Parteienwettbewerb. Wählen und Regieren im Schatten der Großen Koalition

  • Karl-Rudolf Korte

Zusammenfassung

Die Große Koalition bildet mit ihren Spitzenakteuren eine besondere Konstellation für den Parteienwettbewerb im Superwahljahr 2009. Die politischen Spitzenakteure einer Regierung sind in eine Regierungsformation eingefügt (Grunden 2009: 67). Als Kollektivakteur ist die Formation extrem fragil und fluid. Handlungsfähig sind die Spitzenakteure, die wiederum ihr Politikmanagement unter den Bedingungen von politischer Komplexität und Unsicherheit organisieren (Luhmann 1983; Scharpf 1970). Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) formulierte dies in einem Spiegel-Interview: „Ich bemühe mich um Rationalität. Tue nur das, von dem du überzeugt bist! Politische Verantwortung heißt, bei Unsicherheiten und unvollständigen Informationen Entscheidungen zu treffen. Das unterscheidet Politiker von Wissenschaftlern und Kommentatoren“ (Spiegel 2008). Dies beschreibt ganz treffend ein strategisches Dilemma jeder Bundesregierung, nämlich strategische Entscheidungen zu treffen unter dem „Schleier des Nichtwissens“ (Rawls 1979). Das Ausmaß des Nichtwissens hat sich zudem ganz offensichtlich in Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 potenziert. Das Nichtwissen hat eine auch mittlerweile öffentlich anerkannte Zentralität erreicht (Böschen/Schneider/Lerf 2004). Die Krise bedeutet für jede Regierung einen markanten Einschnitt im Hinblick auf das komplette Politikmanagement und die politische Legitimation des Regierungshandelns. Die Unsicherheitskrise hängt mit der Tiefe des ökonomischen Abschwungs ebenso zusammen wie mit der Ratlosigkeit, mit nachhaltigem Politikmanagement diesem zu begegnen. Zweifelsohne handelt es sich um einen besonderen strategischen Moment in der Regierungssteuerung.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Behnke, Joachim (2009): Kanzlerin: Merkel, Vizekanzler: Westerwelle, in: Süddeutsche Zeitung vom 02.07.2009.Google Scholar
  2. Böschen, Stefan/Schneider, Michael/Lerf, Anton (Hg.) (2004): Handeln trotz Nichtwissen. Vom Umgang mit Chaos und Risiko in Politik, Industrie und Wissenschaft, Frankfurt am Main.Google Scholar
  3. Decker, Frank (2009a): Koalitionsaussagen der Parteien vor Wahlen. Eine Forschungsskizze im Kontext des deutschen Regierungssystems, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Bd. 40, H. 2, S. 431–453.Google Scholar
  4. Decker, Frank (2009b): Veränderungen in der Parteienlandschaft, in: Der Bürger im Staat, Bd. 59, H. 2, S. 74–81.Google Scholar
  5. Delhees, Stefanie/Korte, Karl-Rudolf/Schartau, Florian/Switek, Niko/Weissenbach, Kristina (2008): Wohlfahrtsstaatliche Reformkommunikation. Westeuropäische Parteien auf Mehrheitssuche, Baden-Baden.Google Scholar
  6. Dettling, Warnfried (2007): Parteien auf der Suche, in: Thinktank #8: Wertewandel – neue Ideen für alte Werte, Berlin.Google Scholar
  7. Eith, Ulrich/Mielke, Gerd (2009): Wahlforschung. Zur Bedeutung und Methodik empirischer Sozialforschung in der Politikwissenschaft, in: Lauth, Hans-Joachim/Wagner, Christian (Hg.), Politikwissenschaft. Eine Einführung, 6. Auflage, Paderborn, S. 315–344.Google Scholar
  8. Embacher, Serge (2009): Demokratie Nein danke? Demokratieverdruss in Deutschland. Die neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.Google Scholar
  9. Fischer, Thomas/Schmitz, Gregor Peter/Seberich, Michael (Hg.) (2007): Die Strategie der Politik. Ergebnisse einer vergleichenden Studie, Gütersloh.Google Scholar
  10. Florack, Martin/Grunden, Timo/Korte, Karl-Rudolf (2008): No Governance without Government. Political Management at the State Level: The Case of North Rhine-Westphalia, in: Schmitt-Beck, Rüdiger/Debiel, Tobias/Korte, Karl-Rudolf (Hg.), Governance and Legitimacy in a Globalized World, Baden-Baden.Google Scholar
  11. Geiling, Heiko/Vester, Michael (2007): Das soziale Kapital der politischen Parteien. Die Akzeptanzkrise der Volksparteien als Frage der Individualisierung oder der sozialen Gerechtigkeit, in: Brettschneider, Frank/Niedermayer, Oskar/Weßels, Bernhard (Hg.), Die Bundestagswahl 2005, Wiesbaden, S. 457–490.Google Scholar
  12. Glaab, Manuela (2007): Strategie und Politik: das Fallbeispiel Deutschland, in: Fischer, Thomas/ Schmitz, Gregor Peter/Seberich, Michael (Hg.), Die Strategie der Politik. Ergebnisse einer vergleichenden Studie, Gütersloh, S. 67–115.Google Scholar
  13. Grunden, Timo (2009): Politikberatung im Innenhof der Macht. Zu Einfluss und Funktion der persönlichen Berater deutscher Ministerpräsidenten, Studien der NRW School of Governance, Wiesbaden.Google Scholar
  14. Hilmer, Richard/Müller-Hilmer, Rita (2006): Die Bundestagswahl vom 18. September 2005: Votum für Wechsel und Kontinuität, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Bd. 37, H. 1, S. 183–218.CrossRefGoogle Scholar
  15. Infratest Dimap (2009): ARD-DeutschlandTREND April 2009, Umfrage zur politischen Stimmung im Auftrag der ARD-Tagesthemen und sechs Tageszeitungen, Berlin.Google Scholar
  16. Knill, Christoph/Bauer, Michael W./Ziegler, Maria (2006): Optimierungsmöglichkeiten vorausschauender Politikgestaltung. Institutionen staatlicher Planung und Koordination im europäischen Vergleich, Reihe Zukunft Regieren. Beiträge für eine gestaltungsfähige Politik, Nr. 2/2006, Gütersloh.Google Scholar
  17. Korte, Karl-Rudolf (2000): Konjunkturen des Machtwechsels in Deutschland: Regeln für das Ende der Regierungsmacht?, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Bd. 31, H. 4, S. 833–857.Google Scholar
  18. Korte, Karl-Rudolf (2005): Was entschied die Bundestagswahl?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bd. 55, H. 50-51, S. 12–18.Google Scholar
  19. Korte, Karl-Rudolf (2007): Linkskonservativ mitfühlend, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Bd. 54, H. 12, S. 49–52.Google Scholar
  20. Korte, Karl-Rudolf (2008): Die Konsensmaschine stottert, in: Die Zeit vom 16.10.2008.Google Scholar
  21. Korte, Karl-Rudolf (2009a): Wahlen in Deutschland, 6. Auflage, Bonn.Google Scholar
  22. Korte, Karl-Rudolf (2009b): Präsidentielles Zaudern – Suchbewegungen nach dem Phänomen Angela Merkel und dem Kipp-Punkt des Regierens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.04.2009.Google Scholar
  23. Korte, Karl-Rudolf (2009c): Die Stunde des Staatsoberhauptes, in: Süddeutsche Zeitung vom 18./19.04.2009.Google Scholar
  24. Korte, Karl-Rudolf (2010a): Strategie und Regierung. Politikmanagement unter den Bedingungen von Komplexität und Unsicherheit, in: Tils, Ralf/Raschke, Joachim (Hg.), Politische Strategie. Eine Einführung, Wiesbaden, S. 257–267.Google Scholar
  25. Korte, Karl-Rudolf (2010b): Präsidentielles Zaudern. Der Regierungsstil von Angela Merkel in der Großen Koalition 2005–2009, in: Bukow, Sebastian/Seemann, Wenke (Hg.): Die Große Koalition. Regierung – Politik – Parteien 2005–2009, Wiesbaden (im Erscheinen).Google Scholar
  26. Korte, Karl-Rudolf/Fröhlich, Manuel (2009): Politik und Regieren in Deutschland. Strukturen, Prozesse, Entscheidungen, 3. Auflage, Paderborn u.a.Google Scholar
  27. Lijphart, Arend (1999): Patterns of Democracy. Government Forms and Performance in Thirty-Six Countries, New Haven/London.Google Scholar
  28. Luhmann, Niklas (1983): Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung, 3. Auflage, Opladen.Google Scholar
  29. Maurer, Marcus/Reinemann, Carsten/Maier, Jürgen/Maier, Michaela (2006): Schröder gegen Merkel. Wahrnehmung und Wirkung des TV-Duells 2005 im Ost-West-Vergleich. Wiesbaden.Google Scholar
  30. Merkel, Wolfgang (2009): Der Parteienverächter. Wider den publizistischem Stammtisch – ein Zwischenruf, in: WZB-Mitteilungen, Heft 124, S. 13–16.Google Scholar
  31. Mielke, Gerd (2009a): The Misfit. Angela Merkel und ihr zweiter Versuch, einen ordentlichen Wahlkampf für die Union zu machen, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Bd. 22, H. 2, S. 9–19.Google Scholar
  32. Mielke, Gerd (2009b): Endspurt mit schweren Beinen. Zur innerparteilichen Lage der SPD, in: Machnig, Matthias/Raschke, Joachim (Hg.), Wohin steuert Deutschland? Bundestagswahl 2009. Ein Blick hinter die Kulissen, Hamburg, S. 229–242.Google Scholar
  33. Mielke, Gerd/Eith, Ulrich (2008): Im Versuchslabor. Der Strukturwandel des deutschen Parteiensystems, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Bd. 53, H. 4, S. 94–103.Google Scholar
  34. Morsey, Rudolf (1996): Heinrich Lübke. Eine politische Biographie, Paderborn.Google Scholar
  35. Niclauß, Karlheinz (2004): Kanzlerdemokratie. Regierungsführung von Konrad Adenauer bis Gerhard Schröder, 2. Auflage, Paderborn.Google Scholar
  36. Niedermayer, Oskar (2007): Die Entwicklung des bundesdeutschen Parteiensystems, in: Decker, Frank/Neu, Viola (Hg.), Handbuch der deutschen Parteien, Wiesbaden, S. 114–135.Google Scholar
  37. Nohlen, Dieter (2009): Erfolgswertgleichheit als fixe Idee oder: Zurück zu Weimar? Zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über das Bundeswahlgesetz vom 3. Juli 2008, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Bd. 40, H. 1, S. 179–195.Google Scholar
  38. Pappi, Franz Urban (2009): Regierungsbildung im deutschen Fünf-Parteiensystem, in: Politische Vierteljahresschrift, Bd. 50, H. 2, S. 187–202.CrossRefGoogle Scholar
  39. Perger, Werner A. (2009): Deutsche Volksparteien. Die Zeit der Helden und Alpha-Tiere ist vorbei, in: Die Zeit vom 25.06.2009.Google Scholar
  40. Petersein, Thomas (2009): Die unverdrossenen Nichtwähler, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.7.2009.Google Scholar
  41. Poguntke, Thomas/Webb, Paul (Hrsg.) (2005): The Presidentialization of Politics. A Comparative Study of Modern Democracies, Oxford.Google Scholar
  42. Raschke, Joachim/Tils, Ralf (2007): Politische Strategie. Eine Grundlegung, Wiesbaden.Google Scholar
  43. Rawls, John (1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main.Google Scholar
  44. Scharpf, Fritz W. (1970): Demokratietheorie zwischen Utopie und Anpassung, Konstanz.Google Scholar
  45. Schoen, Harald (2005): Daten in der empirischen Wahlforschung, in: Falter, Jürgen W./Schoen, Harald (Hg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden, S. 89–103.Google Scholar
  46. Schultze, Rainer Olaf (2009): Wählerverhalten im Zeichen struktureller Vielfalt, in: Der Bürger im Staat, Bd. 59, H. 2, S. 82–89.Google Scholar
  47. Speth, Rudolf (2006): Navigieren ohne Kompass. Strategiebildung in Parteien und NGOs, Arbeitspapier der Hans Böckler Stiftung, Düsseldorf.Google Scholar
  48. Spiegel (2008): Spiegel-Gespräch mit Finanzminister Peer Steinbrück über das Krisenmanagement der Regierung, in: Der Spiegel, H. 49, S. 37–42.Google Scholar
  49. Steffani, Winfried (Hg.) (1991): Regierungsmehrheit und Opposition in den Staaten der EG, Opladen.Google Scholar
  50. Thaysen, Uwe (2006): Regierungsbildung 2005. Merkel, Merkel I, Merkel II?, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Bd. 37, H. 3, S. 582–610.CrossRefGoogle Scholar
  51. Weßels, Bernhard (2009): Bürgervertrauen ist parteiisch. Von einer Krise der Repräsentation kann in Deutschland keine Rede sein, in: WZB-Mitteilungen, H. 124, S. 9–12.Google Scholar
  52. Wiesenthal, Helmut (2006): Gesellschaftssteuerung und gesellschaftliche Selbststeuerung. Eine Einführung, Wiesbaden.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2010

Authors and Affiliations

  • Karl-Rudolf Korte
    • 1
  1. 1.Universität Duisburg-EssenDuisburg-Essen

Personalised recommendations