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Soziale Exklusion und Wohlfahrtsstaat

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Auszug

Eine Untersuchung der Strukturierung sozialer Exklusion durch wohlfahrtsstaatliche Institutionen muss notwendigerweise mit der Klärung von Begriffen und Konzepten beginnen. Gerade ein so umstrittenes Konzept wie das der sozialen Exklusion nötigt dazu, zunächst einmal die Konturen und Bedeutungsgehalte des Begriffs herauszuarbeiten, um zu klären, welches Verständnis von Exklusion der vorliegenden Arbeit zugrunde liegt und mit welchem Realitätsausschnitt sie sich beschäftigt. Dies soll im Folgenden geschehen. Dabei wird zunächst auf die in der Literatur identifizierten Charakteristika des Exklusionsbegriffs eingegangen, die ihn von bisherigen Konzepten zur Beschreibung sozialer Marginalisierung und Ungleichheit unterscheiden (2.1.). Da soziale Exklusion in der Literatur häufig als eine Art Metapher gesellschaftlicher Transformation verwendet wird, werden außerdem skizzenhaft die gesellschaftlichen Veränderungen dargestellt, die in der Diskussion als Ursache neuer sozialer Verwundbarkeiten verhandelt werden. Weiterhin wird es darum gehen, zu zeigen, dass soziale Exklusion als neue soziale Frage nur vor dem Hintergrund der Existenz des Wohlfahrtsstaats verstanden werden kann (2.2.), und die spezifische Form, die Ausgrenzung im wohlfahrtsstaatlich moderierten Kapitalismus annimmt, am besten als eine Konstellation der Gleichzeitigkeit von ‚Drinnen‘ und ‚Draußen‘ zu charakterisieren ist (2.3.).

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Literatur

  1. 23.
    Der Begriff des Fordismus wurde von Gramsci (1971/1992) geprägt und später von der französischen Regulationsschule (Aglietta 1987, Boyer 1990, Lipietz 1998a) in den Sozialwissenschaften etabliert. Er bezeichnet eine Epoche kapitalistischer Vergesellschaftung, die in den USA in den Dreißigerjahren, in Europa nach dem zweiten Weltkrieg begann und bis zu den Wirtschaftskrisen der Siebzigerjahre andauerte, und durch ein spezifisches Akkumulationsregime und eine diesem entsprechende Regulationsweise gekennzeichnet war. Das Akkumulationsregime des Fordismus beruhte auf der tayloristisch organisierten Massenproduktion standardisierter Konsumgüter und ermöglichte ein relativ starkes und beständiges ökonomisches Wachstum. Ausgebaute Sozialstaaten, korporatistische Verhandlungssysteme von Staat, Arbeitgebern und starken, zentralisierten Gewerkschaften sowie eine keynesianische Wirtschaftspolitik bildeten die Formen gesellschaftlicher und politischer Regulation, die die Stabilisierung der fordistischen Produktionsweise sicherstellten. Für große Teile der Bevölkerung hatte das institutionelle Arrangement des Fordismus den Effekt deutlicher Wohlstandssteigerungen. Automobil, Waschmaschine und Fernseher wurden von der Luxus-zur Massenware und unterstützten kleinfamiliäre Lebensweisen und suburbane Wohnformen. Das Lebens-und Konsummodell orientierte sich an standardisierten Normalarbeitsverhältnissen sowie einer klassischen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zwischen (männlichem) Familienernährer und (weiblicher) Hausfrau bzw. Zuverdienerin. Als Fordismus wird diese Epoche deshalb bezeichnet, weil Henry Ford in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts in seinen Fabriken die industrielle Massenproduktion mit Hilfe tayloristischer Arbeitsorganisation entwickelte und durch seine Lohnpolitik dafür sorgte, dass die Arbeitenden die von ihnen produzierten Autos auch kaufen konnten. Die Fordsche Fabrik steht damit für ein gesellschaftliches Reproduktionsmodell, in dem Massenproduktion und Massenkonsum aneinander gekoppelt sind.Google Scholar
  2. 24.
    Mangels einer allgemein anerkannten Charakterisierung hat sich zur Bezeichnung der neuen gesellschaftlichen Entwicklungsweise der Begriff Post-oder Nach-Fordismus eingebürgert. Autoren, die davon ausgehen, dass sich noch keine neue kohärente Entwicklungsweise herausgebildet hat, sprechen eher von „Nach-Fordismus“ (Peck/ Tickell 1995); Autoren, die eine stabile Kohärenz gesellschaftlicher Verhältnisse bereits wieder hergestellt sehen, bezeichnen das neue Entwicklungsmodell z.B. als Neoliberalismus (Candeias 2004).Google Scholar
  3. 25.
    Vgl. Townsend 1979 sowie die Diskussion bei Kronauer 2002: 175–177.Google Scholar
  4. 26.
    Vgl. den wegweisenden Band von Leibfried/ Leisering/ Buhr u.a. 1995.Google Scholar
  5. 27.
    Der Zustand verfestigter Armut und mehrfacher extremer Deprivation ist auch mit Begriffen wie „disabling poverty“ (Paugam 1998) oder „advanced marginality“ (Wacquant 1996) beschrieben worden. Vgl. auch Room (1999: 171): „We are speaking of people who are suffering such a degree of multidimensional disadvantage, of such duration, (...) that their relational links with the wider society are ruptured to a degree which is to some considerable degree irreversible“.Google Scholar
  6. 28.
    Zum Konzept der sozialen Lage vgl. Hradil 1983, 1987.Google Scholar
  7. 30.
    Damit betont die sozialstrukturell orientierte internationale Exklusionsdebatte das „historisch Besondere“ ebenso wie „die länderübergreifende Allgemeinheit des Exklusionsproblems“ und lässt sich dadurch sowohl von systemtheoretischen als auch von kulturalistischen Lesarten des Exklusionsproblems abgrenzen (Kronauer 2002: 28–30). Über den systemtheoretischen Exklusionsbegriff wird unter 2.1.3. noch zu sprechen sein. Für eine kulturalistische Lesart des Exklusionsbegriffs vgl. Silver (1993, 1994, 1996), die in ihren Beiträgen zeigt, wie die Bedeutung der Begriffe Exklusion und Unterklasse in verschiedenen Ländern variiert und von spezifischen intellektuellen Strömungen und historischen Kontexten geprägt ist. In ähnlicher Weise ordnet auch Byrne (1999) die akademischen und politischen Debatten über soziale Exklusion unterschiedlichen politisch-philosophischen Strömungen zu.Google Scholar
  8. 31.
    Vgl. auch Kronauer 2002: 37.Google Scholar
  9. 33.
    Vgl. hierzu Kronauer 2002: 101–107 sowie Dangschat 1998: 76/77.Google Scholar
  10. 34.
    Wie später noch für Großbritannien zu zeigen sein wird (vgl. Kapitel 4.3.), was aber auch für andere beschäftigungspolitisch vermeintlich erfolgreiche Länder wie Dänemark gilt, darf eine niedrige Arbeitslosenquote nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Länder, denen es gelungen ist, die Arbeitslosigkeit einzudämmen, Probleme der Inaktivität und Unterbeschäftigung haben. Vgl. hierzu z.B. Knuth/ Schweer/ Siemes 2004.Google Scholar
  11. 35.
    In einer jüngeren Studie wird dieser Befund von Groh-Samberg (2005) bestätigt.Google Scholar
  12. 36.
    Zur Bedeutung askriptiver Merkmale für die Strukturierung sozialer Ungleichheit vgl. Bader/ Benschop 1989.Google Scholar
  13. 38.
    Vgl. auch Vobruba 1999.Google Scholar
  14. 39.
    Vgl. auch Kronauers (2002: 76–93) Ausführungen zur historischen Entwicklung der Exklusionsproblematik.Google Scholar
  15. 40.
    So auch Jessop (1999), der die Krise des Wohlfahrtsstaats als die Krise eines spezifischen Typus von Wohlfahrtsstaat — nämlich des keynesianischen — beschreibt, der nicht mehr mit den Bedingungen eines neuen Akkumulationsregimes harmoniert.Google Scholar
  16. 42.
    Benannt nach dem Vorsitzenden der Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“, Dr. Peter Hartz, die die Bundesregierung im Frühjahr 2002 beauftragt hatte, Reformvorschläge für die Arbeitsmarktpolitik zu entwickeln (siehe Bericht der Kommission 2002).Google Scholar
  17. 43.
    Für Deutschland vgl. etwa Butterwegge 2001 und Candeias 2004.Google Scholar
  18. 44.
    Für diese Position vgl. etwa Schmidt 1999, 2000. Manche Autoren diagnostizieren gar einen „Reformstau“ und rufen die „blockierte Gesellschaft“ aus (Heinze 1998). In Bezug vor allem auf die erste Legislaturperiode der rot-grünen Bundesregierung wurde sogar die These einer Renaissance „der klassischen Motive, Zielsetzungen, Inhalte und Methoden einer Arbeitersozialpolitik“ (Rieger 2002: 4) — also der Expansion sozialstaatlicher Intervention — vertreten. Ähnlich auch Schmidt 2003.Google Scholar
  19. 45.
    Siehe wiederum Esping Andersen 1996b, Pierson 1995, 1998, Scharpf/Schmidt 2000b sowie Bonoli/Palier 2001 und Clasen/van Oorschot 2002b.Google Scholar
  20. 46.
    Zur Kritik an einem solch dichotomischen Exklusionsbegriff und zur Verteidigung gegen seinen mystifizierenden Gebrauch vgl. Kronauer 1999 sowie 2002: 123–150.Google Scholar
  21. 47.
    Verschiedene neuere Zeitdiagnosen wie etwa die von Bauman (1998), Dahrendorf (1994b) oder Offe (1996) sind sich darin einig, dass die neue Qualität von Ausgrenzung gerade darin zu sehen sei, dass die Ausgegrenzten unserer Tage — anders als ihre historischen Vorläufer — schlicht nicht mehr gebraucht werden, also noch nicht einmal mehr die Rolle einer stillen Reserve des Arbeitsmarktes spielen, diskutieren jedoch nicht, welche gesellschaftstheoretischen Konsequenzen dieser Befund impliziert.Google Scholar
  22. 48.
    In den Augen des späten Luhmann wird die Logik funktionaler Differenzierung in der gegenwärtigen (Welt-) Gesellschaft zunehmend durch diese Unterscheidung von Inklusion als loser Integration und Exklusion mit fester Integration „supercodiert“, sie droht sogar zur Primärdifferenzierung der Gesellschaft zu werden (Luhmann 1995a: 259–261).Google Scholar
  23. 49.
    Vgl. auch Castel 2000a.Google Scholar
  24. 50.
    Siehe aber auch Castels (2000b) Kritik an der Eingliederungspolitik in Frankreich.Google Scholar
  25. 51.
    Siehe die Homepage der Social Exclusion Unit unter http://www.socialexclusionunit.gov.uk. Für eine Kritik am Ansatz der SEU vgl. Lavalette/ Moo-ney 1999.Google Scholar
  26. 52.
    Gerade in dieser Verschleierungsfunktion sieht Levitas (1996: 6) die besondere politische Attraktivität des Konzeptes.Google Scholar
  27. 54.
    Zur US-amerikanischen Underclass-Debatte vgl. Gans 1993 und Katz 1993a, zu Großbritannien vgl. Morris 1994.Google Scholar
  28. 55.
    Sowohl Myrdal, der Vater des Underclass-Begriffs, als auch Wilson erklären die Existenz einer solchen Unterklasse mithilfe struktureller Faktoren. So macht Wilson (1990) in seinem Buch „The Truly Disadvantaged“ den industriellen Strukturwandel und die damit einhergehende hohe Arbeitslosigkeit junger Schwarzer sowie selektive Wanderungsprozesse von den Innenstädten in die Vorstädte für die Entstehung einer ‚Underclass’ in den US-amerikanischen Innenstädten verantwortlich. Dieser strukturelle Ansatz wurde im Zuge der Debatte zunehmend durch einen kulturalistischen Ansatz verdrängt, der im Verhalten der städtischen Armen selbst die Ursache für die Entwicklung einer ‚Underclass’ sah. Wilson sah sich auf Grund dieser diskursiven Umwertung später genötigt, den Begriff über Bord zu werfen und durch den neutraleren Begriff der „Ghetto Poor“ zu ersetzen.Google Scholar
  29. 56.
    Eine ähnliche Perspektive vertritt in Deutschland Bude, der den Exkludierten „ein rein instrumentelles Verhältnis zur gesellschaftlichen Allgemeinheit“ unterstellt und „aus eben diesen Gründen“ in ihnen eine „Gefahr für alle“ sieht: „Sie verzehren die Grundlagen des Wohlfahrtsstaates, bilden eine unerreichbare Parallelwelt und fungieren als Resonanzboden für populistische Bestrebungen“ (Bude 2004: 5), belasten damit das Allgemeinwohl und gefährden die Demokratie.Google Scholar
  30. 57.
    Vgl. hierzu die Beiträge von zwei wichtigen Partei-Intellektuellen, die als Wegweiser für die spätere Welfare Reform dienten (Field 1998, Mandelson 1997). Zu New Labours Sozialreformen vgl. Kapitel 7.2.Google Scholar

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