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„Für uns existiert kein Blatt im Gesetzbuch“. Migrantische Kämpfe und der Einsatz der radikalen Demokratie

  • Helge SchwiertzEmail author
Chapter
Part of the Studien zur Migrations- und Integrationspolitik book series (SZMI)

Zusammenfassung

In der nationalstaatlich geordneten Welt – sowie in der Demokratieforschung und -theorie – wird Migration vielfach als ein Problem beschrieben. Die Positionen und Perspektiven derjenigen, die als Migrant_innen gesehen werden, und die die damit verbundenen Zuschreibungen kritisieren, werden dagegen vielfach ausgeblendet. Der Beitrag nimmt eben diese auf und analysiert migrantische Kämpfe gegen Entrechtung und repressive Migrationspolitiken in Deutschland. Die Ansätze radikaler Demokratie – insbesondere von Jacques Rancière und Etienne Balibar – ermöglichen dabei eine Wissensproduktion, in der diejenigen, die für Gleichheit und Freiheit kämpfen als politische Subjekte begriffen und ernst genommen werden. Sie bilden eine Theorie der Gleichheit ‚von unten‘ und der Gleichheit des Nicht-Identischen, die eine Objektivierung von Migration weitgehend vermeidet und durch die die Forderungen und Begehren der migrantischen Kämpfe zu deren eigenem Maßstab werden. Diese Praxis radikaler Demokratie zeigt sich in den Protestbewegungen von Geflüchteten, die seit 2012 in verschiedenen europäischen Ländern entstanden sind. Durch eine Analyse der Aktionen und Erklärungen des Protestmarsches der Geflüchteten von Würzburg nach Berlin aus dem Herbst 2012 wird untersucht, inwiefern deren politische Praxen als radikale Demokratie beschrieben werden können und wie das Verhältnis von Migration und Demokratie neu gedacht werden kann.

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Onlinedokumente (Zugegriffen: 21. September 2014)

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Authors and Affiliations

  1. 1.Universität OsnabrückOsnabrückDeutschland

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