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81 Erzählstruktur

  • Alexander Honold

Zusammenfassung

Bernhard hat zu Lebzeiten etwa gleich stark als Prosaautor wie als Dramatiker gewirkt und damit die beiden narrativen (im Sinne von handlungsbasierten) Gattungen weit intensiver bedient als die primär auf das Frühwerk konzentrierte Lyrik (vgl. Judex 2010, 39). Die größere produktionsästhetische Profilierung, und ihr folgend auch die vielfach bezeugten Imitationsanreize seines Stils (vgl. Mittermayer 2015, 340), dürfte dabei à la longue von den Romanen und Erzählungen ausgegangen sein. Indes weisen die gattungsspezifisch distinkten Diskursformen des Erzählens und der szenischen Rollenrede in Bernhards Arbeiten ein hohes Maß von wechselseitiger Durchdringung auf, so dass sich sowohl innerhalb der Prosa ein Gestaltungsrepertoire inszenierter Erzählpraxis und somit demonstrativer Theatralität (vgl. Meis 2015) beobachten lässt, wie auch umgekehrt in den Bühnenstücken oftmals charakteristische Grundzüge des Bernhardschen Figuren-Erzählens anzutreffen sind. Ein gemeinsames stilistisches Merkmal beider genotextuellen Diskurstypen in ihrer spezifisch Bernhardschen Ausprägung und Verschränkung ist die starke Dominanz eloquenzrhetorischer Mittel (vgl. Knape 2011), oft verbunden mit suggestiven Effekten einer quasi-musikalischen Formgebung (vgl. Herzog 1994; Kuhn 1996 und 2000; Bloemsaat-Voerknecht 2006 u. a.). Als hervorstechende Strukturmerkmale des Figuren- und Textebene umgreifenden Bernhardschen Erzählstils sind vor allem das Prinzip der »Wiederholung« (Jahraus 1991; Marquardt 1998), dasjenige der Übertreibungskunst (vgl. Schmidt-Dengler 2010) und die oft apodiktische Formulierung von Gegensätzen und Paradoxa (vgl. Marquardt 1990; Japp 1999) herausgearbeitet worden; neben der artifiziellen Virtuosität seines Schreibens wurde korrigierend die von konformistischer Rezeption verdeckte politische Dissidenz Bernhards (vgl. Höller 1993, 7–25; Pfabigan 2009) betont, und auch die aus schwierigen biographischen Voraussetzungen kommende Radikalität seiner künstlerischen Selbstbehauptung (vgl. Höller 1993, 26 ff. und 68 ff.; Mittermayer 1995, 4).

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Literatur

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Authors and Affiliations

  • Alexander Honold
    • 1
  1. 1.Universität BaselBaselSwitzerland

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