Wort und Bild im ›Narrenschiff‹
Zusammenfassung
Die Forschung hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, welchen Anteil Dürer an der Illustration von Sebastian Brants ›Narrenschiff‹ hatte. [1] Für die umgekehrte Frage, welche Bedeutung denn das ›Narrenschiff‹ und die Zusammenarbeit mit Brant für Dürer hatte, interessierte man sich dagegen kaum. [2] Die Kunstgeschichte wertete die Texte Brants oft als eine Formgelegenheit, an der sich die Erfindungskraft des jungen Genies äußern konnte. [3] Die Germanistik hatte die Bewunderung für den überragenden Illustrator ihrerseits lange Zeit verinnerlicht und ihm eine derart souveräne Freiheit im Umgang mit dem vorgefundenen Wortmaterial attestiert, daß Brant die Kapitelüberschriften (Motti) häufig erst auf seine Holzschnitte hin verfaßt haben sollte. [4] Nun ist diese Auffassung zwar nicht mehr zu halten und die Priorität aller Textbestandteile gegenüber der Bebilderung an Hand sprechender Abhängigkeiten und nicht umkehrbarer Mißverständnisse zwischen Wort und Bild deutlich geworden. [5] Aber implizit schätzt man wohl immer noch Dürer erhaben über die »hölzernen« Reime mit ihrer »spätmittelalterlich-steifleinenen« Moralistik [6] oder unterstellt weiter, er habe sich hauptsächlich für die kompositorische Umsetzung der verstreuten Sprachbilder interessiert. Verschiedene Motive kommen also darin zusammen, daß die Frage nach Dürers Auseinandersetzung mit Brant und dem ›Narrenschiff‹ hinsichtlich seines eigenen Werkes keine Beachtung findet. [7] Dabei kennt man seit langem vereinzelte Anhaltspunkte dafür, daß die Arbeit am ›Narrenschiff‹ bei Dürer weiterwirkte.
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Anmerkungen
- 5.Hellmut Rosenfeld: Sebastian Brant und Albrecht Dürer. Zum Verhältnis von Bild und Text im Narrenschiff. Gutenberg-Jahrbuch 47 (1972) 328–336. Die Priorität der Motti demonstriert Rosenfeld besonders am Beispiel der Kap. 5 und 35, wo Dürer den Brantschen Wortlaut von seinem anderen Dialekt her mißversteht. Vgl. auch Barbara Tiemann: Sebastian Brant und das frühe Emblem in Frankreich. DVjs. 47 (1973) 598–644, hier 606 f. m. Anm. 31 u. 32.Google Scholar
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