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Nichtschadensprinzip (Principle of Nonmaleficence)

  • Martin Hoffmann
Chapter

Zusammenfassung

Eines der grundlegenden Moralprinzipien ist das Nichtschadensprinzip, das in der englischsprachigen Medizinethik zumeist als „(principle of) nonmaleficence“ und traditionell als Prinzip „neminem laede“ (Verletze niemanden!) oder „primum non nocere“ (Vor allem anderen: Füge keinen Schaden zu!) bezeichnet wird. Auch wenn sowohl die Herkunft als auch die genaue Formulierung des normativen Gehalts des Nichtschadensprinzips gegenwärtig Gegenstand kontroverser Debatten ist, lässt sich festhalten, dass sich das Verbot der Schadenszufügung seit der Antike in allen wichtigen Zeugnissen ärztlicher Standesethik findet. So ist es Bestandteil des hippokratischen Eids („Die Regeln der Lebensweise werde ich zum Nutzen der Kranken einsetzen, nach Kräften und gemäß meinem Urteilsvermögen; vor Schaden und Unrecht werde ich sie bewahren“) und eine erste spezifisch forschungsethische Formulierung findet sich bereits 1865 in der Monographie Introduction à l’étude de la médecine expérimentale von Claude Bernard, dem Begründer der experimentellen Physiologie („Der Grundsatz der ärztlichen und chirurgischen Moral besteht also darin, nie am Menschen einen Versuch auszuführen, der ihm in irgendeiner Hinsicht nur schaden kann, auch wenn das Ergebnis für die Wissenschaft, d. h. für die Gesundheit anderer, noch so interessant sein mag“).

Obwohl die fundamentale Bedeutung des Nichtschadensprinzips für die ärztliche Standesethik weithin anerkannt ist, muss festgehalten werden, dass in der gegenwärtigen Forschungsethik der sich im „primum non nocere“ ausdrückende strikte Vorrang dieses Prinzips vor allen anderen Moralprinzipien nicht besteht. Nur unter Berücksichtigung einer differenzierten Nutzen-Risiko-Analyse und nach Abwägung mit den Forderungen anderer grundlegender Moralprinzipien (wie z. B. dem des Respekts vor der Autonomie der Person) können die sich aus dem Nichtschadensprinzip ergebenden konkreten Handlungsanweisungen bestimmt werden. Unstrittig ist eine Priorisierung der Schadensvermeidung lediglich für einige spezifische Handlungskontexte und für vulnerable Probandenpopulationen.

Schrifttum

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014

Authors and Affiliations

  1. 1.Philosophisches SeminarUniversität HamburgHamburgDeutschland

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