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Einleitung

  • Ulf GebkenEmail author
  • Söhnke Vosgerau
Chapter
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Part of the Bildung und Sport book series (BUS, volume 4)

Zusammenfassung

Der Artikel führt in das Projekt Fußball ohne Abseits ein und stellt die Beiträge des Sammelbandes vor.

1 Was ist Fußball ohne Abseits?

Fußball ist überall! Als populärste Sportart reicht die Dominanz des Fußballs weit über deutschen „Sportraum“ (Markovits und Hellerman 2002) hinaus. Fast 6,8Mio. Mitglieder zählt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in seinen Reihen, darunter inzwischen mehr als eine Millionen Mädchen und Frauen. Ein Großteil des freiwilligen Engagements in Deutschland wird in Fußballvereinen geleistet. Das Ligensystem von der Kreisklasse bis zur Bundesliga mit seinen ca. 80.000 wöchentlichen Spielen gehört zu den wichtigen Strukturgrößen des Landes. Fußball ist „ein Mikroskop der komplexen Verflechtungen des Sozialen“ (Klein und Meuser 2008, S. 7) und ein fester Bestandteil der Kultur – in Deutschland und weltweit. Fußball ist Leidenschaft und Kommerz, er bietet Gemeinschaft und fordert Identifikation. Fußball ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, literarischer und künstlerischer Auseinandersetzung. Fußball ist ein (inter-)nationales Event und politisches Ereignis, Fußball schafft Raum für Interaktion und Integration. Fußball ist nicht nur ein Bewegungsspiel, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Repräsentations- und Projektionsfläche und ein Gradmesser gesellschaftlicher Veränderungen.

Diese ‚Totalität‘ des Fußballs verdeckt dabei zuweilen die Schattenseiten und Ambivalenzen von Fußballsport und Fußballkultur. Auch im Sport sind soziale und kulturelle Selektionsmechanismen im Spiel, Sportplätze sind Orte sozialer In- und Exklusion und Kristallisationspunkte „symbolischer (Macht-)Kämpfe vielfältiger Art“ (Klein und Meuser 2008, S. 8). Im Abseits stehen insbesondere Mädchen mit Migrationshintergrund aus sozial benachteiligten Stadtteilen. In der Vinetaschule im Berliner Wedding, der Großenbruchschule in Essen- Altenessen oder der Heiligenwegschule im Osnabrücker Schinkel-Viertel nehmen unter 5 % der Schülerinnen an vereinsgebundenen Spiel-, Sport- und Bewegungsangeboten teil – weit weniger als ihre männlichen Mitschüler oder Mädchen ohne Migrationshintergrund. Doch welche soziale Barrieren, individuellen Motive, kulturellen Vorbehalte oder strukturellen Hindernisse sind dafür ursächlich? Mit welchen Mitteln und Konzepten kann multiplen Dimensionen von Ungleichheit begegnet werden? Was bedeutet diese Fehlstelle für die Entwicklung der Sportkultur und die Zukunft des organisierten Sports? Und wie ist sie mit dem erklärten Leit- und Selbstbild der Sportverbände, eines „Sports für alle“ (DOSB 2012) vereinbar? Angesichts der zentralen Stellung von Bewegung und Spiel für die körperliche, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und der großen gesellschaftlichen und partizipatorischen Bedeutung des Sports, fordern diese Befunde und Fragen zum Handeln auf.

Fußball ohne Abseits versucht diesen Herausforderungen mit einem niederschwelligen Ansatz und einem integriertem Handlungskonzept zu begegnen. Mit seinem Doppelcharakter als Forschungs- und Praxisprojekt soll dabei eine enge, ‚pragmatische‘ Verschränkung von wissenschaftlicher Analyse und lokalem Handlungswissen erreicht werden. Mit einem Fokus auf den unmittelbaren Sozialraum als Ausgangspunkt und Ressource von Entwicklungen, als partizipativen Gestaltungs- und Bewegungsraum und der Vernetzung unterschiedlicher Partner, insbesondere der Kooperation von Schulen und Sportvereinen, sollen tragbare Strukturen geschaffen werden, die eine Integration von Mädchen in den und durch Sport ermöglichen können. Ziel des Projektes ist es, sozial benachteiligten Mädchen die Chance zu geben, an Spiel- und Bewegungsangeboten teilzunehmen und ihre Entwicklung durch Sport und Bewegung zu fördern. Durch die aktive Partizipation am Sport und die Übernahme von Aufgaben und sozialer Verantwortung bei der Anleitung von Sportgruppen kann es gelingen, das Selbstkonzept, die soziale Anerkennung und Zugehörigkeit junger Menschen zu stärken(vgl. Schmidt 2008). Spiel und Bewegung im Team vermitteln Spaß und das positive Gefühl, dazuzugehören. Fußball ohne Abseits richtet sich dabei nicht ausschließlich an Mädchen mit Migrationshintergrund. Mit seinem niederschwelligen Ansatz scheint es jedoch besonders geeignet, eben auch jene Mädchen zu erreichen, die bisher sowohl in der Gesellschaft als auch im organisierten Sport im Abseits stehen. Der Fußball bietet hierfür, aufgrund seiner minimalen Voraussetzungen, seiner gesellschaftlichen Bedeutung und Internationalität, aber gerade auch durch seine noch immer männlich dominierte Praxis, vielversprechende Perspektiven.

Fußball ohne Abseits fungiert als Sammelbegriff für bausteingleiche, aber eigenständige Projekte, die unter den Namen Kicking Girls, Mädchen mittendrin, Golden Goal, MICK- Mädchen kicken mit, Mädchen kicken cooler, Kickit und anderen bundesweit umgesetzt werden. Der Titel nimmt aber auch Aussagen betroffener Mädchen wörtlich, die als Anfängerinnen mit der bereits bei neunjährigen Juniorinnen festgelegten offiziellen Abseitsregel haderten. So entwickelte sich bei ihren ersten Spielen schnell die Losung: „Wir spielen aber ohne Abseits!“, die von den Mädchen und Betreuerinnen der gegnerischen Mannschaften oft mit großer Erleichterung akzeptiert wurde. Der Titel steht demnach auch symbolisch für den vereinfachten Zugang zum Spiel.

2 Den Ball flach halten! Die Integrationsdebatte und das Modellprojekt Soziale Integration von Mädchen durch Fußball

Die Projektidee für Fußball ohne Abseits entwickelte sich aus einer lokalen Initiative im Oldenburger Stadtteil Ohmstede. Unter dem Namen Soziale Integration von Mädchen durch Fußball wurde das Konzept ab 2006 unter der Leitung von Dr. Ulf Gebken und Prof. Dr. Christian Wopp als dreijähriges Modellprojekt des DFB mit Standorten in zehn deutschen Städten umgesetzt. Von Beginn an war das Projekt dabei mit sehr unterschiedlichen Erwartungen und einigen Missverständnissen konfrontiert.

Der Startschuss des Projekts fiel zeitgleich mit der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, die eine regelrechte Welle der Fußballeuphorie entfachte und die gesellschaftliche Breitenwirkung des Sports deutlich vor Augen führte. ‚Fußballdeutschland‘ und ‚seine‘ Nationalmannschaft präsentierten sich dabei (zumindest vordergründig) von ihrer weltoffenen Seite. 1 Die Sympathien galten einer jungen Mannschaft, die ein neues deutsches Selbstbild zu verkörpern schien, bestehend aus Spielern mit unterschiedlichen Zuwanderungsgeschichten. Dies setzte ein positives Zeichen in der seit der Jahrtausendwende zunehmend polemischer und pessimistischer geführten sogenannten ‚Integrationsdebatte‘ und präsentierte den Fußball als geradezu prädestiniert, um Integration und Identifikation zu fördern. Der politische Handlungsdruck in Sachen Integration erreichte über den Integrationsgipfel 2006 auch den organisierten Sport, der sich nicht ganz uneigennützig als ersten Advokaten für Integration ins Spiel brachte und sich im Nationalen Integrationsplan zur Umsetzung konkreter Maßnahmen verpflichtete. Insbesondere Frauen mit Migrationshintergrund wurden darin als Zielgruppe und Schlüsselfiguren für Integration ausgemacht (Vgl. Bundesregierung 2007).

So folgte der Diskurs um Integration im Sport einer Doppelbewegung: mit der intensiveren, internen Beschäftigung mit migrationsbedingten Hindernissen im Sport und der Entwicklung von Lösungsstrategien auf der Ebene der Wissenschaft, Verbände und Multiplikatoren, ging eine zunehmend trivialisierende Außendarstellung des Sports als „Integrationsmotor“ (DOSB 2013)einher. Fußball ohne Abseits profitierte einerseits von den hohen Erwartungen an die Integrationskraft des Fußballs. Andererseits musste auch immer wieder darauf hingewiesen werden, dass der Sport nur bedingt kompensatorische Funktionen für gesellschaftliche bzw. soziale Fehlentwicklungen übernehmen kann. Soziale Ungleichheit, rechtliche Ungleichstellung, mangelnde Geschlechter- oder Bildungsgerechtigkeit sind gesamtgesellschaftliche Probleme, die politische Lösungen verlangen und gegen die der Sport allein nichts auszurichten vermag. Den unbestrittenen Integrationspotentialen des Sports sollte demnach mit einer gesunden Portion Realismus und Pragmatismus begegnet werden. Um sie zu verwirklichen, kann allen Beteiligten daher nur geraten werden, den Ball flach zu halten.

So wurde schnell deutlich, dass sich die insbesondere von Seiten der Verbände gehegten Erwartungen, durch das Projekt kurzfristig viele Mädchen aus schwierigen sozialen Milieus für den Vereinssport zu gewinnen, nicht so einfach wie erhofft verwirklichen ließen. Im Gegenteil stellten die Erfahrungen des Projektes das klassische Modell der Vereinsmitgliedschaft in Frage und hoben die Vorteile alternativer bzw. komplementärer Sportsettings und Kooperationsmodelle hervor. Der starke Fokus auf Transferquoten versperrte somit auch die Wahrnehmung von Entwicklungschancen sozialer Integration durch den Sport, die im Titel des Modellprojektes bereits programmatisch verankert sind.

Die Erfahrungen aus der Praxis der Projekte zeigten dagegen einmal mehr, welche Hürden bei der Beteiligung von Mädchen mit Migrationshintergrund im organisierten Sport noch immer bestehen – und wie sie sich abbauen lassen. Nicht allein individuelle Motive oder Desinteresse auf Seiten der Mädchen, geschlechtsspezifische bzw. kulturelle Vorbehalte gegenüber Fußball und Vereinswesen oder fehlende finanzielle Möglichkeiten der Eltern sind dafür ausschlaggebend. Auch unzureichende Vereinsstrukturen, wie fehlende Umkleidemöglichkeiten und unzumutbare Trainingsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen, fehlende oder häufig wechselnde weibliche Trainerinnen, die mangelnde Berücksichtigung kultureller Bedürfnisse, wie religiöser Feste, oder weite Entfernungen zu Auswärtsspielen erschweren die Teilhabe am organisierten Sport. Erst wenn diese Hürden erkannt, abgebaut oder umgangen werden können, kann es auch gelingen, mehr Mädchen in die Vereine zu bekommen.

Fußball ohne Abseits hat, so können wir heute selbstbewusst bilanzieren, deutlich gemacht, welche Chancen und Potentiale durch schulische Arbeitsgemeinschaften für die Integration benachteiligter Kinder und Jugendlicher in und durch den Sport bestehen. Diese AGs müssen mit qualifizierenden, gemeinschaftsfördernden und wettkampfbezogenen Bausteinen verzahnt werden, um eine Nachhaltigkeit der Einbindung abzusichern. So wird deutlich, dass es keine einfachen, kurzfristigen oder allgemeingültigen Lösungen hinsichtlich einer sozialen Integration durch Mädchenfußball geben kann. Die Projekte müssen sich langfristig entwickeln und Akzeptanz und Unterstützung in der Sozialräumen finden.

Und dennoch ist die Gesamtbilanz des Projektes imposant. Die lokalen Projektinitiativen in Flensburg, Hamburg, Bremen, Oldenburg, Delmenhorst, Osnabrück, Hannover, Berlin, Duisburg, Siegen, Dietzenbach, Aachen, Köln, Lüneburg und Göttingen konnten bundesweit zahlreiche hochdotierte Preise im Bereich der Integration, der Sport- und Schulentwicklung sowie der Förderung jungen bürgerschaftlichen Engagements erringen. Dies ist eine beeindruckende Leistung, die das herausragende Engagement der Menschen vor Ort widerspiegelt. Durch die lokalen Erfahrungen und Erkenntnisse verstetigte sich das Konzept und konnte sich mittelfristig zu einem bundesweiten Vorbild entwickeln. So ist es Fußball ohne Abseits gelungen, aus dem Schatten so mancher kurzfristiger und aktionistischer Integrationsprojekte hinaus zu treten.

3 Anliegen und Inhalt des Sammelbandes

Mit dem Praxisforschungsprojekt wurde Neuland in der sportwissenschaftlichen Forschungslandschaft beschritten. An mehr als 100 bundesweit verteilten Standorten in benachteiligten Stadtteilen wurden die miteinander verzahnten Projektbausteine aufgebaut, ihre Probleme erfasst, Interventionen vorbereitet, experimentell umgesetzt, evaluiert und analysiert und nach Ideen zur Verbesserung gesucht. Die große Portion Optimismus und Zuversicht, die daraus hervorging und die sich in erster Linie aus der Begeisterung der vielen Fußball spielendenden Mädchen entwickelte, kann sicherlich nur teilen, wer unmittelbar in den Projekten dabei gewesen ist.

Der vorliegende Sammelband möchte einen Teil dieser Erfahrungen zurück in den wissenschaftlichen Diskurs bringen, die Entwicklung des Projektes vorstellen und analysieren sowie die Schwierigkeiten und Grenzen der Umsetzung näher betrachten. Um dem Charakter von Fußball ohne Abseits gerecht zu werden, haben wir sowohl Wissenschaftler/innen als auch Praktiker/innen mit unterschiedlichen Zugängen zum Projekt eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Der Band soll Hintergründe, Problemfelder und Konzepte des Projektes beleuchten, aktuelle Forschungs- und Evaluationsergebnisse und Best-Practice-Beispiele gegenüberstellen und so aus der Perspektive der Projekte, einen realistischeren Blick auf die Integrations- und Entwicklungspotentiale des Fußballs erlauben. Durch die Verbindung von Wissenschaft und Praxis soll deutlich werden, wie eine sozialräumlich orientierte Integrationsarbeit im und durch Sport aussehen kann und welche Chancen und Herausforderungen dabei entstehen.

Der erste Teil des Bandes widmet sich den gesellschaftspolitischen Entstehungshintergründen, wissenschaftlichen Begründungszusammenhängen und konzeptionellen Herangehensweisen des Projektes.

Ulf Gebken berichtet in seinem Beitrag von den Anfängen des Projektes in der Stadt Oldenburg und der Entwicklung des Ohmsteder Modells, dem konzeptionellen Wegbereiter von Fußball ohne Abseits. Bildungspolitische Notwendigkeiten, sportpädagogische Neugierde und die prinzipielle Bereitschaft, sich auch mit ‚problematischeren‘ Fragestellungen auseinanderzusetzen, führten dort zu einem produktiven Zusammenschluss von Student/innen, Wissenschaftler/innen und Lehrer/innen, die im Rahmen einer gemeinsamen Initiative versuchten, neue Bewegungsmöglichkeiten in einem abgehängten Stadtteil zu schaffen. Insbesondere die im Stadtteil lebenden Mädchen rückten dabei in den Fokus, da für sie vor Ort kaum adäquate Sport- und Bewegungsangebote zu finden waren. Eine Schlüsselrolle im Vernetzungsprozess nahm dabei schnell der lokale Fußballverein ein. Die Erfahrungen aus dem ‚Versuchslabor‘ Oldenburg-Ohmstede erzeugten in der Universität, der Schullandschaft und im Stadtteil ein verstärktes Interesse und Bewusstsein für (sport-)pädagogische und soziologische Fragestellungen unter den Vorzeichen sozialer Ungleichheit und durch Migration geprägter Stadtgesellschaften und Sozialräume. Der Ansatz, die Aktivitäten der Initiative nicht allein in den Dienst wissenschaftlicher Erkenntnis zu stellen, sondern handlungsorientiert an konkreten Problemlösungen zu arbeiten, wurde so zu einem Leitsatz, der das Konzept von Fußball ohne Abseits bis heute auszeichnet.

Fußball ohne Abseits ist ein Sammelbegriff verschiedener sozialer Projekte im Sport, die Interventionen in urbanen Räumen mit einem gemeinsamen Konzept umsetzen. Zugleich ist es auch ein universitäres Forschungsprojekt, das zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den wachsenden gesellschaftlichen, sozialen und bildungspolitischen Heraus- und Anforderungen an den Sport beitragen möchte. Dieser ‚Doppelcharakter‘, so Ulf Gebken & Söhnke Vosgerau in ihrem gemeinsamen Artikel, ermöglicht dabei das konkrete In-Beziehung-Setzen von gesellschaftlichen Fragestellungen und lokalen Problemen und die Entwicklung von Lösungsstrategien und Handlungsoptionen. In ihrem konzeptionellen Artikel erläutern die Autoren daher sowohl Ziele, Wege und Bausteine der Projektarbeit, als auch pädagogische und sozialwissenschaftliche Bezüge und Hintergründe des Praxisforschungsprojektes.

Christa Kleindienst-Cachay und Steffen Bahlke rekapitulieren in ihrem Beitrag den aktuellen sportwissenschaftlichen Forschungstand und mögliche Chancen der Integration von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund in und durch den Sport. Sie schlagen dafür einen (system-) theoretischen Bezugsrahmen vor, der in der oftmals wenig systematischen Debatte um Sport und Integration bislang weitestgehend fehlt. Hinsichtlich der geringeren Sportbeteiligung von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund beschreiben sie dabei ein Bündel von sich negativ addierenden Faktoren, das dieser Gruppe den Zugang zum organisierten Sport erheblich erschwert. Und dennoch kommen die Autoren, auch angesichts eigener empirischer Untersuchungen zur Sportsozialisation muslimischer Frauen in Deutschland, zu dem Schluss, dass die Chancen eines Sportengagements von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund die Probleme und Hindernisse bei weitem überwiegen. Sie sehen es daher als eine zentrale Aufgabe an, durch spezifische Förderprogramme, die Chancen von jungen Migrantinnen im Sport weiter zu erhöhen.

Deutlich kritischer, wenn auch in erster Linie mit Fokus auf den Fußball, setzt sich Gerd Dembowski in seinem Beitrag mit der noch immer von „hegemonialer Männlichkeit“ und „weißer Suprematie“ geprägten Fußballkultur, der teilweise „rassifizierten“ Integrationsdebatte in Deutschland und den nicht immer praxistauglichen Integrationskonzepten und -Maßnahmen der Sportverbände auseinander. Entgegen pauschalisierenden Bewertungen des Fußballs als ‚Integrationsmotor‘ bliebe die alltägliche Praxis sozialer Inklusion nur begrenzt medienwirksam vermittelbar und aus kulturhistorischer Perspektive ambivalent. Der Fußball bewege sich demnach stets zwischen den Polen Gemeinschaft und Gegnerschaft, Segregation und Integration, Kosmopolitismus und Nationalisierung und sei somit ein „Seismograph“ gesellschaftlichen Wandels. In diesem Spannungsfeld müsse, so Dembowski, auch die bewusste Weiterentwicklung des Fußballs als Feld für soziale Inklusion betrachtet werden.

Der zweite Abschnitt des Bandes versammelt verschiedene Perspektiven, die über den Tellerrand der Projektarbeit hinausweisen. Hierzu gehören die bildungspolitischen Diskussionen um Inklusion und den Ausbau der Ganztagsschulen ebenso wie die Zukunft des freiwilligen Engagements und die Geschlechterdebatte im Sport.

Stefan Schache nimmt sich einer aktuellen bildungspolitischen Diskussion an und schärft in seinem Beitrag den Blick für die theoretischen Unterschiede zwischen den pädagogischen Konzepten Integration und Inklusion. Dies sei notwendig und produktiv, da Inklusion ebenso wie Integration zu einem „Alltagsbegriff mit unscharfen Konturen und mehrdeutigem Inhalt geworden“ sei. Für eine Pädagogik der Vielfalt bedeute die Debatte um Inklusion nichts weniger als einen Paradigmenwechsel, hin zur Anerkennung vielfältiger individueller Bedürfnisse und Kompetenzen, nach denen sich die Strukturen (z. B. Lern- und Bewegungssettings) richten müssen – und eben nicht anders herum. Zugleich bleibt diese „Vision einer inklusiven Gesellschaft“ in der Praxis noch immer eine große Herausforderung. Mit dem „Selbstkonzept“ als theoretischen Bezugspunkt, versucht Schache deshalb einen Brückenschlag zwischen Integration und Inklusion.

Bastian Kuhlmann betrachtet in seinem Beitrag den Wandel des freiwilligen Engagements in Deutschland und nimmt sich der Frage an, inwieweit der Qualifizierungsansatz von Fußball ohne Abseits Lösungen für die Herausforderungen des „neuen Ehrenamts“ bieten kann. Hierzu gehören insbesondere eine stärkere Sozialraumorientierung der Qualifizierungsangebote, der Schritt in die Schulen und ein gezieltes Werben um junge Menschen mit Migrationshintergrund für Leitungsaufgaben.

Katharina Althoff und Ellen Koettelwesch beschäftigen sich mit der Bedeutung von Gender für die soziale Praxis des Sporttreibens von Kindern. Durch den Vergleich verschiedener Befunde zu geschlechtsspezifischen Unterschieden von Motiven und Orten kindlichen Sportengagements stellen sie fest, dass schon im Schulsport in der Grundschule soziale Konstruktionsmuster von Geschlecht wirksam sind und überkommene Geschlechterordnungen reproduziert werden. Insbesondere bei außerunterrichtlichen Sportangeboten erkennen sie jedoch auch vielfältige Potentiale, um Mädchen und Jungen individuell zu fördern. Abschließend diskutieren sie daher, welche Konsequenzen dies für die Inszenierung schulischer Fußball-Arbeitsgemeinschaften haben sollte und welche Bedeutung dabei geschlechtshomogenen Sporträumen zukommt.

Der nicht immer unproblematischen Kooperation von Schulen und Sportvereinen, die durch den Ausbau der Ganztagsschulen stark an Bedeutung gewonnen hat, widmet sich Lea Segel in ihrem Beitrag. Sie analysiert die Rahmenvereinbarungen von Schulbehörden und Landessportbünden und vergleicht sie mit den Erfahrungen von Praktikern aus dem Umfeld der Kooperationsprojekte. Daraus entwickelt sie Schlüsselfaktoren einer gelungenen Kooperation zwischen Schulen und Vereinen. Einen besonderen Fokus legt sie dabei auf die Frage, inwieweit die Schulsozialarbeit als Bindeglied zwischen Schule und Vereinen dienen kann.

Im dritten Teil des Bandes kommen Praktiker aus den Projekten zu Wort, berichten von ihren Erfahrungen und stellen Best-Practice Standorte vor.

Söhnke Vosgerau präsentiert die Ergebnisse einer 2011 für den DFB durchgeführten Evaluationsstudie zu den Mädchenfußballprojekten in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und dem Saarland. Die projektübergreifenden Ergebnisse bestätigen dabei das integrierte Handlungskonzept von Fußball ohne Abseits, das auf verschiedenen Ebenen zur Integrationsarbeit im Sport beiträgt. Zum einen durch die Entwicklung einer ganzheitlichen Strategie, die sowohl die soziale Öffnung der Angebote in Schulen und Vereinen vorantreibt, um den Anteil von Mädchen mit Migrationshintergrund am Sport zu erhöhen. Zum anderen aber auch durch Qualifizierungsmaßnahmen und der Ausbildungen von jugendlichen Nachwuchstrainerinnen, die Brückenpositionen in den Sport interkulturell neu besetzen und damit die Rahmenbedingungen für den Mädchenfußball verändern. Die Verzahnung der verschiedenen Projektbausteine und der geschaffenen Strukturen sichert dabei die Nachhaltigkeit und Vernetzung der Angebote.

Anschließend beleuchten Kerstin Pößiger und Söhnke Vosgerau die erstaunliche Entwicklung des Projektes MICK – Mädchen kicken mit in Oldenburg, die verdeutlicht, welche Chancen das Projekt bietet, die Integration von Mädchen mit Migrationshintergrund durch Fußball und die lokale Sportentwicklung gleichermaßen voranzutreiben. Martin Goerlich befasst sich in seinem Beitrag aus Sicht des Übungsleiters mit den Unterschieden zwischen Vereinstraining und schulischen Arbeitsgemeinschaften. „AGs sind anders“ und eröffnen Kindern neue Möglichkeiten, so sein Fazit.

In kurzen Portraits stellen Birte Bergener, Tim Cassel, Ulf Gebken, Martin Goerlich, Bastian Kuhlmann, Janina Langenbach und Hannes Teetz Beispiele guter Praxis vor. Anhand von kurzen Standortbeschreibungen verdeutlichen die Autoren darin unterschiedliche lokale Formen der Implementierung und Wirkungen der Projekte und führen so vor Augen, dass viele Wege zum Erfolg führen können.

Grundschulrektor Hermann Städtler berichtet im Interview mit Söhnke Vosgerau vom Schulalltag einer Brennpunktschule, dem Konzept der „Bewegten Schule“ und der Bedeutung von Sport und Bewegung im Ganztagsprogramm, den Erfahrungen mit dem DFB-Modellprojekt und den Schwierigkeiten der Kooperation zwischen Schulen und Vereinen.

Abschließend richten Ulf Gebken und Sohnke Vosgerau noch einmal einen Blick zurück auf die Beiträge des Bandes und Ergebnisse und Erfahrungen der Projekte. Zugleich richten sie jedoch auch den Blick nach vorn, hin zu den Zukunftsaufgaben sozialer Projektarbeit im Sport.

Unser herzlicher Dank geht an alle an diesem Band beteiligten Autorinnen und Autoren, die Reihenherausgeber Prof. Dr. Nils Neuber und Prof. Dr. Michael Krüger für das Vertrauen, Carla Felgentreff für die sorgfältige Korrektur und den VS Verlag für Satz und Geduld. Wir möchten den vielen Menschen, die sich in den Projekten vor Ort engagieren, herzlich danken. Unserer ganz besonderer Dank gilt Dr. Theo Zwanziger und Willi Hink (Deutscher Fußball- Bund), die trotz kräftigem ‚Gegenwind‘ die Projektidee von Fußball ohne Abseits mit auf den Weg gebracht haben. Widmen möchten wir dieses Buch dem im April 2012 zu früh verstorbenen Sportwissenschaftler Prof. Dr. Christian Wopp, der mit seinem visionären ‚Sport für alle‘ – Verständnis das Konzept für Fußball ohne Abseits maßgeblich mit geprägt hat.

Fußnoten

  1. 1.

    Der „Party-Patriotismus“ bzw. „friedliche Nationalismus“ während der WM ist zu Recht kritisch hinterfragt worden (vgl. Becker et al. 2007).

Literatur

  1. Becker, J., Wagner, U., & Christ, O. (2007). Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 5 (S. 131–149). Frankfurt: Suhrkamp.Google Scholar
  2. Bundesregierung (Hrsg.) (2007). Der Nationale Integrationsplan. Neue Chancen – Neue Wege. http://www.kmk.org/fileadmin/pdf/Bildung/AllgBildung/2007-10-18-nationaler-integrationsplan.pdf. Zugegriffen: 20. Feb. 2013.
  3. Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB). (2012). Kurzporträt des Deutschen Olympischen Sportbundes. http://www.dosb.de/de/organisation/philosophie. Zugegriffen: 20. März 2013
  4. Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB). (2013). Sport ist der beste Integrationsmotor. http://www.dosb.de/en/integration-durch-sport/aktuelles/detail/news/sport_ist_der_beste_integrationsmotor-1/. Zugegriffen: 20. März 2013.
  5. Klein, G., & Meuser, M. (2008). Fußball, Politik, Vergemeinschaftung. Zur Einführung. In G. Klein & M. Meuser (Hrsg.), Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs (S. 7–16). Bielefeld: Transcript.Google Scholar
  6. Markovits, A. S., & Hellerman, S. L. (2002). Im Abseits. Fußball in der amerikanischen Sportkultur. Hamburg: Hamburger Edition.Google Scholar
  7. Schmidt, W. (2008). Sozialstrukturelle Ungleichheit in Gesundheit und Bildung – Chancen des Sports. In W. Schmidt (Hrsg.), Zweiter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht (S. 43–61). Schorndorf: Hofmann.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut „Integration durch Sport und Bildung“Carl-von-Ossietzky Universität OldenburgOldenburgDeutschland

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