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Ferdinand Tönnies: Nietzsche zwischen Liebe und Mitleid

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Zusammenfassung

Die Nietzscheerfahrungen von Nietzsches Zeitgenossen waren ebenso vielfältig wie zwiespältig. Die zutiefst ambivalente Nietzscheerfahrung von Ferdinand Tönnies (1855–1936) begann früh und ist sowohl von „Liebe“, so in einem Brief an Elisabeth Förster-Nietzsche vom 01.09.1900, als auch vom, von Nietzsche so verhassten Mitleid und von Herablassung, geprägt. Tönnies erkannte in Nietzsche einen Leidensgenossen und zugleich einen scharf- und tiefsinnigen Kritiker der Moderne; vor allem des modernen Menschen. Er war Nietzsches Psychologie verbunden. Ideologisch lagen jedoch Welten zwischen Tönnies, von Marx geprägten sozialem Gleichheitsideal, das Nietzsche zuwider gewesen wäre, und Nietzsches radikalem Individualismus. Ebenfalls perhorreszierte Tönnies den von Nietzsche hochgehaltenen Kampf als soziale Form. Durch ihre unterschiedlichen Nietzscheerfahrungen kann man auch die sehr unterschiedlichen soziologischen Perspektiven von Tönnies und Simmel und Tönnies und Weber besser verstehen. Tönnies war im neunzehnten Jahrhundert sozusagen tiefer verwurzelt als der um elf Jahre ältere Nietzsche. Dies kann man an Tönnies Festhalten an einer dem Verständnis von Sinngehalten des Einzelnen enthobenen, eingleisigen metaphysischen Geschichtsphilosophie feststellen. Die Konsequenzen, die Tönnies Kieler Kollege Wilhelm Dilthey aus seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche zog, blieben Tönnies verborgen, und anders als Simmel und Weber bleibt Tönnies ein Theoretiker, der Nietzsches radikale Bedeutung für die künftigen Wandlungen der Wissenschaft nicht ganz verstanden hat. Er war nicht bereit, den zahlreichen intellektuellen Entwicklungen, die Nietzsche auslöste, zu folgen. Gleichwohl ist er Nietzsche aber auch fast begegnet, was die Nähe, die Tönnies zu ihm empfand und somit das ausbleibende ‚Pathos der Distanz‘ erklärt.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Charnay-les-MaconFrankreich

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