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58 Bernhard und die literarische Landschaft Österreichs der 1950er und 1960er Jahre

  • Günther Stocker

Zusammenfassung

Als im Dezember 1966 das Fernsehen vom Tod des österreichischen Romanciers Heimito von Doderer berichtete, sei Thomas Bernhard hoch erfreut vom Sessel aufgesprungen, habe in die Hände geklatscht und gemeint: »Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komme ich.« So erzählt dies Karl Ignaz Hennetmair in seinen Erinnerungen an den Autor (Hennetmair 2000, 23). Tatsächlich war Doderer (geb. 1896) seit seinem Durchbruch mit dem Roman Die Strudlhofstiege (1951) die dominante Figur im österreichischen Literaturbetrieb gewesen (vgl. Kruntorad 1976, 164), in dem nach 1945 lange Zeit die Schriftstellerinnen und Schriftsteller den Ton angaben, die bereits vor oder während des Nationalsozialismus publiziert hatten. Selbst Funktionäre des austrofaschistischen Ständestaats und deklarierte NS-Autorinnen und -Autoren wie Rudolf Henz, Gertrud Fussenegger, Franz Karl Ginzkey, Franz Nabl oder Max Mell konnten weiter veröffentlichen, ihre Theaterstücke wurden aufgeführt, ihr Werk mit repräsentativen Staatspreisen ausgezeichnet (vgl. Amann 1992; Müller 1990). Aber auch das Leseverhalten breiter Publikumsschichten blieb über die politischen Umbrüche hinweg konstant, die Bücher von Bruno Brehm und Karl Heinrich Waggerl erzielten nach wie vor hohe Auflagen. Junge Autorinnen und Autoren fanden lange Zeit nur wenig Beachtung und kaum Verdienstmöglichkeiten, was etwa Ilse Aichinger oder Ingeborg Bachmann dazu trieb, in den finanziell wesentlich besser ausgestatteten bundesdeutschen Literaturbetrieb abzuwandern. In Österreich bildeten sich Zirkel von Nachwuchsautorinnen und -autoren rund um engagierte Literaturvermittler wie Hermann Hakel oder – wesentlich einflussreicher – Hans Weigel, die sich um Publikation und öffentliche Wahrnehmung der Jungen bemühten.

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Literatur

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Authors and Affiliations

  • Günther Stocker
    • 1
  1. 1.Institut für GermanistikUniversität WienWienAustria

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