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Trauma

  • Peter Theiss-Abendroth

Zusammenfassung

Die Frage nach Formen der Lebenskunst angesichts einer seelischen Traumatisierung droht in verschiedene Paradoxien zu führen. Erscheint es nicht geradezu zynisch, angesichts einer Existenz, die überwältigt, in im Wortsinne unsäglichen Schrecken versetzt und ihrer Kohärenz beraubt wurde, nach einem gelingenden, überhaupt gestaltbaren Leben zu fragen? Wird das einer Lebenskunst implizite Autonomieideal (Heidbrink 2016) nicht geradezu ad absurdum geführt von einer Hilflosigkeitserfahrung, die der traumatischen Situation zugrunde liegt? Und mit welchem Recht wird hier eigentlich vom Trauma gesprochen, als besäße man eine gesicherte Definition dieses Begriffes? Ist hier die in den aktuellen Diagnosekatalogen der Weltgesundheitsorganisation oder der American Psychiatric Association kriteriologisch eingegrenzte »posttraumatische Belastungsstörung« gemeint, konstruiert (»glued together «, »zusammengeleimt«, Young 1995, 5) auf der Basis der Erfahrungen von Veteranen des Vietnamkrieges? Oder soll hier etwa einem weitgefassten alltagssprachlichen Traumabegriff Vorschub geleistet werden, der bereits die Niederlage der eigenen Lieblingsmannschaft bei einem Sportereignis als traumatisch bezeichnet?

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  • Peter Theiss-Abendroth

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