„Bevölkerungsbilanzen“ und „Vertreibungsverluste“. Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschen Opferangaben aus Flucht und Vertreibung

  • Ingo Haar

Auszug

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs setzte die „Bilanz“ des Grauens ein. Sowohl die deutsche als auch die polnische Seite lasteten sich nach 1945 gegenseitig überhöhte Opferzahlen an. Doch seit den neunziger Jahren diskutieren polnische Historiker die Zahl der Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg neu. Das betrifft zum einen die große Gruppe der von deutschen Stellen aus politischen oder rassistischen Gründen ermordeten Polen; zum anderen geht es um Teile der Bevölkerung aus Ostpolen, das sich nach 1945 die Sowjetunion einverleibte. Ein weiteres Problem lag in den Opferzahlen der von den Sowjets Verschleppten. Die alten Bilanzen standen zur Disposition, weil die Zahl der ethnischen Polen, die im Zweiten Weltkrieg den Tod fanden, auf Kosten der jüdischen Opfer übertrieben wurde.1 Außerdem erschien die Zahl der Opfer aus dem östlichen Teil Polens im Lichte neuer Forschung unseriös. Ihre Zahl war deutlich niedriger als bislang angeben. Viele Polen kamen während der sowjetischen Besatzungsherrschaft von 1939 bis 1941 ums Leben. Offenbar übernahm eine Gruppe der Bewohner Ostpolens, das die Sowjetunion annektierte, deren Staatsangehörigkeit an.2 Es deutet einiges darauf hin, dass diese statistischen Verluste an Staatsbürgern den Gewaltopfern der NS-Okkupation zugeschlagen wurden. Das große Leid und die hohe Zahl der Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg sollten die Westverschiebung Polens rechtfertigen und die neue Staatskonstruktion der polnischen Volksrepublik stützen.3

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