInnen oder TherapeutInnen eine entwickelte Kompetenz vermuten ließen, das sprachraubende Erleben der Depression wenigstens nachträglich metaphorisch zu erfassen. Die gründliche Empirie enthält quantitative Elemente (sie zählt nicht weniger als 3296, ohne Wiederholungen immer noch 2489 manifeste Metaphern in den neun Texten), andererseits wird eine sinnhaft-rekonstruierende Vorgehensweise entwickelt, die der in Kap.  5 vorgeschlagenen Methodik nahesteht (ebd., S. 70–258): Die Autorin beschreibt zunächst die phasenspezifische Verteilung der Metaphorik (ebd., S. 84 f.); hier fällt auf, dass 52 % der Metaphern den (allmählichen) Beginn der Depression schildern, noch 38 % die eigentliche Erkrankungsphase und nur noch zehn Prozent der Metaphern werden für die Gesundung benutzt – ein irritierendes Ergebnis. Die Autorin diskutiert die Hypothese, dass das Schreibziel, die sprachliche Aneignung und Überwindung des Erlittenen zu dieser Verteilung beigetragen habe; möglicherweise steht das Schreiben selbst für die Gesundung und bedarf der Metaphorisierung nicht mehr. Plausibel ist ebenso, dass der depressive Sprachverlust nur durch metaphorische Konzeptualisierung überwunden werden kann – ähnlich argumentiert Surmann (2002) zur Sprache von Menschen mit epileptischen Bewusstseinsverlusten. An dieser Stelle beschränke ich mich auf die Erwähnung der fünf häufigsten von 26 metaphorischen Szenarien der Depression: Die Metaphorik von Kampf und Krieg kommt am häufigsten vor – die Depression ist eine Feindin, die Erkrankung wird als Angriff wahrgenommen, die Betroffenen nehmen sich als Opfer, mit dem Rücken an der Wand und als Verwundete wahr (ebd., S. 158 f.). Die zweithäufigste Bildlichkeit nutzt die visuelle Wahrnehmung: Depression ist Dunkelheit, das Leben wird als Verfinsterung des Geistes gesehen, rabenschwarze Mutlosigkeit erfüllt sie (ebd., S. 152 f.). Die Metaphorik des Wegs ist als schreckliche Reise in eine öde, unwirtliche Welt präsent (ebd., S. 114 f.); es folgt in der Häufigkeit als Bildquelle das Wasser, in dem die Betroffenen unterzugehen glauben, oder sie erleben sich mit untauglicher Ausrüstung ohne Navigation auf einem Meer ausgesetzt (ebd., S. 127 f.). Damit schon angeklungen, jedoch als separates Bildfeld zu eruieren ist die Metaphorik der Tiefe, das „Loch“, in das man stürzt, das „Fallen ins Bodenlose“ wird ebenfalls genannt (ebd., S. 139 f.). – Diese kurze Zusammenstellung kann keinen Eindruck von den überraschenden Neu- und Umprägungen konventioneller Metaphorik geben, die bei den einzelnen AutorInnen zu finden sind; ebenso muss hier auf die sehr interessanten Ausführungen zur Gebäude-, Folter-, Verlust- und anderen Metaphoriken verzichtet werden. Es folgen Überlegungen, wie diese Metaphern zur Verständnissicherung („validierungsorientierte Metaphern“), zur therapeutischen Intervention im engeren Sinne („genesungsorientierte Metaphern“) und zur späteren Prophylaxe eines Rückfalls („prophylaxeorientierte Metaphern“) eingesetzt werden können (ebd., S. 218 f.). Das Kapitel schließt ab mit einem umfangreichen Beleg auf das wichtigste, hinter vielen Metaphern liegende Schema des Behälters (ebd., S. 238–251): Die Depression wird in vielen Konzepten (als Gefängnis, als Loch, als Unwetterzone, als Landschaft) vom Schema des Behälters geprägt.

Die etwas ältere Studie von Kronberger (1999) zu den Alltagsvorstellungen der Depression ist in manchen Teilen als Gegenentwurf zu Barkfelts Studie zu lesen: Kronberger ging es nicht vorrangig um Betroffene, sondern um sozial geteilte Wahrnehmungsmuster einer Depression, das heißt um kollektive Erwartungen an das Phänomen, Erklärungen, Bewertungen und daraus folgende Umgangsweisen. Sie folgt einer frühen Fassung der hier vorgestellten Methodik und entwickelt aus neun Tiefeninterviews, die nach dem Kriterium der maximalen Variation der Perspektive ausgesucht worden waren, sechs zentrale metaphorische Konzepte: „Depression ist Gefangenschaft“, „Depression ist körperliche Krankheit, Lähmung bzw. eine Wunde“, „Depression ist das Tragen einer schweren Last, die niederdrückt“, „Depression ist in ein Loch fallen“, „Depression ist eine Sackgasse oder das Auftauchen unüberwindbarer Hindernisse“ und „Depression ist geschlagen werden“ (ebd., S. 93 f.). Die deutlich geringere Zahl von metaphorischen Konzepten lässt sich damit erklären, dass gerade nicht sprachlich elaborierte und fachlich vorgebildete ProbandInnen gesucht wurden und die Erhebung sich auf Interviews und nicht auf publizierte Texte bezog. Im Gegensatz zu Barkfelts Studie sieht Kronberger hinter fast allen Konzepten der Depression das Szenario des Wegs, auf dem depressive Menschen in unterschiedlicher Form behindert werden.

In einer spannenden Einzelfallstudie beschreibt sie dann am Beispiel einer Frau, die ihre Depression überwunden hat, dass sich die Metapher der Arbeit verändert: Zunächst galt „Leben ist Arbeit“ und die Depression wurde als Unfähigkeit zu arbeiten erlebt. Nach überwundener Depression spricht sie davon, für sich selbst zu arbeiten, das heißt sich selbst etwas Gutes zu tun: Der Wechsel geschieht innerhalb einer Metapher. Jedoch ändern sich andere Metaphern komplett: Während sie sich in der Erinnerung beschreibt als Dornröschen, das auf einen aufweckenden Prinzen wartet, und als Fliege, die im Netz der Depression zappelt, beschreibt sie sich zum Zeitpunkt des Interviews als Spinne im Netz. Der Wandel wird sowohl durch Veränderung innerhalb eines metaphorischen Konzepts wie durch Wechsel verschiedener metaphorischer Konzepte bewirkt. Die Autorin bezieht sich bei ihrer Beschreibung auf Buchholz (1996, insbes. S. 251 f.): Einerseits sei die Differenzierung eines metaphorischen Konzepts, andererseits die Dynamisierung als Wechsel zwischen verschiedenen metaphorischen Konzepten Kennzeichen des Wandels. Dieses Ergebnis umspannt die oben referierten Studien von Angus (1996), Levitt et al. (2000) sowie Angus und Kormann (2002) (vgl. Abschn.  5.7.11 zu den Möglichkeiten der Metaphernanalyse, Veränderungen abzubilden).

Neben der Depression ist die Alkoholabhängigkeit in mehreren Teilstudien thematisiert worden (Schmitt 2002a, b; Schmitt et al. 2003; Schmitt 2009b, c). Alkoholkonsum nutzt die Bewegungsmetaphorik („über die Stränge schlagen“), Abstinenz firmiert meistens als Stillstand („auf die Bremse treten“). Kontrolle ist meist in visuellen („klar bleiben“) oder akustischen Metaphern („da habe ich mir gesagt“) verfasst. Alkohol dient als „gute Gabe“ dem sozialen Austausch und der Selbstbelohnung; die Metaphorik der Höhen und Tiefen schildert Stimmungen und psychosoziale Gesamtlagen, „gehobene Stimmung“ und „Abstürze“. Die Person selbst wird als Behälter thematisiert („zu“ sein); ihr steht die Metaphorik des fließenden Wassers („eingießen“) gegenüber. Alkohol wird als Nahrungsmittel und als Medikament metaphorisiert. Alkohol dient dem Vergessen, das als Abschied vom bisherigen Selbst bebildert wird. Die Metaphorik des Kampfs sowohl im Trinken wie in der Abstinenz ist deutlich. Zu den wesentlichen interpretatorischen Schlussfolgerungen gehört, dass die Metaphern der Abstinenz vor diesem Hintergrund fast alle negativ konnotiert sind: „Nüchternheit“ steht der der Metaphorik des Alkohols als Lebensmittel gegenüber, „Trockenheit“ ist gegenüber „feuchtfröhlicher“ Entgrenzung kein Wunschzustand, und „Enthaltsamkeit“ entwickelt die doppelte Konnotierung, in diesem Zustand kein richtiger Mann mehr zu sein. Die Metaphernanalyse deckt hier ein Zielproblem auf, das in der Beratung bisher nicht besonders ernst genommen zu werden scheint.

Ziegler (2008; vgl. Ziegler 2012) untersucht in ihrer Studie, wie von einer schizophrenen Erkrankung Betroffene und Angehörige das Leiden benennen und welche Unterschiede und Anschlussmöglichkeiten im Sprachgebrauch der beiden Gruppen existieren. Als Datengrundlage nutzt sie im Kontext der Theorie der Sozialen Repräsentationen „natürliche“ Daten: verschriftlichte Erfahrungsberichte von Betroffenen wie Angehörigen, die nicht für die Forschung erstellt wurden, sondern als Selbstzeugnisse in Büchern, Ratgebern und Zeitschriften vorlagen. In ihrer Arbeit findet sich eine 80-seitige Darstellung der Metaphern der Betroffenen, die ein breites Spektrum abdecken: Höhen und Tiefen, die Behältermetapher (Grenzen, Innenraum, Außenraum), Schizophrenie als Gegenstand oder Substanz (Auflösungserscheinungen), Person/Lebewesen (Herrscher, Feind, Macht u. a.), Wahnsinn und Krieg, als Weg, als Gefangenschaft, als Last, als (verfallendes, verschlossenes) Bauwerk, als (verändertes) Sehen, als Geben und Nehmen (Defizit, Überdosis, Bereicherung, Handel), als „Gemachtes“ (Handwerk und Produktion), als physikalische Kraft und andere. Das scheint darauf hinzudeuten, dass die mit einem engeren oder konventionellen Metaphernbegriff operierenden Studien, in denen ein Verschwinden metaphorischer Sprache bei Menschen mit einer schizophrenen Verletzlichkeit berichtet wurde, dem Phänomen nicht gerecht werden (Spitzer et al. 1994; Heinz et al. 1996). Eine Differenz der Metaphern von Angehörigen und Betroffenen zeigt sich darin, dass Letztere die Erkrankung oft außerhalb von sich selbst lokalisieren (z. B. als äußeren Feind), während die Angehörigen die Erkrankung als Entität innerhalb der betroffenen Person konstruieren (Ziegler 2008, S. 205 f.).

Auch wenn oben argumentiert wurde, dass Interaktionsstudien für den Bereich von Beratung und Psychotherapie präzisere Hinweise geben als Interviewstudien, so sind die Arbeiten von Barkfelt (2003), Kronberger (1999), Ziegler (2008) und Schmitt (2002a, b) sinnvoll zur Information und Ausbildung von Professionellen über die Selbst- und Weltbilder der KlientInnen.

Oberlechner (2005) diskutiert die Wichtigkeit von Metaphern in den von Rogers sich ableitenden Formen der Gesprächspsychotherapie. Aufbauend auf den bisher für andere Therapieformen diskutierten Funktionen hebt er als Funktionen des metaphorisch vermittelten Gesprächs den Beziehungsaufbau, das Verstehen und Symbolisieren von Emotionen, die Verdeutlichung stillschweigender Annahmen, den Ausdruck von Widerstand und den Aufbau neuer gemeinsamer Bezugssysteme hervor. Wichtige Bereiche der Metaphorisierung sind für ihn Selbst, Beziehung und Veränderung. Im Gegensatz zu den eher technisch-handwerklich orientierten Umgangsformen mit der Metapher plädiert er für die Rekonstruktion der persönlichen Bedeutungen der Metaphorik.

Einen Beitrag zu einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen Herangehensweise versuchen Rhodes und Jakes (2004) in ihrer Studie zur Metaphorik von Menschen mit Wahnerleben. Ihre Methodik der Untersuchung wird jedoch nicht elaboriert; die Untersuchungen bleiben auf eine zentrale Wahnidee fokussiert und erheben nicht alle (und eventuell gegenläufigen, für eine Rekonvaleszenz vermutlich wichtigen) Metaphern. Ihre Thesen lauten: Für einige der Betroffenen ist die Metapher für das Selbst schon vor der Psychose da und bringt in der Psychose neue Details hervor; bei anderen ist der metaphorische Prozess Resultat des psychotischen Denkens selbst; und nicht zuletzt können auch alltägliche Metaphern psychotisches Erleben abbilden, sodass durch ihre Nutzung die Psychose ausgestaltet wird. Die AutorInnen gehen nachvollziehbar davon aus, dass die von ihnen als metaphorisch erkannten Wahngedanken für die Betroffenen buchstäbliche Wahrheit sind und allenfalls in Momenten des Zögerns die Metaphern infrage gestellt werden können. An dieser Stelle setzen die Überlegungen von Fowler et al. (1995, S. 56 f.) an, die ebenfalls im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie Wahninhalte neben anderen kognitiven Erklärungen als „unsignalisierte“ Metaphern für Wünsche, Hoffnungen und Probleme deuten, deren Transformation jedoch sicherer Bindung und langer Exploration bedarf (ebd., S. 141). Im Rahmen einer konstruktivistischen und narrativen „Wende“ verweisen auch Meichenbaum (1995, 1999) bei posttraumatischen Störungen und Gonçalves (1995) auf die Nutzung von Metaphern innerhalb der kognitiven Verhaltenstherapie.

Einen wenig beleuchteten Aspekt von Therapien untersucht Wittorf (1999): Wie wird die Abschlussphase von Psychotherapien von KlientInnen und TherapeutInnen metaphorisch gefasst? Wittorf fragte nach expliziten Bildern für das Ende der Therapie und fand die Konzepte vom Therapieende als Verlust, aber auch als Ziel, als Aufbruch, Wachstum, Wandel, aber auch ein Konflikt (Bindung vs. Autonomie), als Prüfung und als Hoffnung auf eine bleibende Verbindung. Neben der in der Studie dokumentierten möglichen Problematik, dass KlientInnen und TherapeutInnen unterschiedliche Bilder für das Ende der gemeinsamen Arbeit haben und sich damit missverstehend verabschieden, wird in der Diskussion deutlich, wie sehr auch die Metaphern dazu dienen, widersprüchliche Affekte zu binden und zu normalisieren. Hier wären nach dieser Anregung Analysen der direkten Interaktion sehr spannend.

Levold (2005) hat den Begriff der Resilienz, der als Bezeichnung psychosozialer Gesundheit und Widerstandsfähigkeit unter beeinträchtigenden Umständen in den Gesundheits- und Sozialwissenschaften eine kurze, aber steile Karriere gezeigt und sich dabei zu einer immer weniger fassbaren Größe ausdifferenziert hat, in seinen metaphorischen Spiegelungen materialreich dokumentiert. Die von ihm gesammelten metaphorischen Konzepte der Resilienz können als Vergleichshorizont zu spezifischeren Sondierungen dienen: Resilienz wird in Bildern des unzerbrechlichen, aber flexiblen Objekts geschildert, als Organismus per se, als Gegengewicht gegen Belastungen, in Balance-, Kampf-, Container-, Wege- und Netzwerkmetaphern; auch als Wert und Gabe. Levolds Aufsatz zu Familien „zwischen Heimstatt und Cyberspace“ (2003) versucht für eine realistische Familientherapie mit breiter Sammlung in unterschiedlichen Medien, wie sie in dem oben genannten Prozedere als erster Schritt geschildert wird, gegenwärtige Metaphern für Familien. Er findet Familie als „kostbares Gut“, aber auch in Metaphern des Staats, als Organismus, als Ort, als Aufgabe, für die man ausgebildet sein muss (Elternseminare!), als Unternehmen und als postmodernes Netzwerk. Diese Funde können ähnlich seiner oben erwähnten Studie als Vergleichsfolie im Rahmen einer Untersuchung zu Metaphern der Familie in einer bestimmten Gruppe bzw. einem bestimmten Milieu dienen. Weitere Metaphern der Familie (u. a. als Kultur) diskutiert Rosenblatt (1994).

Abschließend wird die Studie von Kupferberg und Green (2005) diskutiert, um auf einige forschungsmethodische Probleme hinzuweisen, die sich in dem Schriftgut, das sich auf Lakoff und Johnson beruft, immer wieder finden (vgl. auch Schmitt 2006c). Kupferberg und Green stellen sich in ihrem Buch mit dem Untertitel „Metaphorical Negotiation in Problem Discourse“ die Frage, wie Individuen in heutigen Medien über ihre Lebensprobleme sprechen. Sie greifen in ihrer methodologischen Selbstverortung zunächst auf Foucaults Theorie der Formierung der Subjekte durch Straf-, Erziehungs-, medizinische und psychologische Diskurspraktiken zurück. Sie kritisieren jedoch, dass Foucault tatsächliche lokale Diskursmechanismen nicht untersucht habe. Die auf ihn zurückgehende Critical Discourse Analysis (CDA) untersuche zwar reale Kommunikation, jedoch mit Voreingenommenheit, das heißt, sie sei auf Auswertungskategorien wie Hegemonie, Ideologie, Klasse, Gender, Rasse, Diskriminierung und Interessen, Macht oder Status eingeschränkt. Die AutorInnen dagegen zitieren zustimmend ein Vorgehen, das reale Kommunikation nach einer Variante der Konversationsanalyse, der „institutional conversation analysis“ (ICA) mikroanalytisch untersucht. Damit wollen sie die Analyse historischer „macro forces“ und die mikroanalytische Beschreibung individueller Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten gleichermaßen fassen. Ihnen erscheint dieser doppelte Zugriff freilich noch nicht ausreichend, sie ziehen in ihrem „functional approach to discourse“ noch den narrativen Ansatz nach Bruner und Brockmeier hinzu, ergänzen die Konversationsanalyse um die Möglichkeit, Kontextwissen ad hoc zur Interpretation einzubringen. Als tatsächliche Auswertungsmethode erwähnen sie jedoch noch kurz „a qualitative method that is located in the middle of the interpretative continuum between the phenomenological and hermeneutic poles“ (ebd., S. 39), die von der Analyse von Positionierungen der Sprechakteure nach Bamberg inspiriert sei (ohne beides auszuführen). Darüber hinaus ergänzen sie diese methodischen Zugänge um ein „Four-World-Model“, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Welt des Klienten und die Gegenwart des Therapeuten in der Interpretation präsent halten soll. Aber auch das reicht ihnen nicht: Als sechste methodische Überlegung wird die These eingeführt, figurative Sprache spiele eine bedeutende Rolle in der (gemeinsamen) Bedeutungsherstellung in Problemgesprächen. Die dazugehörende Diskussion von Lakoffs und Johnsons kognitiver Linguistik gipfelt jedoch in dem Vorwurf, dass dort menschliche Kommunikation auf die linguistische Manifestation von konzeptuellen Mustern reduziert werde – so kann man Lakoff und Johnson misslesen, wenn man übersieht, dass deren kognitive Linguistik einer anderen Disziplin mit anderen Aufgaben entstammt und die Bezugnahme auf diesen Ansatz in den Sozialwissenschaften erst der Entwicklung einer eigenständigen Methode bedarf (Schmitt 2003). Zentrale Errungenschaften des Ansatzes von Lakoff und Johnson werden nicht erfasst90 – eine andere und ältere Metapherntheorie hätte es wohl auch getan.

Insgesamt wird diese tour de force durch verschiedenste methodische Möglichkeiten der Textinterpretation auf 40 nicht sehr dicht bedruckten Seiten präsentiert. Die Studie erweist sich dennoch als anregend: Das Material besteht aus einer umfangreichen Sammlung von ins Englische übersetzten Problemgesprächen aus israelischen Radiosendungen samt den vorselektierenden Gesprächen mit den AnruferInnen, Mitschriften von Telefonhotlines (da dort eine Aufzeichnung verboten war) und schriftlichen Dokumenten aus problemorientierten Internetforen. Wie wird Bedeutung von Laien und Professionellen in dieser medienvermittelten Kommunikation hergestellt, wie präsentiert und (re-)konfiguriert sich ein Selbst auf diesen Bühnen? Kupferberg und Green fassen diese Sphären als Orte ernst zu nehmender Problemkommunikation auf, nicht ganz unähnlich der Provokation, die Nestmanns (1988) Untersuchung über die Problemkommunikation mit TaxifahrerInnen, GastwirtInnen, FriseurInnen und MasseurInnen im deutschen Sprachraum darstellte.

Die Interpretation von insgesamt 21 Fallvignetten umfasst dann drei Viertel des Buches. Es sind genaue Lektüren der Kommunikationsabläufe, die sehr breit kommentiert werden; medienorientierte Selektionen und Ausschlüsse werden dabei ebenso thematisiert wie metaphorische Zuspitzungen. Nur noch ab und zu wird auf die zu Beginn des Buchs entfaltete Methodenvielfalt angespielt – diese diente offensichtlich eher als Erlaubnis, unterschiedliche Auffälligkeiten interpretieren zu dürfen. Mehrfach wird auch auf psychoanalytische Theoriebestände zurückgegriffen, auch wenn diese am Anfang noch gar nicht benannt wurden, ebenso werden entwicklungspsychologische Hintergrundannahmen zur Pubertät wie Theorien der Sucht fallbezogen genutzt. – Gerade auch die Limitationen der jeweiligen Medien werden deutlich. Insbesondere zeigt sich als entfaltungsverhindernde Machtstruktur im Radiogespräch die Vorauswahl der interessanten Problempräsentierenden, die unter hohem Zeitdruck einen Unterhaltungswert erbringen sollen und deren Überformung durch ratschlagende Instantlösungen der Professionellen alles andere als therapeutisch gelungen ist. Ob es aber zu dieser Einsicht den Rückgriff auf Foucault gebraucht hätte, erscheint fraglich. Dagegen wird kasuistisch sehr schön herausgearbeitet, wie in einer gelingenden Besprechung von Schwierigkeiten Metapher und Narration einander ergänzen und aufeinander verweisen und wie Problempräsentierende, die nur abstrakte Bilder zeigen oder denen eine bildliche Zuspitzung ihrer Narration unter diesen Umständen nicht gelingt, von diesen Kontexten nicht profitieren. Gelingende, das heißt Anschlussmöglichkeiten erweiternde und misslingende Interventionen sind unter dem Mikroskop des informierten Kommentars gut präsentiert.

Insgesamt werden als klinisch relevante Themen verhandelt: Trennungsängste, psychotische Krisen, Suizidalität, Coming-out, Einsamkeit und diverse Abhängigkeiten. Das Resümee, dass metaphorische Figuren in Beratungen „shorten processes and make them more effectiv“ (ebd., S. 176), übernimmt unkritisch eine gängige ökonomische Metaphorik.

4.6.1.1.2 Fazit der nicht-psychoanalytischen Studien
Wenn wir diese Studien im Hinblick auf Hinweise für eine qualitativ forschende Metaphernanalyse diskutieren, so ist festzuhalten:
  • Besonders die unterschiedlichen Studien zur Metaphorik der Depression und ihrer Behandlung zeigen, dass Metaphernanalysen eine verlässliche Systematik brauchen, um ihren Gegenstand in der Breite und Tiefe der tatsächlich vorgefundenen Metaphorik zu erfassen.

  • Sampling und Medien der Datenerhebungen scheinen eine erhebliche Rolle zu spielen, wenn man die Studien von Kronberger (1999) und Barkfelt (2003) vergleicht und die unterschiedlichen medienbedingten Effekte in Kupferberg und Green wahrnimmt.

  • Der Wandel im Erleben einer Person kann als Veränderung innerhalb eines metaphorischen Konzepts wie im Wechsel der metaphorischen Konzepte abgebildet werden, ferner kann sich das gesamte metaphorische System einer Person in seinen Relationen verändern (wird in Abschn.  5.7.11 erneut diskutiert). Verlaufsuntersuchungen erfordern jedoch aufwendige Erhebungen und Auswertungen (Angus und Kormann 2002).

  • Die Arbeiten von Angus (1996), Angus und Kormann (2002), Kupferberg und Green (2005) und Schulze (2007, dargestellt in Abschn. 4.3.3) zeigen, dass die Erhebung von metaphorischen Passungen und Nichtpassungen im Gespräch für die Erforschung kommunikativer Abläufe wesentliche Beiträge liefert. Der Schluss von metaphorischen Konzepten der BeraterInnen und TherapeutInnen oder jenen der KlientInnen auf Beratungsdynamiken muss daher vage bleiben. Die Analysen therapeutischer Gespräche sind daher auf eine erweiterte Methodik angewiesen, die situationale Referenzen einbezieht (McMullen 2008).

  • So sehr sich Metaphern als relevante Bestandteile identitätsstiftender Kommunikation zeigen und von unmittelbarer beraterisch-therapeutischer Relevanz sind, so sehr verführt das Phänomen auch zu einer unsystematischen Interpretation, wie es am Beispiel von Kupferberg und Green (2005) zu sehen war. Neben hier nicht weiter ausgeführten weiteren Einschränkungen (nicht immer nachvollziehbare Samplingstrategien, fehlende Diskussion von Gütekriterien qualitativer Forschung) wurde das Buch hier diskutiert, weil es neben dem Wert als methodisch abschreckendes Beispiel auch sinnvolle Hinweise generiert:

  • Die Verbindung von Metaphern und Narrationen in einem Gespräch oder Interview wurde bisher wenig elaboriert – die entsprechenden Hypothesen von Kupferberg und Green (2005) sind als explorative Hinweise unbedingt wertvoll (ebd., S. 131 ff., vgl. die Überlegungen zu Metapher und Narration in Abschn.  3.4.3).

  • Auch die oben zitierten sowie weitere Metaphernanalysen von therapeutischen Gesprächen (im Gegensatz zu Interviews oder anderen Textsorten) sind meines Erachtens bisher methodisch noch nicht überzeugend gelungen. Dass wir dazu nur „rules of the thumb“ hätten (Buchholz und von Kleist 1997, S. 295 f.), ist nicht einleuchtend, vergleicht man dies mit pragmalinguistischen Studien (Cameron und Deignan 2006; Cameron 2010).

  • Die Publikation von Kupferberg und Green (2005) ist auch lesbar als Dokument einer kritischen Phase qualitativer Forschung: Die Inflation heterogener Forschungsstile und Ansätze hat zu einer Fülle geführt, die eine synkretistische Rezeption nach sich zieht: Statt solcher „Methodenkombinationen“ mit der Metaphernanalyse als farbenfroher Garnitur scheint es sinnvoller, die Ergebnisse weniger und reflektiert ausgewählter Herangehensweisen in ihren Ergebnissen zu triangulieren, als deren interne Möglichkeiten zur Prüfung des Verstehens durch wilde Kombinationen in der Interpretationsphase zu verwischen.

  • Diese Studien lassen sich zu einem Horizont zusammenfassen, vor dessen Hintergrund sich die Besonderheiten der Metaphorisierung spezifischer Personen oder zum Beispiel spezifischer psychischer Störungen aufweisen lässt (zur besonderen Rolle dieses Verfahrensschritts einer systematischen Metaphernanalyse vgl. Abschn.  5.4).

4.6.1.1.3 Weitere Hinweise zu Metaphern, Beratung und Behandlung

Die folgenden Studien haben entweder weniger gut ausgearbeitete Bezüge zur kognitiven Linguistik, gehen quantitativ vor oder verstehen sich eher als praktische Hinweise zum Umgang mit Metaphern in der Beratung und Therapie. Sie werden im Hinblick auf Hinweise für eine qualitativ vorgehende systematische Metaphernanalyse diskutiert, ohne ihnen in ihrer Gänze gerecht werden zu wollen.91

Pollio et al. (1977) rekonstruierten in klassischen Fragebogenstudien an Studierenden eine signifikante Korrelation zwischen persönlicher „Integrität“ bzw. Flexibilität des kognitiven Stils und der Häufigkeit des Metapherngebrauchs; desintegrierte oder „unreife“ Studenten gebrauchten sichtlich weniger Metaphern. Pollio et al. folgerten aus ihrer Studie, dass ein breites Vokabular an Metaphern mit effektiveren Strategien korreliert, mit persönlichen Problemen umzugehen (ebd., S. 92 f.). Pollio et al. verglichen auch das Gesprächsverhalten von Verhaltens-, Gestalt- und Gesprächstherapeuten und stellten ähnliche Häufigkeit in der Benutzung von Metaphern im therapeutischen Prozess fest (ebd., S. 101 f.). Sie weisen anhand ihrer quantitativen Einschätzung durch das Rating von „Einsicht“ nach, es sei ertragreicher, die Metaphern von Patienten weiterzuverfolgen als neue Metaphern einzubringen (Pollio et al. 1977, S. 147 f.), was auch den oben diskutierten Arbeiten von Angus (1996), Angus und Kormann (2002) sowie Ingram (1994) zu entnehmen ist.92

Einen Hinweis zum Zusammenhang zwischen Reichtum an metaphorischen Wendungen und psychischer Gesundheit, der die Studie von Pollio et al. bestätigt, bieten die Beobachtungen von Grubrich-Simitis (1984), die in den Analysen mit durch KZ-Haft traumatisierten Menschen sowie auch in den Therapien mit deren Nachkommen kaum bildliche Wendungen fand. Sie folgert, dass extreme Traumatisierungen die Fähigkeiten zur Metaphernbildung beeinträchtigen; sie fand bei ihren PatientInnen einen konkretistischen, „buchstäblichen“ Umgang mit sich und ihrer Umwelt und wenig modulierbare Affekte. Eine ähnliche Defizithypothese vertritt störungsübergreifend Buchholz (1996). Ziegler hält in ihrer oben genannten Untersuchung dagegen:

Die Metaphernvielfalt, die im Denken und Sprechen Betroffener im Rückblick auf das schizophrene Geschehen deutlich wird, steht im Widerspruch zu Untersuchungen, die betonen, dass psychisch kranken Menschen nur einige wenige metaphorische Modelle zur Verfügung stehen, die ihre Sichtweisen auf das Krankheitsgeschehen einschränken (Ziegler 2008, S. 204).

Freilich ist zu fragen, ob hier nicht mit dem (erfolgreich möglichen) Rückblick auf das Geschehen und der Nutzung von Dokumenten, die schizophren Erkrankte formuliert haben, Hinweise auf zwei Bedingungen einer erfolgreichen Kompensation vorliegen (zeitlicher Abstand, psychische Verarbeitung); und es muss offen bleiben, ob diese Effekte nicht abhängig von der Art der psychischen Störung sind.

Die oben skizzierten Überlegungen zur Passung von KlientInnen- und TherapeutInnen-Metaphern werden von Kopp (1995) in einem konsequenten Sinn entfaltet (vgl. Schmitt 2001b), der hier diskutiert wird, obschon er keine qualitative Forschung, sondern ein in mehreren Ausbildungszyklen revidiertes Trainingsmanual für die Therapeutenausbildung vorstellt. Es ist insofern für qualitative Forschung spannend, als es Antworten auf die Frage enthält, wie sich Veränderungen der Selbst- und Fremdwahrnehmung in Metaphern abbilden lassen. Das Manual enthält zwei mehrstufige Vorgehensweisen, die KlientInnen dazu einladen sollen, beiläufig gebrauchte Metaphern („mein Ex-Mann bricht wie eine Lokomotive in mein Haus ein“) ernst zu nehmen, diese bildliche Szene vertieft auszuformulieren („ich bin dann bloß ein Tunnel für ihn“) und die dazugehörenden Gefühle zu explorieren. Dann nutzt Kopp eine ältere imaginative Technik, indem er die KlientInnen fragt, ob sie das Bild auch verändern möchten – und was sie am Bild ändern möchten (z. B. „ich möchte ihn entgleisen lassen“). Zuletzt erfragt er, welche Folgen die Veränderung der Metapher auf das praktische Handeln haben könnte, und vertieft diese Optionen. – Die zweite Vorgehensweise bezieht Kindheitserinnerungen ein: Nach der Schilderung gegenwärtiger Schwierigkeiten bittet er seine KlientInnen, sich an eine dazu passende Szene aus der Kindheit zu erinnern. Er lässt sich diese und die dazugehörigen Emotionen detailliert schildern. Danach erfragt er ausführlich, was sich der/die KlientIn stattdessen gewünscht hätte und wie diese Szene damals hätte anders enden sollen. Im nächsten Schritt nutzt er diese veränderte Szene als Metapher, indem er wiederum nachfragt, ob sich diese imaginären Veränderungen auch auf das gegenwärtige Problem übertragen lassen und wie sich gewünschte Veränderungen heute neu ausbuchstabieren bzw. handelnd realisieren lassen könnten. Die Metapher ist hier also nicht von Anfang an vorhanden, stattdessen werden Kindheitserinnerungen und deren Transformation als Metaphern genutzt (sozusagen als angeleitete szenische Hermeneutik in praktischer Absicht).

Kopps Ausführung zur Metapherntheorie (ebd., S. 91–107) schließt an Lakoff und Johnson an, ohne deren differenziertes Begriffsgerüst zu nutzen. Die Reichweite der Beschreibung von Lakoff und Johnson, so schlägt er vor, umfasse den Bereich der soziokulturellen Metaphorik; davon trennt er den Bereich persönlicher Metaphorik und den der Metaphorik familiärer Systeme ab. Die persönliche Metaphorik unterteilt er in sechs Gegenstandsbereiche, die er „metaphorms“ nennt: Metaphorisierungen des Selbst, des/der anderen, des Lebens sowie Metaphorisierungen des Verhältnisses Selbst – Selbst, Selbst – andere(r), Selbst – Leben. In diesen sechs „metaphorms“ drücke sich die Persönlichkeit aus; der Verfasser begründet diese Kategorisierung nicht ausführlich. Er betont, dass die Metaphorisierungen des Individuums natürlich nicht unabhängig von der umgebenden familiären, soziokulturellen und transkulturellen sprachlich-bildlichen Welt seien, sondern in einem gegenseitigen Durchdringungsverhältnis stünden.

Auch wenn der Buchtitel „metaphor therapy“ es so suggeriert: Kopp will keine neue Therapieschule begründen, sondern verweist darauf, dass diese Vorgehensweise in unterschiedliche Therapieformen zu integrieren sei. Im zweiten Hauptteil des Buches überprüft er verschiedene Therapieschulen (Psychoanalyse nach Freud und nach Jung, Hypnotherapie nach Erickson, kognitiv-behaviorale Therapie, Individualtherapie nach Adler, strukturale und strategische Familientherapie) daraufhin, welche Rolle Metaphern bisher in der jeweiligen Therapie übernehmen. Im zweiten Schritt zeigt er, dass eine metaphernorientierte Therapie die Interventionen dieser Ansätze integrieren könnte. Er geht davon aus, dass nicht nur KlientInnen ihre Welt durch metaphorische Denkweisen strukturieren, sondern auch therapeutische Theorien metaphorische Strukturierungen der (therapeutischen, beratenden) Realität seien. Für die kognitive Verhaltenstherapie sind Kopps Anregungen inzwischen in der Dissertation von Styliani (2006) aufgenommen worden. Die umfangreichste und aktuellste Darstellung der Nutzung von Metaphern in der kognitiven Verhaltenstherapie, die sich auch auf Lakoff und Johnson bezieht, leisten Stott et al. (2010); neben einem pragmatischen Modell der Metaphernverwendung sind viele Anwendungsbeispiele im Hinblick die therapeutische metaphorische Konzeptualisierung von Kognition und Metakognition, Depression, Angsterkrankungen, bipolaren Erkrankungen, Psychosen, Essstörungen und der Elternarbeit zu finden.

Kopp legt unbedingten Wert darauf, mit den Metaphern bzw. den als Metaphern gebrauchten Erinnerungen der KlientInnen zu arbeiten und grenzt sich damit deutlich von Ansätzen ab, die vom Therapeuten generierte Metaphern favorisieren (u. a. Hypnotherapie, NLP). Letztere haben nach der Publikation von Gordon (1985, org. 1978) nicht nur in der deutschsprachigen therapeutischen Szene den Begriff der Metapher ausschließlich als von TherapeutInnen konstruierte allegorische Beispielerzählung und damit anhaltende Missverständnisse geprägt. Gordon (1985) entwickelt detailliert eine Strategie zur Konstruktion von passenden Metaphern; Schwerpunkt seiner Methodik ist das Abbilden der Struktur der Problembeschreibung des Klienten in einer neuen und entwicklungsfähigen Allegorie (ähnlich: Strong 1989). Dagegen legen Bacon (1998) und Mohl (1998) fertige Geschichten aus der „Zauberwerkstatt“ (Mohl) vor. Gansen (2003a, b) hat Gehalt und Gestalt dieser Geschichten einer vernichtenden Kritik unterzogen und herausgearbeitet, dass diese suggestiv eingesetzten Allegorien vorhandene Probleme normieren und einem Ziel von Beratung und Psychotherapie, Reflexion zu entfalten und Freiheitsgrade zu gewinnen, widersprechen. Kritisch kommentiert auch Cederborg (2000) anhand eines familientherapeutischen Beispiels die fatale Langzeitwirkung von wenig der Situation angemessenen, vorher festgelegten Metaphern.

Steiner und Hirsch (1988) versuchen, eine Typologie von Grundmetaphern als Orientierungshilfe für Therapien zu finden und stellen eine Systematik von Metaphern für (Familien-)Therapeuten vor, der Wert ihres Beitrags liegt in den Beispielen. Ihr Metaphernbegriff ist sehr weit, sie begreifen auch Therapietheorien als Metaphern (ebd., S. 205 f.). Therapie verstehen sie im systemischen Sinn als Konstruktion einer neuen Realität durch eine fruchtbare Metapher. Sie könne dem familiären Chaos einen neuen Definitionsrahmen geben; dies funktioniere allerdings nur, wenn die benützte Metapher die Struktur der problematischen Situation der Klienten enthalte (ebd., S. 209). Differenzierter versuchen Klar und Wolf (1997a, b) systemische und Familientherapie als mehrstufige Bearbeitung metaphorischer Muster zu begreifen: als Musterkonstruktion (Abstimmung KlientIn/TherapeutIn), Musterevaluation (Thema und seine Varianten, Ausnahmen, Zuspitzungen, angrenzende Themen) und Musterunterbrechung. Auch sie schlagen für die einzelnen Stufen Metaphern vor (Wohnungsmetapher: Verräumlichung des Problems und Konkretisierung, Arbeit mit inneren Personen: Personalisierung abstrakter Phänomene wie Angst, alter Beziehungen und Ungeheuern zur Drastifizierung von Befürchtungen). Von ähnlichen theoretischen Hintergrundannahmen ausgehend, jedoch erheblich stärker empirisch gesättigt liefert Roderburg (1997, 1998) eine gesprächsanalytische Kommentierung der Wirkung von Metaphern in lösungsorientierten Kurzzeitpsychotherapien. Auch Berlin et al. (1991) geben einen kurzen Überblick über bisherige Studien zu Metaphern und Beratung. Sie beziehen sich auf Lakoff und Johnson, jedoch weicht ihre Terminologie, von „generative“ statt „conceptual“ metaphors zu sprechen, davon ab. Sie schildern interessanterweise die Metaphorik, dass Psychotherapie auch Krieg sei (diese Metapher fehlt in Schmitt 1995 und allen oben genannten Therapiestudien), und stellen einige der von Lakoff und Johnson gefundenen Metaphern als Verstehenshilfen heraus. Zuletzt geben sie eine Übersicht der hilfreichen Funktionen von Metaphern, ohne die Warnung zu vergessen, dass therapeutische Metaphern nicht unbedingt immer verstanden werden.

Auch die folgenden, nicht aus dem familien- oder hypnotherapeutischen Bereich stammenden Studien reduzieren Metaphern auf ihre instrumentelle Nützlichkeit und lassen sich mit der Metapher, dass Metaphern ein Werkzeug seien, zusammenfassen. Dies hat Bock (1981) in seiner Studie über den Einfluss von Metaphern auf ein Problemlöseverhalten experimentell untersucht. Er konnte belegen, dass unterschiedliche Metaphern aktivierende oder resignative Implikationen der zu Beratenden nach sich zogen. Auch Engel und Sickendieck (2004) gehören zu denjenigen, die im deutschen Sprachraum außerhalb der Psychoanalyse auf die Wichtigkeit von Narrationen und Metaphern im therapeutischen Geschehen hinweisen. Sie geben Empfehlungen, auf welche unterschiedlichen Weisen Metaphern genutzt werden können. Die Verknüpfung von Narration und Metapher, die sich oben bei der Diskussion von Kupferberg und Green (2005) als relevant für gelingende therapeutische Kommunikation dargestellt und im Abschn.  3.4 auch als theoretisches Problem skizziert wurde, wird von ihnen nicht diskutiert.

Ganz im Gegensatz zu diesen pragmatischen Anwendungsvorschlägen stehen die Überlegungen von Fischer (2003). Er begreift „Metaphernreflexion als Sinn stiftendes Verfahren“ (ebd., S. 38 ff.) und entwickelt zur „Dekonstruktion“ der Klientenmetaphern pragmatische Hinweise auf zwei Ebenen: Zunächst fördert die Dekontextualisierung der gebrauchten Metapher durch Ernstnehmen und Hervorheben den Verlust der unreflektierten Selbstverständlichkeit. Dann folgt ein „metakommunikatives Thematisieren“, das aus mehreren Formen besteht: einer Erweiterung des Sinnreservoirs der Metapher durch Ausschöpfung bisher impliziter Bezüge; einer Erschöpfung der Metapher durch Verdinglichung, Wörtlichnahme oder Übertreibung, einer Metamorphose der Metapher durch Umdeutung („Wovor schützt das graue Monster?“ für: „Depression“) und einer Metapherndekonstruktion im engeren Sinn durch Hinweis auf Brüche und Inkonsistenzen, um dann neue Metaphern zu finden. Weniger kritisch-dekonstruierend beschreibt Retzer (1993) die Notwendigkeit, die Metaphern der in seinen drastischen Beispielen meist schizophren erkrankten Menschen anzunehmen und als gemeinsamen Bedeutungsraum zu pflegen, darin den Überlegungen von Angus (1996) und Angus und Kormann (2002) (s. o.) nahe. Retzer (1995) geht auch davon aus, dass die metaphorischen Problempräsentationen der KlientInnen irritiert werden sollten, um Lösungsmetaphern zu ermöglichen. Eine Literaturübersicht über Metaphern in der Supervision ohne klaren Begriff der Metapher geben Guiffrida et al. (2007).

Der „dekonstruktive“, sprachliche Verdinglichungen auflösende Ansatz vor allem der systemischen Ansätze impliziert, dass psychische „Krankheiten“ selbst als Metapher anzusehen sind, in der körperliche Funktionsstörungen auf die psychosoziale Verfassung eines Subjekts übertragen werden. Besonders Szasz (1974, insbes, S. X–XI) besteht darauf, dass die Bezeichnung „Krankheit“ für psychische Phänomene „nur“ eine Metapher sei – damit übersieht er, dass jede Metapher sowohl hervorhebende wie verdeckende Seiten hat. Seine Argumentation, ein Verhalten, das andere als psychotisch bezeichnen würden, zum Bereich der freien Ausübung selbst geplanter Absichten zu zählen oder es, im Falle von Vergehen, einfach als kriminelles Handeln zu bestrafen, negiert das Phänomen. Vorsichtiger argumentiert Sarbin (2000), der die metaphorische Konzeptualisierung psychischer Abweichungen in Metaphern der körperlichen „Krankheit“ auch historisch belegt, ohne das damit verbundene Phänomen infrage zu stellen.93

4.6.1.1.4 Fazit der praxeologischen Studien
Als implizite Annahme fast aller therapeutischen Ansätze lässt sich formulieren, dass Leid erzeugende Denkmuster als inadäquate Metaphern des Selbst und des Selbst-Umwelt-Verhältnisses begriffen werden. Die Durchsicht der Anweisungen für beratendes und therapeutisches Handeln verweist auf anwendungsorientierte Aufgabenstellungen von Metaphernanalysen:
  • Therapeutisches Handeln lässt sich a) als Ausdifferenzierung vorhandener oder b) als Vermittlung neuer Sprachbilder sowie c) als Dekonstruktion alter Metaphern verstehen (Fischer 2003). Das Aufgreifen der Sprache der KlientInnen kann es ermöglichen, deren Welt aus dem Innern der damit ausgedrückten Selbst- und Weltsicht zu verstehen und Handlungsweisen zu entwickeln, die deren Sicht der Welt nicht überfordert und zunächst das therapeutische Bündnis fördert.

  • Mit Kopp (1995) und Carveth (1993) ist anzunehmen, dass die psychotherapeutischen Theoriegebäude selbst auf metaphorischen Formulierungen aufbauen (für die Gesprächspsychotherapie Leihener 1997).

  • Die ausführlichste Übersicht, welche die unterschiedlichen Ratschläge für die Arbeit mit Metaphern gliedert und systematisiert, bietet Kopp (1995, vgl. auch Schmitt 2009c in Abschn. 4.3.6).

  • Konsens scheint bei den differenzierteren bzw. sich auf Lakoff und Johnson stützenden AutorInnen zu sein, dass KlientInnen wie TherapeutInnen schon immer in Bildern sprechen. Und in stockenden und beiderseits frustrierenden Beratungsprozessen blockieren eventuell unterschiedliche Metaphern die Verständigung. Metaphernanalyse wird hier zur Supervision (vgl. Schmitt 2000b).

  • Trotz einiger Einschränkungen generieren diese Arbeiten Vergleichsmöglichkeiten und machen auf das Fehlen spezifischer Metaphern aufmerksam, so etwa Berlin et al. (1991) in der sonst vermiedenen Metapher, dass Beratung oder Therapie auch als Krieg konzeptualisiert werden könne.

4.6.1.2 Psychoanalyse

Die Psychoanalyse hat sich mehrfach mit Metaphern beschäftigt; eine Übersicht über diese Einzeluntersuchungen gibt Buchholz (1993a, S. 321 ff., vgl. auch Buchholz 2005a; Buchholz und Gödde 2005; Soldt 2005). Der psychoanalytische Beitrag hat sich oft an der Nähe des Metaphernbegriffs zu Freuds Symbolbegriff orientiert: Freud selbst hat zwar die Metaphorik selten betrachtet, sie zum Beispiel in der Beschreibung der Techniken des Witzes kurz gewürdigt (Freud 1982c, S. 38). Der psychoanalytische Begriff des Symbols überschneidet sich mit dem hier verwendeten Begriff der Metapher; so zählt Freud Worte wie „Luftschiff“ und „Zeppelin“ zu den in neuer Zeit gebildeten Symbolen, die übertragene Bedeutungen annehmen können (Freud 1900, S. 347). Den Charakter des Verborgenen, Anstößigen, gar Sexuellen haben Metaphern nur im Einzelfall. Wie für die älteste Theorie der Metaphorik geht Freud davon aus, dass Symbole durch einen Vergleich gebildet werden (Freud 1916, S. 161 f.). Ebenso wie gängige Metaphern sind Symbole kollektiv wirksam (Freud 1916, S. 173). Ähnlich den Metaphern in der Alltagspraxis enthält die Traumdeutung Möglichkeiten, ein Symbol auch wörtlich und nicht symbolisch zu verstehen: Eine eindeutige Zuordnung von Symbol und Symbolisiertem existiert also nicht (Freud 1900, S. 346 f.). So lassen sich (psychoanalytisch begriffene) Symbole als Sonderfall des sehr viel umfassenderen Metaphernbegriffs von Lakoff und Johnson kennzeichnen.94 Lorenzer (1970, 1986) hat in seiner Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs die Differenzierung angeregt, dass neben sprachsymbolischen Interaktionsformen die in Gestik, Mimik, kindlichem Spiel, Kunst und anderen „präsentativen“ Kommunikationsformen enthaltenen „sinnlich-symbolischen Interaktionsformen“ als Symbol im psychoanalytischen Sinn diskutiert werden. Auch Letztere ließen sich als metaphorische Konzepte deuten – ein diesbezüglicher Versuch (Schmitt 1995, S. 80–84) hat jedoch keine Weiterentwicklungen erfahren.

Wesentlicher für die Debatte dürfte jedoch sein, dass sich Freud von der eigenen Bildlichkeit reflexiv immer wieder zu distanzieren vermochte und den Konstruktionscharakter zentraler Begriffe der Psychoanalyse immer wieder hervorhob – eine Übersicht dieser Stellen sammelt Leary (2000).

4.6.1.2.1 Buchholz, von Kleist
Jenseits dieser Überlegungen hat sich im deutschen Sprachraum eine spezifische Verbindung von Metaphernanalyse und Psychoanalyse entwickelt, die mit den Namen Michael B. Buchholz und Cornelia von Kleist verbunden ist. Sie versuchen nicht, einen bestimmten psychoanalytischen Begriff mit dem des metaphorischen Konzepts zu verbinden; ihre Studien sind Vertiefungen insbesondere von zwei Annahmen: Psychoanalytische Theorie ist vor allem als Geflecht von Metaphern zu begreifen, und das Geschehen zwischen KlientIn und TherapeutIn ist eine durch Metaphern strukturierte Interaktion. Buchholz formuliert die erste These so:

… wir können uns nicht mehr auf den ‚Trieb‘, das ‚Selbst‘ oder andere Substanzen berufen, ohne zugleich anzugeben, in welchen interaktiven Situationen des Sprechens solche Metaphern entstanden sind und wie umgekehrt solche Konzeptualisierungen unser therapeutisches Handeln steuern (ders. 1993a, S. 9).

Auch Carveth (1993) hat rekonstruiert, dass die Psychoanalyse ein metaphorisches Unternehmen ist: Zwischen Dampfmaschine und fragiler Vase zeige sich die psychoanalytische Metatheorie als Vielzahl komplementärer metaphorischer Modelle (ebd., S. 24 f.). Carveth diskutiert von Freuds Metaphern des „Triebs“ (ebd., S. 35 f.) über die bekannteren Vergleiche, der Analytiker sei ein „Spiegel“ oder ein „Chirurg“ (ebd., S. 42), bis hin zu militärischen und chemischen Metaphern auch die Grenzen und Ergänzungsverhältnisse der freudschen Bildlichkeit. Dass auch die Metapher des Detektivs nach dem Muster Sherlock Holmes’ im psychoanalytischen Schriftgut einiges zur Selbstdefinition beiträgt, belegt Spence (1993).

Buchholz (1996) nutzt diese Überlegungen zur Selbstbestimmung: Er konstatiert eine Grundlagenkrise der Psychoanalyse und sieht weder in der Neuorientierung an Freud noch in der klinischen Falldiskussion die beste Strategie zur Gewinnung eines neuen Selbstverständnisses. Er schlägt eine „Psychoanalyse der Psychoanalyse“ vor, die vertiefen könnte, dass psychoanalytische Begriffe (Trieb, Unbewusstes, Ich …) zwar metaphorische Konstruktionen sind, die offene Horizonte für Behandlungserfahrung und Selbststeuerung bieten, jedoch ebenso dogmatisch versteinern können (ebd., S. 13 ff.). Dieser Hinweis, dass psychoanalytische Theorie vor allem als Geflecht von Metaphern zu begreifen ist (vgl. Wurmser 1983; Borbely 2008), wäre auch für andere Therapieformen zu untersuchen (vgl. White 2011 für spätere psychoanalytische Theoretiker, Leihener 1997 für die Gesprächspsychotherapie).

Der zweite Gedanke, dass das Geschehen zwischen KlientIn und TherapeutIn eine durch Metaphern strukturierte Interaktion ist, wird in Buchholz (1993b) formuliert. Buchholz und Kleist (1995) führen diesen Gedanken als qualitative Untersuchung fort: Mit einer psychoanalytisch inspirierten Metaphernanalyse, die um Elemente der Konversationsanalyse ergänzt wird, rekonstruieren sie die Muster, in denen „Therapie“ wahrgenommen wird: Wenn zum Beispiel ein Patient eine Psychoanalyse als „Beichten“ begreift, das Berühren unangenehmer Themen als „Buße“ hinnimmt und nach der Äußerung seiner Einfälle eine erlösende Absolution erwartet, so folgt er einem bildlichen Komplex, der konzeptuellen Metapher: Therapie ist Beichte. Entsprechende, ebenfalls metaphorische Vorstellungen eines psychoanalytischen Therapeuten lassen sich in Formulierungen vom „Spiegeln“, „undurchsichtig Sein“ und der „Introspektion“ finden, einer visuellen Metaphorik nach dem Muster: Therapie ist In-sich-Hineinschauen. Buchholz und von Kleist nennen nun die metaphorische Vorstellung des Klienten von der Therapie eine „Prozessfantasie“, die des Therapeuten „Prozessmodell“. Ihre Metaphernanalyse konzentriert sich nun selektiv auf Redewendungen, die es erlauben, Prozessfantasie und -modell zu rekonstruieren und die Interaktion der beiden, ihre Passung oder Nichtpassung, zu verfolgen.

Sie rekonstruieren anhand eines Transkripts einer Psychotherapie (ebd.) eine räumliche Fantasie des Klienten, der das Spiel „Such mich in der Themenlandschaft“ betreibt; der Therapeut „funktioniert“ jedoch nach der oben genannten „Spiegel“-Metapher, die impliziert, der Patient möge sich selbst suchen und finden. Unschwer ist es nun vorauszusagen, dass es zu kommunikativen Krisen kommen muss: Gespräch und Themenfindung kommen nicht in Gang, der Patient fordert versteckt mehr Engagement des Therapeuten, der Therapeut werde schließlich dafür bezahlt – und meint damit, er solle nach dem Wunsch des Patienten funktionieren und ihn führen; der Therapeut versucht seine Regeln zu explizieren und weist auf die Gefahr für die Autonomie des Patienten hin, wenn er dessen Wunsch folgen würde. Für diese Struktur der Interaktionskrise konstruieren Buchholz und von Kleist eine eigene Metapher: Die Therapie sei zum „Jagdspiel“ geworden, in der jeder seine Regeln mit unterschiedlichen kommunikativen Strategien dem Gegenüber aufzudrängen versucht. Diese Prozessvorstellungen steuern die Identität der Beteiligten in der Interaktion, prallen auch bei Nichtpassung aufeinander, wodurch die Teilnehmer (im Idealfall) gezwungen sind, ihre (Sprech-) Handlungsabsichten offener zu dokumentieren und bei gelungenem Verstehen in neuen und transzendierenden Bildern die kommunikative Krise zu lösen.95

Die Rolle des Körpers als Metapherngenerator wird in späteren Publikationen stärker in den Mittelpunkt gerückt: Buchholz (1996) entwickelt einige Übereinstimmungen von kognitiver Linguistik und Psychoanalyse, die er zu einer „interaktiven Ökologie von Gefühlen“ weiterentwickelt. Lakoff und Johnson haben darauf hingewiesen, dass das Begreifen von Gefühlen in Substantiven wie: „Meine Wut kam endlich heraus“ ihnen den Charakter von gegenständlicher Substanz zuschreibt, als wären sie versteckt schon immer da, als könnten sie nur „verleugnet“ oder „verschoben“ werden, wenn man sie nicht „ausdrückt“. Diese Substanzialisierung von Erfahrungen und Empfindungen, die jedoch in bestimmten Situationen erzeugt werden und ohne diese gar nicht zureichend verstanden werden können, analysieren Lakoff und Johnson als kognitives und kollektives Muster der Erfahrungsorganisation. Buchholz ergänzt vor psychoanalytischem Hintergrund, dass durch solche Verdinglichung irritierend-diffuse Grenzen zu beruhigend-harten Begrenzungen werden (ders. 1996, S. 161). Im Folgenden werden typische Metaphern für Neid, Wut, Ärger, Liebe diskutiert, in denen sich Raumvorstellungen und Körperempfindungen (z. B. „vor Zorn platzen“) mischen, bevor auf dahinterliegende einfache kognitive Schemata (z. B. „Behälter“) eingegangen wird. Buchholz zeigt, dass kognitive Linguistik und Psychoanalyse in Betonung des Körpers als Ausgang aller Erfahrung konvergieren (vgl. auch Buchholz 2002, 2005a).

Weitere von ihm diskutierte Schemata sind das „Verbindungs-“ bzw. „Linkschema“, dessen Metaphern um Verbindungen kreisen: „Netzwerk“, „Verstrickung“, „Kontakte knüpfen“ etc., das Kraftschema (was mich „bedrückt“, um jemand „kämpfen“) und das „Pfadschema“ (es „kam“ überraschend, wie soll es „weitergehen“) (vgl. Abschn.  2.1.3). Buchholz versucht nun in einer computergestützten Recherche alle diese Schemata in der ausführlichen Analyse einer Therapie zu analysieren und rekonstruiert sowohl die subjektive Krankheitstheorie und Prozessvorstellung des Patienten wie die Handlungslogik des Therapeuten für jedes Schema separat. Danach wagt er aufgrund der Schemata eine Prognose, wie sich innerhalb der Metaphoriken eine therapeutische Veränderung zeigen könnte: durch eine Differenzierung innerhalb eines Schemas, durch eine dynamische Veränderung des Schemas oder durch eine neue, transzendierende konzeptuelle Metapher.96 Momente solcher Veränderungen werden dann in der Analyse einer mittleren und der letzten Therapiesitzung diskutiert, ebenso die „Techniken“ des Therapeuten im Rahmen seiner metaphorischen Modelle.

Buchholz und von Kleist haben in der qualitativen Studie „Szenarien des Kontakts“ (dies. 1997; vgl. Buchholz 1997) einen anderen Ansatz versucht: In dieser Untersuchung interessiert, was mit dem Wort „Kontakt“ in psychotherapeutischer Interaktion gemeint und gedacht wird. Die alltägliche Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesem Wort zerrinnt, sobald man sieht, dass einige Menschen Kontakt „anbieten“, manche Kontakte „knüpfen“, dritte Kontakt „machen“ und andere „in“ Kontakt „sind“. Die Bedeutung des Wortes „Kontakt“ unterscheidet sich offenbar je nach Person von KlientIn, TherapeutIn und Situation, und offenbar sind auch jeweils andere Interaktionen damit imaginiert. Die Stichprobe umfasst 30 Abschlussinterviews nach stationärer Psychotherapie und fast zu jedem davon noch ein Interview mit den entsprechenden PsychotherapeutInnen und KomplementärtherapeutInnen (Krankenpflegende, Körper- und GestaltungstherapeutInnen), insgesamt 82 Interviews. Die AutorInnen nehmen eine in der qualitativen Metaphernanalyse wenig benutzte Spur auf: Lakoff (1987, S. 397) hatte versucht, die unterschiedlichen konzeptuellen Metaphern der Emotion „Wut“ zu einem einzigen Szenario zusammenzusetzen (vgl. Abschn.  2.1.7), ein ähnlicher Versuch in Schmitt (1995, S. 221 f.) begrenzt sich auf ein einziges Szenario des psychosozialen Helfens. Hatte von Kleist Metaphern für die Selbstdarstellung von KlientInnen, Buchholz Metaphern für die Fantasien der KlientInnen über den Prozess der Therapie oder hinter den Metaphern liegende Schemata analysiert, so setzen sie nun metaphorische Konzepte zu mehreren Szenarien zusammen. Im Ergebnis wird daraus eine Sammlung von vier überindividuellen imaginativen Szenarien der Gestaltung von „Kontakt“ im Rückblick auf die stationäre Psychotherapie:
  • das „Szenario der schrittweisen Annäherung“, nicht nur von der Wegmetapher ausgestaltet, von der „Kontaktanzeige“ bis hin zur (körperlich gedachten) Entgrenzung, mit differenzierten Möglichkeiten des Zwischen-, Fort- und Rückschritts, mit der Möglichkeit von zu hohem Tempo ohne Aushandlung der Zwischenstufen, von Orientierungsverlusten und Hemmungen;

  • das „Szenario der elektromagnetischen Kontaktkräfte“, wo es funkt oder nicht, null oder eins nur gibt: das am wenigsten differenzierte Muster. Hier lässt sich aus eigenen Forschungen (Schmitt 1995) anfügen, dass sich für dieses Szenario auch sonst keine Metaphern des Helfens finden lassen;

  • das Szenario der Bindung zwischen „seidenem Faden und reißfestem Tau“, die Metaphorik des „Knüpfens“ von Kontakten, also vom Festigen, Pflegen, Abreißen und Wiederanknüpfen des „Kontaktfadens“;

  • das Szenario der Wandlung im „Sicheinlassen“, im als „Gefäß“ gedachten Kontakt; das therapeutisch mächtigste und auch risikoreichste. Hier geht es um Kontrolle und Kontrollverlust, Festigen und Verflüssigen der Grenzen, der Wandlung in der Auflösung oder der Traumatisierung im „Reinfall“.

Für jedes Szenario werden unterschiedliche Verlaufsmöglichkeiten, Risiken und Fehlentwicklungen diskutiert. Hier zeigt sich, dass eine prozessuale interaktive Diagnostik einer nosologisch orientierten Diagnostik (z. B. nach ICD-10) nicht immer folgt. Der Wert der Szenarien liegt darin, den Zusammenhang auch zwischen unterschiedlichen konzeptuellen Metaphern zu studieren, um damit komplexe, aber typische Ablaufmuster der Interaktion rekonstruieren zu können. Ein forschungsmethodisches Problem liegt darin, dass in der Mischung ähnlicher metaphorischer Konzepte in jedem Szenario die Grenzen zwischen diesen fließend werden. Auch werden Widersprüche zwischen metaphorischen Konzepten überblendet, sodass weitere Studien zur Brauchbarkeit des Szenariobegriffs notwendig erscheinen.

Darüber hinaus irritiert, dass die Metaphorik des Gebens und Nehmens nicht gefunden wird, die anderweitig (Schmitt 1995, mit Verweis auf Mauss 1990: König 1997) als zentrales Element therapeutischer Beziehung diskutiert wird.97 Dennoch können Buchholz und von Kleist sehr umfassend und gründlich zeigen, dass das Geschehen zwischen KlientIn und psychoanalytischer TherapeutIn eine durch Metaphern strukturierte Interaktion ist und Begriffe wie „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ als metaphorisch strukturierte Beziehungserwartungen reformuliert werden können.

Eine weitere metaphernanalytische Einzelfallstudie beschreibt die Bearbeitung des als „Widerstand“ beschriebenen Phänomens als Weiterentwicklung der Bedeutungshorizonte alltäglicher Metaphern im Gespräch (Buchholz 1993c), eine andere (Buchholz 1994c) rekonstruiert die Metaphorik einer Psychose im familiären Kontext als sinnvolles Denkmuster. Buchholz (2003) nennt zwei Möglichkeiten der Analyse von Metaphern im therapeutischen Gespräch: Das „Arbeiten innerhalb der Metapher“ bedeute das Aufnehmen und „Mitgehen“ mit der Metapher durch die TherapeutInnen, die „Arbeit an der Metapher“ umfasse deren Reflexion, Dezentrierung, die Sicht von exzentrischer Position auf die Metapher (ebd., S. 71 f.) Ziel einer therapeutischen Analyse von Metaphern sei es, die Übersteuerung unserer Erfahrungen durch eine Metapher aufzuheben (ebd., S. 81).

Die Stärke weiterer Publikationen von Buchholz liegt oft in der Entfaltung der Implikationen einzelner Metaphern. Buchholz (1994b) diskutiert am Beispiel der Fremdenfeindlichkeit einige Metaphern des öffentlichen Diskurses (vom vollen Boot, dem europäischen Haus und der Festung Europa, des öffentlichen Verstehens der rechtsextremen Brandanschläge als „Abreagieren“ vermeintlich Deklassierter).98 Buchholz (2000) gibt viele Beispiele, wie auch Diskurse der Autonomie und der Intimität ebenfalls metaphorisch verfasst sind.

Von Kleist (2001) hat bilanzierend die unterschiedlichen hier diskutierten Anregungen, welche die Metaphernanalyse für die Psychoanalyse, aber auch die Psychoanalyse für die Metaphernanalyse bieten kann, zusammengestellt und dabei auch auf den Wert des Behälterschemas zum Begreifen psychotischen Erlebens hingewiesen. Unter Mitarbeit von Buchholz ist die Studie von Bulla et al. (2005) entstanden, die aus Gruppenpsychotherapien von Sexualstraftätern im Gefängnis vor allem die Metapher vom sexuellen „Druck“ rekonstruiert, für den die Beteiligten in ihrer subjektiven Einschätzung nicht verantwortlich seien. Damit sind externalisierende Schuldzuschreibungen verbunden, dass beispielsweise die Ehefrau diesem „Druck“ nicht nachkam und deshalb das Kind zum Ausagieren des „Drucks“ genommen wurde. Eine weitere entschuldigende Metaphorik findet sich bei den Tätern, welche die Kinder filmten und dies mit wissenschaftlichen Motiven (und Metaphern der Forschung) rechtfertigen. Die dritte Schuld negierende Metapher findet sich darin, dass Pädophilie eine „Sucht“ sei, gegen die man wie bei jeder anderen Sucht (angeblich) nichts tun könne. Eine Variante dieser Selbstentschuldung ist das Bild der Pädophilie als „natürlicher Neigung“, die von der Gesellschaft tabuisiert werde. Zuletzt eignet sich die Konzeptualisierung des Therapieprozesses als „Beichte“ zur Abwehr von Verantwortlichkeit. Die Folgestudie (Buchholz et al. 2008) arbeitet diese Aspekte umfassender heraus, ohne das Verfahren der Mischung von Konversationsanalyse, Narrationsanalyse und Metaphernanalyse zu präzisieren (vgl. auch Buchholz et al. 2009).

4.6.1.2.2 Weitere psychoanalytische Studien

Das weitere psychoanalytische Schrifttum soll hier nur gestreift werden, wenn es weitere Hinweise für die Praxis der Metaphernanalyse, die von ihr abgeleiteten praktischen Interventionen oder zur Theorie einer metaphernanalytisch gestützten Beratung und Therapie beitragen kann.

In diesen Kontext gehört die frühe Publikation von Ekstein und Wallerstein (1956). In zwei Fallvignetten werden die Möglichkeiten der metaphorischen Intervention herausgearbeitet: Zunächst wird gezeigt, wie ein psychisch krankes Kind nach einer klassisch-psychoanalytischen Interpretation, in der seine Beziehungsbeschreibung zu einer Mitschülerin als Beschreibung seiner Beziehung zu seiner Mutter gedeutet wird, psychotisch dekompensiert. Anschließend wird gezeigt, wie es im psychotischen Zustand durch metaphorisches Mitagieren und damit verbundenem Bindungsangebot wieder etwas stabiler wird. Hier wird das „Interpretieren innerhalb der Metaphern“ erheblich wichtiger als das Anbieten neuer Metaphern. Der spätere Aufsatz von Caruth und Ekstein (1966) begrenzt die Arbeit innerhalb der Metapher bei schizophrenen und borderlineerkrankten Menschen auf eine nur vorbereitende, wenn auch notwendige Funktion vor dem klassischen Deuten. Das Arbeiten innerhalb der Metaphern der KlientInnen erzeuge eine Art von Empathie, die das Risiko habe, die Grenzen zwischen KlientIn und TherapeutIn zu verwischen; und sie äußern Skepsis gegenüber einer Hypostasierung der Metapher als universellem therapeutischen „Werkzeug“.

Rauchfleisch (1982) ist von diesen Ansätzen inspiriert und nutzt metaphorische Intervention in Phasen dysphorischer Gereiztheit bei Menschen mit dissozialen Persönlichkeitsstörungen: Er erinnert in solchen Momenten an Elemente aus ihren Träumen und nutzt sie als Metapher (z. B. das Bild des rasenden Elefanten), einfache Zeichnungen zur Symbolisierung der momentanen affektiven Lage oder Wolken, Wetter und Tagesabläufe als Vergleich (es gebe z. B. nicht nur blauen Himmel und schwarze Nacht). In seiner Diskussion gerade der einfachsten Metaphern in psychisch äußerst angespannten Situationen wird das Bemühen deutlich, damit auch die therapeutische Beziehung zu erhalten.

Babits (2001) nimmt bei der Frage, ob mit den Metaphern der KlientInnen oder denen der TherapeutInnen gearbeitet werden sollte, eine dritte Position ein. Es sei wichtiger, dass Klient und Therapeut gemeinsame Metaphern finden und ausarbeiten: „What is crucial, from a relational viewpoint, is not whether the patient or therapist generates the metaphor but that it will be developed between them“ (ebd., S. 23). Er vergleicht das Arbeiten mit Metaphern mit Winnicotts Vorstellungen, dass Metaphern in der Psychotherapie wie Kultur oder Spiel einen Übergangsraum als Raum der Möglichkeiten ergäben, in dem mit Bedeutungen probierend gespielt werden könne. Gleichzeitig ermöglicht das Explorieren metaphorischer Implikationen ein sicheres und „haltendes“ Arbeitsbündnis.

Siegelman (1990) bietet ein mit Lakoff und Johnson aufgeklärtes Metaphernverständnis, ohne theoretisch genau zu sein („basic metaphors“ statt „conceptual metaphors“), referiert aber gründlich die angelsächsische psychoanalytische Diskussion vor 1990. Vor allem die Bezüge zur Entwicklungspsychologie sind hier gründlicher ausgearbeitet als in der bisher zitierten Literatur. Lachauer (2005) beschreibt, von Buchholz inspiriert, das Gewinnen eines inneren Bildes (oder mehrerer) als Entwicklung eines Fokus zur Behandlung. Möller et al. (2009) rekonstruieren acht verschiedene metaphorische Konzepte in Supervisionssitzungen von PsychoanalytikerInnen (vgl. auch Mitterhofer 2012). Psyche wird vor allem als Gefäß wahrgenommen, Psychotherapie als (Fort-)Bewegung, Hilfestellung, Kampf, Naturgewalt, Arbeitsbeziehung, Sichtbarmachen von Verborgenem, Spiel, technisches Konstrukt und Erziehung. Die AutorInnen sehen bei Lakoff und Johnson eine Vernachlässigung der diachronen bzw. historischen Perspektive, das heißt der Veränderung von Metaphern; darauf wird im Abschn.  5.7.11 als Fragestellung nicht nur im psychotherapeutischen Geschehen eingegangen.

4.6.1.2.3 Zusammenfassung
Dass es sinnvoll war, den psychoanalytischen Beitrag zur Metaphernanalyse separat zu behandeln, zeigt das Fazit, das als Zuspitzung und Vertiefung des in Abschn. 4.6.1.1.4 formulierten Resümees für die Studien aus anderen therapeutischen Schulen gelesen werden kann:
  • Deutlicher als in nicht-psychoanalytischen Studien hat Buchholz wiederholt formuliert, dass Therapietheorien metaphorische Gebilde sind, die bestimmte Interaktionen und Denkweisen ermöglichen und andere behindern. Therapietheorien sind also selbst als Gegenstand metaphernanalytischer Untersuchungen ernst zu nehmen.

  • Von den (metaphorischen) Therapietheorien kann nicht unmittelbar auf (metaphorische) Prozessmodelle der konkreten TherapeutInnen geschlossen werden.

  • Die Erwartungen der KlientInnen an die Behandlung als metaphorische Prozessfantasie sind essenziell für den Verlauf einer Behandlung, ihre Passung, Nichtpassung und adaptierende Verhandlung ein zentrales Thema.

  • Untersuchungen von Therapien und Beratungen sind auf eine Methodik angewiesen, die Prozesse abbildet. Wie Metaphernanalysen und Konversationsanalysen nachvollziehbar aufeinander bezogen werden, muss derzeit noch offen bleiben (vgl. auch Schröder 2012, 2015).

  • Sowohl die Studien von Buchholz und von Kleist (1997) zu Kontakt wie die Studien von Buchholz et al. (2008, 2009) zur Negation von Schuld bei Sexualstraftätern deuten an, dass für Affekte die Konstruktion komplexer Metaphernszenarien ein Ziel jenseits von metaphorischen Konzepten sein könnte.

4.6.2 Weitere Subdisziplinen der Psychologie

Die Hintanstellung der Subdisziplinen der akademischen Psychologie in dieser Gliederung hat, wie erwähnt, ihre Begründung darin, dass in diesen Bereichen für eine Metaphernanalyse als qualitative sozialwissenschaftliche Forschungsmethode sehr viel weniger Anregungen, verglichen mit dem Feld von Beratungs- und Therapieforschung, zu finden sind. Es gibt jedoch spezifisch psychologische Beiträge, die zur Diskussion beitragen. Eine andere Schwierigkeit dieses Kapitels ergibt sich aus der Tatsache, dass das Phänomen der Metapher in der Perspektive von Lakoff und Johnson nicht mehr nur ein Thema der Sprachpsychologie ist, sondern auch eines der kognitiven Psychologie, der Sozialpsychologie und der Entwicklungspsychologie. Einige Autoren wie zum Beispiel Gibbs (2002, 2006, 2008) sind in verschiedenen Bereichen präsent, und so mag die Einteilung überscharfe Grenzen stiften, die manchen Forschenden nicht ganz gerecht wird, aber eine erste Orientierung ermöglichen soll.

4.6.2.1 Sprachpsychologie

Die Rolle der Metaphern in der deutschsprachigen psychologischen Forschung ist durch Abwesenheit mit Ausnahmen gekennzeichnet.99 In den gängigen Lehrbüchern der Psychologie kommen Metaphern im Stichwortverzeichnis nicht vor, beispielsweise im neuesten Lehrbuch der Sprachpsychologie von Galliker (2013) oder der Übersicht zu Sprache und Denken von Beyer und Gerlach (2011). In älteren zentralen Publikationen des Fachs werden Metaphern nur kursorisch erwähnt (Herrmann 1995; Langenmayr 1997). Dennoch finden sich immer wieder wenig beachtete Studien aus unterschiedlichen Teilfächern der Psychologie, die nahelegen, dass Metaphern für Wahrnehmung, Sprechen, Denken und Fühlen ein wesentliches Element bilden. Stählin (1914) hatte in einer ersten empirischen Untersuchung die Metapher einer „unbewussten Analogietätigkeit“ des Geistes zugeordnet und dabei einer begrenzten Anzahl Metaphoriken eine Vielzahl von Kategorien zu ihrer Einteilung gegenübergestellt. Folgenreicher – jedenfalls in der sprachwissenschaftlichen Debatte – wird erst Bühlers Sprachpsychologie (1934). Er begreift die Metapher nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als ubiquitäres Phänomen der Sprache; wer erst einmal angefangen habe, darauf zu achten, „dem erscheint die menschliche Rede bald ebenso aufgebaut aus Metaphern wie der Schwarzwald aus Bäumen“ (Bühler 1934, S. 342). Er „definiert“ eine Metapher als das Sehen eines Objekts auf einer fotografischen Platte (sein Beispiel: dominierender Besucher eines Salons) durch eine andere fotografische Platte mit anderem Gegenstand (Löwen), was ein „Differenzbild“ ergebe, in dem sich die passenden Eigenschaften herausfilterten: „Salonlöwe“. Seine „Definition“ ist selbst eine metaphorische Übertragung. Bühler weist der metaphorischen Sprache vier Funktionen zu, die wir heute weitgehend als „kognitive“ beschreiben würden: Metaphern ermöglichen es, neue Sachverhalte zu beschreiben, andere drastisch zu charakterisieren, drittens erleichtern sie, Unbekanntes durch Bekanntes darzustellen, und zuletzt erlauben Metaphern, tabuisierte und anstößige Themen auf eine verhüllende Weise anzusprechen (ders., S. 342, S. 352 f.).

Solche Wertschätzung findet die Metapher in der Psychologie dann lange nicht mehr; sie kommt nicht vor oder stört. Als Störung, genauer: als „semantische Anomalie“ ist sie vor allem in Hörmanns Sprachpsychologie (1972) lebendig. Immerhin verhilft sie Hörmann, sich von den in den 60ern dominierenden Modellen der generativen Grammatik bzw. generativen Semantik zu distanzieren, deren Modell eine grammatische Struktur und ein Lexikon mit Wortbedeutungen, aber keine Bezüge zu situativem Kontext der Äußerung, Person der Sprechenden, gesellschaftlicher und kultureller Umwelt der Gesprächssituation vorsah. So war metaphorisches Sprechen nur begrenzt zu verstehen; Hörmann (auch 1977, 1980) führt die intentionale Komponente „Sinnkonstanz“ als Bedingung des Verstehens ein: Kommunikation verläuft für den Verstehenden in der Regel unter der Prämisse, sinnvoll zu sein. So bezieht Hörmann auffällige, den Verstehensvorgang verzögernde Metaphoriken ein, die beim Empfänger neue kognitive Prozesse („Konstruktion eines Bildes“) auslösten, erfasst jedoch nicht die schon bei Bühler benannten alltäglichen Metaphern.

In der Psychologie finden sich ab den 70er-Jahren vermehrt Publikationen im Kontext dieser sich nicht durchsetzenden Bemühungen um eine konsensfähige Konzeptualisierung metaphorischer Sprache. Neben den schon erwähnten grundsätzlichen Überlegungen Hörmanns sind es einige empirische Untersuchungen in der Entwicklungspsychologie, die sich auf Piaget oder Vygotskij stützen (Augst 1978, gegensätzlich: Paprotté 1985). Bock (1981) untersucht in einem experimentellen Design die Wirkung unterschiedlicher Metaphern auf das aktive oder passive Bewältigen eines Problems, später dokumentiert er Metaphern im Kontext der medialen Bewältigung von Tschernobyl (Bock und Krammel 1989). Das gewachsene Interesse der psychologischen Forschung an der Metapher zerstreut sich jedoch auch hier in heterogenen theoretischen Konzepten mit geringer Reichweite und unterschiedlichen Operationalisierungen metaphorischer Sprache100; die experimentelle Psychologie imponiert durch kunstvolle Prozeduren der Messung der Verstehensgeschwindigkeit von Metaphern unter ebenso kunstvollen Begleitumständen (vgl. Pollio 1984; Herrmann 1995), deren ökologische Validität im Hinblick auf irgendeine Lebenspraxis zu bezweifeln ist.

In der englischsprachigen Literatur sind die Hinweise auf Metaphern zu diesem Zeitpunkt umfassender: Sie weisen der Metapher einen systematischen Stellenwert in der kognitiven Psychologie zu (Ortony 1979, 1993). Der wichtigste Anstoß, sich dem Phänomen wieder zu nähern, kommt von außen: Die kognitive Linguistik von Lakoff und Johnson hat in verschiedenen Teilbereichen der Psychologie interessante Folgestudien angeregt, die freilich auf neue Überlegungen innerhalb der Disziplin zurückgreifen konnten und für qualitative Forschung ergänzende Perspektiven bieten. So hat Rumelhart (1979, 1993) sehr radikal eine Selbstverständlichkeit infrage gestellt: Für ihn existiert keine Trennung von metaphorischer und wörtlicher Bezeichnung, denn alles Verstehen ist nur durch die in der Ontogenese erworbenen Schemata möglich, „wörtliches“ Bezeichnen ist in diesem Sinn eher ein Sonderfall einer Schemaanwendung. Gibbs (1993) hat diese Anregung aufgenommen und die von Lakoff und Johnson entwickelten Begriffe des metaphorischen Konzepts und des kinästhetischen Schemas genutzt, um nicht nur Metaphern, sondern auch andere figurative Sprache (Ironie, Metonymie, Übertreibung, Untertreibung, Redewendungen u. a.) als schemabasierte Verstehensmöglichkeiten zu rekonstruieren. Besonderen Wert hat er in zwei Publikationen (2002, 2006) darauf gelegt, dass die von älteren Psychologen experimentell gemessenen unterschiedlichen Verstehensgeschwindigkeiten von (neuer) Metaphorik und „wörtlicher“ Sprache sehr kontextabhängig sind und von einem verkürzten Verständnis der Metapher ausgehen. In seinen Experimenten belegt er, dass die in der Lebenswelt häufig gebrauchten figurativen Schemata wie konventionalisierte Metaphern und scheinbar „wörtliche“ Sprache ähnlich schnell verstanden werden. Diese radikale, die Definition von Lakoff überschreitende Position (vgl. Lakoff 1993, S. 205 f.) wird von PsychologInnen bestritten, die Metaphern im Gegensatz zu wörtlicher Sprache definieren, auch wenn sie konzedieren müssen, dass ein Großteil der Sprache metaphorischen Ursprungs ist (Bowdle und Gentner 2005). In der deutschen Sprachpsychologie lebt jedoch das alte Modell der Metapher als Störung fort, die Metapher wird immer noch als „Auseinanderfallen von Geäußertem und Gemeintem“ (Groeben und Christmann 2006, S. 639 ff.) gefasst – hier sind keine Anregungen für eine an der kognitiven Linguistik orientierte Metaphernanalyse zu erwarten. Der Hauptteil der im Folgenden genannten Untersuchungen berührt das Verstehen von Metaphern; zur Metaphernproduktion finden sich nur vereinzelte Studien (Corts und Meyers 2002).

4.6.2.2 Allgemeine Psychologie

Die Funde, die sich der Allgemeinen Psychologie zurechnen lassen, berühren drei Bereiche: zunächst die Selbstthematisierung, wie psychologische Theorien durch Metaphern motiviert sein könnten; dann die Emotionspsychologie, zuletzt das Thema Intelligenz.

Zur Theoriebildung in der Psychologie finden sich bereits frühe Arbeiten, die das Potenzial auch einer rudimentären Metaphernanalyse zur Selbstreflexion aufscheinen lassen. Ohne Berührung mit der modernen Metapherndiskussion bezog sich Herzog (1984) auf den Ansatz von Black und sah in der psychologischen Theoriebildung Maschinen-, Handlungs- und Organismusmodelle. Gigerenzer (1988) beschrieb am Beispiel der sogenannten „kognitiven Wende“ der Psychologie, in der Computer und Statistik zu beherrschenden Metaphern für das Verständnis des menschlichen Geistes und damit zu Theorien über kognitive Prozesse wurden. Denken wurde als intuitive Statistik der Kalkulation des Alltags gefasst, und Gigerenzer beobachtet: „Werkzeuge des Forschers, welche analytischen Charakter besitzen und als unverzichtbar angesehen werden, zeigen eine Tendenz, zu Theorien über die kognitiven Funktionen der untersuchten Personen zu werden“ (ebd., S. 93). Ihre Idealität (Präzision, Vorhersagbarkeit) werde übertragen; und er arbeitet den Siegeszug der Metapher „Kognition als intuitive Statistik“ als innere Kosten-Nutzen-Berechnungen bei Entscheidungen heraus. Es werde lange übersehen, dass die Statistik als heterogenes Gebilde nicht wirklich zur Metapher tauge und Differenzen verschiedener Ansätze der Statistik im Bild untergingen, andere Probleme (Frage der Messung, Minimierung von Messfehlern) übersehen sowie Versuchsartefakte mit dieser Metapher produziert würden (ähnlich Gigerenzer et al. 1999; vgl. kritisch: Jäger 1994). Kuhn (1993) wie Boyd (1993) gehen davon aus, dass Metaphern in der Wissenschaft – und damit auch in der Psychologie – nicht nur eine heuristische Funktion haben, sondern auch theoriekonstituierend wirken, zumindest so lange, bis ihre analogen Implikationen ausgeschöpft und neue Ereignisse nicht mehr zu integrieren sind. Boyd nennt als Beispiele das bohrsche Atommodell mit seinem Bild von Sonne und Planeten (Atomkern/Elektronen), in der Psychologie das „Mind-as-a-Machine“-Paradigma: Der menschliche Geist funktioniere wie die Informationsverarbeitung eines Computers.101

Im Kontext der Emotionspsychologie existieren bereits Studien, die den Ansatz von Lakoff und Johnson berühren, zumal Lakoff (1987) mit seiner Fallstudie zur metaphorischen Konzeptualisierung der Emotion „Wut“ Vorarbeiten geleistet hat: Die unverzichtbare Rolle bildhafter Sprache in der Äußerung, aber auch der Wahrnehmung von Emotionen anderer Menschen diskutieren Ortony und Fainsilber (1989) und Gibbs et al. (2002) mit experimentellen Befunden (vgl. auch Shen 1999). Kövecses (2002) beharrt auf der Rolle kulturell vergleichbarer metaphorischer Konzepte von Emotionen. Eine psychologische Handlungstheorie muss darüber hinaus die in Metaphern immer auch mitschwingenden Emotionen einbeziehen – Mees (1999) stellt dazu ein komplexes Modell vor, das sich in Teilen auf Lakoff und Johnson bezieht. Averill (1990) knüpft für seine historische Übersicht über Theorien der Emotion ebenfalls an Lakoff und Johnson an, dass gerade Gefühle mit Metaphern ausgedrückt werden, wie umgekehrt durch die Zuschreibung von Gefühlen unbelebte Dinge zu lebenden Wesen werden: „Der Himmel ängstigt …“, die „Natur ist friedlich“. Er diskutiert die Metaphern für Emotionen in der Antike, bevor er die modernen Bilder der Psychologie in ihrem Auftreten und ihren theoretischen Erweiterungen ausarbeitet; er findet sechs zentrale Metaphern in Theorien der Psychologie: „inner feelings, works of the flesh, the beast within, diseases of the mind, driving force, and putting on a show“ (ebd., S. 104). Insbesondere die letzte Metapher, Gefühle als soziale Rolle zu begreifen, lässt Anschlüsse zur Soziologie zu. Hochschild (1990) nennt im Rahmen spätkapitalistischer Gesellschaften die Notwendigkeit neuer Metaphern: Emotionen als Arbeit, „Gefühlsarbeit“, um sich in divergenten Rollen immer wieder zurechtzufinden, und die Metapher des (Aus-)Tauschs von Gefühlen. Buchholz (1996, S. 167 f.) beschreibt die dazu notwendige metaphorische Substanzialisierung von Gefühlen als flüssige oder feste Stoffe (Gefühle „haben“ und „loswerden“, von Gefühlen „überschwemmt“ werden) als häufiges Phänomen.

Die Intelligenz sieht Sternberg (1990) in den Theorien der Psychologie als geografische Metapher („cognitive map“), als Computermetapher, in Bildern der biologischen Leistungsfähigkeit (Tempo und Präzision der Verarbeitung), der erkenntnistheoretischen „Metapher“, wie überhaupt erkannt werden kann (Piaget), der anthropologischen „Metapher“ (welche Form nimmt Intelligenz als kulturelle Erfindung an?), der soziologischen „Metapher“ (wie werden soziale Prozesse in der Entwicklung verinnerlicht?) und der Systemmetapher für den Geist. Diese zum Teil wenig bildhaften Formulierungen zeigen, dass Sternbergs Begriff der Metapher präzisierungsbedürftig ist: Sein Systematisierungsversuch der Theorien der Intelligenz ist nach der Innen-Außen-Dichotomie der Behältermetaphorik gegliedert (als „von innen“ kommende oder durch Umwelt in das Innere verlegte bzw. dort angeregte), und diese metaphorische Vorstrukturierung erfasst mehr oder weniger gut die von ihm benannten Theorien. Diese Behältermetaphorik ist eine von ihm selbst nicht erkannte metaphorische Struktur mit ihren inhärenten Hervorhebungen und Ausblendungen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass einzelne Teilbereiche der Allgemeinen Psychologie in ersten Studien diskutiert sind – nicht mehr.

4.6.2.3 Methodik: Qualitativ forschende Metaphernanalyse

Man kann die von Lakoff und Johnson vorgetragene Form linguistischer Beweisführung – die bloße Präsentation passender Beispiele – als ungenügend für psychologische oder sozialwissenschaftliche Forschung abtun (vgl. die ausführliche Kritik im Abschn.  2.1.9), man kann sie aber auch als Herausforderung sehen: In der deutschsprachigen Psychologie haben bisher vor allem qualitativ forschende Ansätze die Aufgabe angenommen, die Thesen von Lakoff und Johnson auf empirisch belastbare Füße zu stellen. Sie lassen sich in drei kurz aufeinanderfolgende Generationen aufteilen:
  • Die erste Generation (Wiedemann 1986; Straub und Sichler 1989; von Kleist 1987) versucht die Auswertung von einzelnen Metaphern in Interviews bzw. Therapietranskripten und entwickelt daran erste methodische Hinweise zur Metaphernanalyse.

  • Darauf aufbauend kann sich die zweite Generation größeren Projekten bei der Untersuchung von Psychotherapieprozessen und Konzepten des psychosozialen Helfens zuwenden und systematische Vorgehensweisen entwickeln: in Verbindung mit psychoanalytischen und ethnomethodologischen Vorgehensweisen Buchholz (1996), Buchholz und von Kleist (1995, 1997, vgl. Abschn. 4.6.1.2), als eigenständige qualitative Forschungsmethode Schmitt (1995, 1997, 2003, 2005).

  • Die dritte Generation von MetaphernforscherInnen stieß sich wiederum an der vorigen ab, um neue Auswertungsverfahren zu entwickeln: Schachtner (1999) kombinierte Metaphernanalysen mit der Grounded Theory nach Strauss, um metaphorische Muster ärztlichen Handelns zu rekonstruieren, Moser (2000a) verband den Ansatz von Lakoff und Johnson mit quantitativen Methoden (s. u. Abschn. 4.6.2.6), um unterschiedliche Selbstkonzepte von Hochschulabsolventen zu beschreiben.

Eine klare Schwerpunktsetzung ist derzeit nicht zu erkennen, eher eine Fortführung durch Forschende der zweiten Generation. Darüber hinaus sind auch Versuche mit ungeklärter Methodik in der phänomenologischen Psychologie zu finden: Stelter (1996, insbes. S. 147–150) sammelt Metaphern für den Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und Sport, ohne die Identifikation von Metaphern und die Systematisierung ihrer Inhalte methodisch zu diskutieren. Horton (2004) untersucht die Metaphern für die Veränderungen im mittleren Lebensalter und präsentiert fünf Fallstudien, in denen jedoch die Äußerung jeder Person auf eine zentrale Metapher reduziert wird. Super und Harkness (2003) haben in einer Untersuchung mit quantitativen und qualitativen Anteilen in Interviews mit Eltern und psychiatrischen Professionellen auf die sechs von Pepper (1942) vordefinierten „Wurzelmetaphern“ zurückgegriffen102. Sie fanden dabei zur Beschreibung kindlicher Entwicklung stabile Präferenzen für einzelne Metaphernfelder. Ähnlich argumentiert Seifert (2000) anhand einer Studie über die soziale Konstruktion von Kindheit, in der ebenfalls auf Peppers „root metaphors“ zurückgegriffen wird.

4.6.2.4 Kognitive Psychologie

Die Kognitive Psychologie ist, wie bereits Moser (2001) umfangreich belegt hat, der Bereich, in dem Lakoff und Johnson noch am nachhaltigsten in der nicht-klinischen Psychologie gewirkt haben. Es ist gleichzeitig der Bereich, in dem das psychologische Experiment in kontrollierter Laborumgebung mit spezifischen Testaufgaben und teils künstlich hergestellten Metaphern dominiert, sodass die ökologische Validität der Ergebnisse etwa für die Frage, wie Metaphern Handeln anleiten, ebenso wie für die Theoriebildung bezweifelt werden darf und für die qualitative Forschung kaum Anregungen zu entnehmen sind. So zieht Huber (2005) ein skeptisches Fazit für den Zusammenhang von Handlung und Kognition in seiner Übersicht kognitionspsychologischer Ansätze der Metaphorik (ebd., S. 136), aber auch er erhebt kein reales Verhalten von Führungskräften, sondern solches im Rahmen eines computergestützten Planspielszenarios.103 Eine imaginäre Firmenleitung nutzt in ihren Ansprachen an die Versuchspersonen als Teammitglieder Metaphern aus dem Feld Unternehmen als Maschine, als Mannschaft und als Garten. Die Reaktionen der Versuchspersonen wurden protokolliert. Die Maschinen-Metapher wurde am stärksten abgelehnt und wurde dennoch in den Protokollen der Befragten am häufigsten übernommen (ebd., S. 287). Auch die anderen Metaphern zeigten gegenüber der Kontrollgruppe mit einem neutralen Stimulus sprachliche Übernahmen.

Metaphern zeigten sich als Problem der künstlichen Intelligenz (Barnden 2008) bereits in den Schwachstellen der maschinellen Übersetzung von Texten (Schneider 1996), und die Schwierigkeiten, das Verstehen von Metaphern künstlich zu simulieren, führte zu komplexen Konstruktionen (Hausser 1996) wie zur Einsicht, dass es gerade die leibgebundene Metaphorik ist, die uns von der Maschine unterscheidet (Radman 1996). Wenn Metaphern als handlungsleitende Kognitionen ernst genommen werden können, dann gelingt dies nicht im Rahmen hierarchisch-sequenzieller Vorstellungen der bisherigen Handlungstheorien (Schachtner 1999, S. 27 f.), denn Metaphern implizieren vielfältige Organisationsweisen des Denkens, von denen die mit der Metapher der Hierarchie beschriebene nur eine unter anderen ist. Die umfangreichste Übersicht über die experimentellen Befunde zu den Implikationen der kognitiven Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson finden sich in der bereits erwähnten Publikation von Gibbs (2006, kürzer: ders. 2008). Darin setzt er die These des „embodiment“, dass alle kognitiven Funktionen sich aus einem körperlichen Funktionieren in einer sinnvollen Umwelt heraus entwickeln und sich davon nicht ablösen lassen, in schärfsten Gegensatz zu der bisherigen und meist impliziten Grundannahme aller „cognitive sciences“, dass geistige Funktionen als algorithmisches Prozessieren von Symbolen begriffen werden können: „understanding cognition as an embodied activity demands recognition of the situated dynamics that serve to generate meaningful behavior in a complex world“ (ebd., S. 11). Sein Buch sammelt Befunde aus den Bereichen des Selbstverständnisses als Person, der Wahrnehmung und Handlung, der Konzeptbildung, der Sprach- und Denkentwicklung, der Emotionspsychologie und anderen mehr und verbindet Schemata aus sensorischer Wahrnehmung und körperlicher Aktion, ohne die stark moderierende Funktion der umgebenden Kultur zu vergessen. Das hat Konsequenzen für die Methodik der Forschung – in seinem Schlusswort (ebd., S. 277) bittet er zu bedenken, dass „phenomenological reports“ unter anderem auch etwas zum Verständnis menschlicher Symbolbildung betragen könnten. Auch wenn die Möglichkeiten qualitativer Forschung als „phenomenological report“ nicht wirklich begriffen sind, so lässt sich doch hier anknüpfen.

4.6.2.5 Entwicklungspsychologie

Der Gegenstand der Entwicklungspsychologie ist unvermeidlich metaphorisch konstituiert:104 Ob der Einfluss der Außenwelt auf das Kind in Form einer „prägenden“ Einwirkung eines Münzstempels gedacht wird oder man davon redet, dass angeborene Anlagen „reifen“, verweist schon auf zwei wichtige Metaphernkomplexe, die technischen und organismischen Bildvorräte zur Beschreibung des Menschen (Billmann-Mahecha 1990). In den letzten 50 Jahren sind Metaphern in Latinisierungen vom „Prozess“105 oder der „Transformation“106 versteckt worden, ohne die impliziten Denkmuster der Wegmetaphorik oder des handwerklich-technischen Veränderns verleugnen zu können. Entwicklungspsychologie ist ohne Metaphern nicht vor- und darstellbar.

Publikationen zur Geschichte der Entwicklungspsychologie verdeutlichen (z. B. Montada 1998), dass der Lebensabschnitt der Kindheit nicht immer in dieser Form existiert hat. Montada beschreibt mit Hinweis auf Ariès107 das vormoderne metaphorische Deutungsmuster, dass Kinder ab einem bestimmten Alter übergangslos „kleine Erwachsene“ gewesen seien. Schon in Montadas Übersicht wird deutlich, dass auch die späteren Konzepte der Entwicklung „bloß“ metaphorischer Natur waren: Sei es die Idee der altersgerechten „Aufgaben“ und „Werke“ von Comenius, eine Metapher, die das Leben als Schule oder Lehre konzipiert; sei es Rousseaus Naturmetaphorik („Wachstum“, „Reifung“, „Entfaltung“, polare naturmetaphorische Entgegensetzungen: „Verbildung“, „Verderbnis“, „Verbiegung“), sei es die Fadenmetaphorik der „Entwicklung“ oder die Kombination aus Weg- und Höhenmetaphorik in den „Stufen“ des individuellen „Fortschritts“, als sei dieser eine Treppe oder Leiter. Die Verräumlichung der Zeit in „Phasen“ der Entwicklung ist ebenso ein metaphorisches Konstrukt wie die Übertragung der phylogenetischen Entwicklung auf die Individualentwicklung (Haeckel, „biogenetisches Grundgesetz“). Piaget bezieht sich mit „Assimilation“ und „Akkommodation“ auf visuelle Metaphern, die ihrerseits auf Metaphern aus der älteren Biologie zurückgehen.108 Die Entwicklung von entwicklungspsychologischen „Messinstrumenten“ in Form von Intelligenz- und anderen Tests zeigt sich schließlich als metaphorische Konstruktion von zeitgemäßer Rationalität. Das Fehlen einer Studie über den Wandel zentraler Metaphoriken der Entwicklungspsychologie ist zu bedauern; eine wichtige, aber nicht weiter verfolgte Vorarbeit dafür liefert Billmann-Mahecha (1990) in ihrer Studie zu „idealen Entwürfe[n] und Vorstellungen, die sich eine Epoche oder auch eine soziale Gruppe von Kindern macht“ (ebd., S. 94). Ohne als metaphernanalytische Arbeit angelegt zu sein, arbeitet sie einige Metaphern der Betrachtung von Kindheit heraus, so die Wahrnehmung von Kindern als „unkontrollierte“ (und zu beherrschende) Natur oder im Gegenbild als „reine“ Natur, die durch Erziehung „veredelt“ werden kann. Die Analyse einer Metapher zur Kritik des entwicklungspsychologischen Experimentierens nutzt Smith (1997): „Wissen“ wird in einer auch wissenschaftsüblichen Metapher als „Stoff“ gesehen, den man „hat“ oder „erwirbt“ – eine verdinglichende Metaphorik, als deren Schattenseite sich in der Forschung die Nichtwahrnehmung von Kontext und Interaktion beim Wissenserwerb zeigt. Den gleichen Gedanken hat Sfard (1996), sie vergleicht die Metaphorik des Lernens als „Aneignung“ mit der des Lernens als „Teilhabe“ in psychologischen Theorien auf eine sehr differenzierte Weise.

Die Entwicklungspsychologie begrenzt sich nicht mehr auf den Bereich kindlicher Entwicklungen, aber es ist noch keine systematische entwicklungspsychologische Untersuchung zu Verlauf und Veränderung metaphorischen Denkens in späteren Altersphasen bekannt. Der folgende Abschnitt referiert daher zunächst ältere quantitative entwicklungspsychologische Beiträge zur Entwicklung des metaphorischen Verstehens bei Kindern, weil diese auf eine Problematik verweisen, die für qualitative Forschung relevant ist: Das kindliche Verständnis und der Gebrauch von Metaphern differiert erheblich von dem Erwachsener. Eine qualitative Metaphernanalyse kann daher nicht darauf verzichten, sich bei quantitativ gewonnenen Befunden zu informieren.

Augst (1978) untersuchte vor dem Hintergrund der piagetschen Entwicklungspsychologie die Entwicklung des Verstehens von Metaphern. Er legte Kindern konventionelle und lexikalisierte Sprachbilder wie etwa „Glühbirne“ vor; Achtjährige konnten ein Viertel davon verstehen, Elfjährige die Hälfte, 15-Jährige drei Viertel derselben. Er analysierte, dass Kinder Formen und Funktionen übertragen und eher Substantivmetaphern erkennen (die erwähnte „Glühbirne“); Erwachsene erkennen häufiger Adjektivmetaphern und übertragen Sinn, Qualität, Relation („warmes Wasser“ vs. „warme Begrüßung“). Nach seiner Auffassung müssen Kinder die Periode des formal-logischen Denkens im Sinne Piagets erreicht haben, um das Wissen um die Konventionalität der Bezeichnungen zu erwerben, damit sie Metaphern verstehen. Ohne dieses Wissen ist seiner Auffassung nach für sie der Name eines Objekts noch Teil desselben (Pars pro Toto), was ein Metaphernverständnis erschwert.

Auch Reyna (1985) reformuliert Piaget, weicht aber von Augst ab: Ein Kind ab zwei Jahren kann in symbolischen Spielen (z. B. einen Bauklotz für eine Eisenbahn zu halten) Bedeutungen übertragen. Im Alter ab drei Jahren produzieren Kinder aus ähnlicher Wahrnehmung heraus spontan solche ungewohnten Metaphern. Ab sechs Jahren wird fantasiert, was die Erwachsenen mit ihren Metaphern meinen: „Versteinert“ sei jemand vielleicht durch den Spruch einer Hexe (ebd., S. 149), Kinder realisieren die konventionelle Bedeutung des „Versteinerns“ noch nicht. Solche Fähigkeiten der fantasierenden Komplettierung des Verstehens verlieren sich ab neun Jahren in einer „buchstäblichen“ Phase, in der auch wenige Metaphern produziert werden. Reyna legte Kindern Geschichten vor, die mit einer konventionellen Metapher endeten, zum Beispiel nach einer Erzählung eines Streits mit einem wütenden Vater wurde formuliert: „Der Donner erschütterte den Jungen“. Aufgabe der Kinder war es, die Geschichte weiterzuerzählen. Sie erfanden oft szenische Komplettierungen (z. B. der Vater hätte in diesem Fall etwas umgestoßen, was den Donner erzeugt habe). Reyna formuliert, dass bei Kindern zwischen sechs und neun Jahren eine „magische“ Zwischenphase vor dem erwachsenenüblichen Verstehen einer Metapher festzustellen sei (ebd., S. 176).

Winner (1988) kann im Wesentlichen die Befunde von Augst und Reyna bestätigen, auch sie erforscht nur das Verstehen lexikalisierter Metaphern. Sie lässt Kinder nach der Darbietung einer wie bei Reyna mit einer Metapher endenden Geschichte diese je nach Alter mit Puppen fortspielen, erzählend vervollständigen oder einen Multiple-Choice-Test mit Paraphrasierungen durcharbeiten. Im Unterschied zu Piaget geht sie davon aus, dass für das Verständnis von Metaphern weniger die Stufe der Denkoperationen, die das Kind erreicht hat, wichtig ist, sondern sein materiales Wissen über die Welt.

Solche Ergebnisse sind von dem Metaphernbegriff der jeweiligen Untersuchung abhängig. Paprotté (1985) wendet sich gegen Augst und andere, die Piagets Hypothese bestätigen, Kinder gebrauchten Metaphern erst mit elf Jahren. Indem er Bedeutungsextension im kindlichen Sprachgebrauch (ebd., S. 408) als metaphorisches Prinzip nimmt, auch das Komplexdenken der Kinder im Sinne Wygotskis hier integriert, ist für ihn metaphorisches Übertragen der Anfang allen Denkens und Sprechens (ebd., S. 418 f.). Eine ähnliche Auffassung vertritt Leondar (1975), die sich ebenfalls auf Wygotski stützt. Diese Betrachtung der Metapher als zentrale kognitive Operation stützt den Ansatz der kognitiven Linguistik. Kinder können ab dem Vorschulalter bis zum Alter von etwa elf Jahren konventionelle Metaphorik nicht erklären (was eine Schwierigkeit vieler Untersuchungsdesigns aufdeckt), können aber diese Metaphorik schon benutzen (zum Teil in abweichender, auch konkretistischer Form). Vorschulkinder produzieren im Vergleich mit anderen Altersstufen die meisten unkonventionellen Metaphern.109

Darüber hinaus fällt auf, dass die Forschung vor allem auf die von Piaget postulierten Niveaus des Denkens bei Kindern bezogen ist und Verstehen nicht als Interaktion konzipiert wird, wie es neuere Ansätze der Entwicklungspsychologie nahelegen (Faltermaier et al. 2002, S. 27 f.). Statt der Analyse realer Kommunikation in natürlichen Settings wird in der Regel kunstvolles Experimentieren vorgeführt, die einbezogenen Kinder waren in sehr kontrollierte Vorgehensweisen eingebunden und hatten wenige Möglichkeiten zur eigenen Strukturierung der Situation. Ihre Spontansprache interessiert meist nicht, nur ihr Reagieren auf metaphorische Redeweisen lexikalisierter Art, die ihrer Lebenswelt fremd sind und deren Auswahl meist unbegründet bleibt – leider auch noch in neueren Studien (Schaunig et al. 2004). Wenn auch so das Prinzip der Offenheit für die Leistungen der Untersuchten (Mey 2003a) aus qualitativer Sicht gröblich verletzt wird, so ist diesen Studien zugutezuhalten, dass sie auf eine paradoxe Weise ein anderes qualitatives Postulat massiv rechtfertigen: das sogenannte Fremdheitspostulat, das „ein selbstverständliches In-Eins-Setzen von eigenen Konzepten mit denen der untersuchten Kultur oder Personen(-gruppe) untersagt“ (Mey 2003a, S. 325; vgl. Mey 2003b).110 Diese Studien machen darauf aufmerksam, dass Kinder sich und die Welt in anderen (metaphorischen) Konzepten begreifen. In diesem Sinn hat Cameron (1996) dafür argumentiert, dass kindliches Wissen und Können als „domain knowledge“ den Prozess der Metaphorisierung beeinflusst und ohne Kontextanalysen kaum adäquat zu beurteilen ist. Daher ist die bloße Übernahme von metaphorischen Konzepten, wie sie Lakoff und Johnson (1980) formulieren, auf kindliches Denken unangemessen; die einzelnen Konzepte müssen daher kritisch überprüft und ihre Entwicklung muss rekonstruiert werden, was Lakoff und Johnson (1999, S. 46–49, s. u.) nachzeichnen. Auch die hier vorgeschlagene systematische Metaphernanalyse folgt der Annahme, dass metaphorische Konzepte für Personen, Gruppen und Kulturen immer wieder neu rekonstruiert werden müssen und nur ein Kernbereich von metaphorischen Konzepten den Status von linguistischen Universalien innehaben kann. Je nach körperlichen Voraussetzungen, je nach kulturellem Kontext, je nach dem Entwicklungsstand der psychischen Integration von Körper und Kultur und je nach Phänomen, das für das Subjekt eine Rolle spielt, werden abweichende und neue metaphorische Konzepte für möglich gehalten. Die bisherige Interpretationserfahrung legt nahe, dass metaphorische Konzepte umso spezifischer formuliert werden können, je genauer der Forschungsfokus und je abgegrenzter das Untersuchungsfeld ist. Zu ähnlichen Schlüssen kommen von linguistischer Seite Cameron und Low (1999), die in einem immer noch sehr empfehlenswerten Übersichtsartikel die Theorie von Lakoff und Johnson für die pädagogische Forschung zum Spracherwerb (Muttersprache, Fremdsprache, Sprachbehinderungen) aufbereiten und die Besonderheit alltäglicher Metaphorik in realen Diskursen gegenüber Textanalysen verdeutlichen.

Lakoff und Johnson stützen sich in ihrem letzten gemeinsamen Buch bei der Suche nach empirisch-entwicklungspsychologischer Untermauerung (Lakoff und Johnson 1999, S. 46–49) auf die Untersuchungen von Christopher Johnson (1997). Dieser rekonstruiert am Beispiel einer Längsschnittaufnahme der Sprachentwicklung eines Kindes die Entwicklung des Gebrauchs der Metaphorik in zwei Phasen. Zunächst seien in einer Phase der „conflation“ (Lakoff und Johnson 1999, S. 48; vgl. C. Johnson 1997, S. 155 ff.) die beiden kognitiven Bereiche „Wissen“ und „Sehen“, die sich später im Konzept „Wissen ist Sehen“ metaphorisch überlappen, neurologisch wie im Alltag des Kindes handelnd eng verbunden („coactive“): Das Sehen eines Gegenstands fällt mit dem Wissen vom Vorhandensein des Gegenstands zusammen. Der Vorgang des Sehens ist also der sensomotorische Begleitumstand vieler Erfahrungen des Wissens und damit Ausgangspunkt der metaphorischen Übertragung, wie wir sie in metaphorischen Alltagswendungen vom „Einsehen“ bis zur „Übersicht“ gebrauchen. Hier wird der Bereich des Sehens zum Bildspender für den Zielbereich des Wissens. Diese Argumentation zeichnet empirisch rekonstruierend eine Hypothese nach, die bereits in Lakoff und Johnson (1980) formuliert wurde. Dort findet sich auch ein kurzer Bezug auf Piaget und dessen Schemabegriff: Indem ein Kind lerne, Gegenstände durch Wegwerfen, Heranholen und Auseinandernehmen zu verändern, erwerbe es das prototypische Schema für Kausalität (mit sich selbst als kausalem Akteur), das metaphorisch auf andere Lebens- und Denkbereiche übertragen werde (ebd., S. 69 f.). Eine solche Argumentation zeigt, dass es sich nicht nur um Sprache, sondern um die Möglichkeit des Denkens111 überhaupt handelt: Die Autoren gehen 1999 von einem kognitiven Unbewussten als dem Resultat aller ontogenetisch frühen und unterhalb der Bewusstseinsschwelle ablaufenden (nicht nur metaphorischen) Kategorisierungen aus. – Insgesamt sind bei ihnen solche Bezüge zur Entwicklungspsychologie jedoch selten.112

Inzwischen gibt es erste entwicklungspsychologisch-quantitative Studien, die sich auf Lakoff und Johnson beziehen: Özçalişkan (2003) untersucht die Entwicklung von Bewegungsmetaphern bei drei- bis fünfjährigen englisch- und türkischsprachigen Kindern. Sowohl die Quellen der Metaphorisierung (also die unterschiedlichen Bewegungen im Raum) wie die Ziele der Metaphorisierung (z. B. Emotionen) variieren wenig zwischen den Sprachen, allenfalls Häufigkeitsunterschiede sind zu bemerken. Özçalişkan legt Wert darauf, dass das kindliche Verstehen der Metapher vom Kontext gestützt wird. Experimentelle Belege, denen zufolge passende emotionale Kontexte dazu führen, dass bereits Schulanfänger ein konventionelles Metaphernverständnis demonstrieren, liefern auch Waggoner et al. (1997). Diese Sensibilität für die Umwelt des Kindes und die Folgen für die kindliche Metaphernkompetenz ist in einer anderen Studie mit kognitiv-linguistischem Hintergrund bei Dent-Read (1997) zu finden, sie präsentiert eine naturalistische Studie zur Entwicklung visueller Metaphorik mit einem Kind ab dem zehnten Monat. Gibbs (2006) hat in einem Kapitel (ebd., S. 208–238) den jetzigen Stand der Entwicklungspsychologie in kognitiv-linguistischer Perspektive diskutiert. Vor allem die Hinweise auf die verzögerte Bildung verschiedener Konzepte bei Kindern mit angeborenen Einschränkungen, aber auch solchen, wie sie in Situationen sozialer Deprivation entstehen, sind für qualitative Forschung relevant. Gleichzeitig kritisiert er Piaget, der seiner Auffassung nach zunächst eine zu strenge Kopplung von sensomotorischen Schemata und kognitiven Funktionen angenommen und die Emanzipation kognitiver Funktionen von der leiblichen Basis mit zunehmendem Entwicklungsalter überschätzt habe.113

Zusammenfassen lässt sich, dass hier – ähnlich den Befunden in der Psychotherapie – die Kontexte der Erhebung von sprachlichem Material bedeutsamer sind, als es die auf universelle Muster orientierte kognitive Linguistik vermutet. Darüber hinaus müssen Metaphern stärker vom Standpunkt der handelnden Kinder aus interpretiert werden. Nicht zuletzt riskiert die Orientierung an den metaphorischen Mustern der Erwachsenen eine Interpretation kindlicher Äußerung als defizitär.

4.6.2.6 Sozialpsychologie

Auch die Sozialpsychologie hat sich durch die Entdeckung, dass in metaphorischen Konzepten Normen, Werte und Einstellungen verdichtet sind, neu inspirieren lassen (Moser 2001). So lassen sich im Rahmen einer „linguistischen Wende der Sozialpsychologie“ (Flick 1995, S. 11) in der englischen Sozialpsychologie (Potter, Wetherell 1995) und im sozialen Konstruktionismus (Gergen 1996) zwei Strömungen identifizieren, in denen die (unsystematische) Analyse von Metaphern bei der Untersuchung interessierender Phänomene genutzt wird (vgl. Abschn.  3.5.1). Den Ansatz der Analyse der „sozialen Repräsentationen“ nach Moscovici hat Wagner (1997) auf der Ebene kulturell üblicher Metaphern mit der kognitiven Metapherntheorie verbunden (ausführlich s. o. in Abschn.  3.3). Ebenfalls der Sozialpsychologie zuzurechnen ist Schachtners Verbindung von Metaphernanalyse und dem Begriff des Habitus nach Bourdieu (dies. 1999, vgl. ausführlich in Abschn.  3.2).114

Eine explizit metaphernanalytische Studie legt Moser (2000a) vor, die deshalb besondere Aufmerksamkeit verdient, weil sie qualitative und quantitative Methoden kombiniert, und daher als modellhafte Studie umfassender dargestellt werden soll (ausführlicher: Schmitt 2001c). Moser untersucht in ihrer Dissertation die Relevanz der symbolischen Umwelt für das Selbstkonzept.115 Sie diskutiert daher nach dem Einleitungskapitel zunächst kognitive Modelle des Selbstkonzepts, die Rolle des Schemabegriffs und die kognitive Architektur der (Selbst-)Schemata. Dieser Tradition stellt sie jene AutorInnen gegenüber, die ein narratives und diskursives Selbst beschreiben und damit die Rolle der Sprache zur Konstitution von Selbst und Umwelt betonen. Während in beiden Ansätzen das Selbst den Fokus des Forschungsinteresses bildet, zeigt ihre Zusammenfassung ökopsychologischer Ansätze, dass die soziale Genese des Selbst und der Einfluss seiner dinglichen Umwelt von einem kognitionspsychologischen Ansatz aus kaum bedacht werden kann. Beide Stränge der Forschung verbindet nun die Autorin in der Konstruktion einer „symbolischen Umwelt“: Analog zur dinglichen Umwelt bezeichnet sie damit jene kulturellen Bedeutungszuschreibungen, die von den Subjekten erst angeeignet werden müssen.

Kulturelle Bedeutungszuschreibung findet vor allem im Medium der Sprache statt, und so fokussiert das dritte Kapitel die kognitive Linguistik sensu Lakoff und Johnson und die prominente Rolle der Metaphern innerhalb dieser Theorie. Es referiert Untersuchungen zu den metaphorischen Modellen ganzer Sprachgemeinschaften, bestimmter sozialer Gruppen und einzelner Menschen. Zusammenfassend fordert Moser die Analyse von Metaphern zur Beschreibung der symbolischen Umwelt des Selbst: Metaphern stellen Handlungs- und Wissensschemata dar und ermöglichen Integration neuen Wissens; gleichzeitig ist das Selbst ein Phänomen, über das nur metaphorisch gesprochen werden kann. Schließlich induzieren kulturelle, technische und soziale Entwicklungen neue Metaphern der Selbstbeschreibung und lassen sich damit als umweltsensible und historische Indikatoren interpretieren.

Nach dieser Zusammenführung von Hauptlinien der kognitiven Selbstkonzeptforschung, der kognitiven Metapherntheorie und der Ökopsychologie werden im vierten Kapitel Gemeinsamkeiten dieser Theorien (u. a. Schemabegriff) diskutiert und Metaphern als „mind settings“ angesprochen, die selbstrelevante Aussagen sowohl ermöglichen wie anderen Menschen gegenüber präsentieren und dabei bahnende/selektierende Effekte haben. Als symbolische Umwelten sind Metaphern gleichermaßen „innen“ wie „außen“ angesiedelt und damit ein vielversprechendes Material für die Antwort auf die Frage, „wie Sprache, Umwelt und Selbstkognition zusammenhängen“ (Untertitel der Dissertation).

Nach dieser theoretischen Einführung stellt die Autorin ein komplexes Erhebungsmodell dar: Sie interessierte sich in einer Voruntersuchung zunächst für den Umbruch zwischen zwei Lebensabschnitten und erhob in einer Fragebogenstudie an zunächst 226 Studierenden in der Endphase des Studiums die aktuelle und die erwartete Lebensform in beruflicher und privater Hinsicht. Es ließen sich drei Gruppen bilden: Familienorientierte, Paarorientierte und Singleorientierte, die im Hinblick auf Gestaltung und Verteilung von Ressourcen auf Privat- und Berufsleben deutlich zu unterscheiden waren. Die Autorin befragte jeweils vier extreme VertreterInnen dieser Gruppen mit einem halb standardisierten Leitfadeninterview zu „Erfolg“ und „Beziehung“. Das dabei entstandene Textmaterial wurde dreifach analysiert: inhaltsanalytisch und deduktiv nach den bisher theoretisch abgeleiteten Kategorien des Leitfadeninterviews zu Erfolg, Beziehung und Selbstkonzept; metaphernanalytisch zu den Herkunftsbereichen der Sprachbilder; schließlich wurde mit Inhaltsanalysen aus allen Textstellen mit Aussagen zum Selbstkonzept ein Kategoriensystem entwickelt.

Moser ordnete zunächst alle Metaphern nach Metaphernspendebereichen (z. B. „eine Niederlage einstecken“ zu „Kampf“) und fand insgesamt 21 Quellbereiche, die sie in „Erfahrungsbereiche“ (z. B. Spiel, Sport), „Sinneserfahrungen“ (z. B. visuell) und „Vorstellungsschemata“ (z. B. Gefäß) unterteilt. Auf vier Quellbereiche (Wissenschaft/Technik, Gefäß, Weg, visuell) fielen bereits 47 % der insgesamt 3899 metaphorischen Sprechweisen. Die Häufigkeit metaphorischer Aussagen schwankte in ihrer Codierung zwischen 1,9 und 3,1 % pro Interview. Überraschend ist, dass Männer und Frauen ähnlich häufig die gleichen Quellbereiche der Metaphorik nutzten.116 Die Gruppe der Familienorientierten tendierte eher zu Gefäßmetaphern (Innen-Außen-Abgrenzung), die Paarorientierten eher zu taktilen Metaphern, die Singleorientierten zeigten keine signifikanten Abweichungen. Stärker als die Gruppenzugehörigkeit fiel jedoch auf, dass „fast alle Personen sich durch einen für sie typischen Metaphernspendebereich auszeichnen“ (ebd., S. 85).

Die Analyse der Selbstkonzeptaspekte folgte einer Unterteilung in „actual self“, „ideal self“, „ought self“, „negative self“, „self change“, „social self“ und „gender role“, die sich an die im zweiten Kapitel diskutierten AutorInnen anlehnt. Die Häufigkeiten der Erwähnung unterschiedlicher Selbstkonzeptaspekte zeigen nur schwache Geschlechts- und Gruppenunterschiede, die individuellen Unterschiede sind durchweg stärker.

Die Inhaltsanalyse fokussiert die Bereiche: aktuelle Lebenssituation, Erfolg, Misserfolg, gute Beziehungen, schlechte Beziehungen, Geschlecht und Erfolg, Geschlecht und Beziehung. Im Einzelnen: „Erfolg“ präsentiert sich eher in der Wegmetaphorik, interessanterweise selten ist die Kampfmetaphorik. „Misserfolg“ hingegen wird eher durch visuelle, Wirtschafts- und Naturmetaphern beschrieben. Gute Beziehungen regen eher Gewichts- und Nähe-Distanz-Metaphern an, hier sind Wegmetaphern unterrepräsentiert. Schlechte Beziehungen legen mehr Körper- und Krankheitsmetaphern nahe (ebd., S. 106 f.). Die Gruppe der Familienorientierten nutzt für die Themen „Erfolg“ und „gute Beziehung“ weniger Technikmetaphern als die beiden anderen Gruppen, dafür Gefäß- und Gewichtsmetaphern für ihre Beziehungen; die Singleorientierten verhalten sich komplementär dazu. Die Interviewten nahmen die verschiedenen Aspekte des Selbst unterschiedlich wahr: Das „actual self“ wird eher in Gewichtsmetaphern beschrieben, das „ideal self“ auffällig selten durch Metaphern des Kampfs, und in Aussagen zur „gender role“ sind taktile Metaphern überdurchschnittlich oft vertreten. Die Verteilung der metaphorischen Konzepte des Selbst weicht wiederum zwischen den Personen stärker als zwischen den Gruppen voneinander ab.

Insgesamt fällt die geringe Zahl (21) der Spendebereiche für Metaphern auf – ein Ergebnis, das sich mit Annahmen von Lakoff und Johnson wie auch eigenen Ergebnissen deckt (Schmitt 1995). Metaphernanalysen ergeben offenbar einen überschaubaren Bereich kulturell üblicher Metaphorisierungen und damit symbolischer Prägungen. Gruppentypische und individuelle Besonderheiten zeigen sich vor dieser kulturellen Folie kaum als Neuprägung von Metaphern, sondern mehr als spezifische Auswahl und damit als Einschränkung des kulturell üblichen Repertoires. Ein klinisch bedeutendes Ergebnis der Untersuchung besteht darin, dass die Befragten in der Beschreibung ihres „ideal self“ die von ihnen gewohnten Metaphern für andere Bereiche des Selbst nicht benutzten, sondern die Metaphorik wechselten. Die Autorin folgert, dass für Entwicklungen der Person „die bewährte metaphorische Strukturierung des Selbstkonzepts verlassen und eine andere Art der metaphorischen Strukturierung gesucht [wird, R. S.], die neue und veränderte Sinnzusammenhänge stiften kann“ (Moser 2000a, S. 201). Dieser Befund legt nahe, Fantasien und Überlegungen zur Zukunft therapeutisch zu nutzen, wie es systemische Ansätze (Shazer 2003) bereits vorführen.

In der Gesamtschau der Arbeit fällt zunächst auf, dass die Autorin in einem zentralen Punkt Lakoff und Johnson nicht folgt, sondern die Metaphern zunächst nach Quellbereichen sortiert, ohne dann ausdrücklich metaphorische Konzepte als Gleichung von Quell- und Zielbereich einer Metapher zu bilden (wie „Zeit ist Geld“, „das Selbst ist ein Wanderer o. ä.“). Implizit thematisiert sie metaphorische Konzepte in der Diskussion der Zielbereiche „Erfolg“ und „Beziehung“, die sie in Bezug zu den verschiedenen Quellbereichen der Metaphorik setzt.117 Die Vor- und Nachteile dieses Vorgehens halten sich die Waage: Die Studie legt wichtige Ergebnisse wie etwa zur geringen Geschlechtsabhängigkeit der Metaphernverwendung vor, und auf zukünftige Bestätigungen wie Einschränkungen dieser Befunde kann man gespannt sein. Andererseits wäre bei einer Rekonstruktion von metaphorischen Konzepten nach Lakoff und Johnson aufgefallen, dass sich in der Konstruktion eines Quellbereichs „Technik und Wissenschaft“ unterschiedslos alte handwerkliche Metaphern mit der Computermetaphorik vermischen. Die Autorin stellt hierzu selbst kritische Überlegungen an (ebd., S. 194), weitere semantische Differenzierungen für andere Quellbereiche wären mit der Bildung metaphorischer Konzepte möglich. In einer neueren Arbeit hat die Autorin die Befunde an einem größeren Sample von Interviews (N = 63) verifizieren können (Moser 2007). Sie hat in einer weiteren Arbeit die Metaphernanalyse als psychologische Wissensmanagementmethode entfaltet und an einem Workshopbeispiel diskutiert (Moser 2004, vgl. Moser 2003, 2005).

Moser verweist mehrfach auf den Befund, dass die individuelle Verwendung der Metaphorik von der Verteilung in der Gruppe abweicht. Hat die Metaphernanalyse ihr Potenzial in der Analyse des Einzelfalls? Andererseits finden sich in der Literatur Hinweise, dass sich Unterscheidungen beispielsweise zwischen afrikanischer und europäischer Kultur im Gebrauch verschiedener metaphorischer Konzepte rekonstruieren lassen (Wolf 1996). Sind also Kulturen relativ homogene „symbolische Umwelten“? (vgl. Abschn.  2.1.6)

Baxter (1992) legt eine vom Aufbau her einfachere Studie vor, ihr ging es darum, wie Paarbeziehungen metaphorisiert wurden: „relationship development as work“, „as a journey of discovery“, „relationship development as an uncontrollable force“, als „danger“, „organism“, „economic exchange“ und „game“. Diese Metaphern werden als kulturelle Erzählungen gesehen („folk logics“), die individuelles Verhalten informieren und orientieren. Allerdings lässt sich in dieser Studie die Interviewführung kritisieren, denn es wurde die Metapher vorgegeben, die Beziehung analog zu den Kapiteln eines Buches zu erzählen; die Auswertung orientiert sich an dem überzeugenden Verfahren von Koch und Deetz (1991), sodass verwundert, dass die AutorInnen ihre Ergebnisse als „root metaphors“ im Sinne Peppers (1942) benennen, obschon sie metaphorische Konzepte meinen. Landau et al. (2010) versuchen den Begriff der „sozialen Kognition“ mit Rückgriff auf Lakoff und Johnson als Forschungsperspektive der Sozialpsychologie zu etablieren – der Entwurf macht deutlich, dass diese Perspektive nach wie vor eine ungewohnte ist.

Als Fazit bleibt das Modell von Moser (2000a) als Beispiel für eine komplexe metaphernanalytische Studie, die quantitative und qualitative Vorgehensweisen sinnhaft aufeinander bezieht, auch wenn nicht alle Errungenschaften der kognitiven Linguistik genutzt werden.

4.6.2.7 Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie

Oberlechner und Mayer-Schönberger (2003) kritisieren Lakoff und Johnson mit dem oft gehörten Argument, diese analysierten „nur“ die kognitive oder lexikalische Sphäre, die lokal situierte konkrete Recherche werde von ihnen nicht unternommen. Deswegen ziehen Oberlechner und Mayer-Schönberger diskursanalytische Überlegungen hinzu (ebd., S. 162). Diese Kritik übersieht den linguistischen Kontext von Lakoff und Johnson sowie die damit gegebene Aufgabe, innerhalb der Sozialwissenschaften selbst eine differenzierte Methodik zur Metaphernanalyse zu entwickeln. Die Autoren finden bekannte Konstrukte: Leitung wird als Krieg, als Spiel, als Sport, Kunst, Maschine und als religiöses Tun gefasst, jedoch ohne Bezug auf ein konkretes Sample, was nicht mit ihrer eigenen Kritik zu vereinbaren ist. Konkret arbeiten sie einige Metaphern und deren Implikationen an einem einzigen Interview eher als Fallbeispiel heraus. Was Oberlechner und Schönberger verdeutlichen, ist, dass es mit der Rekonstruktion der Konzepte nicht getan ist, sondern deren Implikationen („entailments“) erst herausgearbeitet werden müssen – das unterscheidet auch den hier vorliegenden Entwurf (vgl. die Heuristik zur Interpretationsfindung in Abschn.  5.7) vom ersten Versuch (Schmitt 1995). Konkret vergleichen sie mithilfe einer Tabelle die Implikationen verschiedener Metaphern – das ist in diesem Fall eine didaktisch gute Möglichkeit bei der schwierigen Darstellung der Ergebnisse einer Metaphernanalyse (Abschn.  5.9).

Die Metaphorik der Geldmärkte ist in der Arbeit von Oberlechner et al. (2004) das Untersuchungsobjekt. Diese Märkte erscheinen den Protagonisten des Finanzwesens in den Experteninterviews als Basar, Maschine, Jagd, Sport und Krieg, aber auch als lebendes Wesen oder als Ozean. Die AutorInnen sehen als psychologische Implikation, dass diese Metaphern dazu dienen, das unberechenbare Gegenüber sowohl der Handelspartner wie des Marktes verständlich zu machen und in unterschiedlichen Formen die Möglichkeit der Vorhersage zu suggerieren. Interessant ist die Variation in der Erhebung, denn neben den unbewusst gebrauchten Metaphern wurden die Interviewten aufgefordert, selbst ein Bild für den Markt zu benennen (vgl. auch Oberlechner 2004, S. 185–188). Die bewusst und die ungewusst gebrauchten metaphorischen Konzepte sind zwar meistens identisch; aber sie differieren deutlich in ihrer Häufigkeit; so wird die Kriegsmetapher an dritter Stelle der implizit gebrauchten Metaphern, aber an fünfter Stelle der explizit gebrauchten Metaphern genutzt und tauscht den Platz in der Rangskala mit der Sportmetapher, die als explizite Metapher offenbar weniger verfänglich erscheint. Oberlechner (2004) begründet dies mit dem Wissen um die soziale Erwünschtheit bestimmter Metaphern. Bedeutend ist ebenfalls, dass in den Interviews mit diesen PraktikerInnen der Finanzmärkte organische und interaktive Metaphern das Reden über den Markt dominierten, ganz im Gegensatz zur wirtschaftswissenschaftlichen Theoriebildung, die mechanische Metaphern bevorzuge. Deren Suggestion von Vorhersagbarkeit überzeugt die PraktikerInnen offenbar nicht.

El-Sawad (2005) weist bei seiner Studie über das Verstehen von „Karriere“ bei Angestellten in mittlerer Position nach, dass quer durch verschiedene Metaphernbereiche das Merkmal „Kontrolle“ zentral ist.

Kurz sei auf die Arbeit von Huber (2005) verwiesen, der eine experimentelle Untersuchung in virtuellem Setting zur Frage vornimmt, ob die Vorgabe von Metaphern zu bestimmten Handlungs- und Kommunikationsformen in der Vorgesetzten-Mitarbeiter-Kommunikation führt. Er wendet sich polemisch gegen qualitative Forschung: „An dieser Stelle ist festzuhalten, dass sowohl Buchholz wie Schmitt nicht experimentell geforscht haben, sondern ihre Ergebnisse zur handlungsleitenden Wirkung von Metaphern aus einigen kasuistischen post-hoc-Analysen und Interpretationen gewonnen haben“ (ebd., S. 134). Sein Experiment verpflichtet in einem virtuellen Rollenspiel Personen, die als Betriebsleiter ausgewählt wurden, eine der drei unternehmerischen Leitbilder „Das Unternehmen ist eine Maschine“, „Das Unternehmen ist eine Mannschaft“ und „Das Unternehmen ist ein Garten“ gegenüber einer untergeordneten Mitarbeiterin bei problematischer Geschäftsentwicklung umzusetzen. Gemessen wurden die drei komplex gemessenen Variablen: „Situation Awareness“, „Handlungswirkung“ und „kommunikative Führungshandlung“ (ebd., S. 187). Er kommt zu dem Ergebnis: „Die Effekte des Faktors Metaphernpriming auf die abhängigen Variablen sind mit einer Ausnahme durchgängig signifikant“ (ebd., S. 278). Natürlich kann diese kurze Skizzierung die Komplexität des Versuchsaufbaus nicht wiedergeben, aber wichtige Einschränkungen sind dennoch formulierbar: Es handelte sich nicht um wirklich betroffene PraktikerInnen in wirklichen Situationen. Die metaphorischen Priming-Stimuli sind völlig unterkomplex und bilden die Vielzahl anderer, zum Teil oben diskutierter Metaphern nicht ab. Und der Versuchsaufbau unterstellt, dass es einzelne metaphorische Muster seien, die das Handeln anleiten, nicht komplexe Netze unterschiedlicher metaphorischer Konzepte. Die vielfältige Einbindung realer Verhältnisse ist auch in einem technisch ausdifferenzierten Experiment nicht nachzuspielen, die Verallgemeinerung dieser Ergebnisse auf die Lebenswelt des Führungshandelns ist nur begrenzt gegeben. Aus qualitativ-forschender Sicht erscheint die experimentelle Absicherung einer Handlungsleitung durch Metaphern mithilfe einer Simulation, aus der die soziale und biografische Komplexität eliminiert wurde, nur begrenzt möglich.

4.6.2.8 Kulturpsychologie

Für die Kulturpsychologie haben Straub und Seitz (1998) Metaphern erhoben, um eine vergleichende Typik im Erleben und der Beschreibung historischer Umbrüche zu entwickeln. In Abschn.  1.4.5 ist bereits beschrieben worden, dass diese Autoren in die Gefahr geraten, ohne systematische Methodik komplexe metaphorische Szenarien zu verkürzen, wenn in ihrer historisch-psychologischen Analyse etwa der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische „Großdeutschland“ im Jahr 1938 durch eine Interviewte metaphorisch (nur) als „Einverleibung“ und als „Aufspringen auf einen fahrenden Zug“ rekonstruiert wird – es dürfte weitere metaphorische Konzepte dieses Ereignisses gegeben haben, und die Fokussierung auf „resonante“, das heißt auffällige Metaphern hat das Risiko einer weiteren Verkürzung (ausführlichere Kritik folgt in Abschn.  5.11.6).

In den Kontext der Kulturpsychologie ist, wenn auch mit ganz anderem Hintergrund, Koenigsberg (2005a, b, 2008) zu zählen. Aus psychoanalytischer Perspektive interpretiert er Texte von Hitler und diesem nahestehenden Autoren und nimmt sie aufgrund ihrer historischen Wirkung als Kristallisationspunkt eines metaphorischen Konzepts: Hitler habe das Volk als Körper identifiziert, in dem die einzelnen Bestandteile (Zellen wie Organe) eine dem Ganzen dienende Funktion (und damit keine Freiheit) haben. Die jüdische Bevölkerung wird als Bakterien begriffen, die der Zersetzung dienen, die Endlösung ist eine Reinigung bzw. Desinfektion. Koenigsberg arbeitet heraus, dass in Hitlers prägenden Jahren die Entdeckung der Bakterien und erste Impfungen wie Schutzmaßnahmen durch die Entdeckungen von Koch, Pasteur und Virchow populärwissenschaftlich rezipiert wurden. Die biologistische Rhetorik wird mit diesen Verweisen in das zeitgenössische kulturelle Klima eingebettet. Die Metaphorik vom Staat als Körper ist jedoch deutlich älter und geht bis auf die Antike zurück (vgl. Peil, S. 1983), und Koenigsberg geht nicht auf andere, erheblich breitere Studien zur Metaphorik des Faschismus (z. B. Nieraad 1977) ein. Er formuliert darüber hinaus keine Hinweise zu seiner konkreten Methode, und die Übergänge zur Psychoanalyse brauchten mehr als nur die Gleichsetzung, dass auch bei Sigmund Freud und Melanie Klein das Außen als Projektion des Körpers gedacht werde (vgl. das entsprechende Abschn. 4.6.1.2). Schließlich wird die ausschließliche Reduktion öffentlicher Diskurse auf die Bildquelle „Körper“ den intertextuellen und kulturellen Dynamiken nicht gerecht. Die bisherigen kulturpsychologischen Arbeiten überzeugen vor allem methodisch nicht.

4.6.2.9 Geschichte der Psychologie

Die Geschichte der Psychologie lässt sich auch als die Geschichte ihrer Metaphern schreiben und hier zeigt sich wie in der Soziologie eine Reihe differenzierter Publikationen, die in kritischer Weise die metaphorische Konzeptualisierung der Psychologie rekonstruieren und somit die Möglichkeit der Metaphernanalyse zur Selbstreflexion der Wissenschaften exemplifizieren (vgl. Abschn.  1.3.6 und  5.10.6). Dieser Befund könnte zur Interpretation verführen, es in dieser Hinsicht mit einem Fach zu tun zu haben, das seine alltagsweltlichen Denkvoraussetzungen in besonderer Weise reflektiert, weil es von ihnen in ebenso besonderer Weise abhängig ist. Freilich gibt es keinen Anlass, dies zu glauben, schaut man sich die nicht vorhandene Rezeption dieser Studien an. Die vorliegende Darstellung entfaltet an einem Autor (Draaisma 1999) die breite Möglichkeit der historisch differenten metaphorischen Konzeptualisierung psychologischer „Gegenstände“, bevor kleinere Arbeiten referiert werden.

Draaisma schreibt eine Geschichte der Psychologie des Gedächtnisses als Geschichte ihrer jeweils bestimmenden Metaphern. Er erinnert an Blumenbergs Ansatz, Philosophiegeschichte als Geschichte ihrer dominierenden Hintergrundbilder zu begreifen, wenn er Metaphern als „Leitfossilien“ in einer archäologischen Erkundung des Nachdenkens über das Gedächtnis nutzt. So kann er eine Kontinuität über den Beginn der akademischen Psychologie feststellen: Mit der Einführung experimentell-naturwissenschaftlicher Methoden durch Ebbinghaus sei nur ein methodologischer, kein theoretischer Neuanfang verbunden, denn die Bilder für das Gedächtnis wiederholten sich und damit auch die Vorzüge und Schwachstellen der aus diesen metaphorischen Kernen entwickelten Theorien. Der Autor beginnt in der griechischen Philosophie mit Bildern für das Gedächtnis als Wachstafel, als Taubenschlag, als Lagerraum, Keller, Höhle und Schatzkammer. Das Mittelalter sieht das Buch als Metapher des Gedächtnisses; zu Beginn des 17. Jahrhunderts versinnbildlicht die durch den Buchdruck ermöglichte Fülle von Büchern auch das innere Chaos. Wie bereits bei den antiken Beispielen rekonstruiert Draaisma konkrete Lebensbezüge als Hintergrund der Metaphorisierung. Ein Befund kehrt immer wieder: Die äußeren Techniken der Speicherung von Wissen (Schrift, Bibliothek, später Fotografie, Edisons Phonograf, Computer, Holografie) kehren gleichnishaft in den theoretischen Beschreibungen des Gedächtnisses wieder. Exemplarisch an Robert Hooke und dessen Schrift „Micrographia“ von 1667 verdeutlicht er, wie sich zeitgenössische physikalische Theorien des Lichts mit der Metaphorik des Lagerhauses verbinden lassen; die Sinnesorgane figurieren als „Boten“ für die „Sinnesdaten“. Dabei tauchen dann Worte wie „long term store“ und andere auf, welche die moderne Metapher, das Gedächtnis sei ein „Speicher“ (eines Computers), bereits aufscheinen lassen. Zur Lesbarkeit des Buches trägt bei, dass der Autor solche Vorwegnahmen und Bezüge zur aktuellen Gedächtnisforschung immer wieder einstreut.

Hatte die Aufklärung diese physikalische Metaphorik bevorzugt, fand die Romantik in der Landschaft ihr Bild des Gedächtnisses (C. G. Carus). In die gleiche Zeit fallen die Entdeckungen der Neurologen Gall, Flourens und Broca – die Ära der räumlichen Lokalisierungen von Hirnfunktionen beginnt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden zwei technische Apparate als Metapher für die Psychologie des Gedächtnisses wichtig: Edisons Phonograf ermöglicht die Konservierung von Sprache, indem er Schallschwingungen mit einer Nadel in eine Wachsplatte ritzt; diese Rillen führen beim Abspielen die Nadel, die mit einer Membran verbunden ist. Als Bild findet sich dieser Vorgang in der Theorie des Gedächtnisses von Guyau um 1880 wieder, nach der die Schwingungen der Nadel mit den „Vibrationen“ der Gehirnzellen übereinstimmten und die Rillen mit den „Assoziationswegen“. Ebbinghaus und seine zeitgleichen Versuche trennen uns von solchen dinglichen Metaphorisierungen des Gedächtnisses durch mathematische Formeln des Behaltens und Vergessens – doch in seiner Interpretation dieser Befunde greift Ebbinghaus wieder auf die Metaphorik von Platons Wachstafel zurück: Wiederholen ist ein festeres „Eingraben“ der „Spuren“.

Ein Kapitel widmet sich dem zweiten, hier doppelt „bildgebenden“ Apparat, der Camera Obscura bzw. der Fotografie – analog zum Vorgehen beim Entwickeln der Bilder scheint das Gedächtnis für einige Forscher (Draper, Ladd, Kußmaul) eine lichtempfindliche Platte zu sein, auf der sich chemische Reaktionen abspielen.

Eine neue Metaphorik wird von Tolman und Hull in den 1920er-Jahren entwickelt. Dass Elemente der Computermetaphorik hier schon fast vollständig erscheinen, weil Lernen und Vergessen in komplexen Schaltkreisen mit Batterien, Widerständen und Glühbirnchen simuliert wurde, irritiert nur kurz: Clark Hull war, so erfahren wir hier, Ingenieur, der in seiner Studienzeit eine „logic machine“ entworfen hatte, die mit einer Kurbelumdrehung alle gültigen Schlüsse eines Syllogismus produzierte. Nach einem Rückblick auf die Geschichte der Rechenmaschinen und ihres Einflusses auf das Begreifen des Menschen als Mechanismus finden wir Alan Turings Hypothese, der Menschen sei eine symbolverarbeitende und intelligente Maschine. Draaisma zeigt, dass der Behaviorismus und die antagonistische Strömung der künstlichen Intelligenz auf den gleichen Metaphernvorrat zurückgreifen: Gehirn und rechnende Maschine werden in eins gesetzt. Die Ablehnung des Behaviorismus, innere Prozesse in Augenschein zu nehmen, nutzte die mechanische Metaphorik jedoch nur für das Beschreiben von Verhalten, nicht für das Prozedieren von Informationen wie in der künstlichen Intelligenz (KI). Das Kapitel schließt mit umfangreichen Anmerkungen zur Metaphorik des Computers, der jedoch nicht unangefochten als moderne Quelle einer Metapher des Gedächtnisses dient. Die Erfindung des Hologramms durch Gabor in den frühen 1960er-Jahren bot einigen Psychologen (Lashley, Pribram) ein besseres Bild an, um unter anderem die verteilte Speicherung im Gehirn und die Menge der gespeicherten Informationen zu erklären. Sie wurde abgelöst durch die Metapher der neuronalen Netzwerke, deren Zustände ein Speichern und Wiedererkennen von Informationen erlauben. Sie war in der gleichen Zeit (1943) wie Turings Überlegungen als Versuch entstanden, neuronale Netzwerke in binärer Logik zu formulieren. Erst nach einer Neuformulierung der mathematischen Grundlagen der Netzwerktheorie durch Hopfield (1982) setzten sie sich als Metapher für die Gedächtnisforschung durch. Dieser sogenannte „Konnektionismus“, seine Vorzüge gegenüber der Computermetapher und seine Nachteile in der Erklärung mancher Gedächtnisfunktionen füllen das letzte große Kapitel. Ein Epilog beschreibt die in den unterschiedlichen Metaphern vorkommenden Gemeinsamkeiten, die in den Bildern für das Gedächtnis jeweils anders ausgeleuchtet wurden. Er erinnert daran, dass die zunehmend auf technische Zusammenhänge orientierten Bilder dem Prestige der jungen Wissenschaft Psychologie zugutekamen. Das Gedächtnis der Psychologie selbst sei vielleicht ein freudscher Wunderblock, der schon entwickelte Einsichten wieder verberge, und so fielen die Wiederholungen nicht auf.

Draaisma greift ohne Verweis auf die moderneren Ansätze von Lakoff und Johnson auf Blacks Interaktionstheorie der Metapher zurück. Dieser Ansatz stellt bereits die kognitiven Implikationen des Metapherngebrauchs heraus, sowohl seine heuristisch-fruchtbaren wie Erkenntnis behindernden Folgen (vgl. Abschn.  2.1.8.4). Er ermöglicht ohne den Begriff des metaphorischen Konzepts, die Vielfalt der Metaphorik vergleichsweise gut zu strukturieren (vgl. dagegen Assmann 1991). Diese Beschränkung auf das methodisch Notwendige hat zunächst zu einer sehr unfreundlichen Aufnahme des Buches geführt (Pethes 2000). Draaisma hat, um es mit einer Metapher zu beschreiben, nicht die Linsen seines Mikroskops weiterpoliert, sondern einmal durch dieses Mikroskop geschaut. Auch der erwähnte Kritiker räumt ein, dass die Liste der rekonstruierten Metaphoriken für das Gedächtnis reichhaltig sei, ebenso, dass Draaismas Integration von Naturwissenschaft und Informatik in einem kulturwissenschaftlichen Ansatz geboten sei.

Der Sammelband von Leary (2000, org. 1990) bietet einige heterogene Beiträge zu den einzelnen Subdisziplinen, die hier bilanzierend angesprochen werden sollen, da sie ebenfalls verdeutlichen, dass die Psychologie in allen Bereichen auf terminologisierten Metaphern des Alltags aufbaut.

Leary (2000) nutzt eine der radikaleren Definitionen von Metapher, dass alles Wissen aus metaphorischen Übertragungen entstanden sei; der Unterschied zwischen „wörtlicher“ und metaphorischer Sprache bestehe nur aus ihrem Grad an Konventionalisierung (ebd., S. 6). Er streift kurz Metaphern für Geist und Psyche in der Antike, am Beginn der modernen Wissenschaft, in der Biologie und den Sozialwissenschaften, bevor er einen breiteren Überblick über die Geschichte der gebräuchlichsten physikalischen und mechanischen Metaphern in der Psychologie gibt. Er hebt Sigmund Freud und dessen Bewusstsein, metaphorische Konstruktionen kritisch zu gebrauchen, heraus sowie den ihm darin verwandten William James. Sie seien „keenly aware of the metaphorical nature of psychological knowledge“ (ebd., S. 21), ein Wissen, das mit der positivistischen Veränderung der Psychologie und ihren theoretisch bedeutungslosen Katalogsammlungen verloren gegangen sei. Pribrams Überlegungen zur Rolle der Metapher in der Neuropsychologie (ders. 2000) gehen von einem (nicht explizierten) konventionellen Verständnis der Metapher aus. Er findet für sein Fach die Metaphern der Signalverarbeitung in der Telekommunikation, der kybernetischen Systeme, der Computer und der Holografie für das Verständnis der neuronalen Verarbeitung. Am Schluss unterscheidet er Metapher, Analogie (Nachdenken über die Metapher) und Modell mit präziser Kopplung einer Organisation von Daten an eine andere Organisation wie zum Beispiel eine mathematische Formulierung (ebd., S. 97).

Enttäuschend ist die Darstellung der historischen Metaphern der Motivationspsychologie bei McReynolds (2000), der die Metaphorik der Motivierungen in Anlehnung an Peppers fixierte „Wurzelmetaphern“ ordnet (vgl. Abschn.  2.1.8.3): Der Mensch unterliege in diesen Theorien entweder äußeren kontrollierenden Mächten (z. B. Gott), die Personen handelten als Agenten ihrer selbst, es gebe inhärente Tendenzen und der Mensch sei „von Natur aus“ zu bestimmten Handlungen motiviert, Personen seien als Organismen körperlichen Prozessen, die zur Motivierung führen, unterworfen, schließlich nennt er die Maschinenmetapher mit den inneren Kräften des Antriebs. Diese „Metaphern“ sind recht abstrakt gefasst, auch sind die Konzepte eher mit Gedanken als mit konkretem linguistischen Material der Theorieformulierung gefüllt.

Stärker an Lakoff und Johnson orientiert, fügen Hoffman et al. (2000) für die bereits mehrfach erwähnte Kognitive Psychologie das metaphorische Konzept „Denken ist Sehen“ hinzu und deuten den Terminus „Vorstellungen“ von Ebbinghaus als dramatische Metapher. Die Übersicht aktuellerer Theorien der Kognition fügt die erwarteten hinzu (computer, threshold, feedback, loop, memory trace, image representations). Bruner und Fleisher-Feldman (2000) erwähnen noch die Metapher der „nackten Wahrheit“ für das Bewusstsein, aber der Metaphernbegriff bleibt wie in einer späteren Studie (Bruner 1997) unklar (vgl. den Kommentar in Abschn.  3.4.3).

Smith (2000) findet im Behaviorismus neben den zu erwartenden mechanischen Metaphern und der Landkarte für das Gehirn (Tolman) bei Skinner überraschenderweise in der Selektion von Verhaltensweisen durch ihre Konsequenzen das Konzept einer biologischen Ökonomie wieder, wie es von Darwin entwickelt wurde – diese Neuinterpretation Skinners verweist darauf, dass Interpretationen von Metaphern vom Wissen und den erworbenen Fähigkeiten der InterpretInnen, Bezüge herzustellen, sehr abhängig sind (vgl. Schmitt 2003).

Gergen (2000) bezieht sich auf keine elaborierte Theorie der Metapher, nutzt aber die Konzeptschreibweise der kognitiven Linguistik und findet für die Sozialpsychologie die Konzepte, dass Gruppen als menschliche Organismen, der Mensch als Tier, soziales Leben als physikalische Struktur oder als Laboratorium für Tiere, Gesellschaft als Sammlung bedeutungsvoller Beziehungen, als Marktplatz und als Bühne metaphorisiert wurde.

Weniger durch die Breite der gefundenen als durch die Tiefe einiger ausgewählter Metaphern zeichnet sich der Beitrag von Sarbin (2000) zu psychischen Krisen bzw. Extremzuständen aus. Überraschenderweise lässt sich die Metapher, dass psychische Krisen körperliche Krankheiten seien, bereits im 16. Jahrhundert finden, eine Interpretation, die sich, so belegt er, nicht in Hexenprozessen durchsetzen konnte. Geist („mind“) wird in der Folgezeit zunehmend mit körperlichen Metaphern versehen (ein starker, schwacher … Geist). Dem entspricht die Auffassung der Aufklärer (u. a. Esquirol), denen fremde Völker, Kinder und psychisch Exaltierte als psychisch-biologisch „unterentwickelt“ galten und die meinten, dies sei durch (forciertes) Lernen zu beheben. Seine Detailschärfe (u. a. in der Diskussion von Kraepelins und Bleulers Begriff der Schizophrenie) steht im Gegensatz zu dem an Pepper orientierten und wenig differenzierenden Metaphernbegriff.

Danziger (2000) geht es nicht um eine einzige Metapher der Psychologie, sondern um die Wendung gegen einen Naturalismus, als hätte die Psychologie gegenständliche Objekte (Wille, Motiv, Kognition, Emotion etc.) (ebd., S. 334 f.). Anhand der Geschichte mechanischer Metaphern (ebd., S. 349 f.) zeigt er die Verheimlichung der lebensweltlichen Quellen der metaphorischen Konstruktion psychologischer „Sachverhalte“ und ihrer künstlichen Einteilungen (ähnlich Danziger 1997). Die Psychologie und ihre Metaphern sind ohne die Kenntnis der Anforderungen einer Gesellschaft nicht zu verstehen (vgl. auch Kvale 2003). Danzigers Analyse der metaphorischen Denkmuster in der Geschichte psychologischer Diskurse ist allgemeingültig formuliert:

… the analysis of metaphor becomes historically interesting, for we can use it to improve our understanding of patterns of psychological thought that were characteristic of a period, or a culture, or a particular intellectual community. … Such metaphors are used pervasively over relatively long periods, and typically their users do not seem to regard them as ‚mere‘ metaphors but as expressing some kind of literal truth (Danziger 2000, S. 331 f.).

Einen quantitativen Ansatz in der Verteilung von Metaphern in der Geschichtsschreibung der Psychologie unternehmen Gentner und Grudin (1985), indem sie im Zehnjahresabstand in je einer Ausgabe der ältesten Zeitschrift der wissenschaftlichen Psychologie in den USA, der 1894 gegründeten „Psychological Review“, die Metaphern für den Zielbereich „mind“ auszählen. Ihr Resümee:

The chief finding was that the nature of the mental metaphors changed over time. Spatial metaphors and animate-being metaphors predominated in the early stages, then declined in favour of systems metaphors, often taken from mathematics and the physical sciences. A secondary finding was that the number of mental metaphors varied (ebd., S. 181).

Sie finden allerdings aufgrund ihres konventionellen rhetorischen Metaphernbegriffs nur 265 verschiedene Metaphern, die sie letztendlich in vier Hauptkategorien einteilen: Bilder für lebende Wesen, neurologische, räumliche und Systemmetaphern. Diese Vergröberung, die nicht geschehen wäre, wenn sie sich an dem Begriff des metaphorischen Konzepts orientiert hätten, führt dazu, wie sie (ebd., S. 190) eingestehen, dass Aktivitäten wie Suchen und Erkennen, die dem Computer zugeschrieben werden, eben auch ein lebendiges Wesen betreffen könnten. Die Abstraktion zu wenigen zentralen Kategorien, die nicht am Ort des Kontextes einem Konzept sensibel zugeordnet werden, verschleift Differenzen.

Als Resümee dieser Skizze unterschiedlicher Rekonstruktionen der Metaphern, welche die Psychologie konstruieren, lässt sich festhalten, dass trotz unterschiedlicher, aber in großen Teilen vorhandener Gründlichkeit bei der Auswertung der gleichen Teilgebiete der Psychologie doch verschiedene Metaphern in den Vordergrund gestellt werden. Es fehlt eine stringente Methodik, der Metaphernbegriff wird selten expliziert.118 Dennoch wird Danzigers Fazit, dass die Konstrukte der Psychologie in aller Regel unreflektierte Verdinglichungen seien, die ein falsches gegenständliches Wissen vortäuschen, immer eindrücklicher. Insbesondere die technischen Errungenschaften einer Zeit dienen als Blaupausen psychologischer Konstruktionen des Imaginären.

4.6.3 Zusammenfassung

Ein Fazit über die gesamte Breite psychologischer Metaphernforschung kann an dem eben notierten Fazit zur Rolle der Metapher in der Geschichte der psychologischen Begriffsbildung anschließen, denn auch in den Abschnitten zu Beratung und Psychotherapie wie zur Entwicklungspsychologie konnte verdeutlicht werden, dass die Begriffe der Psychologie verdinglichten Metaphern des Alltags entstammen.
  • Für metaphernanalytische Forschungen in der Psychologie bedeutet dies, dass jede Fragestellung bereits im Licht vorkonstruierter Muster operiert. Das ist unvermeidlich und es stellt sich die Frage, wie diese Vorstrukturierung in den jeweiligen Studien wenigstens graduell reflexiv eingeholt werden kann.

  • Viele psychotherapeutische Studien wie einige aus der Entwicklungspsychologie haben die hohe Kontextabhängigkeit sowohl des Verstehens wie des Produzierens von Metaphern belegt. Damit ist sowohl der materielle und soziale Kontext des Gesprächs gemeint wie der unmittelbare Kotext vorausgegangener Sprechäußerungen. Dies scheint mit derzeitigen Mitteln nicht sicher methodisierbar zu sein und legt eine Forschungsmethodik nahe, die eine hermeneutische Offenheit zur Erschließung möglicher Einflussnahmen gewährleistet.

  • Eine heterogene Methodik auch innerhalb der Werke von AutorInnen, die sich auf Lakoff und Johnson beziehen, erschwert eine Vergleichbarkeit. Dennoch ist ein Stand erreicht, in dem einzelne Arbeiten reflexiv aufeinander bezogen werden können und das Fehlen von metaphorischen Mustern Anlass zur Methodenkritik und inhaltlichen Überlegungen bietet – so sind Berlin et al. (1991) die einzigen, die auf die offenbar verdeckte Kampfmetaphorik im Kontext des Beratens gestoßen sind. Es ist also möglich, die vorhandenen Studien als Hintergrund, vor dem die Besonderheiten des eigenen Samples herausgehoben werden können, zu nutzen – dies wird in der vorzustellenden Methodik (Abschn.  5.4.1) einen Schritt der Interpretationsgewinnung darstellen.

  • Die Studien zur Beratung und Psychotherapie, der Entwicklungspsychologie und der Geschichte der Psychologie, die sich der Forschungsmethode der Metaphernanalyse (in allen Varianten) bedienen, lassen sich der Dynamisierung, das heißt der Veränderung von individuellen und kollektiven Kognitionen zuordnen. Es sollte daher eine kommentierende Übersicht formuliert werden, in welcher Weise Metaphernanalysen Veränderungen abbilden können (ausführlicher Abschn.  5.7.11).

  • Außerhalb solcher Interessen ist der Großteil der psychologischen Studien eher an der Persistenz von individuellen und kulturellen Denkmustern interessiert, nicht an Veränderungen, wobei diese Muster oft als individuelle Eigenschaft (Erkrankung, Fähigkeit, Besonderheit) betrachtet werden. Kennzeichnend für viele dieser Studien ist, dass soziale Problemlagen und kulturelle Rahmungen kaum wahrgenommen werden.

  • Die gegenseitige Ergänzung von qualitativen und quantitativen Studien ist ein Desiderat; der in dieser Hinsicht modellbildenden Studie von Moser (2000a) sind bisher keine weiteren gefolgt.

Wie wird die Psychologie das Phänomen metaphorischer Sprache weiter behandeln? Wie vor allem die klinischen Beiträge zeigen, sind wesentliche Thematisierungen metaphorischen Sprechens und die Anwendung einer qualitativen Methodik im Kontext angewandter Psychologie anzusiedeln. Das Phänomen „Metapher“ scheint inkompatibel zur sogenannten „Grundlagenforschung“ in der Psychologie: Eine in realer Kommunikation gebrauchte Metapher benötigt zu ihrem Verständnis nicht weniger als eine komplette Szene mit mindestens zwei Menschen vor dem vierfach gestaffelten Hintergrund ihrer aktuellen Situation, ihrer jeweiligen Biografien, ihrer Einbettung in eine gegenwärtige Gesellschaft und zuletzt der historischen Tiefe ihrer Kultur, die ihre vielfältige Semantik erst bereitstellt. In den Untersuchungen der „angewandten“ Psychologie nötigt der Kontext dieser Komplexität häufig Verkürzungen auf. In der spezialisierten Ausdifferenzierung des akademischen Systems der psychologischen „Grundlagenforschung“ ist jedoch kein Ansatz in Sicht, der dieser Komplexität gerecht werden könnte, auch kaum eine Bereitschaft, die Implikationen der kognitiven Linguistik ernst zu nehmen. Die „Grundlagenforschung“ hat ihre Grundlagen in der gelebten Komplexität des Alltags und des Berufs längst vernachlässigt, da sie mit dem bisherigen Methodenarsenal nicht erfassbar sind, und eliminiert komplexe Phänomene wie das der alltagssprachlichen Metaphorik aus ihrem Forschungskanon. Jüttemann hat an dieser Stelle folgenlos provoziert, ob dieses Verhältnis nicht umzukehren sei, ob nicht die alltägliche Sinndeutung der Ausgang einer neuen Psychologie sein könnte: „Jede im fachwissenschaftlichen Rahmen mögliche (tatsächliche) Entdeckung hat ihren Ursprung in der vorsprachlichen Alltagspsychologie …“ (Jüttemann 1992, S. 147). Nehmen wir das ernst, dann erweist sich die Rede von der „Grundlagenforschung“ selbst als fatal wirksame Metaphorik, als Konstruktions- und Rechtfertigungsmuster eines autonomen akademischen Systems, als bildgesteuerte Prioritätensetzung: erst die „Grundlage“, dann die „Anwendung“ – beides kaum zutreffend, denn Erstere ist weniger in tiefem Grund (aber auch nicht auf der Höhe), sondern in ihrem Verhältnis dazu kaum in einer räumlichen Metapher zu bestimmen, und „angewandte“ Forschung ist vermutlich weniger „Anwendung“, sondern Reflexion etwa der gerade in einer Beratung geäußerten Metaphorisierungen. Der Ort des Nachdenkens über das Phänomen Metapher wird vermutlich die „angewandte“ Psychologie bleiben; vielleicht findet sich noch zu ihrer Selbstbeschreibung eine weniger einschränkende Metapher.

4.7 Exkurs: Metaphern und die Konstruktion von Geschlecht

Das Thema „Geschlecht“ nimmt im Rahmen dieses Buchs eine besondere Rolle ein. Es hätte auch als Abschnitt im dritten Kapitel über die Grundbegriffe qualitativer Forschung stehen können, um die Diskussion von Geschlecht als grundlegender Kategorie sozialer Ordnung (Gildemeister 2012, S. 216) oder die Positionierung von Geschlecht als Wissenskategorie (von Braun und Stephan 2005, S. 29 ff.) aufzunehmen. Andererseits zeigen die Diskussionen zu Geschlecht nicht die begriffliche Homogenität, die bei der Diskussion der Begriffe „Habitus“, „Deutungsmuster“ etc. zu finden war, was eine Zuordnung zu diesem Kapitel verhinderte. Die Fülle sehr gegensätzlicher, gleichzeitig empirisch basierter Studien zum Thema Geschlecht rechtfertigt daher einen eigenen Ort für die Querschnittsthematik Geschlecht und Geschlechterforschung in diesem Kapitel über sozialwissenschaftliche Disziplinen, das die Anwendung von Metaphernanalysen in verschiedenen Gegenstandsbereichen zum Thema hat. Aber auch in diesem Kapitel ist die Einordnung problematisch, denn die Debatte über Geschlecht nötigt dazu, eine Ergänzung des Begriffsapparats der kognitiven Linguistik vorzuschlagen, in dem Geschlecht als Schema begriffen wird, das heißt, hier wird auf die Theoriediskussion des zweiten Kapitels zurückverwiesen.119 Insofern ist die Positionierung am Ende des vierten Kapitels ein Kompromiss, welcher der notwendigerweise linearen Ordnung eines Textes geschuldet ist.

4.7.1 Versuche, Geschlecht und kognitive Metapherntheorie zu verbinden

Eine Übersicht der Publikationen von Lakoff und Johnson ergibt, dass die Kategorie Geschlecht in ihren Publikationen nicht auftaucht.120 Altmann (1990, insbes. S. 499 f.) notiert bei grundsätzlicher Zustimmung zu Kernthesen des Ansatzes von Lakoff und Johnson diese auffallende Leerstelle in einer Theorie, die auf „embodiment“, das heißt auf die körperliche Verankerung von Denkstrukturen so viel Wert legt – und die Differenz der Geschlechter völlig außer Acht lässt. Körper ist jedoch immer auch vergeschlechtlicht zu denken (Maihofer 1995), das System der Zweigeschlechtlichkeit ein nicht hintergehbares Muster (Wetterer 2010). Altmann weist auch darauf hin, dass die Diskussion der Metaphern von Höhe, Tiefe und Größe bei Lakoff und Johnson eine androzentrische Verzerrung zeigt und mögliche Erfahrungen weiblicher Lebenszusammenhänge ausblendet.121 Unterschiede wie Gemeinsamkeiten im Erleben und Verhalten von Frauen und Männern dürfen angenommen werden, auch wenn über ihre wissenschaftliche Beschreibung kein Konsens besteht (als frühe kritische Übersicht Hagemann-White 1984, exemplarisch für die Sprachwissenschaft Klann-Delius 2005, für die Sozialwissenschaften: Lenz und Adler 2010, S. 30–64). Die Begründung von Differenzen des Erlebens und Verhaltens aus körperlichen Unterschieden ist jedoch (nicht nur) in der feministischen Diskussion heftig umstritten und zieht den Vorwurf der Verdinglichung nach sich, damit würde die kulturelle Konstruktion von Geschlecht übersehen und naturalisiert werden (Connell 2006, S. 88). Der Körperbezug muss jedoch nicht als Verdinglichung gedacht werden – ich schlage, um Missverständnissen bei den folgenden Überlegungen zu entgehen, den Rückgriff auf den Begriff der „körperreflexiven Praxis“ vor. Connell (2006, S. 80) beschreibt damit das (zuweilen unerwartete) aktive Mitwirken (agency) des Körpers bei sozialen Prozessen – der Körper ist nicht nur Substrat gesellschaftlicher Zuschreibungen:

Wenn Körper sowohl Objekte als auch Agenten der Praxis sind und aus der Praxis wiederum die Strukturen entstehen, innerhalb derer die Körper definiert und angepasst werden, haben wir es mit einem Muster zu tun, das von der derzeitigen sozialen Theorie nicht erfasst wird. Dieses Muster könnte man körperreflexive Praxis nennen (Connell 2006, S. 81).

Wenn im Folgenden also vom Bezug auf den Körper die Rede ist, so ist damit nicht der biologische Körper gemeint, sondern eine vergeschlechtlichte Körpererfahrung, die sich in untrennbarer Einheit aus Natur und Kultur vollzieht. Die Frage, ob und in welchem Ausmaß geschlechterdifferente Erfahrungen und Metaphorisierungen im Besonderen eher der Natur oder der gesellschaftlich forcierten Konstruktion zuzuordnen sind, ist in dieser Perspektive nicht zu beantworten, aber auch nicht relevant für die weiteren Überlegungen.122

Außerhalb der Schriften von Lakoff und Johnson liegt eine Fülle sehr heterogener Überlegungen und empirischer Befunde zum Verhältnis von Geschlecht und Metaphern vor.123 Allerdings ergeben sich deutliche Kontraste: Während zum Beispiel Melnick (1999) eine beeindruckende Fülle von Beispielen für eine männlich konnotierte „cold hard world“ und ebenso viele für eine für weiblich gehaltene „warm soft mommy“ findet, nennt Bourdieu im Rückgriff auf seine Studien in Nordafrika (ders., 2005b, 18 f.) eine (nicht ganz so umfangreiche) Sammlung von Metaphern, die umgekehrt Männern „Wärme“ oder „Hitze“ zuweisen und Frauen zumindest die Fähigkeit, diese „Hitze“ zu „löschen“.124 Metaphorische Projektionen dürften also nicht einfach binär und nicht frei von thematischen oder kulturellen Prägungen sein, eine Zuweisung bestimmter Geschlechtsqualitäten durch metaphorische Konzepte ist immer nur partiell möglich. Auf dieser Ebene lässt sich die Kategorie Geschlecht also kaum systematisch in die kognitive Metapherntheorie einbeziehen, auch wenn das Gros der noch zu diskutierenden Aufsätze sich in der Sammlung von gegensätzlichen Metaphern für soziale Stereotype von Männern und Frauen erschöpft. Eine systematische Metaphernanalyse sollte ihren Beitrag zu der Frage erbringen können,

wie es zu der binären, wechselseitig exklusiven Klassifikation von zwei Geschlechtern kommt, die dann als omnirelevante Hintergrundannahme in allen sozialen Situationen wirksam wird und Hierarchiebildung impliziert (Gildemeister 2012, S. 217).

Die Frage danach, wie Männlichkeit und Weiblichkeit immer wieder hergestellt wird (vgl. Lenz und Adler 2011, S. 35–48), lässt sich mit dem Verweis auf widersprüchliche Ergebnisse von Metaphernanalysen zunächst nicht beantworten. Bourdieus Überlegungen zur männlichen Herrschaft (ders. 2005b) können bei der Klärung dieser Frage hilfreich sein, wenn Bourdieu nicht auf der Ebene seiner Befunde diskutiert wird, sondern seine begrifflichen Vorschläge betrachtet werden. Zunächst hat er sehr genau metaphorische Dichotomien beobachtet, die in überraschender Nähe zu den Befunden von Lakoff und Johnson stehen, und er hat ebenso den Körper als Ausgangspunkt metaphorischer Bedeutungsgebung wahrgenommen. Im Gegensatz zu Lakoff und Johnson hat er die geschlechtliche Deutung der metaphorischen Muster jedoch nicht übersehen:

Die für sich genommen willkürliche Einteilung der Dinge und der Aktivitäten (geschlechtlicher oder anderer) nach dem Gegensatz von weiblich und männlich erlangt ihre objektive und subjektive Notwendigkeit durch ihre Eingliederung in ein System homologer Gegensätze: hoch/tief, oben/unten, vorne/hinten, rechts/links, gerade/krumm (und hinterlistig), trocken/feucht, hart/weich, scharf/fade, hell/dunkel, draußen (öffentlich)/drinnen (privat) usf., die zum Teil Bewegungen des Körpers (nach oben/nach unten, hinaufsteigen/hinabsteigen, nach draußen/drinnen, hinaustreten/eintreten) entsprechen. Da diese Gegensätze im Hinblick auf den jeweiligen Unterschied einander ähnlich sind, ist ihre Übereinstimmung groß genug, um sich in und durch das unerschöpfliche Spiel der praktischen Übertragungen und der Metaphern gegenseitig zu stützen (Bourdieu 2005b, S. 18).

Im Folgenden beschreibt er, dass „diese universell angewandten Denkschemata“ (ebd., S. 19) Erwartungen erzeugen, die sich zum Beispiel in seinen frühen Studien in Algerien in den kulturell konstruierten biologischen und kosmischen Zyklen bestätigen lassen. Den Begriff der Schemata verknüpft er mit dem des Habitus, der in generativer Form seine Wahrnehmungen selbstbestätigend erzeugt:

Die Einteilung der Geschlechter scheint in der ‚Natur der Dinge‘ zu liegen, wie man manchmal sagt, um von dem zu sprechen, was normal, natürlich und darum unvermeidlich ist: Sie ist gleichermaßen – in objektiviertem Zustand – in den Dingen (z. B. im Haus, dessen Teile allesamt ‚geschlechtlich bestimmt‘ sind), in der ganzen sozialen Welt und – in inkorporiertem Zustand – in den Körpern, in dem Habitus der Akteure präsent, die als systematische Schemata der Wahrnehmung, des Denkens und des Handelns fungieren (ebd. S. 19 f.).

Bereits in Abschn.  3.2 wurde ein enges Verhältnis von metaphorischen Konzepten und Habitus diskutiert, aber auch herausgestellt, dass Habitus auf einer allgemeineren Ebene der Organisation von Wahrnehmen, Denken und Handeln anzusiedeln ist. Auch wenn Bourdieu im oben zitierten Zusammenhang metaphorische Denkmuster zwanglos als Entfaltung von Habitus vorführt, ist sein Begriff der Metapher, den er nicht expliziert und der aus den Beispielen erschlossen werden muss, sehr viel enger als in der kognitiven Metapherntheorie gefasst und bleibt an eine üblich-rhetorische Definition der Metapher als eines bildlichen Ausdrucks angelehnt. Sein Begriff der Schemata steht aber dem der „kinaesthetic image schemas“ von Lakoff bzw. Johnson, wie er in Abschn.  2.1.3 diskutiert wurde, überraschend nahe. Bourdieu behandelt in den oben genannten Textstellen die Dichotomie männlich/weiblich als Schema – und ich schlage vor, dieses Schema in den Kreis der Schemata, wie sie erstmals von Johnson (1987) beschrieben worden sind, zu integrieren. Johnson bestimmt ganz allgemein nicht weiter hintergehbare einfachste Muster als „kinaesthetic image schema“ im Sinne der kognitiven Metapherntheorie:

The view I am proposing is this: in order for us to have meaningful, connected experiences that we can comprehend and reason about, there must be pattern and order to our actions, perceptions, and conceptions. A schema is a recurrent pattern, shape, and regularity in, or of these ongoing ordering activities. These patterns emerge as meaningful structures for us chiefly at the level of our bodily movements through space, our manipulation of objects, and our perceptual interactions (Johnson 1987, S. 29, Hervorhebung im Original).

Johnson legt Wert darauf, dass diese Schemata dynamisch, flexibel, kontextabhängig und flüssig bleiben, sich an unterschiedlichste Kontexte anpassen125 (ebd., S. 30) und nur aus wenigen fixen Elementen bestehen (ebd., S. 28). Das Geschlechterschema ließe sich so für westliche Gesellschaften unter Bezug auf die drei elementaren Bestandteile eines Schemas (vgl. Abschn.  2.1.3) wie folgt formulieren:
  1. a)

    sensomotorische Erfahrung von körperlicher Differenz (Geschlechtsteile, Zyklus, Bart, Körpergestalt u. a. mehr) und kulturelle Erfahrung einer binär dominierten Aufteilung (von Alltagspraxen bis in das Genus-System vieler Sprachen: „der“ Hund – „die“ Katze, vgl. aber einschränkend Klann-Delius 2005, S. 20–36), die zu einer anderen körperreflexiven Praxis (Connell, s. o.) führt,

     
  2. b)

    notwendige Elemente der Struktur des Schemas: Frauen und Männer als prototypische, aufeinander angewiesene und entgegengesetzte Elemente, die ihr Geschlecht im Lebensverlauf nicht ändern,

     
  3. c)

    aus dieser Struktur sich ergebende Logik („basic logic“): A ist nicht in B zu überführen und B nicht in A.126

     
Diese Beschreibung reiht sich in eine Definition der „kinaesthetic image schemas“ bei Lakoff und Johnson (vgl. Abschn.  2.1.3) problemlos ein. Der bedeutendste Unterschied zu Johnson und auch zu Lakoff besteht darin, dass die Einübung des Geschlechterschemas – wie auch der anderen Schemata – von Bourdieu sehr viel deutlicher im Rahmen der kulturellen Überlieferung und der konkreten gesellschaftlichen Situierung gedacht wird.127 Die Vorgehensweise von Lakoff und Johnson, frühe Bewegungserfahrungen von Säuglingen und Kindern als ahistorische, kulturfreie und ungeschlechtliche Naturphänomene zum Ausgangspunkt zu nehmen (Lakoff und Johnson 1999, S. 47 ff.), wird damit korrigiert. Darüber hinaus sind mit dieser Erweiterung der Schemata im Sinne der kognitiven Linguistik drei forschungsmethodische wie -praktische Folgerungen verbunden:
  • analytische Unabhängigkeit des Genderschemas von der konkreten metaphorischen Konzeptualisierung

    Wenn Geschlecht in die Reihe basaler „kinaesthetic image schemas“ übernommen wird, welche dazu dienen, metaphorische Projektionen zu ermöglichen, dann ist das System der Zweigeschlechtlichkeit als Möglichkeit des Denkens und Ordnens der Welt in der kognitiven Metapherntheorie verankert. Die Wahrnehmung dieses Schemas erlaubt es, auch widersprüchliche metaphorische Konzeptualisierungen im Hinblick auf ihre Gemeinsamkeit zu sehen. Die oben angedeuteten Beispiele der Wärme, die je nach Kontext Frauen oder Männern attestiert werden können, zeigen, dass die Zuschreibung nur ein lokales Phänomen ist, während das dichotome Schema der Zweigeschlechtlichkeit als Muster unserer Kultur einen größeren Grad nicht hinterfragter Selbstverständlichkeit beanspruchen kann. Die Schemata der kognitiven Metapherntheorie sind nicht weiter zerlegbare Bausteine des Denkens; ihre Kenntnis wirkt als sensibilisierendes Konzept, Metaphorisierungen erkennen zu können. Das Zusammenspiel aus elementarem Schema mit seiner binären Logik und seiner kulturspezifischen Ausgestaltung mit Metaphern könnte also die Denkfigur sein, die es uns erlaubt, elementare Schemabildung und damit Kategorisierung mit gesellschaftlichen Prozessen zu verbinden. Es verbindet psychologische und soziologische Fragestellung im Medium der Sprache: Der Schemaerwerb wäre eher mit den Mitteln der Sprachpsychologie, Wahrnehmungspsychologie und Entwicklungspsychologie zu fassen, die soziale und kulturelle Ausgestaltung des elementaren Schemas eher mit den Denkmitteln der Soziologie und der Kulturanthropologie.

  • Stärkung der Wichtigkeit sozialräumlich und historisch konkreter Analysen

    Da widersprüchliche metaphorische Konzeptualisierungen von Geschlecht vorkommen, werden im Gegensatz zu Lakoffs und Johnsons latent biologisch-universell wirkenden Darbietungen metaphorischer Konzepte die konkreten sozialen, kulturellen und situativen Umstände der Metaphernverwendung in die Interpretation aufzunehmen und ihre Besonderheiten zu studieren sein.

  • Vermeidung von „doing gender“

    Diese Relativierung der Zuordnung bestimmter Metaphern zu einem Geschlecht zugunsten des Interesses daran, wie das Geschlechterschema metaphorisch entfaltet wird, gibt auch einer methodischen Skepsis Raum: Die Suche nach geschlechterdifferenten Metaphern oder die Zuschreibung von metaphorischen Konzepten zu einem Geschlecht (wie z. B. Krieg zu Männern) beinhaltet das Risiko, in der Forschung nicht nur Unterschiede zu beschreiben, sondern sie auch herzustellen, wo sie nicht sind, sie durch eine Fokussierung zu übertreiben oder die gefundenen Differenzen durch wissenschaftliche Beschreibung nur zu verdoppeln, statt diese auch als konstruierte und hergestellte zu verstehen. Diese Formen beschreiben die alltäglich übliche, in der Forschung jedoch als methodischer Fehler zu diskutierende Praxis des „doing gender“.128

Der folgende Text diskutiert sozialwissenschaftliche Studien, die Geschlecht und Metapher in einen systematischen Zusammenhang bringen. Gezeigt wird die Vielfalt der Fragestellungen, die bereits mit (Vorformen) der Metaphernanalyse bearbeitet wurden. Sie werden hier in dem Maße diskutiert, wie sie für weitere Studien – sei es durch ihre Ergebnisse, sei es durch methodische Probleme – Anregungen geben können.

4.7.2 Ähnlichkeit der Metaphernverwendung bei Frauen und Männern

Lenz und Adler (2010, S. 100–104) verweisen darauf, dass die starke Kontrastierung eines weiblichen und eines männlichen Kommunikationsverhaltens empirisch und theoretisch problematisierbar ist. Einen wichtigen Hinweis, nicht in die Falle des „doing gender“ zu gehen, bietet auch Moser (2000) in ihrer quantitativen Studie zur konkreten Metaphernverwendung. Sie untersuchte in ihrer Dissertation die Relevanz der symbolischen Umwelt für das Selbstkonzept in der Phase des Umbruchs zwischen zwei Lebensabschnitten anhand der Metaphern der Befragten (vgl. die ausführliche Darstellung im Abschn. 4.6.2.6): Geschlechtsunabhängig wird „Erfolg“ eher in der Wegmetaphorik präsentiert, interessanterweise selten ist die Kampfmetaphorik bei beiden Geschlechtern, auch die Unterschiede bei anderen Metaphern sind nicht signifikant. Die Ausnahme bzw. der Unterschied zwischen Frauen und Männern findet sich besonders in dem Punkt, dass Männer die Themen „Erfolg“ und „gute Beziehung“ in den gleichen Metaphoriken (Weg, Wissenschaft/Technik) beschreiben, Frauen eher differenzieren, indem sie für „Erfolg“ häufiger Gefäßmetaphern und für gute Beziehungen mehr Gewichtsmetaphern nutzen. Dies ist die wichtigste der wenigen statistisch relevanten Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern, die Moser in ihren zahlreichen Gruppen- und Untergruppenvergleichen findet – die Verteilung der metaphorischen Konzepte weicht zwischen den Personen stärker als zwischen den Gruppen ab. Dieser Hinweis lässt vermuten, dass manche besonders herausgestellten sprachlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch ein Produkt einer nicht reflektierten Fokussierung auf Differenzen und einem „hiding“ der Übereinstimmungen zwischen den Geschlechtern geschuldet sind.

Stärker nach geschlechtlichen Differenzen der Sprachverwendung suchend – und diese auch findend – präsentiert sich die Studie von Fiksdal (1999, überarbeitet: 2008). Sie rekonstruiert in einer Untersuchung an 60 Studierenden, die in Interviews über ihre Erfahrung der Kommunikation in Seminaren sprachen, dass männliche Studierende eher das Konzept „seminar is a game“ (als Wettkampf) nutzten, während weibliche Studierende stärker das Konzept „seminar is a community“ (Ort der idealerweise gelingenden Kommunikation) gebrauchten. Weitere Konzepte kommen bei beiden Geschlechtern vor. Saban et al. (2007) fanden in ihrer großen Studie (1142 türkischen LehramtsanwärterInnen) geringe, aber signifikante Differenzen zwischen Frauen und Männern insofern, als angehende Lehrerinnen stärker vermittlungsorientierte (29,4 zu 26,2 %), stärker wachstumsorientierte (10,6 zu 8,7 %) und stärker beratungsorientierte (10,6 zu 5,3 %) Metaphern zur Beschreibung ihres zukünftigen Tuns nutzten als die männlichen Befragten (ebd., S. 133). Es gab keinen Unterschied im Gebrauch von Metaphern, die den angehenden LehrerInnen eine die SchülerInnen formende Kraft attestierten. Kritisch einzuwenden wäre, dass die Erhebung in Aufsatzform vermutlich stärker idealisierte Bilder generierte, als dies in einer näher an der tatsächlichen Berufsausübung implementierten Datengewinnung geschehen wäre.

Im Bereich politischer Rede zeigen die in Ahrens (2009) zusammengefassten Studien, dass selten eine Differenz in der Häufigkeit des Gebrauchs bestimmter Metaphern zwischen Männern und Frauen zu finden ist (exemplarisch: Stefanowitsch und Goschler 2009). Allein Charteris-Black (2009) kommt in einer für Verallgemeinerungen zu kleinen Studie (vier PolitikerInnen, zwei Politiker des britischen Unterhauses) auf einen häufigeren Metapherngebrauch von Männern, entwickelt aber die bedenkenswerte Hypothese, dass mögliche Cross-Gender-Effekte eine Rolle spielen könnten: Männer könnten emotionalere Metaphern gebrauchen, um nicht als allzu männlich zu gelten, und Frauen könnten diese vermeiden, um nicht dem Klischee zu verfallen.

Von diesen wenigen Studien kann nur begrenzt auf andere Kontexte geschlussfolgert werden. Weitere Studien, die sich enger an der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson orientieren und verbunden mit einer im zweiten Schritt durchgeführten Quantifizierung der Ergebnisse Aussagen zur Häufigkeit von Metaphernverwendungen ergeben, sind nötig, um diesen ersten Eindruck zu bestätigen, oder ihn so zu modifizieren, dass es nur kleine Unterschiede in der quantitativen Verwendung bestimmter metaphorischer Denkmuster bei der Beschreibung eines gemeinsamen Themas zwischen Frauen und Männern gibt und weite Überschneidungen im Sprachgebrauch beobachtet werden.129

4.7.3 Metaphorisch formulierte soziale Stereotype von Geschlecht

Die folgenden Studien sind durchweg daran orientiert, unterschiedliche Metaphern bzw. metaphorische Konzepte für soziale Stereotype von Männern und Frauen in der Gegenwart zu finden.130 Stimmt man der Unterscheidung von Stufen oder Phasen der feministischen Forschung zu, dass nach einer Phase der Beschreibung der Deprivilegierung von Frauen eine der Beschreibung der Differenzen von Frau und Mann folgte, die von einer dritten weitgehend abgelöst wurde, in der die soziale Konstruktion der Geschlechterdifferenz Thema ist (Klann-Delius 2005, S. 9–18; Hark 2007, S. 9–15), dann sind diese Studien der ersten und zweiten Phase zuzurechnen. Der Vorwurf des „doing gender“ kann ihnen durchweg gemacht werden, weil sie die Geschlechterdichotomie durch Zuspitzung besonders differenter Metaphern in ihren Befunden in einer forcierten Weise herstellen. Sie übersehen durchweg, dass es zwischen den Geschlechtern auch geteilte metaphorische Konzepte der Welt gibt. Sie stellen damit – unfreiwillig – die Macht sozialer Stereotype dar wie her und sind in dieser Lesart unverzichtbar Ausgangspunkt einer möglichen kritischen Bearbeitung.

Baider und Gesuato (2003) arbeiten für die französische und die italienische Sprache nach, was Hines (1999) und Lakoff (1997, S. 409–415) für die englische Sprache schon diskutiert haben: Tiermetaphern eignen sich in besonderer Weise dazu, Frauen als Objekt sexueller Begierde zu beschreiben. Sie fassen zusammen:
  1. (a)

    women are considered mere objects of sexual desire more often than men are (more numerous and more varied terms are available to refer to women in sexual terms);

     
  2. (b)

    women are degraded by being treated as equivalent to animals that are hunted and possessed and/or eaten (which shows the conflation of sex, appetite and control);

     
  3. (c)

    women are also more often conceptualised as unreal, fabulous seductive or destructive creatures than men are (consider, e. g. mermaid, enchantress, harpy) (Baider und Gesuato 2003, S. 9).

     
Bei der Interpretation einzelner Metaphern, die auch als Kosenamen genutzt werden können, zeigt sich für diese reine Studie des Lexikons, dass die sozial-situative Kontextualisierung für die Bestimmung der impliziten Bedeutung der Metapher unerlässlich wäre. In Bezug auf beleidigende Metaphern für Männer befinden sie:

The worst insult to a man is then to be compared to a woman. Therefore the woman, being the sub-human in the great chain of being, has to be compared to an animal to be insulted (ebd., S. 21).

Nilsen (1996) entwickelt in einer Studie, die eher experimentell die Zuweisung von Tiermetaphern zu Geschlechtern untersucht, immerhin auch als Ergebnis, dass solche Zuweisungen nicht völlig fixiert sind und dass zur Beschreibung konkreten Verhaltens oder bestimmter Eigenschaften durchaus Metaphern genutzt werden, die nicht dem sozialen Stereotyp entsprechen („she wolfed her food“, „he’s always bird-dogging me“). Allerdings werden solche Ausnahmen durch Bezeichnung der Umstände markiert. Die Beleidigung „chicken“ für Männer, denen Feigheit attestiert wird (ebd., S. 269), unterstreicht die oben zitierte Bemerkung von Baider und Gesuato (2003).

Auch Melnick (1999) ist in seiner Suche nach „typischen“ Metaphern der Konstruktion von Mann und Frau einer Differenzkonzeption verpflichtet: Er referiert zunächst sehr gründlich die Ausfaltungen der metaphorischen Überlappungen „cold = hard“ und „soft = warm“, um dann diese Dichotomie auf ihre geschlechtsbezogenen Implikationen zu untersuchen. Er arbeitet die Differenz nicht an der Schematheorie heraus, aber er pointiert in Absetzung von Lakoff und Johnson, dass es nicht unbedingt der physikalischen Erfahrung mit Vater und Mutter bedürfe, um die Assoziation Vater = hart = kalt und Mutter = warm = weich zu erwerben, sondern die Konfrontation mit einem oft binär operierenden Sprachsystem:

It is in fact extremely difficult to say how many of the perceived differences between ‚father‘ and ‚mother‘ correspond to real physical experiences during infancy and how many of them are later constructions, influenced by acquired linguistic structures, which we retroject, presumably by the process that Freud called nachträglichkeit, onto our infantile memories. At some point, possibly very early on, we fit the opposition mother/father and its generalized equivalent female/male into the whole inferential system implied in COLD IS HARD/WARM IS SOFT. Once that is done, mother/father and female/male partake inevitably of all the entailments that the logic of the system generates – so that if ‚father‘ strikes us as cooler than ‚mother‘, it may well be due as much to the way our language leads us to think and speak about ‚fathers‘ and ‚mothers‘ as to our actual experience (Melnick 1999, 2. Abschnitt, 5. Abs.).

Die nachdrückliche Erinnerung, dass wir in eine Sprache hineinsozialisiert werden, die offenbar die zwei grammatischen Geschlechter „männlich“ und „weiblich“ als Ordnungsmuster vermittelt, ist nicht das wichtigste an dieser Zitatstelle131 – obschon Lakoff und Johnson, wie erwähnt, dies nicht bei der Entwicklung von Schemata und Metaphern bedenken. Wichtiger ist Melnicks Verweis auf den freudschen Gedanken, dass das Lernen dieser grammatischen Kategorien und weiterer metaphorischer Konzepte auch zu einer nachträglichen (und polarisierenden) Reorganisation der frühen Erfahrungen führe. Er führt diese Polaritäten als Zuspitzung seiner breiten Sammlung zusammen:

MALE

FEMALE

hard

soft

cool or cold

warm

dry

moist

uncomfortable

comfortable

unsympathizing

sympathetic

solid

flowing, labile, or airy

dependable, reliable

mutable

precise

imprecise

favors distinct demarcations

favors fuzzy demarcations

illuminates reality (visible genitals)

veils reality (veiled genitals)

ultimately comprehensible in detail

ultimately incomprehensible in detail

sharp (or sometimes blunt)

spongy, elastic

vigorous

languid

made for effort and difficulty (‚hard‘)

made for ease (‚soft‘, ‚easy‘)

well-defined

ill-defined

active

passive

penetrative (hard, sharp)

receptive (soft)

conquers gravity (via erections)

cooperates with gravity

belongs above

belongs below

struggles against nature (gravity)

represents nature

(Melnick 1999, 2. Abschnitt, 14. Absatz)

Diese Aufzählung ist, wie erwähnt, auch ein „doing gender“, denn Melnick stellt sich nicht die Frage, ob es jenseits dieser Dichotomisierung weitere, geschlechtsneutrale Konzepte gibt. Dennoch hilft diese breite Sammlung, dafür zu sensibilisieren, wie Zweigeschlechtlichkeit hergestellt werden könnte. Im Übrigen sind damit sicher nicht alle metaphorischen Ausfaltungen des Geschlechterschemas von Melnick erfasst – so fehlen die Dichotomien Reinheit/Unreinheit, Geist/Körper (von Braun und Stephan 2005), öffentliche Weite/private Räume (Wesely 2000b). Solche Studien sind auch für sozialräumlich ferne Kontexte verfügbar: Beispielsweise dokumentiert Luchjenbroers (1995) für das Englisch in Hongkong, dass Männern durch Metaphern in dortigen Zeitschriften Aktivität und Aggressivität zugeschrieben werden, Frauen jedoch Passivität, Emotionalität und Unterentwickeltheit. Ein Sammlung unsystematischer Studien, die Bilder von Männlichkeit in ähnlich dichotomer Weise benennen, findet sich in Fitzgerald (1993, S. 109–157).

Es ist nicht das Ziel dieser Übersicht, eine gesättigte und in sich konsistente Sammlung geschlechtsdichotomer metaphorischer Konzepte vorzulegen, zumal das zu Beginn erwähnte Beispiel der unterschiedlichen Verortung von metaphorischer Wärme die Grenzen solcher Aufzählungen gezeigt hat. Ihr Wert liegt darin, für die latent geschlechtszuweisenden Effekte der Metaphern von Wärme/Kälte, Härte/Weichheit, Reinheit/Unreinheit, Höhe/Tiefe etc. in anderen Kontexten zu sensibilisieren, ohne diese zu präjudizieren.

4.7.4 Die metaphorische Konstruktion von Geschlecht in Ausschnitten des sozialen Lebens

4.7.4.1 Berufswelt

Koller (2004a, b, 2005) findet in mehreren Studien im Diskurs über Wirtschaft in den entsprechenden Printmedien dieses Bereichs eine überwältigende Fülle von Kriegsmetaphern für die Handelnden, ihr Tun und ihre Situationen. Sie fokussiert auf vier mengenmäßig hervorstehende Metaphernkomplexe: Krieg, Sport, (Kampf-)Spiel und evolutionären Kampf (bei Firmenaufkäufen).

Diese Studien eignen sich, einige methodische Probleme von Metaphernanalysen vorzuführen, die aus einer nicht reflektierten Vermischung qualitativer und quantitativer Vorgehensweisen132 folgen und die dabei das, was sie vorgeben erforschen zu wollen, durch die Anlage der Untersuchung bereits konstruieren. Problematisch für die qualitative Forschung ist zunächst die Leitung durch Hypothesen:

this book is based on the following hypotheses: business media discourse is characterized by coherent metaphor clusters centring on the WAR metaphor, and this metaphor helps to masculinize both that discourse and related social practices (ders. 2004a, S. 9).

Die Nutzung von Hypothesen wird jedoch in der qualitativen Forschung skeptisch diskutiert. Vorannahmen sind selten wirklich zu vermeiden, aber Hypothesen sollten zur Disposition gestellt werden können (Flick 2007a, S. 24 f., Lamnek 2005, S. 93 f.), da sie die Entdeckung von neuen Zusammenhängen in der Forschung verhindern und dazu führen, das ohnehin Vermutete in den Texten nur wiederzufinden. Kollers formulierte „Hypothese“ ist jedoch auch ihr Ergebnis.

Koller arbeitet heraus, dass Krieg und Sport auch geschichtlich in einem hohen Maße vermännlicht seien und dass der Bezug auf diese Erfahrungen Frauen marginalisiere (Koller 2004a, S. 109). Ist aber die von Forschenden vorgenommene ausschließliche Zurechnung dieser Metaphorik zu einem männlichen „Wesen“ nicht auch ein „doing gender“, das Verfestigen einer Common-Sense-Vorstellung? So bindet sie die Metaphorik des Kriegs und Connells Begriff der „hegemonialen Männlichkeit“ in einer Weise zusammen, die Männlichkeit und Weiblichkeit gleichermaßen verkürzt:

It should also be noted that the cognitive inculcation of social practices continues to have its effects even when those practices are no longer enacted. Thus war keeps functioning as constitutive of male identity even in prolonged periods of peace … Thus war metaphor is a special case as it also serves to sustain hegemonic masculinity (Koller 2004a, S. 33 f.).

Allerdings sind Kollers Schlussfolgerungen hier nicht konsistent, ihre eigene Rekonstruktion prototypischer Szenarien wirtschaftlichen Handelns (exemplarisch 2004a, S. 62, S. 106) hat die Metaphorik schneller Bewegung in einem umgrenzten Raum im Zentrum, von dem sich kriegerische Aktivitäten nur in Teilen ableiten lassen. Im Vergleich zu anderen Metaphernanalysen finden sich insgesamt weniger herausgearbeitete Konzepte. Die Forcierung der Kriegsmetapher als Zentrum der Analyse steht nicht nur im Gegensatz zu einer entdeckend-rekonstruierenden Logik qualitativer Forschung, sie führt auch zu einer Verkürzung der Diskussion alternativer Konzepte. Aber gerade in seltener gebrauchten Konzepten hätte die Chance gelegen, die Suche der Autorin nach geschlechtsneutralen Metaphern (ebd., S. 172) zu unterstützen.

Ferner sind begriffliche Einschränkungen zu notieren: Auch wenn ihr zuzustimmen ist, dass die empirische Vorgehensweise bei Lakoff und Johnson ungenügend ist, weil diese keine bestimmten empirischen, das heißt sozial-situativen Kontexte untersuchen, ist ihr eigenes forschungsmethodisches Vorgehen, obwohl die Studie 2004 erschienen ist, noch immer an der überholten Einteilung von Metaphern (conceptual, orientational, ontological) in Lakoff und Johnson (1980) orientiert. Darüber hinaus (ebd., S. 54) findet sich der nicht nachvollziehbare Bezug von Metaphern auf Wortklassen (Verben, Adjektive, Substantive) – im Verständnis von Lakoff und Johnson ist der Sinn von Metaphern jedoch nicht von der Wortklasse abhängig.

Eine weitere forschungsmethodische Problematik findet sich im konkreten Prozedere der Metaphernfindung. Da Koller mithilfe von fixen Suchtermen in einer Textverarbeitung sucht, riskiert sie, sich nur die schon vorher bekannten und von vorurteilsbehafteten Vorkenntnissen geprägten Vermutungen zu bestätigen; die damit erzielten dürftigen Ergebnisse benötigen eingestandenermaßen Überarbeitung: „From the above it can be seen that computer-generated results require quite extensive manual reworking“ (dies. 2004a, S. 54), was zu einem nicht nachvollziehbaren Gang ihrer Rekonstruktion metaphorischer Konzepte führt.

Quantitative Angaben werden konsequent ohne Tests darauf, ob die Unterschiede auch signifikant sind, genannt (ebd., S. 74, 120); es sind reine Häufigkeitsangaben. In der Beschreibung der Korpora (ebd., S. 43, 47) werden keine Hinweise gegeben, in welchem Verhältnis die ausgewerteten Zeitschriften zu einer möglichen Grundgesamtheit stehen, also ob es sich um eine repräsentative Auswahl handelt. Die Beschränkung auf elektronisch zugängliche Texte beispielsweise könnte zu einem Bias geführt haben, da möglicherweise konservativere, kleinere oder spezielle Zeitschriften ausgeschlossen wurden. Auf welche Weise die Zahl der einzelnen Aufsätze (und deren Textlängen) den einzelnen Zeitschriften zugeordnet wurde, wird nicht diskutiert. Diese Häufigkeiten können daher nur vorsichtig als Hinweis auf Verteilungen diskutiert werden. So ist anzumerken, dass in den Interviewstudien von Oberlechner (2004, S. 186) bzw. Oberlechner et al. (2004) die Kriegsmetapher erst an dritter Stelle der implizit gebrauchten Metaphern bzw. an fünfter Stelle der explizit gebrauchten Metaphern steht (nach metaphorischen Konzepten, dass der Markt ein Organismus oder ein Ozean sei).

Koller diskutiert für das Ziel, Bewusstsein zu verändern und geschlechtsneutrale Metaphern zu finden, als alternative Konzeptualisierung nur kurz das Bild des Wettrennens (ebd., S. 175), die Metapher der Paarung (für Firmenübernahmen), Markt als Gespräch und Firmenzusammenschlüsse als Entwicklung von Organismen (ebd., S. 177 f.). Durch die computergestützte Suche nach bekannten – und damit in die Vorurteile passenden – Metaphern werden also inhärente Brüche im Marketingdiskurs kaum gefunden. Sie schreibt zwar:

Excluding woman by reifying business as a male arena is just one of the reasons why a change in metaphor seems highly desirable (ebd., S. 173).

Allerdings ist durch diese Art der „Metaphernanalyse“ eine Verdinglichung des Businessdiskurses als männliche Arena vorgenommen worden. Dass sie im gleichen Zusammenhang neurowissenschaftlichen Untersuchungen über Metaphern vorwirft, sie würden Möglichkeiten der kognitiven Veränderung minimieren, wirkt dann sehr unverständlich (ebd., S. 175). Eine ähnliche methodische Kritik wäre für Koller (2004b) zu formulieren, auch wenn ihr darin zuzustimmen ist, dass die Überlegung von Lakoff und Johnson (1999, S. 571), metaphorische Konzeptualisierungen als synaptische „Verschaltungen“ zu betrachten, die Möglichkeiten der kognitiven Metapherntheorie unnötigerweise beschränkt. Die Studien von Koller (2008a, b) relativieren diese Ergebnisse, denn es zeigt sich, dass die Dominanz der Kriegsmetaphorik offenbar auch dem ersten Sample und einer verkürzenden Auswahl der Suchworte geschuldet war.133 In den neueren Vergleichen bezieht sie stärker Texte aus den gleichen Printmedien des Wirtschaftsbereichs ein, welche die Kommunikation von Unternehmen mit Kunden thematisieren. Sie findet hier nun stärker Metaphern der persönlichen, familiären oder freundschaftlichen Beziehung zwischen Unternehmen und Kunden und positioniert sie als „weibliche“ Metaphern (Koller 2008a). Jenseits dieser verkürzenden Zuschreibung verdeutlicht die veränderte Interpretation die Notwendigkeit, Verallgemeinerungen stärker an die Besonderheiten des untersuchten Samples zu binden.

Anderson Vasby und Horn Sheeler (2005) scheinen sich in ihrer Studie mit dem vielversprechenden Titel „Governing Codes: Gender, Metaphor, and Political Identity“ an Lakoff und Johnson zunächst zu orientieren (ebd., S. 3 f.), die Vielzahl dazu inkompatibler, klassisch-rhetorischer Diskussionen zu Metaphern und deren Funktionen relativiert jedoch diese Erwartung. Die Darstellung der Forschungsmethodik beschränkt sich auf eine nicht sehr aussagekräftige Fußnote (S. 36) und kommt auf nur vier metaphorische Konzepte für politisch erfolgreiche Frauen („pioneer“, „puppet“, „hostess/beauty queen“, „unruly woman“), die in den Fallgeschichten materialreich diskutiert werden. Ohne expliziten Metaphernbegriff arbeiten Ollilainen und Calasanti (2007) heraus, dass in selbstbestimmten gemischten Teams im Dienstleistungsbereich entgegen den Erwartungen die Geschlechterdichotomie nicht unbedingt aufgehoben werde, nur weil alle nun virtuell die gleiche Arbeit hätten. Die Metapher der „Familie“, als die sich solche Teams oft selbst benennen, führe zu einer emotionalen Arbeitsteilung, die Frauen – wie in der Familie auch – die emotionale Arbeit der Verständigung und Zuwendung zuweise. Burrell et al. (1992) untersuchen die Bilder, die Frauen in betrieblichen Zusammenhängen für Konflikte haben. Sie reduzieren diese jedoch auf die Kategorisierung Konflikt als Kampf/Zerstörung, als Unvermögen/Ungleichheit und als Möglichkeit/Lösung. Damit wird trotz des expliziten Bezugs auf Lakoff und Johnson die Idee der Konzepte als bildlich stimmige Übertragung von einem konkreten Quellbereich auf den abstrakten Zielbereich verschenkt. Die Erhebungsmethodik begrenzt zudem die Reichweite der Untersuchung: Es wurden vor und nach einem Kommunikationstraining Fragebögen mit offenen Satzergänzungen: „Ein Konflikt ist wie …“ ausgegeben; diese Form der Metaphernproduktion ist nicht sehr nahe an der zu untersuchenden konflikthaften Realität angesiedelt.

Die in diesem Abschnitt genannten Untersuchungen sind als Erschließung des Felds und zur Sensibilisierung in der Vorphase systematischer Metaphernanalysen sicher hilfreich, auch wenn ihre offensichtlichen Beschränkungen verhindern, ihre verallgemeinernden Aussagen für allzu belastbar zu halten.

4.7.4.2 Häusliche Reproduktion

Explorative Studien, die familiäre Reproduktion in den Blick nehmen, liegen in den Arbeiten von Eisikovits und Buchbinder (1997, 1999) vor, die zunächst (dies. 1997) die Metaphern rekonstruierten, in denen polizeilich registrierte Männer, die ihre Ehefrauen misshandelt hatten, sich und ihre Situation schilderten: Sie erlebten Konflikte als „Kriege“, für die es keine andere Lösung als „Sieg“ oder „Niederlage“ gegeben habe; eigene Schwäche musste mit größerer Gewalt kompensiert werden; sie sahen sich als „Opfer“. Ihr Körper wurde als Behälter für („geschluckten“) Ärger und Wut metaphorisiert, bis die „Explosion“ nicht mehr kontrolliert werden konnte. Ferner fanden sich Metaphern, welche die Schuld in einer Art Handel auf beide Seiten verteilten, Schuld reduzierten und den Vorgang ungeschehen machen sollten. Die anschließende Studie von Eisikovits und Buchbinder (1999) eruierte die Metaphern, in denen die misshandelten Frauen ihr Erleben und ihre Versuche darstellten, den Partner zu erklären. Die AutorInnen arbeiteten heraus, dass diese Frauen sich nicht selbst als Opfer sahen. In ihren Erzählungen wurde eine Normalisierungsstrategie deutlich, dass sie den Männern ähnliche Naturalisierungen der Gewalt („der Mann ist ein Vulkan“) nutzten und sich selbst verbale „Gewalt“ attestierten, die den Mann verletze. Viele ihrer Metaphern wurden von den AutorInnen dem Thema „Kontrolle“ zugeordnet, sei es der Versuch, sich selbst, den Mann oder die Situation zu kontrollieren, sei es die Erfahrung des eigenen oder partnerschaftlichen Kontrollverlusts. Bei der Vielzahl der genannten Metaphern hätte die Ordnung derselben in metaphorischen Konzepten die Ergebnisse noch eindrücklicher gestalten können; dieses Manko irritiert, denn auf Lakoff und Johnson wird Bezug genommen.

4.7.4.3 Sexualität, Erotik und Körper

Die bildlichen Denkwelten von sexuell gewalttätigen Männern finden sich bereits in der Studie von Beneke (1982), die durch ihre Rezeption bei Lakoff (1987, S. 409 ff.) bekannter geworden ist: In Gesprächen mit wegen Sexualdelikten verurteilten Männern, aber auch mit dem „Mann von der Straße“ (keine repräsentative Befragung) findet er in deren Sprache eine Bildwelt, die sexuelle Gewalt verständlich und notwendig machen soll. Sexualität sei Erfolg, Leistung und Triumph, es finden sich die Metaphern der Jagd („Schürzenjäger“) und des Krieges („Eroberung“, „wehrte sich nicht mehr“, „ergab sich“). Diese Männer metaphorisieren Frauen als Objekte bzw. als Nahrung („What a piece of meat!“), Tiere („chicken“, „Häschen“) oder als Kinder, über die man Gewalt hat („baby“). Gängig ist, dass sie nach ihren Geschlechtsteilen benannt werden (Pars pro Toto). Sexualität ist Verrücktheit („madness“), physikalische Gewalt („Blitz“, „Funken“); das männliche Geschlechtsteil wird als Waffe metaphorisiert, Sperma als „Ladung“ und „Munition“. Lakoff (1987, S. 409 ff.) schließt aus dieser Überlappung der Bilder für Sexualität und für Ärger, der auch aus den Domänen Hitze, Krankheit, Tier, Krieg und physikalische Gewalt seine Bilder bezieht, und aus dem weitgehenden Fehlen von Bildern für eine nicht gewalttätige Sexualität in seiner Sammlung auf eine kulturelle Struktur und erklärt damit die Häufigkeit von Vergewaltigungen in Nordamerika (ebd.).134 Mit Patthey-Chavez et al. (1996) ist zu zeigen, dass dieses vermeintliche Fehlen auch ein forschungsmethodischer Fehlschluss Lakoffs ist – Metaphern für eine nicht gewalttätige Erotik sind vorhanden. Sie beziehen sich in ihrer Studie zu den meistverkauften erotischen Romanen für Frauen zunächst auf Lakoff (1987) und dessen Modell von Ärger und sexueller Lust, das sich an Beneke anlehnt. Ihrer Kritik an der kontextfreien Metapherndiskussion bei Lakoff und Johnson ist nur zuzustimmen:

While we find his metaphoric analysis as a means to arrive at cultural models extremely useful, we disagree with his naturalizing view of those models as, in a sense, a kind of a unmarked general sociocognitive semiotic currency (ebd., S. 82).

Sie erarbeiten in Teilen die gleichen metaphorischen Konzepte wie Lakoff (ohne den Begriff des Konzepts wirklich auszuarbeiten, sie beziehen sich wie viele nur auf die Quellbereiche), dass Sexualität nämlich als Hunger, Hitze, Krieg, Tier, (psychische) Krankheit, Kraft, Funke und Wetter metaphorisiert wird. Allerdings geht ihre konkrete Suche weiter und findet metaphorische Denkweisen, die Lakoff nicht nennt: so beispielsweise Sexualität als bewusstseinsverändernde Substanz oder Erfahrung, als Geistlosigkeit/Selbstvergessen, als Primitivität/Natur und vor allem: als Wasser bzw. als Erfahrung mit Flüssigkeiten. Sie diskutieren diese Befunde vor dem Hintergrund der Überlegung, dass der eigene Körper sich der Kontrolle der in den Romanen vorkommenden Frauen entziehe (Patthey-Chavez et al. 1996, S. 86). – Die Autorinnen dokumentieren auch ein häufiges Vorkommen der Kriegs- und Kampfmetapher135 (ebd., S. 90–92), zeigen aber, wie die damit beschriebenen Handlungsweisen der Männer in den Romanfantasien ritualisiert und normalisiert werden: So existiert in den Liebesromanen die Gewalttätigkeit der Männer nur in ihrer Vergangenheit, sie wird durch fehlende Liebe erklärt und durch die Romanze transformiert. Diese Relativierung von fantasierter Gewalt durch narrative oder metaphorische Operationen fiel für reale Gewalt in der oben diskutierten Arbeit von Eisikovits und Buchbinder (1999) ebenfalls auf.

Auch Weatherall und Walton (1999) kritisieren die eine systematische Empirie entbehrende Interpretationspraxis von Lakoff und Johnson und bestehen mit Rückgriff auf die englische „discursive psychology“ von Potter und Wetherell auf „situated talk“ statt „cognition“ (Weatherall und Walton, S. 480 f.), auch sie beanstanden die Annahme von universellen Körpererfahrungen:

the discursive critiques argues for a shift in emphasis from the experiential grounding of concepts to their discursive construction, the feminist critiques dismiss the possibility of a pan-human sharedness of bodily experience altogether (ebd., S. 481).

Allerdings ist auch ihre Sammlung von Metaphern nicht sozial verortet: Sie lassen Studierende in Alltagsgesprächen mit KommilitonInnen und FreundInnen Metaphern für Sexualität finden – ein Bias hin zu auffälligen und drastischen Metaphern, die nicht tatsächlicher Kommunikation entstammen, ist offensichtlich. Sie werden ihrem Anspruch daher nicht gerecht, die diskursive Konstruktion von Sexualität und der dazugehörenden Metaphern wäre eher in einer nicht reaktiven Erhebungssituation zu finden, wie sie im Rahmen der Konversationsanalyse gefordert ist. Auch wenn sie sich später rechtfertigen und doch glauben, dass ihre Erhebung schon recht nah an realen Diskursen sei136, wird im gleichen Absatz berichtet, wie die studentischen InformantInnen mit Metaphern von ihren Verwandten und Freunden „versorgt“ wurden – das ist von der „wilden Sammlung“ Lakoffs nicht sehr verschieden. Eine systematische hermeneutische Rekonstruktion von metaphorischen Konzepten findet nicht statt, erst wird nach Quellbereichen sortiert: Die häufigsten Metaphern für Sexualität sind Nahrung, Sport, Tiere, Krieg, Gewalt, Transport. Als Quellbereiche der Metaphorisierung von Sexualität ergeben sich neue Befunde gegenüber den Sammlungen von Lakoff, Beneke und Patthey-Chavez et al.: Spiel/Vergnügen, Landwirtschaft, Schmutz, Kleidung, Kindlichkeit, Musik und Tanz, kriminelle Akte sowie Religion. Gefühle werden von den Autorinnen als Quellbereich der Metaphorisierung ebenfalls genannt. Im Gegensatz zu Patthey-Chavez et al. werden Geistlosigkeit/Selbstvergessen, Primitivität/Natur und Flüssigkeit nicht gefunden. Vor dem Hintergrund der studentischen Empirie des Sammelns, die für differenzierte Beschreibungen wenig Raum lässt, scheint das plausibel. Die Autorinnen beziehen die der Erhebung geschuldeten Verkürzungen und Selektion drastischer Redewendungen jedoch nicht in ihre Interpretation ein, sondern verallgemeinern:

Sex metaphors were predominantly used to talk about others people’s sexuality, rather than one’s own, and they were largely used to say negative things about those others (ebd., S. 494).

Sie beschreiben, dass mehr als die Hälfte der Metaphern Männer beschimpfen (ebd., S. 495); auch sonst sind die Autorinnen wachsam gegenüber den Effekten eines „doing gender“ in der Forschung und schreiben im Gegensatz zur oben diskutierten Studie von Koller:

However, there was no necessary relationship between a metaphorical source domain and its ability to support a discourse of male dominance. The same metaphorical source domain could be used to support or undermine male dominance, depending on its context of use. This research demonstrated that understanding the powerfully generative source domains of metaphors about sex can facilitate an imaginative and strategic use of metaphor that has the potential to undermine dominant meaning systems (ebd., S. 479).

Ein mediales „doing gender“ hat Seale (2002) anhand der Analyse von Zeitungsberichten über Betroffene von Krebserkrankungen diskutiert. Auf dem Hintergrund eines unsystematischen Bezugs zu Lakoff und Johnson (1980) skizziert er, dass in der Berichterstattung Frauen nach einer Tumorerkrankung als diejenigen geschildert würden, die „durch etwas hindurch zu gehen“ hatten, also als emotional arbeitende und Selbsttransformation präsentierende Menschen gezeigt würden, während die Berichte über Männer die Erkrankung zum „Test“ des Charakters und ihre Überwindung als „Heldentat“ der „Kämpfer“ gegen die Erkrankung konstruierten. – Smith und Sparkes (2004) präsentieren eine der wenigen Studien, in denen Geschlecht, Körper und Metaphern nur an von Männern erhobenem Material untersucht wurde. Sie analysierten die Lebensgeschichten von 14 Männern zwischen 26 und 51 Jahren, die sich als Sportler beim Rugby bleibende Querschnittlähmungen zugezogen hatten. Die Diskrepanz zwischen einem auf Männer orientierten, den Körper als Waffe gebrauchenden Sport und einer Verletzung, die zu einer passiv erlittenen Versorgung zwingt, wurde in den narrativen Interviews zwangsläufig zum Thema. Vor allem die weiter bestehenden Kampfmetaphoriken, nun auf den Kampf um Wiederherstellung von Autonomie und Beweglichkeit fokussiert, fallen auf: Die Rehabilitation wird in den Metaphern des vorherigen kampfbetonten Sports geschildert, wobei deren nur partielle Angemessenheit deutlich wird. Allerdings: Die unmittelbare Zuordnung von Kampfmetaphorik und Geschlecht ist problematisch, mögliche Verwerfungen eines männlichen Selbstbilds werden so nicht geschildert. Solche Brüche werden angedeutet in einer Studie zum Diskurs von alkoholabhängigen, aber auch abstinenten Männern: Den Metaphern von Stärke, Kampf, Kontrolle, geistiger Überlegenheit, Maschinen und Material steht immer auch das Gegenteil gegenüber – die Schwäche, die Unterlegenheit, die zerbrochene Maschine (Schmitt 2009b, c).

Ob nun quantitativ oder stärker qualitativ orientiert, zeigten sich in diesen Studien trotz der kritisierten empirischen Vorgehensweisen viele Hinweise, die über die Annahmen abstrakt-universaler kognitiver Konzepte insbesondere von Lakoff (1987) hinausgehen. Die Notwendigkeit einer selbstreflexiven und kritischen Methodik, die nicht zu einer vorschnellen Verallgemeinerung von Partialbefunden neigt, wird allerdings noch einmal deutlich.

4.7.4.4 Geschlecht in der Wissenschaft

Nachdrücklich auf die Verbindung von metaphorischen Denkmustern, Geschlecht und Wissenschaft hat Evelyn Fox Keller in vielen Publikationen hingewiesen. Wissenschaftsgeschichtlich fundiert und naturwissenschaftlich ausgebildet zeichnet sie die subtile Geschlechterdichotomisierung in Beschreibungen wissenschaftlichen Handelns nach. Eine ausführlichere Diskussion ihres Metaphernbegriffs oder gar Bezüge zu Lakoff und Johnson finden sich bei ihr jedoch nicht; aus der differenzierten Argumentation kann immer nur auf breite Materialstudien geschlossen werden, die sie selbst methodisch nicht diskutiert. Im Folgenden werden einige ihrer Überlegungen skizziert, da sie für subtile Geschlechter betonende Metaphorisierungen sensibilisieren.

Keller (1986) arbeitet in der Vorgeschichte der Wissenschaft an Platon eine enge Verknüpfung der Metaphern für sexuelle Beziehung mit Erkenntnis heraus. Aber weder die aggressive, dominierende heterosexuelle noch die homosexuelle Beziehung mit Sklaven sei für ihn als Metapher für Erkenntnis relevant, sondern die Idealvorstellung der zu Eros gemäßigten, nicht hierarchie-, aber weitgehend herrschaftsfreien Beziehung zwischen älterem Liebhaber und jüngerem Geliebtem, die sich ineinander spiegeln, aber in der Sexualität nicht demütigen. Andere Metaphern der Erkenntnis, etwa die visuellen Metaphern des Höhlengleichnisses, diskutiert sie in diesem Zusammenhang nicht (ebd., S. 27–39). An Bacons Schriften rekonstruiert sie Natur als Forschungsgegenstand, die zwar nicht vergewaltigt, aber verführt, verwirrt und domestiziert werden soll, indem man ihren Gesetzen gehorcht und diese ihr ablauscht: Herrschaft und Unterwerfung werden als Element des wissenschaftlichen Forschens mit den Metaphern für patriarchale Bemächtigung in eins gesetzt. Für die moderne naturwissenschaftliche Forschung rekonstruiert sie eine andere geschlechtlich geprägte Metaphorisierung:

Es ist eine These dieses Buches, daß die Ideologie der modernen Wissenschaft mit ihrem unbestreitbaren Erfolg ihre eigene Form von Projektion mit sich bringt: die Projektion von Desinteresse, von Autonomie und von Entfremdung. Mein Argument heißt nicht einfach, daß der Traum von einer völlig objektiven Wissenschaft im Prinzip nicht realisierbar ist, sondern daß er genau das in sich birgt, was er von sich weist: die lebendigen Spuren des reflektierten Bildes von sich selbst. Die objektivistische Illusion wirft ein Bild von einem Selbst zurück, das autonom und objektiviert ist: ein Bild von auf sich selbst gestellten Individuen, die von der äußeren Welt der anderen Objekte (sowohl der beseelten als auch der unbeseelten) und zugleich von ihrer eigenen Subjektivität abgetrennt sind. Es ist diese Schutzhaut aus Unpersönlichkeit, die Behauptung, dem Einfluß von Begierden, Wünschen und Glauben entronnen zu sein – vielleicht sogar mehr als das Empfinden für die tatsächliche Erfüllung dessen –, die die spezifische Arroganz, ja die Bravour des modernen Mannes ausmacht und zugleich seine besondere Subjektivität enthüllt (ebd., S. 75 f.).

Keller arbeitet das autonome, objektivierte und auf sich selbst gestellte Bild „des Wissenschaftlers“ von sich heraus, der eine Welt aus konkurrierenden Genen, einander verdrängenden Tierarten und kämpfenden Menschengruppen konstruiert, als Projektion eines in männlicher Sozialisation erworbenen und problematischen Autonomiestrebens. Im Rückgriff auf Piaget und auf die aus der Psychoanalyse entwickelte Objektbeziehungstheorie (u. a. Winnicott) geht sie davon aus, dass Männer als Kinder ihre Individuation in unserer Kultur gegenüber der Mutter und durch Abgrenzung von ihr erwerben; Jungen müssten sich gegenüber Müttern sowohl auf der Ebene der Identität wie des Geschlechts unterscheiden, also eine doppelte Abgrenzungsarbeit leisten. Autonomie sei ein lange umkämpfter Wunsch des Kindes und auf dem Weg dahin habe es Einigkeits- und Größenfantasien ebenso wie die Erfahrung von Abhängigkeit und Bedürfnis zu überwinden, bis die Egozentrik aufgehoben werde in der Anerkennung gleichberechtigter Subjekte. Unzureichende oder exzessive Abgrenzung gegenüber anderen werde dann zum Problem (ebd., S. 87–96). Sie überlegt, welche Folgen die Selbstselektion des wissenschaftlichen Betriebs mit einer Häufung von Forschenden mit objektivistischer Abgrenzung für Forschungsmethoden und Themenwahl habe.

Vor diesem Hintergrund einer geschlechtstypischen Individuation zeigen sich zum Beispiel Szenarien der Biologie, die einen Kampf aller gegen alle auf der Ebene der Gene, der Arten oder der Individuen imaginieren, als Projektionen von Forschenden, die Symbiosen, Kooperationen und sich selbst stabilisierende Netzwerke kaum zu denken vermögen (siehe auch Keller 1991). An anderer Stelle (Keller 2007) stellt sie dem androzentrischen Bemächtigungsideal der Wissenschaft eine (nicht nur von Frauen ausgeübte) Metaphorik gegenüber, Teil des Forschungsgegenstands und offen für eine entdeckende Forschung zu sein bzw. Kontexte bereitzustellen, die es dem Gegenstand erlauben, seine Muster und innere Ordnung zu zeigen.137 Keller (2000, 2002) verortet die Metapher, Maschinen als Modelle biologischer Entwicklung zu gebrauchen, in der männlichen Sozialisation; insbesondere diskutiert sie die Nutzung von Computern und deren Programmen als Metapher für die Arbeitsweise von Genen. – Kellers Texte sind essayistisch, die für empirische Sozialwissenschaften nötigen Definitionen von Untersuchungsmaterial und Methoden unterbleiben, der Metaphernbegriff bleibt unausgeführt. In ihrer Differenziertheit, Breite der Theoriebezüge und in ihrem Detailreichtum handelt es sich jedoch um inspirierende und die Selbstreflexion des eigenen Tuns unmittelbar anregende Texte, und so ist es doppelt zu bedauern, dass Keller sich nicht mit der kognitiven Metapherntheorie auseinandergesetzt und deren allzu naive Annahmen korrigiert hat.

Zwei Aufsätze diskutieren mit dem gleichen Ergebnis, aber unterschiedlicher empirischer Basis die Metaphorisierung von Ei und Sperma in der Wissenschaft: Die PsychologInnen Wagner et al. (1995) nutzen eine Fragebogenstudie, um zu rekonstruieren, wie Spermien eine aktiv-männliche und befruchtungsfähigen Eiern eine weiblich-passive Rolle zugewiesen wird, obschon die biologischen Vorgänge sich dieser Zuschreibung entziehen.138 Sie argumentieren vor dem Hintergrund der Theorie der sozialen Repräsentationen nach Moscovici mit einer etwas unausgeführten Anbindung an Lakoff und Johnson (vgl. Abschn.  3.3). Die Ethnologin Martin (1993) untersucht mittels einführender Lehrbücher auf Universitätsniveau die gleiche Forschungsfrage und kommt zu ähnlichen Befunden. Sie (dies. 1992) rekonstruiert darüber hinaus in älteren Lehrbüchern die dichotome Metaphorik, dass die männliche Produktion von Spermien in Überzahl als Beweis von Potenz, die Abgabe von Eizellen während der Menstruation als „Müllbeseitigung“ und „Reinigung“ figuriere (ebd., S. 27 ff.). In einer späteren Metaphorisierung, die Martin der Epoche der industriellen Revolution zuordnet, wird die Menstruation zum Sinnbild verlorener Produktion, der Körper in der Menopause wird mit dem Zustand einer nicht mehr funktionierenden Fabrik verglichen (vgl. auch Martin 1988). Erst an einer späteren Stelle der Publikation von 1992, in der sie die Ergebnisse einer großen Feld- und Interviewstudie einbezieht, nimmt sie Bezug auf Lakoff und Johnson (1980): Die heutigen metaphorischen Konzepte zu Menstruation, Geburt und Menopause beschrieben eine Trennung von Körper und Selbst. Diesen Befund belegt sie anhand der Interviews und Metaphern der aktuellen wissenschaftlichen Literatur und vermutet, damit Muster des Verhältnisses von Körper und Selbst in der westlichen Tradition gefunden zu haben:

Your self is separate from your body.

Your body is something your self has to adjust to or cope with.

Your body needs to be controlled by your self.

Your body sends you signals.

Menstruation, menopause, labor, birthing and their component stages are states you go through or things that happen to you (not actions you do).

Menstruation, menopause and birth contractions are separate from the self (Martin 1992, S. 77 f.).

An einer späteren Stelle baut sie die von Lakoff und Johnson beschriebene Dichotomie „rational is up“, „emotional is down“ (Lakoff und Johnson 1980, S. 17) in einer geschlechtsspezifischen Weise im Zusammenhang mit der Menopause dahin gehend aus, dass Hitzeerfahrung und Kontrollverlust der männlich-kühlen Rationalität gegenübergestellt werden (Martin 1992, S. 172). Der Materialreichtum von Martin beeindruckt ebenso wie die empirisch gestützte Ausdifferenzierung von Konzepten. Sie diskutiert das Übersehen von Genderanmutungen bei Lakoff und Johnson jedoch nicht, ebenso expliziert sie die konkreten Schritte ihrer Auswertungsmethode nicht. Auch wird das System der Zweigeschlechtlichkeit als Vorannahme nicht diskutiert.

Ebeling (2002) untersucht, wie die Parthenogenese in evolutionsbiologischen Texten diskutiert wird. Sie referiert ausschließlich ältere Ansätze der Metaphernforschung (Weinrich, Blumenberg, Black, Nieraad, ebd., S. 60–77). Sie versucht die für die kognitive Metapherntheorie irrelevanten Unterscheidungen zwischen Metapher, Symbol, Analogie und Modell zu etablieren, ohne dies vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Theorie zu tun – ihre Differenzierungen müssen daher vage und heterogen bleiben. Wie Metaphern identifiziert, wie das mehreren Metaphern gemeinsame Muster rekonstruiert, wie Interpretationen gegen Unvollständigkeit und Verzerrung gesichert werden können, wie also ihre eigene Methode der Metaphernanalyse vor sich ging, ist auch in dieser Arbeit nicht ausformuliert.

Im Einzelnen findet sie in Texten über eine Fischart, eine Echsenart und eine Klasse von Rädertieren, die sich parthenogenetisch vermehren, eine beeindruckende Fülle von metaphorischen Redewendungen, welche die Projektion der derzeitigen menschlichen Geschlechterverhältnisse und ihrer impliziten Moralismen und Bewertungen auf diese Tiere belegt. Die Parthenogenese zeigt sich als ideales evokatives Objekt, das die lebensweltliche Norm der Zweigeschlechtlichkeit provoziert und zur metaphorischen Verständlichmachung reizt. Neben der Metaphorik der „Jungfrau“ finden sich viele bewertende Metaphoriken dieser Fortpflanzungsform mit Metaphern von „Schicksal“, „Gefahr“, „Parasitismus“, „Klon“, „Mangel und Verlust“ und anderen.

Die Kritik kann also das ideale Untersuchungsobjekt würdigen, muss in anderer Hinsicht aber formuliert werden: Der Text verwirrt an manchen Stellen, weil keine explizite Konzept- oder Musterbildung versucht wird, sodass die Kategorienbildung durch häufige Überschneidungen nicht immer nachvollziehbar wird oder der Text bei der Sammlung von Metaphern zuweilen stehen bleibt. So spannend es ist, dass die Parthenogenese offenbar zum Austragungsort der Diskussion über die Überflüssigkeit eines Geschlechts reizt (ebd., S. 290), so stereotyp wird implizit und explizit eine androzentrische Perspektive konstruiert, der schuldhaft alle Verkürzungen zugeschrieben werden (ebd.). Alternative metaphorische Interpretationen, die vorher durchaus erwähnt werden – dass Männer im Lichte der parthenogenetischen Fortpflanzung „nichts weiter als eine Art biologischer Krankenversicherung, oder, beschämender noch, eine evolutionäre Wurmkur“ seien (ebd., S. 194) –, werden als Ansatzpunkte bzw. Brüche im Diskurs kaum noch gewürdigt. Die Engführung auf die verschiedenen von Foucault formulierten Formen der Macht (ebd., S. 291 f.) reduziert die vorher entfaltete breite und widersprüchliche empirische Basis. Das Bedürfnis, die Komplexität der Welt durch Metaphern zu reduzieren, die der eigenen Lebenswelt entspringen, dürfte jedoch kein androzentrisches Prinzip sein. Im Sinne der unten formulierten Gütekriterien qualitativer Forschung (Abschn.  5.8) dürfte trotz dieser Kritik am wichtigsten Befund, dass ein großer Teil der untersuchten populärwissenschaftlichen wie wissenschaftlichen Texte gegenwärtige Geschlechterverhältnisse auf Verhältnisse zwischen Tieren überträgt, wenig zu rütteln sein, denn ähnlich der Argumentationsweise von Lakoff und Johnson beeindruckt die Studie vor allem mit der Fülle der Befunde. Weitere Studien dürften nur methodische und inhaltliche Differenzierungen hinzufügen. – In einem späteren Sammelband zur Methodenauswahl in einer geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse (Ebeling et al. 2006) wird die Analyse von Metaphern in einem eigenen Abschnitt benannt (ebd., S. 319–325), der Metaphernbegriff bleibt aber auf die Rezeption des ersten Buchs von Lakoff und Johnson beschränkt.

Auch in der Psychoanalyse finden sich Überlegungen, wie latent androzentrisch oder genderpolarisierende Metaphern die Formulierung der Theorie durchdringen. Rohde-Dachser (1993) diskutiert in ihrem Aufsatz über Geschlechtsmetaphern im Diskurs der Psychoanalyse das Geschlechterschema auch in Freuds Identifikation des Unbewussten mit Natur und Tod; das Ich als Männliches, das sich den kulturschaffenden Forderungen des Über-Ichs, also dem Vater, unterwirft und das Unbewusste urbar macht, bekämpft und kontrolliert. Sie liefert beeindruckend treffende Zitate, diskutiert aber nicht ihren eigenen Begriff der Metapher und ihre Methode der Rekonstruktion. Ebenfalls kritisch diskutiert Gruber (1997) die Rolle von latent androzentrischen Metaphern in der Psychoanalyse und arbeitet heraus, dass der Begriff der „projektiven Identifikation“ stärker männliche Sozialisationserfahrungen wiedergebe als ein „self-in-relation“, das als „relational introjection“ stärker einer weiblichen Sozialisation entspreche (ebd., S. 59 f.).

Zuletzt arbeitet Flannery (2001) für die Sozialwissenschaften heraus, dass viele Metaphern auch in diesem Bereich das Forschen als „Entdecken“, „Jagen“ oder „Eindringen in das Unbekannte“ formulieren und damit einen Einfluss auf das Vorgehen wie auf die Ergebnisse haben. Sie entwickelt als Gedankenspiel, dass eine andere Metapher, die des „quilting“ (besondere Form des Nähens/Stickens), die verbindende und zusammenfügende Arbeit der Wissenschaft besser beschreibe und einen weniger aggressiven Umgang mit den Forschungsgegenständen beinhalte. Ihr Metaphernbegriff nimmt Bezug auf Black, Lakoff und Johnson, aber auch auf die oben erwähnte von Keller und ist damit nicht konsistent. Ebenfalls an sehr unterschiedliche Metaphernbegriffe von Black über Ricoeur bis Lakoff und Johnson schließt Villa (2000) in ihrer Behandlung der Migrationsmetapher in der feministischen Subjekttheorie an. Ohne auf das zur Analyse taugende Begriffspaar des „hiding“ und „highlighting“ einzugehen, arbeitet sie sehr differenziert sowohl die Passungen der Migrationsmetapher heraus wie auch ihre Defizite: Diese Metaphorik impliziere Bindungslosigkeit, überschneide sich mit der männlich konnotierten und Leid erzeugenden Subjekthaftigkeit des „lonesome hero“, unterstelle eine Freiwilligkeit des Nomadisierens, die in der globalisierten Welt nicht gegeben sei, und affirmiere Dynamik und Schnelligkeit, wohingegen Kritik an der technischen Beschleunigung der Welt notwendig wäre.

Insgesamt zeigt sich, dass geschlechtszuweisende Metaphern wissenschaftliches Nachdenken und Forschen mitkonstituieren. Vorstellungen von Objektivität und Kontrolle, Autonomie und Verflechtung zeigen sich als vergeschlechtlichte Konstrukte. Einige Gegenstände (z. B. Parthenogenese) eignen sich in besonderer Weise, als Projektionsflächen dichotomisierender Konstruktionen untersucht zu werden.

4.7.5 Zusammenfassung

Der Durchgang durch die Literatur der metaphernanalytischen Forschung zum Thema Geschlecht erbringt zwei neue Schlussfolgerungen und bestätigt drei weitere, die sich in den Diskussionen der sozialwissenschaftlichen Disziplinen ebenfalls erhärteten:
  • Das Postulat einer allgemein-menschlichen Körpererfahrung als Basis des metaphorischen Denkens führt zu Entdifferenzierungen.

    Lakoff und Johnson gehen von einer allgemein-menschlichen Körpererfahrung und davon abgeleiteten kognitiven Schemata als Ausgangspunkt metaphorischen Denkens aus – das ist geschlechtsblind und geschichtsvergessen. Die Suche nach anthropologischen Konstanten in Form linguistischer Universalien verschleift den Blick auf historische und soziale Besonderheiten. Die Darstellungen der kognitiven Linguistik riskieren derzeitige männliche Erlebnismuster zu verallgemeinern und metaphorische Denkmöglichkeiten aus weiblicher Erfahrungsperspektive zu übersehen.

  • Geschlecht lässt sich als Schema in der kognitiven Metapherntheorie verankern.

    Während konkrete metaphorische Ausfaltungen von Geschlecht widersprüchlich sein können und soziale und kulturelle Besonderheiten abzubilden vermögen, lässt sich die Geschlechterdichotomie als Gestaltschema begreifen, das den „kinaesthetic image schemas“ zuzuordnen ist. Es wird sowohl durch ein anderes Körpererleben wie durch die Konfrontation mit unterscheidenden Praxen und einem geschlechtsbetonenden Genus-System vieler Sprachen erworben. Hier ist also der Ansatz von Lakoff und Johnson zu erweitern.

  • Die Differenzperspektive der bisherigen metaphernanalytischen Geschlechterforschung erzeugt Artefakte.

    Ein großer Teil der Studien zu Geschlecht und Metaphern bleibt einer Differenzperspektive verhaftet, die im Aufweis der differenten Metaphorisierungen einen Erkenntnisfortschritt bietet, jedoch das Risiko eingeht, Unterschiede über das vorhandene Maß hinaus zu betonen, Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern auszublenden sowie Überschreitungen von Geschlechterstereotypen zu übersehen. Eine systematische Metaphernanalyse sollte wie alle entdeckend-qualitative Forschung skeptisch gegenüber impliziten und expliziten Hypothesen bleiben und auf Differenzen und Brüche im Diskurs achten. Forschungsmethodisch kann dem Risiko des „doing gender“ durch Verfremdung der Geschlechtszugehörigkeit vor der korrigierenden Auswertung durch Zweitcodiererinnen begegnet werden (Hagemann-White 1994; Gahleitner 2004). Einen anderen Vorschlag bietet Gildemeister (2004), nämlich sich Geschlechter spezifizierender Hypothesen zu enthalten und die Praktiken und Textstellen zu analysieren, in denen die Untersuchten selbst geschlechtstypische Zuweisungen vornehmen, relativieren oder ausagieren.

  • Die Aufgabe einer Metaphernanalyse als Methode qualitativer Forschung besteht in der sozialen und kulturellen Verortung metaphorischen Denkens.

    Ein großer Teil der Studien hat verdeutlicht, welches Risiko von Verzerrungen über die Geschlechterperspektive hinaus die empirisch nicht verorteten Analysen Lakoffs und Johnsons bieten. Im Gegensatz dazu haben konkrete sozialwissenschaftliche Studien die Vermutungen der Begründer der kognitiven Metapherntheorie in Teilen oft revidieren oder erweitern können. Der konkrete Bezug auf eine Sprechsituation oder der Kontext einer Textproduktion hilft, unzulässige Verallgemeinerungen zu vermeiden; die Diskussion von Grenzen einer Verallgemeinerung ist daher als Gütekriterium einer metaphernanalytischen Forschung unverzichtbar.

  • Die reflektierte Triangulation von qualitativen und quantitativen Metaphernanalysen steht noch aus.

    Die Verbindung von qualitativer und quantitativer Forschung erscheint in diesen metaphernanalytischen Studien oft als Problem, da die Kategorien entdeckende qualitative Phase und die Hypothesen testende quantitative Phase in ihrer gegensätzlichen Logik so vermischt werden, dass die in beiden Zweigen der Forschung entwickelten Korrekturmechanismen nicht greifen. Die davon abgeleiteten Verallgemeinerungen sind somit wenig belastbar. Zukünftige Studien sollten daher diese beiden Phasen der Forschung trennen.

Der Exkurs über den Beitrag von Metaphern und Schemata zur Konstruktion von Geschlecht schließt dieses Kapitel ab, das sonst die Erfahrungen mit Metaphernanalysen in den einzelnen Disziplinen zum Thema hatte. Es ist inzwischen unübersehbar, dass die Analyse von Metaphern eine breite Anwendung erfährt – freilich in verschiedenen theoretischen Rahmungen, mit unterschiedlichen Vorgehensweisen und anhand äußerst heterogener Forschungsfragen. Es bleibt nun die Aufgabe, einen synthetisierenden Vorschlag zu einer Methodik zu unterbreiten.

Fußnoten

  1. 1.

    Zwei Disziplinen werden nicht behandelt, da ihre Bezüge zur Diskussion qualitativer Forschungsmethoden knapp ausfallen und für die jeweiligen Disziplinen Übersichtsarbeiten bzw. Dissertationen zur spezifischen Rolle der Metaphernanalyse vorliegen: Die ethnologischen bzw. anthropologischen Beiträge werden von Kimmel (2003a, b, 2004a, b, 2005, 2008) sowie Frank et al. (2008) referiert. Die Beiträge aus der Volks- und Betriebswirtschaft werden gebündelt von Cornelissen et al. (2008) sowie der Dissertation von Nürnberg (2010); einige dieser Beiträge werden z. T. im Abschn. 4.1.4. zur Organisationssoziologie diskutiert. – Vollständigkeit ist nicht zu erreichen, denn ein als sozialwissenschaftlich anzusprechendes Sinnverstehen, das sich auf die kognitive Metapherntheorie bezieht, lässt sich z. B. auch in archäologischen Arbeiten finden, welche vergangene Muster der Weltdeutung zu rekonstruieren versuchen (Tilley 1999; Ortmann 2000; Williams 2003; Pirie 2004), aber auch ein umfangreicher Beitrag aus der Forstwirtschaft (Detten 2000) wäre einzubeziehen, auch die Kriminologie bietet Beiträge (Dern 2011, 2014), und von vielen Hinweisen aus der Theologie soll nur Zimmermann (2001) und die wissenssoziologisch motivierten Beiträge zu religiösen Erfahrungen von Herbrik (2014) oder in Boeve et al. (1999) genannt werden. Die Ab- und Eingrenzung des Vorhabens in diesem Kapitel ist letztendlich pragmatisch orientiert: Das Kapitel soll noch mit Gewinn gelesen werden können.

  2. 2.

    Vgl. auch den kursorischen Überblick über weitere Metaphern der Soziologie in Gimmler (2010).

  3. 3.

    Zum Einfluss der Marktmetaphorik vgl. auch Barber (1995).

  4. 4.

    Der Abschnitt „Evaluating Metaphors in Social Theory“ (ebd., S. 204–213) diskutiert Überlegungen, wie Metaphern interpretiert werden können, und wird in Abschn.  5.7 noch einmal aufgenommen.

  5. 5.

    Vgl. auch Euchner (1993a) für Tiermetaphern und Euchner (1993b) für Maschinenmetaphern, insbesondere der Lokomotive, im Werk von Marx (beide wieder abgedruckt in Euchner 2008).

  6. 6.

    Die Beschränkung auf zwei Metaphern wird in der Rezension von Wolf (2005) nicht kritisiert, obwohl er zuletzt auch auf alternative Metaphern der Austauschtheorien und der Mathematik in der Soziologie verweist.

  7. 7.

    Dieses Interesse am Neuigkeitswert von Metaphern ist vor allem in der älteren und unsystematischen soziologischen Literatur zum Thema deutlich, exemplarisch bei Brown (1976). Trotz des an Lakoff und Johnson anschlussfähigen breiten Metaphernbegriffs, der auch Modell, Metonymie und Allegorie einbezieht, und trotz der Überlegung, dass alles Denken von Metaphern durchzogen sei und alles Wissen aus einer bestimmten, metaphorisch zu rekonstruierenden Perspektive konstruiert sei, beschränkt er sich auf neue und produktive Metaphern der Soziologie. Metaphern würden zu Mythen, wenn sie für wahr gehalten werden, und sie verlören ihr kreatives Potenzial. Dem ist sicher zuzustimmen, jedoch führt diese abwertende Beschreibung dazu, das Interesse an den nicht reflektierten, als buchstäbliche Wahrheiten gelebten Metaphern zu verringern, deren Durchdringung der Ansatz der kognitiven Linguistik fordert.

  8. 8.

    Weitere Einzelbeiträge zu Aspekten der Metaphorik Luhmanns leisten Soentgen (1992) zur Gebäudemetaphorik, dazu ebenfalls Strub (2009), der aber auch die organische Metaphorik beschreibt. Am umfassendsten skizzieren Villanyi und Lübcke (2011) Gebäude-, organische, aber auch räumliche und mechanische Metaphorik. Allerdings fehlt in allen genannten Texten die von Farzin dargestellte akustische und visuelle Metaphorik. Eine mit dem Metaphernbegriff von Lakoff und Johnson erarbeitete Rekonstruktion der Metaphern Luhmanns steht aus.

  9. 9.

    Am Beispiel von Webers Metapher des „stahlharten Gehäuses“, zu dem moderne Gesellschaften werden könnten, zeigt Levine die irritierenden Folgen der Rezeption einer Metapher in der Soziologie: In diesem Fall überstrahlt sie die von Weber beschriebenen Freiheitsgewinne der Individuen in modernen Gesellschaften.

  10. 10.

    Vgl. im folgenden Abschn. 4.1.2 die Anmerkungen von Maasen et al (1995) zur Organismusmetaphorik.

  11. 11.

    Ein Befund, der dem von López (2003, S. 90–114) widerspricht, der die visuelle Konstruktion z. B. des AGIL-Schemas auch als räumliches Muster begreift. Solche Divergenzen wären mit einer Klärung des Metaphernbegriffs und seiner Operationalisierung für Analysen zu vermeiden.

  12. 12.

    Vgl. zur Raummetaphorik bei Bourdieu auch Farzin (2011, S. 143–148).

  13. 13.

    Maasen et al. (1995) hätten auch im vorigen Kapitel historisch-vergleichender Arbeiten bei der Diskussion der Organismusmetaphorik genannt werden können, sie werden jedoch wegen der explizit wissenssoziologischen Positionierung der Hauptautorin in diesem Kontext behandelt.

  14. 14.

    Ein Beispiel wird in Abschn.  5.6.1.2 gegeben werden.

  15. 15.

    Einen eingeschränkten Metaphernbegriff enthält die Kritik von Smaje (1997), „Rasse“ oder Ethnizität würden nur als soziales Konstrukt, d. h. „nur“ als Metapher behandelt werden. Tatsächlich seien sie wirkende Organisationsprinzipien von Ausschließung ebenso wie eine Quelle sozialer Bedeutungszuschreibung. Smaje kann entgegengehalten werden, dass beide Funktionen der Ausschließung und der Bedeutungszuschreibung als Konsequenz metaphorischen Denkens beschrieben werden können. Ein Phänomen kann gleichzeitig physisch präsent sein und als Metapher fungieren; Buchholz (1996, 89 ff.) nennt diese sprachliche Konstellation „Doppelgänger“ (vgl. Abschn.  5.6.1.2.2).

  16. 16.

    Bereits ähnlich kritisch äußern sich Palmer, Dunford (1996) dazu, ebenso McCloskey (1995) und Grant (2001). Alle vier Autoren fokussieren auf die Suche nach strukturierenden Metaphern der Organisation, knüpfen jedoch nicht an den aktuellen Stand der Metaphernforschung an.

  17. 17.

    Ein Beispiel für Letztere wären Heracleous und Jacobs (2008), die einen Supervisionsprozess einer übernommenen Internetfirma im Hinblick auf persönliche Metaphern der Angestellten untersuchen. Zwar sind die Autoren am Metaphernverständnis der kognitiven Linguistik orientiert (insbesondere im Hinblick auf „embodiment“), aber das forschungsmethodische Vorgehen richtet sich auf absichtsvoll kreierte neue Metaphern, nicht auf „metaphors we live by“.

  18. 18.

    Diese Methodik wird in Abschn.  5.11.4 noch diskutiert.

  19. 19.

    Mit der Steuerung des Handelns in unternehmerischen Situationen befasst sich auch Huber (2005). Experimentell-psychologisch arbeitend, sind ihm die Erkenntnisse zum gleichen Thema aus qualitativen Studien nur die abschätzige Bemerkung wert, sie würden „einigen kasuistischen post-hoc-Analysen und Interpretationen“ (ebd., S. 134) entstammen. Umgekehrt könnte man aus qualitativ-forschender Sicht die experimentelle Absicherung einer Handlungsleitung durch Metaphern abtun als Simulation, der die soziale und biografische Komplexität erfolgreich ausgetrieben wurde, welche die Vielzahl wirkender Metaphern reduziert und deren Bezug zur organisationalen Wirklichkeit infrage gestellt werden kann.

  20. 20.

    Zu Problemen des „doing gender“ und der deduktiven Technik̄ der Analyse von Koller vgl. Abschn. 4.7.4.1.

  21. 21.

    Das Folgende ist ausführlicher in Schmitt (2006b) entfaltet.

  22. 22.

    Weitere Hinweise für die Interpretationen von Artefakten können nur skizziert werden: In der Stadtsoziologie diskutiert Weiske (2014) eine Linie von mesopotamischen Stadtbildern und ägyptischen Hieroglyphen bis hin zu Karten des Nahverkehrs als Metaphern für Stadt; Stadelbacher (2014) argumentiert für eine ethnografische Weiterentwicklung der Metaphernanalyse in ihrer Studie über Metaphern des Sterbens.

  23. 23.

    Die professionssoziologische Studie von Ignatow (2004) ist bestenfalls als Exploration anzusprechen, die Dokumente der Versammlungen schottischer Schifffahrtsgewerkschaften im Hinblick auf gemeinsam strukturierende kognitive Schemata explorieren möchte. Allerdings verwechselt Ignatow in seiner Rezeption von Lakoff und Johnson Schemata mit Konzepten. – Einen metaphernanalytischen Entwurf zur Professionssoziologie der Sozialarbeit skizzieren Bull und Shaw (1992), vgl. Abschn. 4.3.2 zur Sozialen Arbeit.

  24. 24.

    Ein ähnlicher Gedankengang findet sich bei Shilling (1997), der kritisiert, dass Giddens’ Betonung der menschlichen Reflexion der menschlichen Bewusstheit zu viel zumute. Mit einer zustimmenden Wendung zu Lakoffs und Johnsons erkenntnistheoretischem Ansatz des „experiential realism“ betont er, dass das körperliche Erleben Ausgangspunkt für Imagination und Kategorisierung sei (Shilling 1997, S. 746 f.).

  25. 25.

    Eine Ausnahme bilden die späten, im Abschn. 4.5 diskutierten politischen Schriften von Lakoff.

  26. 26.

    Die Übersichtsarbeiten Schmitt (2011a, b) sind Vorstudien zu diesem Abschnitt über die Erziehungswissenschaft.

  27. 27.

    Um Überschneidungen zu vermeiden, werden Studien zur Sprachentwicklung und zur metaphorischen Kompetenz von Kindern im Abschn. 4.6.2.5 zur Entwicklungspsychologie diskutiert.

  28. 28.

    Diese Hypothese kann hier nicht weiter verfolgt werden und wäre auch infrage zu stellen, wenn man sie mit den Ergebnissen der Studie von Wan et al. (2011) aus China zu den Selbstbildern der dortigen EnglischlehrerInnen vergleicht. Diese erhalten nur die teilweise übereinstimmende Liste von Bildern der Lehrenden als „provider, nurturer, devotee, instructor, culture transmitter, authority, interest arouser, co-worker“ (ebd., Tab. 1).

  29. 29.

    Der wechselseitige Ausschluss studentischer und fachlich-theoretischer Metaphern wird in Schmitt (2014b) diskutiert (siehe Abschn. 4.3.5).

  30. 30.

    Vgl. die Debatte von Amin (2009) und Vosniadou (2009) oder die Liste ungelöster Forschungsfragen bei Low (2008b) insbesondere beim Erwerb einer Fremdsprache im Hinblick auf das Konstrukt einer „metaphorischen Kompetenz“.

  31. 31.

    Eine weitere metaphernanalytische Rekonstruktion der Vorstellungen von Lernenden, aber auch von WissenschaftlerInnen zum Klimawandel findet sich in Niebert (2007, 2008) und Niebert und Gropengießer (2008) mit Überlegungen, wie alltagsweltliche und wissenschaftliche Vorstellungen miteinander vermittelt werden könnten.

  32. 32.

    Aufgrund der expliziten Selbstzuordnung zur pädagogischen Beratung wurde diese Arbeit hier aufgenommen, vgl. die umfangreichen metaphernanalytischen Beiträge in der psychologischen Beratung und Therapie im Abschn. 4.6.1.

  33. 33.

    Eine eher zufällig wirkende Auswahl von Metaphern referiert in einer an Koller angelehnten Methodik Feuerstein (2008) in seiner Untersuchung über Strukturmerkmale des Lernens computerinteressierter SchülerInnen, die über Personifikation und räumliche Metaphorik des Computers kaum hinausgeht.

  34. 34.

    Auch Reichenbach (2003) stützt sich auf Lakoff und Johnson, er fordert eine „pädagogische Metaphorologie“ (ebd., S. 188), die sich den ideologischen Begrenzungen der Leitbilder der Erziehung nähert. Er bleibt aber auf das frühe Buch von Lakoff und Johnson beschränkt, scheut vor wertenden Kategorisierungen wie „Schwulst“ und „Schmalz“ nicht zurück und kann daher nur bedingt als Kronzeuge für die analytische Kraft der kognitiven Metapherntheorie dienen.

  35. 35.

    Die älteren Metapherntheorien von Blumenberg und Weinrich, die in diesen Studien meist genannt werden, werden im Hinblick auf ihre Vorläuferfunktion von Jäkel (1997a) mit der kognitiven Metapherntheorie verglichen.

  36. 36.

    Eine weitere historische Arbeit mit anderem Fokus legt Stroß (2003) vor, die Erziehen als Metapher im medizinischen Diskurs Ende des 19. Jahrhunderts rekonstruiert.

  37. 37.

    Das Kapitel entwickelt Skizzen in Schmitt (2010a, 2013b) weiter.

  38. 38.

    Die Tätigen in diesem Berufsfeld rekrutieren sich überwiegend aus den Reihen diplomierter SozialarbeiterInnen. Das „Gesetz über die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit“ (abgekürzt FGG) wurde 2009 durch das „Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit“ (FamFG) ersetzt, die entsprechenden Regelungen zum Verfahrensbeistand sind nun in § 158 zu finden. Schulze diskutiert auch die in juristischen Texten zur Auslegung des § 50 FGG vorhandenen widersprechenden Metaphern, VerfahrenspflegerInnen hätten „Sprachrohr“ des Kindeswillens oder „Vermittler“ zwischen den Eltern zu sein (Schulze 2007, S. 161 ff.), die zu unterschiedlichen Urteilen führen.

  39. 39.

    Beckett (2003) begründet in einer leider unsystematischen Studie die Hypothese, dass militärische Metaphern in Dokumenten und offiziellem Austausch der Sozialen Arbeit fehlten, aber im alltäglichen Sprachgebrauch häufig vorkämen.

  40. 40.

    Vgl. die bereits erwähnte, von Bourdieu inspirierte metaphernanalytische Arbeit von Geffert (2006) zu den Konstruktionen von „Schule“ bei sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen.

  41. 41.

    Ältere Skizzen dieses Textes entstammen einem gemeinsamen Aufsatz zur Metaphernanalyse in der Pflegewissenschaft mit Ulrike Böhnke (Schmitt und Böhnke 2009) und beziehen sich auf die von mir zu verantwortenden Anteile, die hier revidiert und erweitert wurden.

  42. 42.

    Die Zusammenfassung von (Sozial-)Medizin, Pflege- sowie Gesundheitswissenschaften mag kühn wirken, da den disziplinären Eigenlogiken der beteiligten Fächer hier kein Raum gegeben wird. Aus der Perspektive einer qualitativen Auswertungsmethode spielen diese Unterschiede im Hinblick darauf, wie eine verlässliche metaphernanalytische Methode die soziale wie individuelle Artikulation von Gesundheit und Krankheit und die Bearbeitung Letzterer rekonstruieren kann, eine deutlich geringere Rolle. Diese Disziplinen überschreitende Fokussierung erlaubt es, Arbeiten zu einzelnen Erkrankungen wie z. B. Krebserkrankungen oder AIDS vergleichend zu diskutieren.

  43. 43.

    Eine Fülle von Hinweisen hat Fleischmann (2003, 483 ff.) in einem Handbuchkapitel verdichtet.

  44. 44.

    Eine andere enge Berührung von Metaphern und Körper finden sich in der Diskussion von Geschlecht und Metapher, vgl. Abschn. 4.7, sowie in der soziologischen Debatte zu Identität, Körper und Metapher bei Gugutzer (2002), der in Abschn. 4.1 diskutiert wird.

  45. 45.

    Damit soll nicht gesagt werden, dass die Rekonstruktion des Weges, auf dem Krankheiten selbst zur Metapher werden, nicht ertragreich sei; vgl. für die Schizophrenie als Metapher u. a. in politischen Diskursen Finzen (1994), Hoffmann-Richter (2000) und Chopra und Doody (2007). Musolff (2003b) weist für die Metaphorik des vereinten Europas Metaphern der „Herzattacke“ und der „Frühgeburt“ für die gemeinsame Währung nach.

  46. 46.

    Weitere und ähnliche Kritik an Sontag siehe Gwyn (1999b), Clow (2001).

  47. 47.

    Mabeck und Olesen (1997) sprechen in ihrer eigenen Untersuchung mit ähnlichen Ergebnissen von „ethnomechanics“, d. h. kulturell üblichen mechanischen Metaphern, die eher für die Professionellen als für die Laien ein Problem zu sein scheinen.

  48. 48.

    Weitere Studien zu Aids, Schlaganfall, Herzerkrankungen, Blutungen, Unfruchtbarkeit, Behinderungen, Masern, neurologischen Problemen und Krebs erwähnen meist kritisch Gibbs und Franks (2002).

  49. 49.

    Sachweh (2000, S. 28 f.) nennt Stereotype des Alters (als Krankheit, Verlust etc.), die als konzeptuelle Metaphern reformuliert werden könnten. Weitere unsystematische Metaphernanalysen zum Alter finden sich in Mader (1991); Hockey (1993); Fitzgerald (1993, S. 159–179) und Schmitt (1997b).

  50. 50.

    Eine weitere, nicht systematisch empirisch abgeleitete, aber reflektierte Übersicht über die Metapher des Kriegs in der Medizin, die Verdinglichung von Krankheiten zu substanziellen Entitäten sowie alternative Metaphern präsentiert Hodgkin (1985).

  51. 51.

    Harrington (1995) verfolgt die Metapher der Ganzheitlichkeit im Kontext des Faschismus, in der sie zur Aufwertung des „Natürlichen“ (von „Blut und Boden“ und „Führerprinzip“) gegen das „Künstliche“ und „Mechanische“ genutzt wurde, womit rationale Analyse und Demokratie gleichermaßen gemeint waren.

  52. 52.

    Alle Beispiele wurden Krüger (1996) und Görres (1996) entnommen.

  53. 53.

    Vgl. auch die spätere konzentrierte Diskussion in Deignan (2005, S. 125–131), den Sammelband von Carver und Pikalo (2008) sowie das von Cienki und Yanow (2013) herausgegebene Schwerpunktheft des „Journal of International Relations and Development“ 16(2) und Cienkis Kommentar (Cienki 2013) sowie zuletzt die Sonderausgabe von „Metaphor and the Social World“ 5(2) zum Thema: „The political impact of metaphors“ (Perrez und Reuchamps 2015).

  54. 54.

    Entscheidungen bei Themenüberlappungen insbesondere zur Soziologie waren auch hier nicht zu vermeiden; der Sammelband von Ahrens (2009) zum Verhältnis von Politik und Geschlecht wird im Abschn. 4.7 (Gender) besprochen.

  55. 55.

    Dieser fokussierte Zugriff auf die Diskussion berücksichtigt daher keine einführenden Publikationen wie Shimko (1994, 2004) oder Lunt (2005), die sich kaum auf die kognitive Metapherntheorie beziehen oder nicht als empirische Forschung anzusprechen sind wie Kornprobst et al. (2008a, b).

  56. 56.

    Eine aufmerksame Diskussion von Lakoff (2002) im deutschen Sprachraum findet sich bei Helmig (2008, S. 115 ff., 155 ff.); eine deutsche Kurzfassung der beiden Modelle findet sich in Lakoff und Wehling (2008); das „Strict-Father“-Modell ist auf S. 40 ff. skizziert, das „Nurturant-Parent“-Modell auf S. 46 ff. Methodisch irritiert diese Publikation: Die Idee des metaphorischen Konzepts ist nicht mehr deutlich, stattdessen wird von „surface frames“ (mehrfach anders übersetzt, entspricht dem Begriff des Konzepts) und „deep seated frames“ gesprochen („Grundüberzeugungen“), die mehrere Konzepte organisieren (vgl. Lakoff und Wehling 2008, S. 73–87).

  57. 57.

    Lakoff vermutet, dass dieses zunächst ein von Frauen genutztes Modell (ebd., S. 110) gewesen sei. Eine empirische Ableitung der Vermutung findet sich nicht.

  58. 58.

    Ganz im Gegensatz dazu sind alle genannten und als gegensätzlich dargestellten Prinzipien (operante Konditionierung durch Belohnung und Bestrafung, Lernen am Modell, Reflexion von Erwartungen und Rollen) in der heutigen Verhaltenstherapie versammelt und man geht davon aus, dass man nicht eines der Prinzipien gegen andere ausspielen kann (vgl. Kriz 2001, S. 109–157).

  59. 59.

    Ebenso würde die Behauptung, dass dieses Modell deskriptiv, nicht präskriptiv angelegt sei (ebd., S. 37), als Beleg eine belastbare Kette von Rekonstruktionen einer konkreten sozialen Wirklichkeit voraussetzen.

  60. 60.

    Hier könnte eine gängige Metapher aus Familientherapieausbildungen das Misstrauen befördern: Es gibt immer drei Seiten einer Medaille (Vorder- und Rückseite sowie den Rand der Münze, der Vorder- und Hintergrund zusammenhält).

  61. 61.

    Harnischmacher (2004) vermutet, dass die „Nation-als-Person“-Metapher unterschiedliche Implikationen hat: Während sie im Diskurs der US-Regierung im Sinne des Strict-Father-Modells dazu führt, andere Nationen als „ungehorsamen Kindern … eine Lektion zu erteilen“, ist die Nation als Personmetapher in der EU in einem Verband gleichberechtigter Erwachsener realisiert.

  62. 62.

    Cienki (2008, S. 245 f.) sieht in seiner Kritik an Lakoffs Studie nur die Möglichkeit, durch das Studium großer Korpora und quantitativer Auswertung dem Problem der Subjektivität zu entgehen. Er übersieht, dass in der Konzeptualisierung der Forschungsfrage und den Operationalisierungen vor einer quantifizierenden Strategie interpretative Entscheidungen getroffen werden müssen, ebenso bei der Interpretation der quantitativen Ergebnisse.

  63. 63.

    Dass Lakoff wiederum Antonio Damasio im Vorwort als neurobiologisch ausgewiesenem Gesprächspartner dankt, könnte bedeuten, dass dessen tastende Versuche, Natur und Kultur im Wechselverhältnis zu denken (Damasio 2005, S. 188–200) einen relativierenden Einfluss hatten.

  64. 64.

    Die drei von Charteris-Black genannten Schritte der Interpretation werden, da sie zu heterogene Arbeitsschritte aufweisen, in dem in Kap.  5 geäußerten Vorschlag in acht Schritte zerlegt. Zouhair (2007) folgt dem dreischrittigen Verfahren und legt eine instruktive Übersicht über die „critical discourse analysis“ vor. Zudem ist er einer der wenigen, der auch eine gründliche Übersicht über die kognitive Metapherntheorie leistet.

  65. 65.

    Die Metaphern des „Kalten Kriegs“ in US-amerikanischen Printmedien vertieft Gregg (2004), jedoch ohne systematisches Prozedere der Metaphernanalyse.

  66. 66.

    Wenig nachvollziehbar ist, dass er den von mir vertretenen Ansatz auf die Begründung von Metaphern in der „physiologischen Verfasstheit“ reduziert (ebd., S. 89). Der viel weitere Begriff der „Kognition“ bei Lakoff entgeht ihm (S. 103 f., vgl. hier Abschn.  2.1.1). Das Unverständnis dessen, was bei Lakoff und Johnson „embodiment“ meinen kann, mag auch mit dem fehlenden Bezug auf deren Publikationen von 1987 zu tun haben („kinaesthetic image schemas“ z. B. fehlen). Seine Wiedergabe meiner Publikationen entbehrt die Veränderungen zur Heuristik (ebd., vgl. Schmitt 2003) und zu den Gütekriterien einer Metaphernanalyse (Schmitt 2005a). Die voranalytische Setzung von Metaphern wird nicht problematisiert (Helmig 2008, S. 91).

  67. 67.

    Musolff (2008) kritisiert darüber hinaus einen diffusen und abwertenden Begriff von „Ideologie“, die bei Goatly immer die Verblendung des politischen Gegners ist; seine Kritik wäre zu übertragen auf Wolf und Polzenhagen (2003) und White und Herrera (2003).

  68. 68.

    Nach dieser Zurückweisung historisch-metaphorischer Konstanten zeigen Wei-Lun und Ahrens (2008), dass in anderen Kulturen (hier: Taiwan) ein einfach scheinender Quellbereich wie „Haus“ ganz andere Implikationen als im angelsächsischen Sprachbereich hat.

  69. 69.

    Lakoff kann sich durch Befunde wie die von Casasanto (2009) gestützt fühlen, dass die Attribution von „gut“ und „schlecht“ auf die räumliche und politische Orientierung von „rechts“ und „links“ durchaus von der körperlichen Rechts- oder Linkshändigkeit abhängig ist: „body matters“, und das in einer Kultur, in der „gut“ und „recht(s)“ und „falsch“ und „link(s)“ immer zusammen gedacht werden. Überlegungen wie die von Demirovic (1997), die Rechts-links-Unterscheidung im politischen Sinn zu überwinden, bleiben an der Oberfläche und übersehen sowohl körperliche wie kulturelle Konditionierungen.

  70. 70.

    Weitere Detailstudien: Metaphern im Kontext der Perestroika: Kaul (1998), baskische Identität: Frank (2003), politische „Bewegung“ bei Stenvoll (2008).

  71. 71.

    Hoinle (1999) entwirft vier Metapherntypen (Dimension, Bewegung, Relation und Popularisation), die in modernere Metapherntheorien nicht einzubetten sind.

  72. 72.

    Ein weiteres Thema war als möglicher Attraktor überraschenderweise weniger präsent: die Wahrnehmung der Veränderungen in der digitalen Moderne als „information highway“ („Datenautobahn“) (Rohrer 1997) oder als „Surfen“ (Reichertz 1999). In letzter Zeit finden sich vermehrt Thematisierungen des Anschlags auf des World Trade Center in New York am 11.9.2001 (u. a: Kirchhoff 2010; Spencer 2011).

  73. 73.

    Ein späterer Aufsatz (Santa Ana 2003) ist methodisch deutlich weniger differenziert.

  74. 74.

    Berthele (2008) konfrontiert einen ähnlichen Befund zur US-amerikanischen Sprachenpolitik mit jener der viersprachigen Schweiz, in der ironischerweise mit einer Metaphorik der Verbundenheit gegen die Aufnahme von Englisch als Unterrichtssprache argumentiert wird; vgl. auch Polzenhagen und Dirven (2008) zu Metaphern der Sprachpolitik.

  75. 75.

    Vgl. zur Metaphorik des Faschismus auch die Skizze der Rekonstruktionen von Königsberg (2005a, b, 2008) im Abschn. 4.6.2.8.

  76. 76.

    Die folgende Skizze zu Musolff (2003a) wurde bereits in Schmitt (2005c) vorgestellt. Die Reisemetaphern finden sich auch in Musolff (2001) diskutiert, die Metaphern von Europa als Körper in seinen Krankheiten werden in Musolff (2003b) wieder aufgenommen.

  77. 77.

    Schirmer (1993) versucht, einen zeitlichen Verlauf einiger Metaphern im Kontext der europäischen Hausmetaphorik, leider ohne Bezug zu Lakoff und Johnson, darzustellen. In den deutschen Wahrnehmungen des tschechischen Nachbarstaats findet Hochfeld (2004) große Unterschiede in der Hausmetaphorik entlang der politischen Ausrichtung: In konservativen Kreisen wird von zwei Häusern (und zwei verschiedenen Körpern) in Europa ausgegangen, während in linker Politik eher das gemeinsame europäische Haus (oder der gemeinsame europäische Körper) imaginiert wird.

  78. 78.

    Weitere, jedoch methodisch nicht elaborierte und nicht auf die kognitive Linguistik bezogene Studien zu Europametaphern bieten Koschmal (2006) und Fridolfson (2008).

  79. 79.

    Peils Begriff des Bildfelds lässt sich als metaphorisches Konzept bzw. als Konzept mit Subkonzepten denken: „Als Bildfeld verstehe ich die Summe aller möglichen Teilbilder und Bildvarianten, die aus einer metaphorischen Leitvorstellung entwickelt werden können und die sich ihrerseits aus einzelnen Bildelementen zusammensetzen können“ (Peil 1993, S. 198).

  80. 80.

    Vergleiche auch Küsters kürzere Studie zur militärischen Metaphorik der Politik (Küster 1993).

  81. 81.

    Shah (2008) diskutiert (mit begrenzter Empirie) potenzielle zukünftige Metaphern des Staats.

  82. 82.

    Shimko (2004) nennt in seinem Essay einige weitere Metaphern der Macht („arms races“, „power vacuums“, „falling dominoes“ etc.), jedoch mit dem problematischen Metaphernbegriff Susan Sontags (vgl. Abschn. 4.4.2) und ohne systematische Empirie.

  83. 83.

    Überschneidungen mit dem Kapitel zur Soziologie (vgl. Abschn. 4.1) sind unvermeidbar, siehe dort verschiedene Studien zu Marx u. a.

  84. 84.

    Im Gegensatz dazu arbeitet Stollberg-Rillinger (1993) für den absolutistischen deutschen Fürstenstaat die zentralistischen Implikationen der Maschinenmetapher heraus: Die Maschinenmetapher lädt zur Kontrolle aller „Rädchen im Getriebe“ ein, mit der Pointe, dass sich der Fürst der höheren Logik der Maschine – d. h. der allgemeinen Wohlfahrt – unterordnen sollte.

  85. 85.

    Harrasser (2009) macht darauf aufmerksam, dass Metaphern der Technik und des Körpers nicht einfach als Gegensatz begriffen werden können. Sie weist bei Ernst Jünger und Siegfried Kracauer nach, dass bei beiden auf eigene Weise die alte Metapher vom Staat = Körper mit Metaphern der Prothesen (Erster Weltkrieg!) neue Formen der Kopplung von Mensch und Maschine entstehen (Jünger: „organische Konstruktion“). Eine weitere Überschreitung dokumentiert Carver (2008), der die besondere Rolle von Maschinen- und Tiermetaphern und deren Beeinflussung durch Genderkonstrukte anhand von Kriegsgesetzen und Menschenrechtserklärungen expliziert.

  86. 86.

    Kürzere und in diesem Text aufgegangene Vorstudien zum Stand der Metaphernanalyse in der Psychologie sind in Schmitt (2001a, 2010b) zu finden.

  87. 87.

    Weitere AutorInnen zur Beratung in der Sozialen Arbeit vgl. Abschn. 4.3.

  88. 88.

    Spätere Veröffentlichungen der Autorin werden im Abschnitt zur Psychoanalyse besprochen.

  89. 89.

    Ähnlich methodisch problematisch wirkt eine ältere Studie von McMullen und Conway (1996). Auch wenn der Befund, dass es in Therapien viele Metaphern eines fragmentierten Ichs gebe, vor dem Hintergrund postmoderner Theorien des Selbsts kritisch und spannend diskutiert wird, so sind ihre metaphernanalytischen Erkenntnisse methodisch unsicher abgeleitet. So behaupten die AutorInnen, dass von den reinen Affekten nur Ärger metaphorisch bebildert werde, nicht aber Freude, Überraschung, Angst, Furcht, Trauer, Ekel oder Scham. Ärger werde als stark ego-fokussiertes Gefühl in unserer Gesellschaft in seinem metaphorischen Ausdruck gefördert. Auch wenn diese Überlegung spannend ist – der Befund ist nach den inzwischen vorhandenen Studien zu metaphorisch ausgedrückten Affekten (u. a. Kövecses 2002) wenig nachzuvollziehen. Interessant und an Barkfelt (2003) anschlussfähig ist die Überlegung, Depression mit Bowlby (2006) als Verlust der Beziehung zur Welt und zu sich und damit auch als Verlust der Sprache zu interpretieren.

  90. 90.

    Die von Lakoff und Johnson dokumentierten metaphorischen Konzepte werden als fixe Größen behandelt, ohne sie am Kontext neu und anders zu entwickeln (ebd., S. 52), oder Vergleiche werden nicht als Metapher behandelt (ebd., S. 100), was in der kognitiven Perspektive jedoch zusammenfällt etc.

  91. 91.

    Eine ausführlichere Darstellung der älteren Literatur findet sich in Schmitt (1995, S. 75–78).

  92. 92.

    Eine ganz andere Bestätigung des Prinzips, mit den vorhandenen Metaphern zu arbeiten, liefert Mio (1996, 1997). Er belegt für den Bereich politischer Debatten mit quantitativen Experimenten die öffentlichkeitswirksame Überlegenheit jener rhetorischen Strategien, welche die Metaphorik des politischen Gegners aufnehmen, überspitzen oder aus ihr gegenteilige Konsequenzen entwickeln.

  93. 93.

    Vgl. die ältere bzw. in nicht westlichen Lebenswelten genutzte Metapher der „Besessenheit“ für psychische Störungen (Pfeifer 2002) und die Übersicht über bekannte Metaphern psychischer Erkrankungen in Schmitt (2000a), vgl. auch den Abschnitt zu Metaphern in der Geschichte der Psychologie in Abschn. 4.6.2.9.

  94. 94.

    Ausführlicher siehe Schmitt (1995, S. 78–82). Goebel (1986) verwendet einen engeren Metaphernbegriff und sieht Metaphern als Vorstufe des Symbols. Haubl (1996, S. 12–16) subsumiert die Theorie von Lakoff und Johnson als Ausdifferenzierung psychoanalytischer Annahmen.

  95. 95.

    Das Weiterdenken dieser Erfahrungen zu einer „interaktiven Metapherntheorie“, die den Begriff des „kognitiven Unbewussten“ bei Lakoff und Johnson versucht zu stützen, findet sich in Buchholz (2009).

  96. 96.

    Damit geben Buchholz und von Kleist wichtige Hinweise zur Abbildung von Veränderungen in Metaphern, die zu einer Heuristik für die Metaphernanalyse weiterentwickelt werden können (vgl. Abschn.  5.7.11).

  97. 97.

    Die im Abschn.  5.11.2 formulierte Kritik an diesem Vorgehen lässt sich so zusammenfassen: Die von den AutorInnen entwickelte Methodik der Metaphernanalyse fokussiert zu schnell auf auffälligen Metaphern und riskiert, alltägliche Metaphern und deren Implikationen zu übersehen (vgl. Schmitt 2002c).

  98. 98.

    Ausführlicher wird das Themenfeld Migration/Fremdenfeindlichkeit im Abschn. 4.5.3 im Rahmen metaphernanalytischer Studien in der Politologie behandelt.

  99. 99.

    Ich greife im Folgenden auf Überlegungen aus Schmitt (2001) zurück, die hier ergänzt und revidiert werden.

  100. 100.

    Ein verwandter Forschungszweig ist der des „analogen Problemlösens“, vgl. Hesse (1991); Schönpflug (1997, S. 202). Dieser Ansatz sieht von der Sprachlichkeit des Analogen in der Regel ab und wird hier nicht weiter verfolgt.

  101. 101.

    Die Wirkung dieser Metapher in der kognitiven Psychologie wird oft dokumentiert und diskutiert, vgl. Lakoff (1987, S. 338 ff.); Winograd, Flores (1989, S. 141 f.); Draaisma (1999).

  102. 102.

    Formalismus, Mechanizität, Kontextualität, Organizität, Animismus, Partizipation, vgl. Abschn.  2.1.8.3.

  103. 103.

    Seine These, die auch Moser vertritt, dass die Handlungsleitung von Metaphern noch nicht belegt sei, ist jedoch nicht nachzuvollziehen. So hat Bock (1981) in einem experimentellen Design die Bedeutung von Metaphern auf das aktive oder passive Problemlöseverhalten gut dokumentiert, siehe auch meinen Kommentar im Abschn. 4.6.1.1.2. Eine stärkere Evidenz als die dort beschriebene lässt sich aus künstlichen, d. h. ökologisch nicht validen Erhebungssituationen kaum ableiten (vgl. auch die experimentellen Arbeiten zur kommunikativen Wirksamkeit von Metaphern von Mio et al. 1991, 1993, 1998; Mio 1996, 1997). Auf Huber komme ich im Abschnitt zur Arbeits- und Betriebspsychologie (Abschn. 4.6.2.7) zurück.

  104. 104.

    Ich greife auf Überlegungen aus Schmitt (2005a) zurück, wo der Zusammenhang ausführlicher entfaltet wird.

  105. 105.

    „Prozess“: wörtliche Übersetzung: „Vorgang“, bereits im Mittelhochdeutschen aus dem lateinischen „Prozedere“, d. h. „voranschreiten, vorrücken, vortreten“ abgeleitet (Kluge 1989, S. 567).

  106. 106.

    „Transformation“: In den mir zur Verfügung stehenden etymologischen Lexika nach „Transformator“ behandelt (Gerät zur Umwandlung elektrischer Ströme), wird als Entlehnung aus dem Französischen des 19. Jahrhunderts („transformateur“) betrachtet, lateinische Wortwurzel „formare“: gestalten, bilden (Kluge 1989, S. 567), ferner „transformare“: umgestalten, verwandeln.

  107. 107.

    Eine kurze Übersicht zur Kritik der These von Ariès, dass die Kindheit erst in der Neuzeit entdeckt worden sei, findet sich bei Billmann-Mahecha (1990).

  108. 108.

    Dazu gehören auch metapherninduzierte Missverständnisse der entwicklungspsychologischen Literatur: Jurczak (2004) weist bei Piaget anhand eines Vergleichs der französischen Originale und der englischen Übersetzungen nach, dass viele von Piagets biologischen Metaphern entweder in mechanische Metaphern umgewandelt oder völlig eliminiert wurden. Notwendigerweise ist damit das Verständnis der Theorien von Piaget auch verschieden – die Piaget-Rezeption in Deutschland müsste sich solchen Fragen auch stellen.

  109. 109.

    Eine sehr gründliche, gleichzeitig kompakte Diskussion der kindlichen Entwicklung des Verstehens mit vielen Hinweisen auf andere empirische Arbeiten bietet Bertau (1996, S. 243–256). Sie diskutiert ebenfalls die problematische Einteilung von Metaphern in „konventionelle“ oder „unangemessene“ Metaphern in den von ihr referierten Untersuchungen und kritisiert, dass dabei die Funktion, welche die Metapher im kindlichen Verstehen hat, in diesen Studien kaum reflektiert, aber mit dem Wissen um konventionell-adäquate Kommunikation abwertend verglichen wird. Viele Beispiele zum kindlichen Verstehen und Produzieren von Metaphern sind zu finden in Gansen (2010), vgl. Abschn. 4.2.1.1.

  110. 110.

    Das sollte für eine Entwicklungspsychologie in der Tradition von Piaget nichts wirklich Neues sein. Aber auch der Bezug auf Piaget schützt offenbar nicht davor, metaphorisches Denken von Kindern bei physikalischen Aufgaben als „Misskonzepte“, „falsche Analogien“ und „naive Physik“ abzuwerten (Lamsfuss 1994; Pauen 1997). Metaphorisches Denken von Kindern wird von den AutorInnen als „Analogie“ verhandelt, was aufgrund der geringen theoretischen Reichweite des Begriffs der Analogie wenig Aufklärung des Phänomens ergibt. – Innerhalb der kognitiven Linguistik wurde bei einer vergleichbaren Problematik versucht, mathematisches Denken auf metaphorische Strukturprinzipien zurückzuführen (Lakoff und Núñez 2000).

  111. 111.

    In einer der seltenen Studien, welche die Gestenforschung auch auf Kinder beziehen, haben Özçalişkan und Goldin-Meadow (2006) auch die Gesten von Kindern in die Untersuchung ihres Metaphernverständnisses eingebettet.

  112. 112.

    Bereits sehr früh hat Keller (1988) die Nähe insbesondere von Johnson (1987) zu Piaget und Wygotski gesehen und die mangelnde Explikation beklagt.

  113. 113.

    So gründlich Gibbs die vorliegenden Befunde zu Embodiment und kognitiven Funktionen diskutiert, so sehr fällt auf, dass Geschlecht als Thema für „embodiment“ fehlt. Im Abschn. 4.7 wird daher eine Erweiterung der Theorie von Lakoff und Johnson diskutiert, die diesen Aspekt berührt.

  114. 114.

    Experimentelle Arbeiten sind in diesem Bereich seltener, vgl. als Ausnahme die Studie zur Wahrnehmung sozialer Isolation vor dem Hintergrund der kognitiven Metapherntheorie von Zhong und Leonardelli (2008).

  115. 115.

    Die Autorin geht nicht auf die sehr kurz davor erschienene Typologie von Selbstkonzepten ein, die Lakoff und Johnson (1999, S. 267–289) entwickeln.

  116. 116.

    Ergebnisse zu „Geschlecht“ werden im Abschn. 4.7 diskutiert.

  117. 117.

    Noch stärkere Verkürzungen bietet z. B. Owen (1985), der die in einer Kleingruppe erhobenen Metaphern auf das Schema der einzelnen Sinne (kinästhetische, visuelle, gustatorische etc. Metaphern) verkürzt, um das Phänomen der Gruppenkohäsion zu verkürzen. Bei dieser starken Aggregierung der Metaphern stellt er eine zunehmende Übereinstimmung fest – was bei der Grobheit dieses Rasters m. E. jedoch unentschieden bleiben muss.

  118. 118.

    Besonders eindrücklich auch in jüngerer Zeit bei Wieser (2010), der seinen Metaphernbegriff nicht darlegt, sich auf die Metaphorik der „reizbaren Maschine“ des frühen 19. Jahrhunderts beschränkt und das Wechselspiel mit anderen Metaphern der Geschichte der Psychologie ausblendet.

  119. 119.

    Erste und kürzere Fassungen dieser Überlegungen siehe Schmitt (2009a, d).

  120. 120.

    Eine Ausnahme bildet der Abschnitt „Gender“ in Lakoff (2002, S. 199–209), in welchem Lakoff verschiedene Formen des Feminismus zwei prototypischen Familienmodellen und deren moralischen Implikationen zuordnet (vgl. auch Lakoff 2002, S. 110, vgl. hier Abschn. 4.5.1), aber nicht die metaphorische Konstruktion von Geschlecht diskutiert.

  121. 121.

    Für die Sprache der australischen Dyirbal diskutiert Lakoff (1987, S. 92–104) die kultur- und erfahrungsmotivierte Teilung in männliche, weibliche und weitere grammatische Geschlechter, ohne die besondere Rolle der binären Geschlechterteilung später je wieder aufzunehmen.

  122. 122.

    Vgl. die ähnlich argumentierende explizite Nichtfestlegung bei Maihofer (1995, S. 77–79), zu den problematischem Implikationen der Dichotomie Natur vs. Kultur vgl. Deuber-Mankowsky (2005).

  123. 123.

    In alphabetischer Reihenfolge: Altmann (1990); Anderson und Horn-Sheeler (2005); Baider und Gesuato (2003); Ebeling (2002, 2006); Ebeling und Schmitz (2006); Eisikovits und Buchbinder (1997, 1999); Fiksdal (1999); Flannery (2001); Keller (1986, 1991, 2000, 2002); Koller (2004a, b); Luchjenbroers (1995); Martin (1992, 1993); Melnick (1999); Nilsen (1996); Patthey-Chavez et al. (1996); Rohde-Dachser (1993); Schmitz und Ebeling (2006); Schmitz und Schmieder (2006); Stepan (1986); Wagner et al. (1995); Weatherall und Walton (1999); Zimmermann (2001).

  124. 124.

    Historische Belege für diese Metaphorisierung finden sich bei Martin (1992, S. 166–180), vgl. auch Martin (1988). Während den Frauen häufig ausgleichende Temperiertheit in diesen Studien zugeschrieben wird, scheint (hegemoniale) Männlichkeit in der dominierenden Metaphorisierung von „heiß“ zu „kalt“ gewechselt zu sein, ein Prozess, für den verlässliche Detailstudien noch fehlen.

  125. 125.

    So weist Duden (1987, S. 29, S. 140–145) darauf hin, dass der Körper als Behälter (ein häufig gebrauchtes Beispiel von Lakoff und Johnson für ein Schema) im 18. Jahrhundert in Mitteleuropa sich in besonderer Weise „geschlossen“ habe, indem die Körperöffnungen tabuisiert wurden (bis hin zum Halten der Hand vor den Mund beim Gähnen) oder deren geschlechtsbezogene Bedeutungen sich änderten.

  126. 126.

    Beispiele für die von diesem Schema organisierten Metaphern werden insbes. im Abschn. 4.7.3 noch diskutiert. Eine ähnliche Bestimmung von Geschlecht in „Common-Sense“-Merkmalen referiert Villa (2007, S. 22).

  127. 127.

    Auch in der feministischen Diskussion gibt es mehrere Ansätze, welche die Geschlechterdifferenz als sozialkognitives Schema diskutieren, vgl. zur Übersicht Klann-Delius (2005, S. 149–151).

  128. 128.

    Zum Begriff vergleiche West, Zimmermann (1987), „doing gender“ meint zunächst das alltägliche Herstellen der Geschlechterordnung (Wesely 2000a, S. 38 ff.). Burkert (2000) diskutiert überzeugend „doing gender“ auch als forschungsmethodisches Problem.

  129. 129.

    Klann-Delius (2005, S. 37–139) gibt in ihrem umfassenden Überblick für alle anderen Formen des Sprachgebrauchs eine ähnliche Gesamteinschätzung; von Studien zur unterschiedlichen Metaphernverwendung berichtet sie nicht.

  130. 130.

    Eine Ausnahme bildet die historische Studie von Stepan (1986), welche für die medizinische Forschung des 19. Jahrhunderts die wechselseitige Erläuterung der Metaphern von Rasse und Geschlecht differenziert herausarbeitet: „lower races represented the ‚female‘ type of the human species, and females the ‚lower race‘ of gender“ (ebd., S. 264).

  131. 131.

    Siehe die Anmerkungen zu Sprachen, welche nicht dem indoeuropäischen Genus-System folgen, in Klann-Delius (2005, S. 21 f.), zur Genusdebatte in der deutschsprachigen Linguistik siehe Ayaß (2008, S. 27–32).

  132. 132.

    Zur Verbindung von qualitativ-entdeckender Metaphernanalyse und quantitativer Metaphernsammlung vgl. den Abschn.  5.7.10.

  133. 133.

    In einem späteren Aufsatz mit neuen Programmen der halbautomatischen Analyse kommen Koller et al. (2008) am gleichen Material zum Schluss: „… we found that companies are frequently conceptualised as metaphorical plants, whereas brands are often conceptualised as race horses in business magazine articles on marketing and sales. This differentiated finding was not detected by the lexical corpus-based approach of the first analysis“ (ebd., S. 153). Das zeigt noch einmal deutlich, dass die Nutzung von Algorithmen, die allenfalls Bekanntes klassifizieren können, für eine Sinnstrukturen entdeckende Metaphernanalyse völlig ungeeignet ist.

  134. 134.

    Zu Metaphern von Sexualstraftätern (ohne Diskussion von Geschlecht) siehe Bulla et al. (2005).

  135. 135.

    Allerdings wie bei Koller (2004a) ohne Test auf Signifikanz der Häufigkeitsangaben.

  136. 136.

    Recht deutlich in der folgenden Stelle: „Although there were no extended segments of ongoing discourse, which would have been needed to support a proper discourse analysis …“ (ebd., S. 494).

  137. 137.

    Die Ähnlichkeit zu einer entdeckenden, qualitativen Sozialforschung bzw. zu einer Hermeneutik, die sich mit Gadamer als Explizierung des Stroms kultureller Überlieferung versteht, in dem wir unsere Begriffe erst erwerben, ist offensichtlich.

  138. 138.

    Schmitz, Schmieder (2006) fügen aus der Analyse von populärwissenschaftlicher Literatur hinzu, dass Frauen bzw. der Uterus als Meer metaphorisiert würden, die für die Spermien bzw. Männer eine bedrohliche Umgebung böten.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Fak.für SozialwissenschaftenHochschule Zittau/GörlitzGörlitzDeutschland

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