Adoleszenz - Migration - Bildung pp 27-46 | Cite as
Ungleiche Karrieren
Auszug
Bildungsaufstieg2 stellt an Heranwachsende gesteigerte Transformationsanforderungen. Er kann — beispielsweise — damit verknüpft sein, im Verhältnis zu den Erwartungen oder zu einem ‚Auftrag’ der Eltern einen eigenen Weg finden zu müssen. Wie es sich in den zitierten Passagen andeutet, kann ein solcher ‚Auftrag’ umso bedrängender erlebt werden, wenn er in der Elterngeneration aus Missachtungs- oder Ausgrenzungserfahrungen resultiert oder wenn Kinder durch ihren Aufstieg auch Leid und Mühen der Eltern zu kompensieren versuchen. In diesem Sinne kann für die ‚zweite Generation’ die Schwierigkeit entstehen, eigene Bildungsanstrengungen und Ambitionen von einer Anpassung an die Wünsche und Themen der Eltern abzugrenzen. Diese Konstellation ist ein Beispiel dafür, dass Differenzen oder auch Benachteiligung im Verhältnis zu Kindern aus so genannten ‚bildungsnahen’ Familien nicht nur Folgen unterschiedlicher Ressourcen an ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital im engeren Sinne sind. Gesteigerte Transformationsanforderungen ergeben sich zudem daraus, dass der Sinn- und Praxishorizont der generationalen Tradierungen und eingeschliffenen Lebenspraktiken der Herkunftsfamilie und des Herkunftsmilieus, vertraute Deutungs- und Beziehungsmuster in einigen Hinsichten aufgegeben oder transzendiert werden müssen. Bildungsaufstieg beinhaltet, das Bildungsmilieu der Herkunftsfamilie in einigen Hinsichten zu verlassen und sich von damit verbundenen sozialen Beziehungen und soziokulturellen Praktiken stärker zu entfemen.3 Entsprechend bedarf es — individuell und intergenerational — spezifischer psychosozialer Motivationen und Kompetenzen, zum Beispiel ausreichender Fähigkeiten, sich abzulösen, verinnerlichte Muster umzugestalten, (intergenerationale) Differenz anzuerkennen, aber auch Schuldgefühle, Neid und Rivalität zu verarbeiten. Gerade Aufstiegsprozesse sind auch innerfamilial mit intergenerationalen Ambivalenzen verknüpft, die sich unter ungünstigen Bedingungen hemmend auswirken können.4 Die zur Bewältigung notwendigen Kompetenzen gehen zugleich oft über das hinaus, was innerfamilial selbstverständlich angeeignet werden kann. Ob und wie die mit Bildungsaufstieg einhergehenden gesteigerten Transformationsanforderungen bewältigt werden, hängt insofern zwar einerseits von den Ressourcen und Belastungen in den familialen Generationenbeziehungen ab, aber anderseits auch von den Möglichkeiten der biographischen Verarbeitung und der Umgestaltung dieser Erfahrungen in unterschiedlichen außerfamilialen sozialen Feldern im Verlauf der Adoleszenz. Bildungskarrieren sind in diesem Sinne verwoben mit adoleszenten Entwicklungen und Verläufen, die in sich modernisierenden Gesellschaften auch in Bezug auf die spätere soziale Platzierung, in Bezug auf die Weitergabe oder Umwandlung des familialen ‚sozialen Erbes’ besondere Bedeutung bekommen.
Preview
Unable to display preview. Download preview PDF.
Literatur
- Apitzsch, U. (1993): Migration und Ethnizität. In: Peripherie 13, Nr. 50, 22–35Google Scholar
- Apitzsch, U. (2003): Zur Dialektik der Familienbeziehungen und zu Gender-Differenzen innerhalb der Zweiten Generation. In: Psychosozial 26, H. III, Nr. 93, 67–80Google Scholar
- Baros, W. (2001): Familien in der Migration. Eine qualitative Analyse zum Beziehungsgefüge zwischen griechischen Adoleszenten und ihren Eltern im Migrationskontext. Frankfurt/M: Peter LangGoogle Scholar
- Baumert, J. et al. (Hrsg.) (2001): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske + BudrichGoogle Scholar
- Becker, R./Lauterbach, W. (2004a): Dauerhafte Bildungsungleichheiten — Ursachen, Mechanismen, Prozesse und Wirkungen. In: Becker/Lauterbach (2004b): 225–250Google Scholar
- Becker, R./Lauterbach, W. (Hrsg.) (2004b): Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit. Wiesbaden: VS Verlag für SozialwissenschaftenGoogle Scholar
- Berger, P.A. (Hrsg.) (2005): Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim: JuventaGoogle Scholar
- Bosse, H./King, V. (Hrsg.) (2000): Männlichkeitsentwürfe. Wandlungen und Widerstände im Geschlechterverhältnis, Frankfurt/M.: CampusGoogle Scholar
- Bourdieu, P. (1980a): ‚Jugend’ ist nur ein Wort. In: Bourdieu (1980b): 136–146Google Scholar
- Bourdieu, P. (1980b): Soziologische Fragen. Frankfurt/M.: SuhrkampGoogle Scholar
- Bourdieu, P. (1993): Sozialer Sinn. Frankfurt/M: SuhrkampGoogle Scholar
- Bourdieu, P. (1997): Das väterliche Erbe. Probleme der Vater-Sohn-Beziehung. In: Bosse/King (2000): 83–91Google Scholar
- Brake, A./Büchner, P. (2003): Bildungsort Familie: Die Transmission von kulturellem und sozialem Kapital im Mehrgenerationenzusammenhang. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 7, 618–638Google Scholar
- Bründl, P./Kogan, I. (Hrsg.) (2005): Kindheit jenseits von Fremdheit und Trauma. Frankfurt/M.: Brandes & ApselGoogle Scholar
- Diefenbach, H. (2004): Bildungschancen und Bildungs(miss)erfolg von ausländischen Schülern oder Schülern aus Migrantenfamilien im System schulischer Bildung. In: Becker/Lauterbach (2004b): 225–250Google Scholar
- Elias, N./Scotson, J.L. (1965/2000): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt/M.: SuhrkampGoogle Scholar
- Engler, St./Krais, B. (Hrsg.) (2005): Das kulturelle Kapital und die Macht der Klassenstrukturen. Weinheim: JuventaGoogle Scholar
- Friedrichs, W./Sanders, O. (Hrsg.) (2002): Bildung und Transformation. Bielefeld: transcriptGoogle Scholar
- Fürstenau, S. (2004): Transnationale (Aus-)Bildungs-und Zukunftsorientierungen. Ergebnisse einer Untersuchung unter zugewanderten Jugendlichen portugiesischer Herkunft. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 7, 33–58CrossRefGoogle Scholar
- Gans, H. (1992): Second-generation decline: scenarios for the economic and ethnic futures of the post-1965 American immigrants. In: Ethnic Racial Stud. 15(2), 173–192CrossRefGoogle Scholar
- Geißler, R. (2005): Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Berger (2005): 71–100Google Scholar
- Gogolin, I. (2000): Minderheiten, Migration und Forschung. Ergebnisse des DFG-Schwerpunktprogramms FABER. In: Gogolin/Nauck (2000): 15–35Google Scholar
- Gogolin, I./Nauck, B. (Hrsg.) (2000): Migration, gesellschaftliche Differenzierung und Bildung. Opladen: Leske + BudrichGoogle Scholar
- Gogolin, I./Neumann, U./Reuter, L. (1998): Schulbildung für Minderheiten. In: Zeitschrift für Pädagogik, 44, 663–678Google Scholar
- Gomolla, M./Radtke, F.-O. (2002): Institutionelle Diskriminierung. Opladen: Leske + BudrichGoogle Scholar
- Grundmann, M. et al. (2004): Bildung als Privileg und Fluch — zum Zusammenhang zwischen lebensweltlichen und institutionalisierten Bildungsprozessen. In: Becker/Lauterbach (2004): 41–68Google Scholar
- Günther, M. (2001): Die Bedeutung der Adoleszenz im Migrationsprozess am Beispiel junger Guineer in Deutschland. Diplomarbeit, Fb. Gesellschaftswiss., Univ. Frankfurt/M.Google Scholar
- Gutiérrez Rodriguez, E. (1999): Intellektuelle Migrantinnen. Opladen: Leske + BudrichGoogle Scholar
- Hummrich, M. (2002): Bildungserfolg und Migration. Opladen: Leske + BudrichGoogle Scholar
- Juhasz, A./Mey, E. (2003): Die zweite Generation: Etablierte oder Außenseiter? Wiesbaden: Westdeutscher VerlagGoogle Scholar
- King, V. (2004): Die Entstehung des Neuen in der Adoleszenz. Individuation, Generativität und Geschlecht in modernisierten Gesellschaften. Wiesbaden: VS Verlag für SozialwissenschaftenGoogle Scholar
- King, V. (2005a): Bildungskarrieren und Männlichkeitsentwürfe bei Adoleszenten aus Migrantenfamilien. In: King/Flaake (2005): 57–76Google Scholar
- King, V. (2005b): Adoleszenz und Migration — eine verdoppelte Transformationsanforderung. In: Bründl/Kogan (2005): 30–51Google Scholar
- King, V. (2006): Weibliche Adoleszenz und Migration — Bildungs-und Entwicklungsprozesse junger Frauen in Migrantenfamilien. In: Kordes (2006): 141–154Google Scholar
- King, V. /Flaake, K. (Hrsg.) (2005): Männliche Adoleszenz. Frankfurt/M.: CampusGoogle Scholar
- King, V./Müller, B. (Hrsg.) (2000): Adoleszenz und pädagogische Praxis. Freiburg: LambertusGoogle Scholar
- King, V./Schwab, A. (2000): Flucht und Asylsuche als Entwicklungsbedingungen der Adoleszenz. In: King/Müller (2000): 209–232Google Scholar
- Klinger, C. (2003): Ungleichheit in den Verhältnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht. In: Knapp/Weiterer (2003): 14–49Google Scholar
- Knapp, G.-A./Wetterer, A. (Hrsg.) (2003): Achsen der Differenz. Münster: Westfälisches DampfbootGoogle Scholar
- Koller, H.-C. (2002): Bildung und Migration. Bildungstheoretische Überlegungen im Anschluss an Bourdieu und Cultural Studies. In: Friedrichs/Sanders (2002): 181–200Google Scholar
- Koller, H.-C. (2005): Bildung (an) der Universität? Zur Bedeutung des Bildungsbegriffs für Hochschulpolitik und Universitätsreform. In: Liesner/Sanders (2005): 79–100Google Scholar
- Kordes, H. et al. (Hrsg.) (2006): Interkulturell denken und handeln. Frankfurt/M.: CampusGoogle Scholar
- Liesner, A./Sanders, O. (Hrsg.) (2005): Bildung der Universität. Bielefeld: transcriptGoogle Scholar
- Mecheril, P. (2003): Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit. Münster: WaxmannGoogle Scholar
- Nauck, B. et al. (1997): Familiäre Netzwerke, intergenerative Transmission und Assimilationsprozesse bei türkischen Migrantenfamilien. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 49, 477–499Google Scholar
- Neumann, U. (1980): Erziehung ausländischer Kinder. Düsseldorf: SchwännGoogle Scholar
- Neumann, U./Reuter, L. (2004): Interkulturelle Bildung in den Lehrplänen — neuere Entwicklungen. In: Zeitschrift für Pädagogik, 50, H. 6, 803–817Google Scholar
- Nohl, A.-M. (2001): Migration und Differenzerfahrung. Opladen: Leske+BudrichGoogle Scholar
- Perlman, J./Waldinger, R. (1997): Second generation decline? Children of immigrants, past and present — a reconsideration. In: The International Migration Review, 1–10Google Scholar
- Pott, A. (2002): Ethnizität und Raum im Aufstiegsprozess. Opladen: Leske + BudrichGoogle Scholar
- Rohr, E. (2001): Die Liebe der Töchter. In: Sturm (2001): 138–162Google Scholar
- Sauter, S. (2000): Wir sind ‚Frankfurter Türken’. Frankfurt/M.: CampusGoogle Scholar
- Schmeiser, M. (2003): ‚Missratene’ Söhne und Töchter. Konstanz: UVKGoogle Scholar
- Sennett, R./Cobb, J. (1972): The Hidden Injuries of Class. Cambridge: Univ. PressGoogle Scholar
- Streeck, U. (1981): Zwischen Drinnen und Draußen. Zur doppelten Orientierung sozialer Aufsteiger. In: Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 27, 25–44Google Scholar
- Sturm, G. et al. (Hrsg.) (2001): Zukunfts(t)räume. Königstein: HainGoogle Scholar
- Vester, M. (2005): Die Illusion der Bildungsexpansion. In: Engler/Krais (2005): 13–54Google Scholar
- Weber, M. (2003): Heterogenität im Schulalltag. Opladen: Leske+BudrichGoogle Scholar
- Wilpert, C. (1980): Die Zukunft der zweiten Generation. Königstein: HainGoogle Scholar
- Zhou, M. (1997): Growing up American: The Challenge Confronting Immigrant Children and Children of Immigrants. In: Annual Review of Sociology 23, 63–95CrossRefGoogle Scholar