Zeitspieler pp 63-64 | Cite as

Anschlussschnitt Deleuze: die Dauer weiterdenken

Auszug

Zeit ist ein schöpferisches Werden — mit diesem bergsonschen Credo lassen sich auch die Zeit-Reflexionen von Deleuze überschreiben. Anders als Bergsons explizite und systematische Auseinandersetzung mit dem Zeitphänomen, begegnet Deleuze ihm auf zahlreichen Untersuchungsfeldern (Philosophiegeschichte, Differenzphilosophie, Psychoanalyse, Malerei, Literatur), bringt Temporalität unter verschiedenen Decknamen ins Spiel, bis sie in den Kinobänden Das Bewegungs-Bild und Das Zeit-Bild 32 in das Spotlight der Betrachtung rückt. Durch sämtliche Reflexionen Deleuzes zieht sich die Identifikation der Zeit mit einer schöpferischen Energie, die neue Formen und unvorhersehbare Entwicklungen aus sich heraustreibt. Wie für Bergson ist auch für Deleuze die Zeit „ein Werdendes und sogar der Grund von allem übrigen Werden“ (Bergson 2000: 23). Auf diesen ‚produktiven Zeitgrund’ wird sowohl die materielle bzw. empirische als auch die geistige Realität fundiert. Im ersten Fall assoziiert Deleuze den Zeitgrund mit der sinnlichen Mannigfaltigkeit und spricht ihn als Immanenzplan an. Bestehend aus singulären Momenten und den zwischen ihnen wirksamen Kräften erinnert er an ein molekulares Schwingungsfeld, das der Erfahrungswirklichkeit vorausliegt. Die empirischen Gegebenheiten verdanken sich erst der Verkettung von Kräften und der Zusammenballung von Singularitäten — das Aktuelle resultiert aus temporären Kontraktionen von Molekülen. Die Zeitlichkeit auf der Ebene der Immanenz wird von Deleuze als eine variierende Verbindung heterogener Momente beschrieben; als eine der bergsonschen Dauer vergleichbaren qualitativen Veränderung, die immer neue Formationen generiert. Zeit bedingt jedoch nicht nur die aktuellen Bewegungen und Metamorphosen der Materie, sondern auch die Ausbildung einer geistigen Dimension, die allein dem Denken zugänglich ist: Jede Aktualisierung erzeugt eine Wolke nichtaktualisierter Möglichkeiten — Möglichkeiten, die ebenfalls hätten eintreten können, es aber nicht getan haben. Konstellationen und Entwicklungslinien, die sich nicht in die Materie einschreiben, verbleiben im Zustand reiner Potenzialität und konstituieren eine eigenständige Realität des Möglichen: die Virtualität. So bringt die Zeit bei Deleuze zwei Wirklichkeitsordnungen hervor: die Aktualität materieller Verkörperungen auf der einen und die Virtualität denkbarer Möglichkeiten auf der anderen Seite. Unter Zeit versteht Deleuze die permanente Gabelung in Aktualität und Virtualität, die miteinander koexistieren.

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  1. Bergson, Henri (1991): Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist. Hamburg: Meiner.Google Scholar

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