Ethnomethodologie

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Zusammenfassung

Einen deutlich anders akzentuierten Anschluss an das Werk von Alfred Schütz als denjenigen, den wir gerade kennen gelernt haben, nahm der US-amerikanische Soziologe Harold Garfinkel (1917–2011) etwa ab Mitte der 1950er Jahre vor. Er erfand dafür den Begriff der „Ethnomethodologie“. Garfinkel hatte bei Talcott Parsons promoviert; von ihm übernahm er das Interesse an der prinzipiellen Möglichkeit von sozialer Ordnung. Parsons selbst hatte damit an die klassischen Fragestellungen der Soziologie von Emile Durkheim und auch politischer Philosophien (insbes. Thomas Hobbes, 1588–1679) angeschlossen. Allerdings erschien Garfinkel, der sich bereits in seinem Masterstudium mit Alfred Schütz und Edmund Husserl beschäftigte und später zu Schütz auch intensiven persönlichen Kontakt aufnahm, die von Parsons angebotene Lösung für die Frage, wie es zu sozialer Ordnung kommt, völlig unzureichend. Gerade die Annahmen von Schütz über die Prozesse der Sinnkonstitution und die Motivationen des Handelns gaben ihm ein Analysewerkzeug in die Hand, um in seiner Dissertation in den 1940er Jahren das Parsonianische Handlungsmodell (vgl. Junge 2007) anzugreifen. Denn Parsons könne mit seinem normorientierten, starren Handlungsbegriff und Rollenkonzept die notwendigen Interpretationsleistungen, die in den Handlungsvollzug eingebaut sind, nicht berücksichtigen. Garfinkels Kritik an Parsons ist ziemlich scharf: Er wirft ihm vor, soziale Akteure als „kulturelle Deppen“ („cultural dopes“) oder „Deppen ohne eigenes Urteilsvermögen“ („judgmental dopes“; Garfinkel 1967, S. 68) darzustellen, deren Handeln von allgemeinen Norm- und Wertsystemen gesteuert werde, ohne dass ihnen dabei ein besonderer und aktiver Eigenanteil zugerechnet werden könne. Handelnde erschienen hier als simple Marionetten der kulturellen Systeme:

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© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012

Authors and Affiliations

  1. 1.Sozialwissensch. FakultätUniv. AugsburgAugsburgDeutschland

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