Netzwerke aus systemtheoretischer Perspektive

  • Boris Holzer
  • Jan Fuhse

Zusammenfassung

Fragt man nach dem Stellenwert von sozialen Netzwerken in der soziologischen Systemtheorie, so scheint es zunächst, als spielten sie keine wichtige Rolle: Anhand der Leitunterscheidung von System und Umwelt kommen Netzwerke nicht in den Blick, weil sie sich – im Gegensatz zu Interaktionssystemen, Organisationen und Funktionssystemen – nicht klar von ihrer sozialen Umwelt abzugrenzen scheinen. Systeme bedeuten immer eine Grenzziehung gegenüber einer Umwelt, während sich Netzwerke offenbar dadurch auszeichnen, keine Grenzen zu haben (White 1995: 1039). Andererseits jedoch ist der methodologische Grundgedanke, von Beziehungen statt von Individuen auszugehen, der Systemtheorie durchaus vertraut. Die Gesellschaft ist nicht eine Ansammlung von Menschen, sondern ein Kommunikationsgeschehen, dessen Ordnung darin besteht, dass Kommunikationen selektiv – und nicht zufällig – aufeinander Bezug nehmen: Die einzelne Kommunikation bestimmt sich „als Kommunikation im Netzwerk systemeigener Operationen“ (Luhmann 1997: 76). Die Systemtheorie teilt also durchaus jene „relationale“ Auffassung sozialer Wirklichkeit, die beispielsweise Emirbayer (1997) programmatisch für die Netzwerkanalyse in Anspruch nimmt. Beide beziehen sich auf den Sachverhalt, dass Elemente in selektiver Weise miteinander verknüpft werden – und zwar so, dass die Realisierung einiger (und das Ausbleiben anderer) Verknüpfungen einem bestimmten Muster oder Strukturierungsprinzip folgt. In dieser Hinsicht scheinen der System- und der Netzwerkbegriff denselben Sachverhalt zu bezeichnen: Sie sind Begriffe für „organisierte Komplexität“, d.h. für selektive Beziehungsmuster zwischen Elementen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

6 Literatur

  1. Albrecht, Steffen, 2008: Netzwerke und Kommunikation. Zum Verhältnis zweier sozialwissenschaftlicher Paradigmen. S. 165–178 in: Christian Stegbauer (Hg.), Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Google Scholar
  2. Baecker, Dirk, 2005: Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  3. Baecker, Dirk, 2007: Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  4. Boissevain, Jeremy, 1974: Friends of Friends. Networks, Manipulators and Coalitions. Oxford: Basil Blackwell.Google Scholar
  5. Bommes, Michael und Veronika Tacke, 2006: Das Allgemeine und das Besondere des Netzwerkes. S. 37–62 in: Bettina Hollstein und Florian Straus (Hg.), Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Google Scholar
  6. Bommes, Michael und Veronika Tacke, 2007: Netzwerke in der ‘Gesellschaft der Gesellschaft’. Funktionen und Folgen einer doppelten Begriffsverwendung. Soziale Systeme 13: 9–20.Google Scholar
  7. Bourdieu, Pierre, 1983: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. S. 183–198 in: Reinhard Kreckel (Hg.), Soziale Ungleichheiten (Sonderband 2 der Sozialen Welt), Göttingen: Schwartz.Google Scholar
  8. Emirbayer, Mustafa, 1997: Manifesto for a relational sociology. American Journal of Sociology 103: 281–317.CrossRefGoogle Scholar
  9. Fuchs, Peter, 1997: Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie. Soziale Systeme 3: 57–80.Google Scholar
  10. Fuchs, Stephan, 2001: Against Essentialism. A Theory of Culture and Society. Cambridge MA: Harvard University Press.Google Scholar
  11. Fuhse, Jan, 2009a: The meaning structure of social networks. Sociological Theory 27: 51–73.CrossRefGoogle Scholar
  12. Fuhse, Jan, 2009b: Die kommunikative Konstruktion von Akteuren in Netzwerken. Soziale Systeme 15: i.E.Google Scholar
  13. Fuhse, Jan, 2010: Verbindungen und Grenzen: Der Netzwerkbegriff in der Systemtheorie. In: Johannes Weyer (Hg.), Soziale Netzwerke, München: Oldenbourg (2. Aufl., i.E.).Google Scholar
  14. Gibson, David R., 2003: Participation shifts: order and differentiation in group conversation. Social Forces 81: 1335–1381.CrossRefGoogle Scholar
  15. Gibson, David R., 2005: Taking turns and talking ties: networks and conversational interaction. American Journal of Sociology 110: 1561–1597.CrossRefGoogle Scholar
  16. Goffman, Erving, 1961: Encounters, Indianapolis: Bobbs-Merrill.Google Scholar
  17. Hiller, Petra, 2005: Korruption und Netzwerke. Konfusionen im Schema von Organisation und Gesellschaft. Zeitschrift für Rechtssoziologie 26: 57–77.Google Scholar
  18. Holzer, Boris, 2006: Netzwerke. Bielefeld: transcript.Google Scholar
  19. Holzer, Boris, 2007: Wie “modern” ist die Weltgesellschaft? Funktionale Differenzierung und ihre Alternativen. Soziale Systeme 13: 355–366.Google Scholar
  20. Holzer, Boris, 2010a: Die Differenzierung von Netzwerk, Interaktion und Gesellschaft. In: Michael Bommes und Veronika Tacke (Hg.), Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (i.E.).Google Scholar
  21. Holzer, Boris, 2010b: Von der Beziehung zum System - und zurück? Relationale Soziologie und Systemtheorie. In: Jan Fuhse und Sophie Mützel (Hg.), Relationale Soziologie: Zur kulturellen Wende der Netzwerkforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (i.E.).Google Scholar
  22. Kämper, Eckard und Johannes K. Schmidt, 2000: Netzwerke als strukturelle Kopplung. Systemtheoretische Überlegungen zum Netzwerkbegriff. S. 211–235 in: Johannes Weyer (Hg.), Soziale Netzwerke. Konzepte und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung, München/Wien: Oldenbourg.Google Scholar
  23. Kieserling, André, 1999: Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  24. Luhmann, Niklas, 1975: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. S. 9–20 in: Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung, Band 2, Opladen: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  25. Luhmann, Niklas, 1983: Legitimation durch Verfahren. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  26. Luhmann, Niklas, 1984: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  27. Luhmann, Niklas, 1995a: Kausalität im Süden. Soziale Systeme 1: 7–28.Google Scholar
  28. Luhmann, Niklas, 1995b: Inklusion und Exklusion. S. 237–264 in: Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, Opladen: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  29. Luhmann, Niklas, 1995c: Die Form “Person”. S. 142–154 in: Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, Opladen: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  30. Luhmann, Niklas, 1996: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  31. Luhmann, Niklas, 1997: Die Gesellschaft der Gesellschaft (2 Bde.). Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  32. Schmidt, Johannes F.K., 2007: Soziale Beziehung als systemtheoretischer Begriff? Soziale Systeme 13: 516–527.Google Scholar
  33. Schneider, Wolfgang L., 1994: Die Beobachtung von Kommunikation. Zur kommunikativen Konstruktion sozialen Handelns. Opladen: Westdeutscher Verlag.Google Scholar
  34. Somers, Margaret, 1994: The narrative constitution of identity: a relational and network approach, Theory and Society 2: 605–649.CrossRefGoogle Scholar
  35. Tacke, Veronika, 2000: Netzwerk und Adresse. Soziale Systeme 6: 291–320.Google Scholar
  36. Tacke, Veronika, 2007: Netzwerk und Geschlecht – im Kontext. S. 165–189 in: Christine Weinbach (Hg.), Geschlechtliche Ungleichheit in systemtheoretischer Perspektive, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.CrossRefGoogle Scholar
  37. Teubner, Gunther, 1992: Die vielköpfige Hydra: Netzwerke als kollektive Akteure höherer Ordnung. S. 189–216 in: Wolfgang Krohn und Günter Küppers (Hg.), Emergenz: Die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung, Frankfurt/Main: Suhrkamp.Google Scholar
  38. Tilly, Charles, 2005: Identities, Boundaries and Social Ties. Boulder, CO: Paradigm.Google Scholar
  39. White, Harrison C., 1995: Network switchings and Bayesian forks: reconstructing the social and behavioral sciences. Social Research 62: 1035–1063.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2010

Authors and Affiliations

  • Boris Holzer
  • Jan Fuhse

There are no affiliations available

Personalised recommendations