Einladung zu einer historischen Soziologie der Individualität
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Auszug
Die kulturelle Moderne beginnt in der Renaissance, und die Renaissance ist die Geburtsstunde des Individuums. Die zweite These, die ich in den nächsten Kapiteln immer wieder aufgreife, stammt von dem großen Kulturtheoretiker Jacob Burckhardt (1860). Für die erste nenne ich gleich mehrere Referenzen. Diese beiden Thesen habe ich vor Augen, wenn ich frage, wann die Menschen in Europa begannen, sich als Individuen zu denken und was die soziologischen Gründe für dieses neue Bewusstsein waren. Ich verstehe also den Wandel zur kulturellen Moderne als Mentalitätswandel. Meine soziologischen Überlegungen zielen auch auf die Geistesgeschichte.
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Literatur
- 2.Zwei Ereignisse sind für eine kultursoziologische Betrachtung der erwachenden Individualität interessant: der Fall Konstantinopels (1453) und Luthers Thesen (1517). Auf die Konsequenzen des ersten Ereignisses und die Vorgeschichte des zweiten gehe ich noch ein.Google Scholar
- 3.Der Begriff findet sich an vielen Stellen bei Hegel, der ihn z. B. in seiner Definition von Dialektik so erklärt, dass Ursache und Wirkung unabdingbar aufeinander bezogen sind: „Es ist nichts in der Wirkung, was nicht in der Ursache ist; und umgekehrt nichts in der Ursache, was nicht in der Wirkung.“ (Hegel (1808/09): Texte zur Philosophischen Propädeutik, S. 102). Vgl. auch Kap. 11, Anm. 1.Google Scholar
- 4.Ich hebe das Wort aus zwei Gründen hervor. Erstens wurde der Begriff „Gestalt“ in den philosophischen und soziologischen Kreisen, in denen Elias als Student bei Alfred Weber und dann als Assistent von Karl Mannheim verkehrte, ganz selbstverständlich benutzt und bezeichnete die Struktur der Anordnung einer Vielzahl von Elementen und die Einheitlichkeit ihrer Wechselbeziehungen. Zweitens wusste der überaus sprachkundige Elias, dass dieser Begriff im Französischen „figuration“ und im Italienischen „configurazione“ lautete. Für spätere Überlegungen zu Georg Simmel, der den Gedanken mit dem Begriff der „Form“ (vgl. unten Kap. 11 „Differenzierung, Individualität, Kampf um Aufmerksamkeit“.), oder Bourdieu, der ihn mit dem Begriff des „Habitus“ anspricht (vgl. unten Kap. 16.2 „Sozialer Raum und Habitus“.), will ich vervollständigen, dass sich für den Begriff „Gestalt“ im Lateinischen häufig die Kombination „figura et forma“ oder „figura atque habitus“ (vgl. Georges, Karl Ernst (1861): Deutsch-Lateinisches Handwörterbuch (..). Eilfte oder der neuen Bearbeitung fünfte (..) Ausgabe, 1861, S. 1619) findet.Google Scholar
- 5.Simmel spricht von „sozialen Kreisen“ (Simmel 1890, S. 238ff.), in denen das Individuum seine soziale, aber auch seine einzigartige Position findet. Ich komme später darauf zurück.Google Scholar
- 7.Eine kurze Einführung in die Theorie von Comte findet sich in Abels 2004, Bd. l.Kap. 10.1.Google Scholar
- 8.Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass dieses strukturierte Denken und Handeln auf die sie bedingenden Strukturen wieder zurückwirkt. Diesen Kreisprozess hat Anthony Giddens als „duality of structure“ (1976, S. 197f.) bezeichnet. Wer sich für diese Erklärung der Verschränkung von Individuum und Gesellschaft, Handeln und Struktur interessiert, kann das in Kap. 4.5 „Dualität der Struktur“ in Abels (2004), Bd. 2 nachlesen.Google Scholar
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