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Territorialität und Demokratie in Europa. Gibt es politische und finanzielle Steuerungsgrenzen der Demokratie?

  • Reinhard Blomert
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Auszug

Ist mit dem Prozess der EU das „Ende der Demokratie“ eingeleitet, wie es der französische Politikwissenschaftler Jean-Marie Guéhenno formuliert hat? Guéhennos These unterstellt einen inneren Zusammenhang von Demokratie und Territorialstaat und mit dessen Auflösung durch die Revolution der Telekommunikation das Ende der politischen Handlungsfähigkeit der Staaten, wenn sich die Verkehrswege vom Territorium lösen und eine neue Struktur „den Raumbegriff revolutioniert“. Die gesteigerte Mobilität des Kapitals und der Personen, die sich der Besteuerung entziehen können, die Schwierigkeit der Kontrolle des Nationalprodukts, wenn die Herstellung von Produkten sich auf mehrere Länder verteilt und die Lokalisierung und Zuschreibung des Mehrwerts immer fragwürdiger wird, alle diese Momente ergäben eine Bedrohung: Wenn der Staat die Macht der Besteuerung nur noch über unbewegliche Güter und über die an ihre Fabrik gebundenen Beschäftigten behält, während sich ihm die mobileren Faktoren durch die Entfachung eines weltweiten Steuerwettbewerbs zu entziehen vermögen, wird die Grundlage der Demokratie infrage gestellt, denn „man wird nicht auf Dauer das Einkommen von Lohnempfängern dreimal so hoch besteuern können wie Kapitaleinkünfte“ (Guéhenno 1994: 26, 28/29). Guéhenno stellt hier einen Zusammenhang zwischen Territorialhoheit und Demokratie, Staat und Finanzhoheit her. Damit steht er ganz in der Tradition der Klassiker der Soziologie von Max Weber bis Norbert Elias, die darauf verwiesen, dass die nationalstaatliche europäische Demokratie ihre Entstehung letztlich der Auseinandersetzung um die Kontrolle über die Staatsfinanzen verdankt, in der die zentralen Formen ihrer spezifischen Institutionalisierung von Macht gebildet wurden (s.u.).

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  • Reinhard Blomert

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