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Objektive Hermeneutik als Methodologie der Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt

  • Ulrich Oevermann
Part of the Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialpsychologie book series (FBZSUS)

Zusammenfassung

Aus der Sicht der objektiven Hermeneutik habe ich mich gegen den Begriff der qualitativen Sozialforschung oder der qualitativen Methoden schon immer – allerdings vergeblich – gewehrt, und zwar aus drei Gründen:
  1. a.

    Es handelt sich um eine irreführende Gegensatzbildung von „quantitativ“ und „qualitativ“, denn jede quantifizierende Datenerhebung und -auswertung kommt ohne die in sich qualitative Bestimmung von Merkmalsdimensionen, innerhalb deren messend erhoben wird, nicht aus.

     
  2. b.

    Man kann zwar den Begriff der quantifizierenden Methoden als Bezeichnung für eine stark eingeschränkte Gruppe von Methoden in den Sozialwissenschaften benutzen, aber die dann übrig bleibende Gruppierung pauschal und unspezifisch als „qualitativ“ zu bezeichnen, läuft auf den Misch-Masch einer Residualbestimmung hinaus, unter der, wie ich zu zeigen versuchen werde, sich auf irreführende Weise wissenschaftstheoretisch höchst heterogene Methoden versammeln.

     
  3. c.

    Es empfiehlt sich, was selten präzise eingehalten wird, zwischen Methoden der Datenerhebung und der Datenauswertung scharf zu unterscheiden. Nur wenn das der Fall ist, wird man dem gerecht, dass die beiden Klassen von Methoden unabhängig voneinander variieren können. Bei allen beschreibenden Verfahren der Datenerhebung, z. B. den ethnographischen (wie der Name schon sagt), lassen sich, weil die Beschreibungen von intelligenten Subjekten durchgeführt werden und immer schon eine gegenstandsspezifische Interpretation enthalten, die im Grunde eine Dateninterpretation ist, Datenerhebung und Dateninterpretation bzw. -auswertung nicht mehr auseinanderhalten. Daraus resultiert eine vermeidbare, die methodische Geltungsüberprüfung einschränkende Zirkelhaftigkeit.

     

Literatur:

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

Authors and Affiliations

  • Ulrich Oevermann

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