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Mythos Mitte pp 117-132 | Cite as

Die Flucht ins Normale

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Zusammenfassung

Der Durchschnittsmensch tritt im 19. Jahrhundert auf die Bühne der Wissenschaften und findet wenig später Eingang in die sozialen Diskurse. Adolphe Quetelet versuchte in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts verschiedene Eigenschaften des Menschen statistisch zu untersuchen. Zunächst beschränkte er sich auf physikalisch messbare Körpermaße. So gelangte er über das Edinburgh Medical Journal von 1817 zu Zahlen über die Körpergröße und den Brustumfang von 5000 schottischen Soldaten (vgl. Hacking 1990: 109). Bei der Auswertung erhielt er eine Normalverteilung - wahrscheinlich mithilfe einiger Manipulationen (vgl. Tort 1974: 96). Dies bedeutet zunächst schlicht: Es gibt eben wenige mit einer sehr schmalen oder sehr breiten Brust und viele mit einem mittleren Brustumfang. Die Normalverteilung sollte Quetelet aber weiter beschäftigen. Er stellte Studien an, die vor allem auch Persönlichkeitsmerkmale betrafen. Er untersuchte verschiedenste menschliche Eigenschaften von der Lebenserwartung bis zu charakterlichen Eigenschaften, wie die Neigung zur Schriftstellerei und kriminellem Verhalten. In vielen Bereichen fand er dabei eine Normalverteilung wieder. Bemerkenswert ist hier vor allem die Interpretation der Ergebnisse durch Quetelet: die Häufung um den Durchschnitt war für ihn ein Ausdruck von Schönheit. Der von ihm daraufhin konstatierte homme moyen (mittlere Mensch), der alle Eigenschaften im Durchschnitt vereint, sollte ein Idealtyp des Menschen abbilden - im politischen wie auch ästhetischen Bereich (Quetelet 1838: 558589). Quetelet versuchte eine neue, man kann sagen, positivistische Wissenschaft vom Menschen zu etablieren. Diese Physik des Menschen sollte nicht nur Erkenntnisse generieren, die es ermöglichen, die durchschnittliche Schuhgröße der Menschen zu bestimmen, sondern auch in einem sozialtechnologischen Sinne Optimierungsmöglichkeiten des Menschen aufzeigen. Seine soziale Physik ist von einem Fortschrittsglauben getragen, welcher der damaligen Zeit im Allgemeinen und mitunter den französischen Sozialwissenschaften im Besonderen eigen war. So hoffte Quetelet zum Beispiel, die Kriminalitätsraten in einigen Ländern mithilfe geeigneter Politik einem statistisch errechneten Normalmaß anzunähern - wobei es sich viel eher um ein nicht zu überschreitenden Minimalwert, denn um einen Durchschnittswert handelte. Francois Ewald und Ian Hacking haben dem Leben und Wirken Quetelets in ihren Studien zu Normalisierungsphänomenen viel Platz eingeräumt (Ewald 1993; Hacking 1990). Uns geht es hier vorrangig um die Idee und Ideologie des mittleren Menschen. Der Durchschnittsmensch steht für eine historisch neue Form der Ordnung von Individuen - die Ordnung um das Normale herum. Das Normale gilt dann gleichzeitig als das Zentrum, dass es zu erreichen gilt. Das Normale ermöglicht so die Zentrierung menschlicher Maße auf ein Ideal hin. Diese Vorstellung vom Durchschnittsmenschen findet sich zwar bei Quetelet nicht zum ersten Mal, wird bei ihm aber zum ersten Mal zu einem gesellschaftlichen Idealbild (vgl. Link 1997: 205).

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