Advertisement

Tierwohl und Ethik

  • Johann S. AchEmail author
Chapter

Zusammenfassung

Die systematische wissenschaftliche Forschung zum Tierwohl begann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wegen ethischer Bedenken hinsichtlich der Lebensqualität von Tieren (Broom 2011; Fraser 2008). Sie ist wesentlich durch eine Kritik an der landwirtschaftlichen Intensivtierhaltung und an den mit dieser verbundenen Leiden und Belastungen für die Tiere angestoßen und forciert worden, die insbesondere von Ruth Harrison in ihrem 1964 erschienenen Buch Animal Machines formuliert worden war. Als eine Folge der öffentlichen Diskussion, die der Bericht von Harrison ausgelöst hatte, richtete die britische Regierung eine Kommission ein, die den Auftrag hatte, das Wohlergehen (welfare) von Tieren in der Intensivhaltung zu untersuchen. In dem – nach seinem Vorsitzenden benannten – Brambell -Report von 1965 werden nicht nur eine Reihe von Vorschlägen für eine adäquate Nutztierhaltung gemacht, sondern auch ›Freiheiten‹ definiert, die Tiere nach Ansicht der Autorinnen und Autoren genießen sollten (Brambell 1967, 13). Diese bezogen sich, wie schon bald kritisch eingewendet worden war, ausschließlich auf den Platzbedarf von Nutztieren. Nicht zuletzt mit dem Ziel, diese Einseitigkeit zu korrigieren, formulierte Webster »Fünf Freiheiten«, die 1993 vom UK Farm Animal Welfare Council (FAWC) kodifiziert wurden, und die in der wissenschaftlichen, insbesondere aber in der öffentlichen Diskussion über einen akzeptablen Umgang mit Nutztieren seither sehr einflussreich geworden sind. Die bei Webster genannten Freiheiten, auf die Nutztiere Anspruch haben, sind die Freiheit von Hunger und Durst, die Freiheit von haltungsbedingten Beschwerden, die Freiheit von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten, die Freiheit von Angst und Stress sowie die Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensmuster. Der und die sich daran anschließenden Arbeiten haben eine umfangreiche wissenschaftliche Diskussion über den Begriff des Tierwohls und die Frage entfacht, wie das Wohl von Tieren bestimmt werden kann. Inzwischen kann die Tierwohl-Forschung zu den etablierten wissenschaftlichen Disziplinen gezählt werden. Der Begriff des Tierwohls wird darüber hinaus auch in der öffentlichen und – seit mehreren Jahren verstärkt auch – in der politischen Auseinandersetzung um den Tierschutz verwendet. Dies nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Diskussion über die Einführung sogenannter Tierwohl-Labels in der Lebensmittelindustrie.

Literatur

  1. Appleby, Michael C./Mench, Joy A./Olsson, I. Anne (Hg.): Animal Welfare. Cambridge 22011.Google Scholar
  2. Appleby, Michael C./Weary, Daniel M./Sandøe, Peter (Hg.): Dilemmas in Animal Welfare. Repr. Wallingford 2016.Google Scholar
  3. Benson, G. John/Rollin, Bernard E. (Hg.): The Well-Being of Farm Animals: Challenges and Solutions. Oxford 2004.Google Scholar
  4. Brambell, F. W. R.: Report of the Technical Committee to Enquire into the Welfare of Animals kept under Intensive Livestock Husbandry Systems. London 1967.Google Scholar
  5. Broom, Donald M.: Animal Welfare: Concepts and Measurement. In: Journal of Animal Science 69 (1991), 4167–4175.CrossRefGoogle Scholar
  6. Broom, Donald M.: A History of Animal Welfare Science. In: Acta Biotheoretica 59 (2011), 121–137.CrossRefGoogle Scholar
  7. Dawkins, Marian Stamp: From an Animal’s Point of View: Motivation, Fitness and Animal Welfare. In: Behavioral and Brain Science 13 (1990), 1–61.CrossRefGoogle Scholar
  8. Dawkins, Marian Stamp: Why Animals Matter: Animal Consciousness, Animal Welfare, and Human Well-being. Oxford 2012.Google Scholar
  9. DeGrazia, David: Taking animals seriously: Mental life and moral status. Cambridge 1996.Google Scholar
  10. Fraser, David et al.: A Scientific Conception of Animal Welfare that Reflects Ethical Concerns. In: Animal Welfare 6 (1997), 187–205.Google Scholar
  11. Fraser, David: Understanding Animal Welfare. The Science in its Cultural Context. Oxford 2008.Google Scholar
  12. Griffin, Donald R.: Animal Minds. Beyond Cognition to Consciousness. Chicago 2001.Google Scholar
  13. Harrison, Ruth: Animal Machines. London 1964.Google Scholar
  14. Haynes, Richard P.: Competing Conceptions of Animal Welfare and Their Ethical Implications for the Treatment of Non-Human Animals. In: Acta Biotheoretica 59 (2011), 105–120.CrossRefGoogle Scholar
  15. Mills, D. S. (Hg.): The Encyclopedia of Applied Animal Behaviour and Welfare. Wallingford 2010.Google Scholar
  16. Nordenfelt, Lennart: Animal and Human Health and Welfare. A Comparative Philosophical Analysis. Wallingford 2006.Google Scholar
  17. Nussbaum, Martha C.: Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Frankfurt a. M. 2010 (engl. 2006).Google Scholar
  18. Rice, Christopher M.: Animal Well-Being. In: Guy Fletcher (Hg.): The Routledge Handbook of Philosophy of Well-Being. London 2015.Google Scholar
  19. Rollin, Bernard: A New Basis for Animal Ethics: Telos and Common Sense. Columbia 2016.Google Scholar
  20. Sandøe, Peter/Christiansen, Stine B.: Ethics of animal use. Oxford 2008.Google Scholar
  21. Schmidt, Kirsten: Concepts of Animal Welfare in Relation to Positions in Animal Ethics. In: Acta Biotheoretica 59 (2011), 153–171.CrossRefGoogle Scholar
  22. Singer, Peter: Praktische Ethik. Stuttgart 32013.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.MünsterDeutschland

Personalised recommendations