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Drinnen und doch Draußen: Die ambivalente Qualität wohlfahrtsstaatlicher Inklusion

Auszug

Jenseits von Fragen des Zugangs — so wurde in Kapitel 3.2. argumentiert — hängt die Fähigkeit wohlfahrtsstaatlicher Institutionen, soziale Exklusion zu verhindern oder zu kompensieren, ganz wesentlich davon ab, ob soziale Rechte so beschaffen sind, dass sie Armut überwinden sowie Marginalisierungs- und Stigmatisierungserfahrungen entgegenwirken können und diese nicht noch verstärken. Davon, wie der wohlfahrtsstaatliche ‚Inklusionsbereich‘ beschaffen ist, hängt ab, ob Exklusion überwunden und in substanzielle wohlfahrtsstaatliche Inklusion transformiert werden kann oder ob Ausgrenzung im Inneren der Institutionen bloß verwaltet, unter Kontrolle gehalten und reproduziert wird. Für die Qualität wohlfahrtsstaatlicher Inklusion spielt dabei zunächst einmal eine quantitative Größe eine elementare Rolle: die Höhe der sozialen Leistungen. Sie entscheidet nämlich darüber, ob die betreffenden Sicherungssysteme im Fall individueller Angewiesenheit auf staatliche Unterstützung einen angemessenen Lebensstandard sichern und eine zentrale Ursache von sozialer Ausgrenzung — Armut — beseitigen können (6.1.). Aber auch andere qualitative und symbolische Eigenschaften sozialer Rechte wie die ihnen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Vorstellungen von der Würdigkeit der Empfänger sozialer Leistungen und dem Stigma, das mit diesem Status verbunden ist (6.2.), sind für die Substanz sozialer Leistungen und damit für die Qualität wohlfahrtsstaatlicher Inklusion von Bedeutung. Eben diese beiden Aspekte der Strukturierung sozialer Exklusion durch wohlfahrtsstaatliche Institutionen werden im Folgenden behandelt.

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Literatur

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    Um Kinderarmut zu messen und ihre Zielvorgaben zu überprüfen, verwendet die britische Regierung drei verschiedene Indikatoren: absolutes Niedrigeinkommen, relatives Niedrigeinkommen und materielle Deprivation kombiniert mit relativem Niedrigeinkommen (Department for Work and Pensions 2003b: 12). Absolute Einkommensarmut liegt nach der Definition dann vor, wenn eine Zwei-Eltern-Familie mit einem Kind vor Abzug von Wohnkosten weniger als £ 210 pro Woche zur Verfügung hat. Diese Grenze wird von Wohlfahrtsverbänden und Armutslobbygruppen als zu niedrig und undifferenziert kritisiert, da sie die großen regionalen Unterschiede in den Wohnkosten und kommunalen Abgaben (Council Tax) nicht berücksichtigt (Ambrose 2004).Google Scholar
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