Resümee und Ausblick: Selbstsozialisation und gesellschaftliche Differenzierung

Auszug

Wie können menschliche Organismen Subjektstrukturen aufbauen? Wie ist dabei die Ausbildung neuer Erkenntnisstrukturen möglich? Welche Rolle spielen Prozesse sozialisatorischer Interaktionen in dieser Entwicklung? In welchem Verhältnis stehen der interne Aufbau von Subjektstrukturen und die sozialisatorischen Interaktionen zueinander? Der interaktionistische Konstruktivismus stellt einen Versuch dar, die Beantwortung dieser Fragen ein Stück voranzutreiben, indem unterschiedliche theoretische Sichtweisen und empirische Befunde zu einem in sich konsistenten Bild verknüpft werden. Er reagiert dabei auf die konstruktivistischen Herausforderungen strukturgenetischer Subjekttheorien durch die Erkenntnistheorie des Radikalen Konstruktivismus und die Systemtheorie. Die Bewältigung dieser Herausforderungen könnte für eine Theorie der Sozialisation von Subjekten neue, noch wenig ausgeschöpfte Möglichkeiten bieten. Insbesondere kann die Gegenüberstellung unterschiedlicher strukturgenetischer Konstitutionstheorien, die einerseits intrasubjektive Konstruktionen und den Umgang der Subjekte mit der physikalischen Außenwelt und andererseits soziale Interaktionen als Erklärungen der Subjektentwicklung heranziehen, mit Gewinn aufgelöst werden. Unter Einbeziehung konstruktivistischer Erkenntnis- und Sozialtheorien wird diese Gegenüberstellung selbst beobachtbar: Sie geht von bereits etablierten Subjekt-Objekt-Beziehungen aus und verfehlt damit das grundlegende empirische Bezugsproblem einer Konstitutionstheorie der Subjektbildung, das um die Frage kreist, wie Subjekt-Objekt-Differenzierungen und damit die Möglichkeit von Subjekt-Objekt-Interaktionen in der frühen Ontogenese überhaupt entstehen.

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Literatur

  1. 1.
    Die folgenden Ausführungen greifen in Teilen auf Sutter (2003) zurück.Google Scholar
  2. 2.
    Nach Müller (1992, S. 378f.) sind expressives, interaktives, evaluatives und kognitives Verhalten als die vier Dimensionen zu nennen, in denen Typen von Lebensstilen analysiert werden können.Google Scholar
  3. 3.
    Das Verhältnis von gesellschaftlicher Differenzierung und gesellschaftlicher Ungleichheit bildet ein zentrales Problem der aktuellen Gesellschaftsanalyse: Die zwei Traditionen gesellschaftlicher Differenzierungstheorien einerseits und Theorien sozialer Ungleichheit andererseits weisen kaum Berührungspunkte auf. Man kann sagen, daß sich zwei relativ wenig miteinander verbundene Soziologien etabliert haben (vgl. Schwinn 2004). Auf der einen Seite hat die Theorie gesellschaftlicher Differenzierung Aspekte der Ungleichheit zu wenig beachtet: Zum Teil aufgrund theoretischer Voreinstellungen, z.B. des Fokus auf Funktionssysteme, die eine Form der Differenzierung gleichrangiger gesellschaftlicher Teilsysteme darstellen und prinzipiell eine Vollinklusion von allen Personen ermöglichen. Zum Teil wurde vorschnell die Überwindung vertikaler Ungleichheit in der modernen Gesellschaft behauptet, obwohl diese Ungleichheit keineswegs verschwunden ist. Deshalb muß jede Gesellschaftstheorie angeben können, wie sie mit den beobachtbaren Ungleichheiten umzugehen gedenkt. Auf der anderen Seite hat die Ungleichheitsforschung Aspekte der funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft zu wenig beachtet. Sie muß nicht nur angeben können, wie sie mit Prozessen der funktionalen Ausdifferenzierung umzugehen gedenkt; darüber hinaus scheint hier allgemein eine Präferenz für bestimmte Theorien bzw. Forschungstraditionen vorherzubestimmen, was die Untersuchungen erbringen werden, z.B. zielen Lebensstilanalysen mehr auf horizontale Ungleichheiten, der Bezug auf Bourdieu schärft den Blick für vertikale Ungleichheiten. Hier ist ein grundlegendes Defizit an gesellschaftstheoretischen Reflexionen zu beobachten.Google Scholar
  4. 4.
    Dabei müssen gesellschaftliche Selektion vor dem Hintergrund allgemeiner Probleme der Inklusion von Personen in die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft und pädagogische Selektion als spezifische Funktion und Leistung des Erziehungssystems unterschieden werden (vgl. Luhmann/ Schorr 1988, S. 250ff.).Google Scholar

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