Auszug
Jede Familie hat ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Geschichten. Geschichten werden durch die Familienmitglieder individuell oder kollektiv erlebt, selektiv aufbewahrt und schließlich durch Erzählungen innerfamilial weitergegeben. Kurt Tucholsky hat die Bedeutsamkeit von Geschichten in und für Familien 1929 unter dem Titel „Familienbande“ folgendermaßen geschildert: „Was hält die Familie zusammen—? […] Die Stimme des Blutes? Das allein kanns nicht sein. Wenn Onkel Edgar, der schon als junger Mann nach Madagaskar gegangen ist, weil er sich zu viel auf den Rennplätzen herumgetrieben hat, wieder zurückkommt, dann verkriechen sich die Kinder und sagen zu Mama: ‘Da ist ein fremder Herr im Salon—!‘ und auch in den vier Wochen, wo er in der Familie lebt, wird das nichts Rechtes. […] Es fehlt die Gemeinsamkeit der kleinen Hauserlebnisse. Und die sind es, die die Familie zu einer kompakten Einheit zusammenschweißen […] Der Familienkalender hat seine eigene Einteilung und mit dem gregorianischen wenig zu tun. Das war im Jahr 1921? Nein: Das war damals, als Tante Frida deine Stehlampe umgeworfen hat!’ […] So war das“ (Tucholsky 1965, S. 94). Obwohl ironisch gebrochen, thematisiert Tucholskys Darstellung zwei zentrale und miteinander verbundene Elemente der modernen Familie: 1. die Funktion der Familie als primäre Erziehungs- und Sozialisationsinstanz, die als moderne Kernfamilie Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung und Enkulturation einleitet, indem sie im Unterschied zu vormodernen Epochen psychosoziale Moratorien für Kinder und Jugendliche bereitstellt (vgl. differenziert Zinnecker 2004). Damit verbinden sich individualisierte Generationsbeziehungen und Erziehungsverhältnisse, durch die sich die Familie mental als durch Emotionen miteinander verbundene intergenerative Beziehungseinheit konstituiert.
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