Filmton, Geschichte und Genretheorie

Chapter
Part of the Neue Perspektiven der Medienästhetik book series (NPM)

Zusammenfassung

Obwohl Film und Geschichte seit der Erfindung der Kinematographie in einem engen Wechselverhältnis stehen, spielt der Geschichtsfilm in der Genretheorie bisher kaum eine Rolle. Sogar die Existenz des Genres ist umstritten. Dennoch finden sich in der neueren Literatur zu Film und Geschichte einige Definitionsversuche, die sich zu einem recht homogenen Gesamtbild zusammenfügen lassen. Im Geschichtsfilm spielen dokumentierbare historische Ereignisse eine tragende dramaturgische Rolle und beeinflussen grundlegend die Ästhetik (Burgoyne 2008). In einem Prozess der filmästhetischen Vergegenwärtigung wird die Vergangenheit „nicht einfach ‚als solche’ präsentiert, sondern zu einem Erkenntnis- und Erfahrungsgegenstand geformt“ (Rothöhler 2011). Der Geschichtsfilm zeichnet somit einen Akt des Bezeugens auf und macht den Zuschauer selbst zum Zeugen.

Der Filmton nimmt hierbei eine zentrale Position ein. Denn Zeitgeschichte ist auch auditiv präsent: Wir erkennen eine Vielzahl historischer Stimmen an ihrem spezifischen Klang, können anhand des Sounds einer Straßenszene einschätzen, ob sie sich eher am Anfang oder Ende des 20. Jahrhunderts zugetragen hat, und haben die Fähigkeit, mediale Soundkonventionen zu dechiffrieren. Dennoch blieb die Rolle des Filmtons in der Produktion von Geschichte lange Zeit unbeachtet. Dabei trägt die große Bekanntheit vieler Geschichtsfilme dazu bei, dass unsere Vorstellungen vom Klang der Geschichte weitestgehend durch die audiovisuellen Medien bestimmt werden. Gleichzeitig stehen die filmischen Klangwelten im Dienste der Narration und der Ästhetik. Sie sind Teil der Übereinkunft mit dem Zuschauer, sodass auch aktuelle Ansätze der Genretheorie sehr nutzbringend zum Einsatz kommen können.

Doch wie lassen sich Genre und Sound konkret aufeinander beziehen? – Zunächst einmal kann man natürlich untersuchen, ob bestimmte Genres sich durch bestimmte, typische Sounds auszeichnen. Der dänische Filmwissenschaftler Birger Langkjær ergänzt diese verhältnismäßig simple Taxonomie wiederum um eine Kategorie „genrespezifische[r] Formen und Aufgaben des Sounds“ (Langkjær 2010). Diese Überlegungen erscheinen deutlich aussichtsreicher und sollen in der vorliegenden Analyse der filmischen Produktion von Geschichte weiter vertieft werden.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.BremenDeutschland

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