„Auf unsicherem Terrain“ pp 17-38 | Cite as
Ethnographie des Pädagogischen
Zusammenfassung
In der erziehungswissenschaftlichen Forschungslandschaft gewinnt die Ethnographie seit einiger Zeit an Anerkennung. Vor dem Hintergrund der Geschichte der pädagogischen Forschung könnte jedoch auch von einer Renaissance gesprochen werden. Denn entgegen der wiederholt vorgetragenen Annahme, dass die qualitativ-rekonstruktive Methodologie und die Ethnographie im deutschen Sprachraum bis zum Ende des 20. Jahrhunderts kaum eine relevante Rolle spielt (vgl. Zinnecker 2000; Hünersdorf 2008), wird in diesem Beitrag gezeigt, dass ethnographische Methoden in der Phase der Herausbildung der Erziehungswissenschaft und von wissenschaftlich breiter abgestützten pädagogischen Praxen eine, für den außerschulischen Bereich vielleicht sogar die Standardmethode bildet. (1.) Allerdings erfährt die Ethnographie in den Diskursen der erziehungswissenschaftlichen Frühphase nicht durchgehend Beachtung. Mit der Durchsetzung der geisteswissenschaftlichen Pädagogik etabliert sich erstens eine Idee von Erziehungswissenschaft, die sich nicht genuin forschungsbasiert konzipiert, und zweitens kommt qualitativ-rekonstruktiven Methoden im Zuge der Durchsetzung einer deduktiv angelegten, auf die statistische Auswertung von quantitativen Daten orientierten Forschung allgemein eine geringere Aufmerksamkeit zu. Die Randstellung der Ethnographie als Methode zur Erforschung des Pädagogischen, so die Argumentation in diesem Beitrag, trägt und trug mit dazu bei, dass die Erkenntnisse, die mittels weitgehend ethnographischer Verfahren den pädagogischen Reflexionen zur Verfügung gestellt werden können, in den theoretischen Reflexionen der Erziehungswissenschaft nur eine geringe Würdigung erfahren. (2.) Obwohl eine traditionelle Verbundenheit von ethnographischen Verfahren mit der Erziehungswissenschaft festzustellen ist, bestehen nach wie vor in den Diskursen der konventionellen, empirischen erziehungs-, bildungs- und sozialwissenschaftlichen Forschung Vorbehalte und Unsicherheiten gegenüber den ethnographischen Verfahren sowie den hierüber gewonnenen Befunden. Ignoriert bleibt, dass sich der ethnographische Blick in jüngster Zeit, angeregt und provoziert durch die gesellschaftlichen Umstrukturierungen im letzten Drittel des zurückliegenden Jahrhunderts, von der statischen Registrierung und dem nachvollziehenden Verstehen des Beobachteten hin zu der Identifizierung und Rekonstruktion der Prozesse der Herstellung von Wirklichkeit verschiebt. (3.) Abschließend ist die Kompetenz der Ethnographie als Forschungsmethodologie zur Aufklärung und Erhellung des Pädagogischen nochmals zu betonen und zu diskutieren (4.).
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