Ästhetisches Verhalten pp 266-369 | Cite as
Historisch-systematische Konturen einer aktuellen Diskussion: Die Unverfügbarkeit der ästhetischen Erfahrung
Zusammenfassung
So gut wie kein anderes Thema fokussiert die Frage nach Strukturen und Funktionen ästhetischer Erfahrung das Feld der zeitgenössischen philosophischen Ästhetik. Was wir erfahren und wie wir erfahren, wenn wir ästhetisch erfahren, das läßt sich aber weniger gut objektivieren als etwa die geltungsbezogenen Strukturen der Sprache. Insofern sind alle Versuche der theoretischen Durchdringung dieses Erfahrungsgeschehens immer mit einer Mixtur aus phänomenologischer Beschreibung, was und wie ästhetisch erfahren wird, und hermeneutischer Auslegung, welche Bedeutung und Funktionen das für unsere Verhaltensorientierung hat, durchtränkt. Dennoch hat sich die Orientierung an den rezeptiven Voraussetzungen der an Kunst oder Natur ästhetische Erfahrungen sammelnden Subjekte über weite Strecken der philosophischen Tradition nicht als maßgeblich erwiesen. Im Mittelpunkt standen Fragen nach dem Wahrheitswert der Kunst gegenüber den jeweils übergeordneten Quellen metaphysischer Erkenntnis und damit zusammenhängend nach dem ontologischen Ort des Schönen im Ganzen des Seienden. Ich habe zu zeigen versucht, daß sich diese Ausgangssituation soziologisch erst mit dem Prozeß der Autonomisierung der Kunst und philosophisch nach der kantischen “Kritik der Urteilskraft” ändern konnte, die in ihren transzendentalen Analysen auch die anthropologischen Voraussetzungen aufzudecken beabsichtigt, unter denen sich Subjekte in produktiver, rezeptiver und kommunikativer Einstellung ästhetisch verhalten.
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Notizen
- 344.Dtsch: Die Verklärung des Gewöhnlichen, Ffm. 1984, S. 71ff.Google Scholar
- 345.H.R. Jauß, Literarische Tradition und gegenwärtiges Bewußtsein der Modernität, in: Literaturgeschichte als Provokation, Ffm. 1970, S. 29 .Google Scholar
- 346.Ebenda S. 49f.Google Scholar
- 347.Zu Schillers Rousseau-Kritik vgl. “Über naive und sentimentalische Dichtung”, in S.W. Bd 5, München 1980, S. 730f.Google Scholar
- 348.Ebenda, S. 718 .Google Scholar
- 349.Vgl. dazu P. Szondi, Das Naive ist das Sentimentalische. Zur Begriffsdialektik in Schillers Abhandlung, in: Schriften II, Ffm. 1978; S. 59ff.Google Scholar
- 350.Zu F.W.J. Schellings Kunstphilosophie vgl.: System des transzendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, Stuttgart 1856 -1861, I/3 ; Über das Verhältnis der bildenden Künste zu der Natur, S.W. I/7; Philosophie der Kunst, S. W. I/5; Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums, S. W. I/5 .Google Scholar
- 351.G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Theorie-Werkausgabe Bd. 13, S. 142, Ffm. 1970.Google Scholar
- 352.H.-G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1986 (5. Aufl.), S. 172ff. (zit. WuM). Sehr überzeugend ist das Hegel-Zitat aus der Ästhetik, das Gadamer als Beleg für seine These gibt: “Es hilft da weiter nichts, sich vergangene Weltanschauungen wieder, sozusagen, substantiell anzueignen, d.i., sich in Eine dieser Anschauungsweisen festhineinmachen zu wollen, als z.B. katholisch zu werden, wie es in neueren Zeiten der Kunst wegen viele getan, um ihr Gemüth zu fixieren (…)” (Hotho II, S. 233; hier zitiert nach WuM, S. 173)Google Scholar
- 353.G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Theorie-Werkausgabe Bd. 13, S. 151 .Google Scholar
- 354.Ebenda, S. 141 .Google Scholar
- 355.Ebenda, S. 143 .Google Scholar
- 356.Ebenda, S. 142 .Google Scholar
- 357.R. Bubner, Über einige Bedingungen gegenwärtiger Ästhetik, in: Ästhetische Erfahrung, Ffm. 1989, S. 9ff., hier S. 16 .Google Scholar
- 358.Ebenda S. 31 .Google Scholar
- 359.Ebenda S. 34 .Google Scholar
- 360.Vgl. zu dieser Lesart R. Bubner, Kann Theorie ästhetisch werden? Zum Hauptmotiv der Philosophie Adornos. in: Ästhetische Erfahrung, a.a.O., S. 70ff.Google Scholar
- 361.Ebenda S. 34 .Google Scholar
- 362.Ebenda S. 19 .Google Scholar
- 363.H-G. Gadamer, WuM 91 .Google Scholar
- 364.J. Habermas, Hans Georg Gadamer — Urbanisierung der Heideggerschen Provinz, in: Philosophisch-politische Profile. Erw. Ausg., Ffm. 1981, hier S. 396 .Google Scholar
- 391.EbendaGoogle Scholar
- 392.H.-G. Gadamer, ÄuH 1ff.Google Scholar
- 393.“In diesem umfassenden Sinn schließt Hermeneutik die Ästhetik ein”, lautet zusammengefaßt Gadamers Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis beider (ÄuH 5). Eine Antwort auf ihre spezifische Differenz ist das freilich nicht.Google Scholar
- 394.H.-G. Gadamer, ÄuH 6.Google Scholar
- 395.Im selbstkritischen Rückblick tritt das klar hervor: “Es war für mich geradezu der Ausgangspunkt meiner hermeneutischen Theorie, daß das Kunstwerk eine Herausforderung für unser Verstehen ist, weil es sich allen Ausdeutungen immer wieder entzieht und der Umsetzung in die Identität des Begriffes einen niemals überwindbaren Widerstand entgegensetzt.” Zwischen Phänomenologie und Dialektik, a.a.O., S. 8.Google Scholar
- 396.H.-G. Gadamer, Dichten und Deuten, in: Kleine Schriften II, a.a.O, S. 9ff., hier S. 15 .Google Scholar
- Als radikalen Theoretiker der künstlerischen Moderne wie Adorno oder ihren analysierenden Kritiker wie Gehlen hat Gadamer sich allerdings nicht verstanden. Daß seine historische Einschätzung des reflexiven Status moderner Kunsterfahrung in ihrer Bedeutung für seine ästhetische Theorie nicht überschätzt werden darf, zeigt sich unter anderem an der Struktur der Kritik an Gehlens “Zeitbilder”. Vgl dazu H.-G. Gadamer, Begriffene Malerei?, in: Kleine Schriften II, a.a.O., S. 218ff.; dazu in dieser Arbeit Kap. 1.1.Google Scholar
- 397.Vgl. insbesondere die Essays: “Sinn und Sinnverhüllung bei Celan” und “Verstummen die Dichter?” in: H.-G Gadamer, Poetica, Ffm. 1977, S. 103ff. und 119ff.. Grundlegend für Gadamers Verständnis der ästhetischen Moderne scheint mir zu sein: “Kunst und Nachahmung” in: H.-G. Gadamer, Kleine Schriften II, a.a.O., S. 16ff.Google Scholar
- 398.H.-G. Gadamer, Kunst und Nachahmung, a.a.O., S. 26 .Google Scholar
- 399.H.-G. Gadamer, Dichten und Deuten, in: Kleine Schriften II, a.a.O., S. 9ff., hier: S. 14 .Google Scholar
- 400.Wem diese Parallelisierung von zwei Ästhetikkonzeptonen, die ansonsten kaum in einen vergleichbar engen Zusammenhang gestellt werden, zu weit geht, kann an weitere substantielle Bezüge in den jeweiligen ästhetischen Erfahrungstheorien erinnert werden. Ich nenne an dieser Stelle nur einen, weil ich auf den anderen gleich gesondert zu sprechen komme. Gadamers Vorstellung einer in ästhetischer Erfahrung stattfindenden präsentisch-innovativen Bedeutungsbildung läßt sich zumindestens auf zwei Dimensionen des dreistufigen Rezeptionsmodells Adornos abbilden. Den partiell präsentischen Charakter der ästhetischen Erfahrung hebt die “Ästhetische Theorie” als Augenblickserfahrung hervor. Sie hat dabei einen ähnlichen phänomenalen Befund vor Augen wie die Hermeneutik: die eigenartige temporale Struktur einer Erfahrung, die sich dem erfahrenden Kunstwerk in voller Konzentration zuwenden kann und bei der dennoch die gesammelte Anspannung des rezipierenden Subjekts momentan ausgelöscht werden kann. Gadamer beschreibt diesen Sachverhalt als “Selbstvergessenheit” der Rezipienten (vgl. WuM 126ff.). Auf Adornos wenig beachtetes Theorem vom Augenblickscharakter der ästhetischen Erfahrung bin ich in Kapitel 3.4. eingegangen.Google Scholar
- 407.Vgl. dazu noch einmal R. Bubner, Über einige Bedingungen gegenwärtiger Ästhetik in: Ästhetische Erfahrung, a.a.O., S. 9ff.Google Scholar
- 408.H.-G. Gadamer, WuM 170 .Google Scholar
- 409.Th. W. Adorno, ÄT 197 .Google Scholar
- 410.Vgl. Kap. 3.1.Google Scholar
- 411.Th. W. Adorno, ÄT 159 .Google Scholar
- 412.H. R. Jauß, Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik, Ffm. 1982, S. 66 .Google Scholar
- 413.Vgl. etwa ÄT 179: “Kunstwerke sind nicht von der Ästhetik als hermeneutische Objekte zu begreifen; zu begreifen wäre, auf dem gegenwärtigen Stand, ihre Unbegreiflichkeit.”Google Scholar
- 414.Vgl. dazu A. Wellmer, Wahrheit, Schein, Versöhnung, in: Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne, Ffm. 1985, S. 9ff. und M. Theunissen, Negativität bei Adorno, in: L. v. Friedeburg, J. Habermas, Adorno-Konferenz 1983, Ffm. 1983, S. 41ff.Google Scholar
- 415.Th. W. Adorno, ÄT 507 .Google Scholar
- 416.Th. W. Adorno, ÄT 198Google Scholar
- 417.Th. W. Adorno, ÄT 136 .Google Scholar
- 418.Gemäß dieses Interpretationsvorschlag wäre eine funktionale Bestimmung der Philosophie, sie als Kritik zu verstehen. Am eindringlichsten vertreten hat Adorno diesen Philosophiebegriff in dem Aufsatz “Wozu noch Philosophie?” (Ges. Schr. Bd. 10.2 , Ffm. 1977, S. 459ff.). Zum Verständnis einer teleologischen Konzeption der Philosophie kann beispielsweise auf die sogenannte Frühe Einleitung zur “Ästhetischen Theorie” zurückgegriffen werden. Die “Utopie des Besonderen” erläutert Adorno dort so: Ästhetik “bewegt sich im Medium allgemeiner Begriffe noch angesichts des radikal nominalistischen Standes der Kunst und trotz der Utopie des Besonderen, die sie mit der Kunst gemein hat. Ist in der Erfahrung des Realen das Allgemeine das eigentlich Vermittelte, so in der Kunst das Besondere; fragte die nicht-ästhetische Erkenntnis, in Kantischer Formulierung, nach der Möglichkeit des allgemeinen Urteils, so fragt ein jedes Kunstwerk, wie unter der Herrschaft des Allgemeinen ein Besonderes irgend möglich sei. Das bindet Ästhetik, so wenig ihre Methode eine von Subsumtion unter den abstrakten Begriff sein kann, an Begriffe, solch freilich, deren Telos das Besondere ist.” (ÄT 521)Google Scholar
- 419.Diesem zuerst von Rüdiger Bubner unterbreiteten Interpretationsvorschlag (Kann Theorie ästhetisch werden? Zum Hauptmotiv der Philosophie Adornos, in: Ästhetische Erfahrung, a.a.O., S. 70ff.) haben sich später leichtsinnigerweise auch Jürgen Habermas (Theorie des kommunikativen Handelns, Ffm. 1981, S. 514ff.) und Axel Honneth (Kritik der Macht, Ffm. 1986, S. 75ff.) angeschlossen. Differenzierter in der Darstellung des Verhältnisses von Philosophie und ästhetischer Dimension verfahren Herbert Schnädelbach, Dialektik als Vemunftkritik (in: L. von Friedeburg, J. Habermas (Hg.), Adorno — Konferenz 1983, Ffm. 1983, S. 66ff.) und Anke Thyen, Negative Dialektik und Erfahrung, Ffm. 1989 .Google Scholar
- 420.Dabei scheint übrigens bei beiden die Bestimmung der kommunikativen Funktionen ästhetischen Verhaltens zu kurz zu kommen.Google Scholar
- 421.R. Bubner (1989), Über einige Bedingungen gegenwärtiger Ästhetik, in: Ästhetische Erfahrung, a.a. O.,S. 34 .Google Scholar
- 431.A. C. Danto, The philosophical Disenfranchisment of Art, New York 1986, deutsch: Die philosophische Entmündigung der Kunst, München 1993 .Google Scholar
- 432.Vgl. Kap. 1.3.Google Scholar
- 433.H. R. Jauß, Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik, Ffm. 1982 (zit: ÄE), S. 698 .Google Scholar
- Vgl. dazu: N. Goodman, Languages of Art, Indianapolis 1968, dtsch: Sprachen der Kunst, Ffm. 1973. F. Koppe, Kunst als entäußerte Weise, die Welt zu sehen, in: F. Koppe (Hg.), Perspektiven der Kunstphilosophie, a.a.O., S. 81ff. Zu den Theoretikern einer ästhetischen Welterschließungsfunktion gehört auch Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, in: Holzwege, Ffm. 1950, S.1ff.Google Scholar
- 480.Vgl. Kap. 1.3.Google Scholar