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Georg Picht: Geschichtsphilosophie als Transzendentalphilosophie

  • Jean-Claude WolfEmail author
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Zusammenfassung

Georg Picht (1913–1982) gehört zu den Philosophen, die aus dem Umkreis von Martin Heidegger stammend, dessen Zugang zur Geschichte der Metaphysik weiterdachten. Er wurde 1964 auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät in Heidelberg berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung ein weites philosophiegeschichtliches und thematisches Spektrum abdeckte. Die Studienausgabe der Vorlesungen und Schriften von Georg Picht enthält einen Band über Nietzsche, der in dritter Auflage 2001 erschienen ist. Die erste Auflage erschien 1988. Der Band wird abgerundet durch einen Gedankenaustausch von Georg Picht und Enno Rudolph, dem Herausgeber dieses und anderer Bände der Edition von Pichts Vorlesungen und Schriften. Er hat sich u. a. auch um eine intensive Aneignung von Nietzsches Denken bemüht und gehört zu seinen ausdauernden und aufmerksamen Lesern. Sein komplexes Verhältnis von Nähe und Distanz zu Heidegger macht eine knappe Übersicht nicht leicht (vgl. 1989, 279 und 181). Gleichwohl soll ein solcher Überblick – mit gewissen Vereinfachungen – hier gewagt werden. Besonders erwähnenswert ist die Tatsache, dass der ‚gottlose‘ Nietzsche von Picht zum Prüfstein einer zeitgemäßen Theologie gemacht wird, die sich vom Schatten des Platonismus und der Absicht zur Apologie verabschiedet hat. Damit gehört Georg Picht zu jenen Denkern innerhalb der protestantischen Theologie, die von Nietzsche für ihr eigenes religionsphilosophisches Selbstverständnis maximal profitieren, ohne voreilige Abwehrreflexe gegen dessen „Fluch auf das Christenthum“ (Untertitel von Der Antichrist). Philosophie braucht nicht Stützgruppen von Gleichgesinnten, sondern freie Lust am Denken, wohin es auch führen mag.

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Authors and Affiliations

  1. 1.FribourgSchweiz

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