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Dorf pp 286-295 | Cite as

Popkulturelle Dörfer

  • Bettina Wild
Chapter

Zusammenfassung

Literarische Ausflüge aufs Dorf sind aus der Literatur und aus dem Leseverhalten nicht mehr wegzudenken. Regelmäßig erobern auf dem Dorf oder im ländlichen Raum angesiedelte Titel die Bestsellerlisten, sei es in der Sparte des Kriminalromans, des Frauenromans oder auch der (fiktionalen) Autobiografie. Ebenso häufig werden mediale Landpartien unternommen, vornehmlich durch Fernsehfilme, Kinobesuche oder aber auch Computerspiele. Es scheint, als hätten der Eintritt ins neue Jahrtausend und die damit verbundenen kollektiven Ängste einen ›Dorf-Boom‹ ausgelöst. Die Begeisterung für die Darstellung dörflichen und ländlichen Lebens erscheint so zunächst einmal als neues Phänomen. Doch offenbart ein genauerer Blick auf die Geschichte des populären Unterhaltungssektors bundesrepublikanischer Literatur-, Film- und Fernsehproduktion, dass sich Darstellungen von Dorf, Landleben und Heimat – aller ideologischer Bedenken nach der Instrumentalisierung durch die nationalsozialistische Propaganda zum Trotz – immer schon großer Beliebtheit bei einem breiten Publikum erfreuen konnten; man denke etwa an die massenhaft produzierten Groschenromane, die auf dem Dorf spielen, und insbesondere an das Genre des Heimatfilms, das in den 1950er und 1960er Jahren die deutsche Filmlandschaft mitbestimmte. Zahlreiche Kritiker stuften die Dorf- und Heimatliteratur als ideologisch bedenklichen Schund ein, unzählige Rezipienten ließen sich davon jedoch nicht beirren und genossen den virtuellen Rückzug in die vermeintliche Stille und Einfachheit des Dorfes. So lässt sich im breiten Unterhaltungssektor eine nahezu durchgehende Linie der Darstellung des ländlichen Raums als Sehnsuchtsort und Fluchtraum feststellen. Neben diese Funktion des Eskapismus, von dem die Dorfliteratur seit jeher geprägt ist, tritt auch in den populären bis trivialen Geschichten heimatlicher Dörfer oftmals die weitere Funktion der Welterklärung; vielfach dient das Dorf dann der Inszenierung gesellschaftlicher Entwicklungen – und sei es in einer konservativen, rückwärtsgewandten Glorifizierung einer ›guten alten Zeit‹, in der Werte und Moral noch genau definiert waren.

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Authors and Affiliations

  • Bettina Wild
    • 1
  1. 1.HeidelbergDeutschland

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