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Wolfgang Müller-Lauter und Romano Guardini: Die Macht der Gegensätze zwischen Philologie und Philosophie

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Zusammenfassung

Die ‚italienischen Verdienste‘ für die Nietzsche-Forschung sollten jedem Nietzsche-Forscher sehr bald vor Augen stehen und sind gewürdigt: Giorgio Colli (1917–1979) und dann vor allem Mazzino Montinari (1928–1986) stehen (neben den ersten Bemühungen aus dem deutschsprachigen Bereich) exemplarisch für die bis heute zu beobachtende, italienisch-apollinisch-formgeprägte Faszination am nordisch-dionysischen Denken Nietzsches. Nach der komplex-schwierigen, mit Elisabeth Förster-Nietzsche beginnenden (nationalsozialistisch-)vereinseitigenden und mit erheblichen Kompilationen angereicherten, ideologisch aufgeladenen Lage im weimarischen Nietzsche-Archiv, fassten die beiden Italiener den Plan, die bis heute maßstäbliche Kritische Studienausgabe der Werke und Briefe Nietzsches zu edieren. Diesen sachlichen, quellenkritischen, von hoher philologischer Kompetenz ausgezeichneten Zugang zu Nietzsches Denkstrukturen erbte nach dem Tod von Mazzino Montinari der in Weimar geborene Wolfgang Müller-Lauter (1924–2001) und übernahm u. a. auch die weitere Publikation der Gesamtausgabe. Die von ihm bei Wilhelm Weischedel an der Freien Universität in Berlin verfasste Promotion zu Martin Heidegger verlieh ihm den Blick ‚über Nietzsche hinaus‘. Nicht zuletzt aufgrund seiner bis heute beeindruckenden philologischen Kenntnisse war er sehr bald der „Doyen der zeitgenössischen internationalen Nietzsche-Forschung“.Wenn Dietrich Bonhoeffer in seinen Schriften von 1931/32 pointiert formuliert, dass das „Kennzeichen einer guten Theologie [ist], dass sie eine gute Philosophie bis aufs Blut reizt“, so ist es der gebürtige Italiener, jedoch fast ausschließlich in Deutsch lehrende und publizierende Phänomenologe und Religionsphilosoph, Romano Guardini (1885 in Verona – 1968 in München), der diese ‚blutreizend‘-lebendigen Spannungen in seiner Gegensatzlehre eigens für seinen philosophisch und dann ebenso theologischen Weg prolegomenahaft ausformuliert.So sehr Müller-Lauter sich für Nietzsche als der große philologische Detailkenner und Nietzsche-Nestor auszeichnete, so sehr war Guardinis Stärke (…und scheinbare Schwäche zugleich!), weniger die Details auszuführen, sondern die großen Denklinien zu zeichnen. Liest man allein sein Vorlesungsmanuskript aus dem Wintersemester 1954/55 (vermutlich eine Neuauflage seiner bereits in Berlin gehaltenen Vorlesung) „Die Macht und der Nihilismus. Über die Bedeutung Nietzscheanischer Grundgedanken für unsere Epoche“, so zeigt allein die angelegte Systematik und die Stichworte, dass hier mit Heideggers Nietzsche-Interpretationen Vergleichbares konzipiert und doziert wurde.Die eigentliche Verkennung besteht jedoch in seinen Vermittlungsbemühungen zwischen Religion (hier auch im Sinne einer dionysisch-religiösen Aufladung der Immanenz, z.B. unter dem von Guardini bereits 1933, vor Eric Voegelin geprägten Stichwort der politischen Religion) und dem christlichen Offenbarungsverständnis unter dem damals bereits höchst virulenten und deswegen auch ‚kontaminiert‘-missverständlichen Begriff der Weltanschauung.

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Authors and Affiliations

  1. 1.DresdenDeutschland

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