Gender-Studien pp 163-173 | Cite as

Psychoanalyse

  • Karin Flaake

Zusammenfassung

Psychoanalytisches Denken unterscheidet sich von anderen wissenschaftlichen Analyserichtungen durch die Annahme eines Unbewußten, d. h. einer Dimension menschlichen Verhaltens und Handelns jenseits intentionaler und rationaler Erwägungen. Freud hat diese grundlegende Annahme der Psychoanalyse formuliert in dem Bild vom ›Ich‹, das nur begrenzt ›Herr ist im eigenen Haus‹. Das Unbewußte speist sich dabei aus Wünschen und Affekten, die im Lauf der lebensgeschichtlichen Entwicklung — meist sehr früh, d. h. in den ersten Lebensjahren — verdrängt, d. h. aus dem Bewußtsein ausgeschlossen wurden, weil sie als anstößig, nicht erwünscht, verboten und damit als stark beängstigend erlebt wurden. Unbewußte Phantasien, Wünsche, Ängste und Konflikte, die sich z. B. um libidinöse, d. h. erotisch-sinnliche Strebungen oder aggressive Regungen zentrieren, sind zwar verdrängt, d.h. aus dem Bewußtsein ausgeschlossen, aber dadurch nicht unwirksam gemacht — im Gegenteil: Unbewußtes drängt immer wieder in die Gestaltung der Realität, geht immer wieder ein in aktuelles Verhalten und Handeln und prägt es im Sinne einer ›Wiederkehr des Verdrängten‹. Dieses Verdrängte, unbewußt Gemachte aufzudecken, es dem Bewußtsein zugänglich zu machen und dadurch Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, ist ein wesentliches Ziel psychoanalytischen Denkens und Arbeitens. Dabei kann Psychoanalyse auf zwei Ebenen produktiv sein:
  • als Arbeit mit der psychoanalytischen Methode — insbesondere dem Nachspüren von Irritierendem und der Reflexion der eigenen subjektiven Reaktionen auf das zu Untersuchende — zum Entschlüsseln unbewußter Gehalte der Produkte menschlichen Handelns und Verhaltens, z. B. von wissenschaftlichen und literarischen Texten, künstlerischen Produktionen, institutionellen Strukturen, politischen Entscheidungen und Prozessen,

  • als theoretische Konzeptualisierung von individuellen Entwicklungen unter der Perspektive auch unbewußter Wünsche, Phantasien, Ängste und Konflikte.

Beide Ebenen sind für eine Geschlechterperspektive in der Psychoanalyse von Bedeutung.

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Authors and Affiliations

  • Karin Flaake

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