Väterinitiativen: ein neues soziales Phänomen

Auszug

Wie einleitend dargestellt, geht es in meiner Arbeit um kollektive Orientierungen von Männern, die sich im Kontext von Väterinitiativen bewegen. In der bundesdeutschen Forschung ist dem Phänomen des Zusammenschlusses von Vätern in Interessengruppen bislang noch keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden. Die wenigen Arbeiten, die eine Existenz dieser Gruppen zur Kenntnis genommen haben, sind im Zusammenhang der Auseinandersetzung um die Neugestaltung von Sorge- und Umgangsrechten anzusiedeln. So wurde die mit der Reform des Kindschaftsrechts verabschiedete Regelung der gemeinsamen elterlichen Sorge nach der Scheidung als Regelfall sowie die damit verbundene Aufwertung der Relevanz biologischer Vater- und Mutterschaft in der feministischen Diskussion scharf kritisiert (vgl. Ott 1998: 189ff; Stein-Hilbers 1999). Dabei wurden auch Vätergruppen zum Ziel der Kritik. Insbesondere Autorinnen der feministischen Juristinnen-Zeitschrift „Streit“ haben Vätergruppen als ‚Backlash-Bewegung’ interpretiert, die überwunden geglaubte vaterrechtliche Regulierungen reinstitutionalisieren wollen (Bahr-Jendges 1983, 1987, 1988, 1993, 1995; Breithaupt 1998; Flügge 1991; Maltry 1997; Schewe 1990). Diese politisch inspirierte Sichtweise greift meines Erachtens analytisch zu kurz. Zum einen, weil hier ein schlichtes ‚Zurück’ zu früheren Regulierungen von Geschlechterbeziehungen angenommen wird, ohne die spezifische Verzahnung historisch neuer mit überkommenen Vorstellungen und Interpreta-tionen von Vaterschaft, der Geschlechterdifferenz und der Geschlechterbezieh-ungen zu berücksichtigen.

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Literatur

  1. 55.
    Diese Entwicklung ist historisch nicht neu: So wird im sich herausbildenden Bürgertum des 18. Jahrhundert die emotionale Bindung des Vaters zum Kind betont (vgl. Trepp 1996a, 1996b; Habermas 2000, Schmid 2000). Erst im 19. Jahrhundert verebbte die Thematisierung der emotionalen Seite von Vaterschaft und Väter bekamen vorrangig die Funktion des Familienernährers und strengen Erziehers zugewiesen (vgl. u. a. Schütze 1988). Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gerät die emotionale Bindung zwischen Vater und Kind in den Wissenschaften, den Medien und der Politik wieder in den Blick und wird zunehmend auch von Vätern selber thematisiert.Google Scholar
  2. 57.
    Ein anderes geeignetes Material für eine Analyse der Deutungsmuster der sich in Väterinitiativen engagierenden Väter hätten auch Transkripte von Daily Talks mit diesen Vätern sein können. Diese hätten den Vorteil, dass wir es dort mit einer freien, nicht permanent reflektierbaren Interaktion zu tun haben. Gleichzeitig werden aber die Art und Weise (also z. B. ob konfrontativ vorgegangen wird, oder ob einzelne Interviews geführt werden) und die Zeiträume für Thematisierung sehr von dem Verhalten des Moderators bzw. der Moderatorin bestimmt (vgl. Herrmann 2002, 86), was ebenfalls die Inhalte tangieren kann.Google Scholar
  3. 62.
    Der Ausdruck ‚Umschrift der Differenz’ orientiert sich an dem von Regina Becker-Schmidt (1990; 1994) in dem Rahmen der Analyse biographischer Interviews entwickelten Terminus der ‚Umschrift von Erfahrungen’. Becker-Schmidt zielt damit auf die Neuinterpretation zurückliegender Erfahrungen von einem biographisch späteren Zeitpunkt aus — angelehnt an den Freudschen Begriff der ‚Nachträglichkeit’. „Umschrift der Differenz“, so Gil demeister/Wetterer (1992, 234 FN), will die Aufschlüsselung ähnlicher Prozesse erfassen. „Im einen wie im anderen Fall geht es darum, zurückliegende Deutungen (hier der Geschlechterdifferenz) und neue Erfahrungen kompatibel zu machen, also um eine ‚Synthetisierungsleistung’ eigener Art, die nicht blo‚sekundäre Harmonisierung’ oder — bezogen auf historische Prozesse — als ideologische Verschleierung begriffen werden kann.“ (Gildemeister/Wetterer 1992, 224 FN)Google Scholar

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