Kinderalltag pp 125-129 | Cite as
Die ersten Bilder von sich selbst: Kinder zeichnen sich und ihre Familien
Zusammenfassung
Kinder malen gerne – zumindest viele Kinder – und das unabhängig von der Übung und der Verfügbarkeit von Papier und Stift en. Seit vielen Jahrzehnten beschäft igen sich verschiedene Fachleute mit Kinderzeichnungen unter künstlerischen Aspekten, als Mittel der Kunsterziehung, als Ausdruck von Kreativität und deren Förderung. Kinderzeichnungen haben aber auch Psychologen als diagnostisches Instrument interessiert. Insbesondere die Menschzeichnung weckte das wissenschaft liche Interesse der Diagnostiker. Mit dem sogenannten »Zeichne-einen-Menschen-Test«, den es in verschiedenen Versionen gibt, glaubte man ein verlässliches Instrument zu haben, das in seiner Detailgenauigkeit die kognitive Entwicklung widerspiegelt und damit als ein kulturfreies Maß der Intelligenz gelten könne. Kulturfreiheit oder kulturelle Fairness schloss man aus der Tatsache, dass dieses Verfahren, außer der Anweisung, ohne Sprache auskommt. Und Sprache ist natürlich, wie wir gesehen haben, kulturell gesättigt und kodiert kulturelles Wissen. Kinder wurden also aufgefordert, einen Menschen zu zeichnen, an dem dann ein Kennwert gebildet wurde aus der Menge vorhandener Merkmale, Beine, Finger, Nase, Mund, Bauchnabel usw. Es haben sich aber beide Annahmen als nicht richtig erwiesen. Zeichnungen sind nicht (nur) Abbilder der kognitiven Entwicklung und Sprachfreiheit bedeutet nicht kulturelle Fairness. Wie wir weiter vorn schon gesehen haben, argumentiert die UCLA Psychologin Patricia Greenfield, dass sprachfreie Intelligenztests besonders kulturell gesättigt sind, da sie meist auf Symbolen basieren, die natürlich kulturell mehr oder weniger vertraut sind.