Romantik in Deutschland pp 443-462 | Cite as
Universalität und Individuation Das Konzept des frühromantischen “Christianismus”
Zusammenfassung
Wenn von den Religionsideen Schleiermachers, Hardenbergs und Fr. Schlegels die Rede ist,1 hat unsere historiographische Nüchternheit einen schweren Stand. Das Urteil neigt zu animositätsgeladenen Parteinahmen, pro oder contra. Hat man es mit einer Aufgipfelung der modernen Subjektivität zu tun, sich wahnhaft überschlagend, um auch noch dessen Herr zu werden, was die Grenzen der intellektuellen Machbarkeit notorisch übersteigt? Es sollte ja in den Romantiker-Kommunen von Berlin und Jena nichts Geringeres als die eschatologische Weltreligion des Geistes kreiert werden. Zweifel unter den Autoren bestand nur darüber, wer von ihnen das meiste Talent für den Messias-Part habe.2 — Oder muß im Gegenteil die idealismuskritische Attitüde dieser “Religion” ernst genommen werden, um in ihr die Peripetie der Modernität zu erkennen? Bekanntlich ist sie mit dem Versprechen angetreten, auf dem systematologisch-wissenschaftstheoretischen Reflexionsniveau von Fichtes absolutem Ich die überlegene Wahrheitsfähigkeit vorreflexiver Ursprungserfahrungen wiederholen zu können — “heiter und mutig,”3 in prätentionsloser Schlichtheit.
Notizen
- 1.Der größere Zusammenhang dieser Literaturreligion wird interpretiert bei: Hermann Timm, Heilige Revolution. Das religiöse Totalitätskonzept der Frühromantik. Schleiermacher — Novalis — Fr. Schlegel (1978, Syndikat). — Die wichtigsten Texte sind: Daniel Ernst Friedrich Schleiermacher (anonym), Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799); Friedrich von Hardenberg, Blüthenstaub (1798), Die Christenheit oder Europa (1799), Hymnen an die Nacht (1800); Friedrich Schlegel, Ideen (1800), “Rede über die Mythologie” (1800, im Gespräch über die Poesie). Diese Texte sind der Hauptgegenstand der folgenden Interpretation. — Schleiermachers Reden werden nach der Originalpaginierung zitiert als: “Schleiermacher, S…”. Hardenberg wird zitiert nach: Novalis, Schriften, Die Werke Friedrich von Hardenbergs, hrsg. Paul Kluckhohn und Richard Samuel, 1. Bd., 3. Aufl. (1977), 2, 3. und 4. Bd., 2. Aufl. (1960–1975), u.z. zitiert als: “Novalis, I,…, II,…”. Schlegel wird zitiert nach Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, hrsg. Ernst Behler, als: “Schlegel, II,…”.Google Scholar
- 5.In bezug auf die Entsinnlichung des reinen Denkens durch die transzendentalphilosophische Revolution der Denkungsart hat Jacob Hermann Obereit zuerst die passionstheologische Zeitdeutung praktiziert. Siehe dazu: Hermann Timm, Gott und die Freiheit, Studien zur Religionsphilosophie der Goethezeit, Bd. 1, Die Spinozarenaissance (1974), S. 339–359. An Fichte adressiert wurde die Nihilismus-These 1799 von Friedrich Heinrich Jacobi erneuert: Friedrich Heinrich Jacobi, Werke, hrsg. Friedrich Roth und Friedrich Köppen, Bd. 3 (Neudruck 1968), S. 3–57.Google Scholar
- 23.Die bekannte Religionsphänomenologie Rudolf Ottos hat ihren kategorialen Apparat großteils aus der feinfühligen Literatursprache der frühen Goethezeit entlehnt (Rudolf Otto, Das Heilige, Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, 35. Aufl., 1963).Google Scholar
- 24.Diese vielsagende Kontraktion von Mythos und Offenbarung findet man bei Lenz: Jakob Michael Reinhold Lenz, Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers, hrsg. L. Schmitz-Kallenberg (1918), S. 34.Google Scholar
- 26.Zum Ursprung dieses programmatischen Topos vergleiche: Gerhard Kaiser, Klopstock. Religion und Dichtung, 2. Aufl. (1975), S. 86–104.Google Scholar
- 54.Hermann Timm, Gott und die Freiheit, Studien zur Religionsphilosophie der Goethezeit, Bd. 1, Die Spinozarenaissance (1974).Google Scholar