Das Potenzial? Internet und Politik

  • Klaus Kamps

Auszug

Zum 21. Jahrhundert, zum Millennium mit seinem letztlich bedeutungslosen, doch bezeichnend intensiv deklinierten „Y2K“-Problem, haben die modernen Informations- und Kommunikationsmedien (IuK-Medien) Modus, Umfang, Qualität und Effekt kultureller, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Kommunikation fundamental verändert. Hatten vor wenigen Jahren noch Internet-Auktionshäuser die Anmutung exotischer Blumen, wurden Überlegungen zum drahtlosen Netzzugang, zum voll-vernetzten Eigenheim (oder Kühlschrank), zur Internet-Telefonie oder Telematik einer fernen, in den Entwicklungsabteilungen verhafteten Zukunft überlassen, wurde der Einsatz von Netztechnologien in gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Positionspapieren im Stil von Visionen gehalten, so ist das Internet mit seinem wichtigsten Browser, dem World Wide Web (WWW), inzwischen ein gesamtgesellschaftliches, breit akzeptiertes und in den Alltag integriertes Phänomen von ausnehmender Vielfalt. Täglich nimmt die Zahl der Anbieter von Online-Dienstleistungen zu, von Datenbanken, Content-Providern usf.; täglich „gehen“ mehr und mehr Menschen „ins Netz“, um sich zu informieren, zu amüsieren, um zu kommunizieren, zu handeln und mehr. Bei allen Phasen, die die Entwicklung der IuK-Medien durchlaufen hat: man sollte wohl von einer „Parallelwelt“ sprechen, von einem „E-Everyihing“ in der E-Society; kein Teil der Gesellschaft, wie es scheint, kommt ohne das Präfix aus: E-Commerce, E-Learning, E-Journalism, E-Logistics, E-Government usf. — nahezu jeder Bereich unserer Lebenswelt diesseits des Bildschirms findet seine Entsprechung im Netz: Ausbildung, Beruf, Freizeit, Unterhaltung, Familie, Werbung, Politik, wirtschaftliche Transaktionen, Staatliche und nicht-staatliche Dienstleistungen, Kriminalität, Extremismus und mehr.

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Literatur

  1. 1.
    Am Tag nach der Wiederwahl Bill Clintons zum amerikanischen Präsidenten; zitiert nach Leggewie 1998: 15.Google Scholar
  2. 3.
    Mit Hypertext wird die Verweisstruktur des Netzes bezeichnet, die sich auch als „Transzendie-rung“ der Fußnote beschreiben lässt: „Mit dem WWW erhält die Fußnote mindestens eine weiter Fußnote und noch eine und noch eine-etwas, was kein Textverarbeirungsprogramm [...] jemals konnte“; Rilling 1998b: 9.Google Scholar
  3. 5.
    Unter Online-Kommunikation wird mit Rössler verstanden die „Gesamtheit netzbasierter Kommunikationsdienste [...], die den einzelnen Kommunikationspartner via Datenleitung potenziell an weitere Partner rückkoppeln und ein ausdifferenziertes Spektrum verschiedenartiger Anwendungen erlauben. [...] Sie umfasst in ihrem Kernbereich zunächst alle mit dem Internet verbundenen Anwendungen; darüber hinaus aber auch die auf anderen Plattformen beruhenden Dienste der Datenfernübertragung (DFÜ), außerdem die abgegrenzten Netzbereiche, die sich an Teilöffentlichkeiten richten (‚Intranet‘) — und zudem jene ursprünglichen massenmedialen Angebote, die durch digitale Übertragungswege über einen Rückkanal verfügen und damit in variierendem Maße Interaktion ermöglichen [...]“; vgl. Rössler 2003: 504 f.Google Scholar
  4. 6.
    Deshalb ist auch bei der Online-Kommunikation kaum von einem Medium zu sprechen. Im Sinne eines technischen Vermittlungssystems kann etwa das Internet zwar als Medium 1. Ordnung bezeichnet werden; zu Medien mit sozialer Bedeutung, Medien 2. Ordnung, werden die Online-Medien aber erst durch ihren Gebrauch, und der gestaltet sich höchst spezifisch in seiner Funktionalität für die Kommunikationspartner; vgl. Rössler 1998c: 19.Google Scholar
  5. 7.
    In der Bundesrepublik reagierten die Bundesregierung und die Parlamente recht früh auf entsprechende Entwicklungen und beschäftigten sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Thema Internetinhalte und Informationsgesellschaft. So setze der Bundestag eine von 1995 bis 1998 tätige Enquete-Kommission ein: „Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft — Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft.“ Auch der Tätigkeitsbericht zum Datenschutz wurde um das Beobachtungsfeld Internet ergänzt; vgl. Schwenk 2002: 35.Google Scholar
  6. 8.
    Ähnliche Re-Formationen ließen sich bereits bei der Einführung anderer Techniken beobachten, etwa bei der Eisenbahn oder dem Telefon; David Harvey; 1989; hat das einmal „time-space compression“ genannt.Google Scholar
  7. 9.
    Vgl. als frühe Arbeiten über den Zusammenhang von Computer-bzw. Informationstechnologie und ihren Einfluss auf Kommunikationsstrukturen Krauch 1972, Vowe/ Wersig 1983 sowie Keven-hörster 1984; für den Zusammenhang von Medientechnik, Politikvermittlung und Globalisierung Kleinsteuber/Thomaß 1998: 209 ff.Google Scholar
  8. 13.
    In der Bundesrepublik wurde bereits Mitte der 70er Jahre diskutiert, ob ein Kabelsystem ein „Zwei-Wege-Fernsehen“ hervorbringen könnte; vgl. Kleinsteuber/ Hagen 1998b: 129 f.. Erfahrungen mit „offenen Kabel-Kanälen“ zeigten damals, dass ein Rückkanal per se kaum zu Partizipationseffekten führt; vgl. Leggewie 1998: 38.Google Scholar
  9. 14.
    Da hier um generalisierend argumentiert wird, sei nur angemerkt, dass das Internet insofern noch mehrfach exklusiv und großen Teilen der Weltbevölkerung nicht zugänglich ist; faktisch bedienen sich (noch) eher die technologie-interessierten Kreise der Industrienationen des Netzes, weshalb man auch von einer „netzweltliche[n] Verdoppelung der realen Ungleichheit“ sprechen kann; vgl. Rilling 1998b: 8. Innerhalb der Industriegesellschaften zeigen Erhebungen, dass dort mittlerweile nicht nur die „Early Adaptors“, „Frühanwender“ online sind; zur Problematik eines möglichen Digital Divide in Deutschland siehe Kubicek/Welling 2000.Google Scholar
  10. 17.
    Rheinische Post, Nr. 198, vom 27. August 1998, S. 3.Google Scholar
  11. 18.
    Erste Ansätze von Netz-Kampagnen wurden im Präsidentschaftswahlkampf 1992 vom Massachusetts Institute of Technology unternommen; Senator Edward Kennedy ließ 1994 die erste Wahlkampf-Seite vom MIT entwerfen und verbreitete über elektronische „Bulletin Boards“ Presseerklärungen; vgl. Zittel 1997: 24; aber erst im Wahlkampf 1996 setzten die meisten „Kandidaten mit eigener Hompage diese [...] zur Verbreitung von herkömmlichen Wahlkampfinformationen ein“; Clemens 1999b: 52.Google Scholar
  12. 19.
    Für den Bundestagswahlkampf 2002 benennt Schweitzer (2003: 195) ein Maximum von 5 Prozent des Kampagnenetats, das die Parteien für ihren Internet-Auftritt aufwendeten; einzig die FDP ex-ternalisierte dabei die redaktionelle Gestaltung und Betreuung ihrer Wahlkampfseite vollständig.Google Scholar
  13. 20.
    Spiegel-Online über einen missglückten Internet-Chat Helmut Kohls; Spiegel-Online vom 29. September 1998; vgl. auch Clemens 1999a: 156.Google Scholar
  14. 21.
    Während des 98er-Wahlkampfs ließ sich die Junge Union die URL-Adresse „www.gerhard-schroeder.de“ reservieren und wies dort darauf hin, die Seite befände sich noch im Aufbau. Wer, ohne die eigentliche Urheberschaft zu kennen, diese Seite aufrief, konnte zu dem Schluss kommen, der SPD-Spitzenkandidat habe es mit der Präsenz im Netz nicht sonderlich eilig; vgl. Harth 1999: 11.Google Scholar
  15. 23.
    Süddeutsche Zeitung, Nr. 216, vom 19./20. September 1998, S. 1.Google Scholar
  16. 26.
    Claus Leggewie; 1999: 3; erwähnt noch:„wahlatlas98.de“ der Friedrich-Ebert-Stiftung; „wahl-kreis329.de“ (eine simulierte Abstimmung in einem Online-Wahlkreis), die „üblichen Verdächtigen“: Online-Angebote der Presse („spiegel.de“, „focus.de“, „stern.de“) sowie Wahlleitfäden populärer Suchmaschinen (z. B. Yahoo, Lycos).Google Scholar

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  • Klaus Kamps

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