Auszug
In einem Interview, in dem Niklas Luhmann (1997b) unter anderem zu den praktischen und professionellen Konsequenzen systemtheoretisch-konstruktivistischer Reflexionen für die Sozialarbeit befragt wurde, postulierte er, daß sich Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter „um ein weniger technisches, dafür um ein mehr menschliches Verständnis“ (ebd., S. 72; Hervorhebung von mir; H.K.) bemühen sollten. Es erscheint geradezu paradox, wie Luhmann (ebd.) selbst bemerkte, daß nach der Beschäftigung mit Sozialer Arbeit aus der Perspektive hochabstrakter Theorie, die einerseits mit äußerst technisch klingenden Begrifflichkeiten (z.B. operational geschlossenes System, Autopoiesis, Komplexität, strukturelle Kopplung etc.) arbeitet und andererseits den Menschen, das Subjekt bzw. Individuum zur Umwelt sozialer Systeme erklärt, nicht ‚Sozial technologie‘, sondern ‚Menschlichkeit‘ der Praxis anempfohlen wird. Aber diese Paradoxie ist nur folgerichtig, entspricht sie doch dem Ergebnis reflektierter Theoriearbeit, wie sie insbesondere durch die sozialwissenschaftliche Systemtheorie, aber auch durch postmoderne Wissenschaftskonzepte praktiziert wird.
Preview
Unable to display preview. Download preview PDF.
Literatur
- 172.Vgl. zur Tugend der Orientierunglosigkeit Goebel/ Clermont 1997, die mit Bezug auf unser (post-) modernes Leben zeigen, daß gerade nicht feste und unverrückbare Fundamente, sondern die Möglichkeit von Verschiebungen, die Möglichkeit von Kontingenz, ob nun in sozialen oder moralischen Hinsichten, das immer wieder neu entstehen läßt, was eine menschenwürdige Gesellschaft auszeichnet: nämlich die Sensibilität für die Daseinsberechtigung des Anderen — in welcher Hinsicht auch immer. „Nur die Vielfalt und Widersprüchlichkeit von Einstellungen und Selbstbezügen bilden das Fundament, auf dem das Gebäude der Zivilgesellschaft dauerhaft und stabil stehen kann“ (ebd., S. 11).Google Scholar