„Bellezza” und „ornamenti” im italienischen Geschlechterstreit um 1600
Zusammenfassung
Die italienische Querelle des Femmes, die ihren Höhepunkt um 1600 erreicht, erstreckt sich über das gesamte 16. Jahrhundert und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts.1 Sie trifft auf das Interesse eines immer breiteren und zunehmend auch weiblichen Lesepublikums. Der Anteil der lateinischen Beiträge zu dieser Querelle geht gegenüber den volkssprachlichen kontinuierlich zurück.2 Zahlreiche berühmte Autoren beteiligen sich an der Debatte: Lodovico Ariosto verfaßt unter mehreren seiner Satiren nach dem Vorbild Juvenals auch eine gegen Frauen,3 Baldassare Castiglione läßt im dritten Buch seines Cortegiano (1528) die Ferrarer Hofgesellschaft die Unter- oder Überlegenheit des weiblichen Geschlechts diskutieren,4 Torquato Tasso verfaßt einen Discorso5 und Sperone Speroni6 einen Traktat zu diesem Thema, von dessen großer Popularität auch frauenlobtypische Titel für ein Tanzlehrbuch (Nobilità di Dame7) oder ein NähspitzenMusterbuch (La Corona delle nobili et virtuose donne8) zeugen. Mit Moderata Fonte greift dann Ende des 16. Jahrhunderts erstmals auch in Italien eine Frau explizit in die Debatte ein. Im vierten Gesang ihres Heldenepos Floridoro formuliert sie eine gezielte Verteidigung des eigenen Geschlechts.9
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Anmerkungen
- 2.Vgl. Dionisotti, Carlo: Geografia e storia della letteratura italiana. Turin 1967, S. 192.Google Scholar
- 4.Diese fiktive Diskussion innerhalb des literarischen Werkes inspiriert einen als Querelle des Amye. bezeichneten realen Disput unter französischen Literaten. Vgl.: Zimmermann, Margarete: Literarische Variationen über das Thema der Geschlechter im XVII. Jahrhundert. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift 42/73/3, 1992, S. 257–274; hier S. 257.Google Scholar
- 5.Tasso, Torquato: Della virtù feminile, e donnesca. Venedig 1582. Auch diese Schrift wirkt in Frankreich stark und lange nach, vgl. Maclean, Ian: Woman Triumphant. Feminism in French Literature 1610–1652. Oxford 1977, S. 19.Google Scholar
- 6.Speroni, Sperone: Della Dignità della Donna. Venedig 1542. Moderne Ausgabe in Pozzi, Mario (Hg.): Trattatisti del Cinquecento. 1. Bd. Mailand, Neapel 1978. Das in Frauenverteidigungen häufig verwendete „dignità“ schließt an die von Giovanni Pico della Mirandolas Oratio de dignitate homini. (Bologna 1496) begründete Tradition dieses Begriffs an.Google Scholar
- 7.Caroso, Marco F.: Nobilità di Dame. Venedig 1600.Google Scholar
- 8.Vecellio, Cesare.: La Corona delle nobili et virtuose donne. Venedig 1592.Google Scholar
- 9.Fonte, Moderata: Tredici canti del Floridoro. Venedig 1581. Der vierte Gesang ist erneut abgedruckt in: Conti Odorisio, Ginevra: Donna e società nel seicento. Lucrezia Marinella e Arcangela Tarabotti. Rom 1979, S. 197f.Google Scholar
- 15.Henderson, Katherine Usher/McManus, Barbara F.: Half Humankind. Contexts and Texts of the Controversy about Women in England. Urbana, Chicago 1985, S. 1. Gegen diese Art der meist zum Nachteil der Frauen eingesetzten Verallgemeinerung wendet sich Lucretia Marinella mehrfach in ihrer Schrift (Venedig 1601) S. 110f., 113 sowie in „Das Springen vom Speziellen zum Allgemeinen ist zu tadeln“ Marinella 1601., S. 115.Google Scholar
- 27.Vollständiger Titel: La Nobiltà, et l’eccellenza delle Donne, co’diffetti et mancamenti de gli Huomin. (Venedig 1600). Weitere Ausgaben: Venedig 1601 (Ricorretto, & Accresciuto); Venedig 1603 (Ricorretto, & Accresciuto); Venedig 1608; Venedig 1612; Venedig 1621. Eine gekürzte moderne Ausgabe findet sich bei Conti Odorisio 1979, S. 114–157. Auszüge in der deutschen Übersetzung von Hanna-Barbara Gerl in: Gössmann,Elisabeth/ Gerl, Hanna-Barbara: Lucretia Marinella: Le Nobiltà et Eccellenze delle Donne et i Diffetti e Mancamenti de gli Huomini, 1600/1608/1621. In: Elisabeth Gössmann (Hg.): Eva. Gottes Meisterwerk. München 1985 (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung; Bd. 2), S. 22–44. Zum soziohistorischen Kontext von Marinellas und Fontes Frauenverteidigungen siehe auch Cox, Virginia: The Single Self. Feminist Thought and the Marriage Market in Early Modern Venice. In: Renaissance Quarterly 48/3/1995, S. 513–581.Google Scholar
- 30.Gössmann, Elisabeth (Hg.): Das wohlgelahrte Frauenzimmer. München 1984 (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung; Bd. 1), S. 43.Google Scholar
- 36.Passi, Giuseppe: La Monstruosa Fucina delle Sordidezze de gl‘Huomini. Venedig 1603.Google Scholar
- 94.Vgl.: Pagels, Elaine: Adam, Eve and the Serpent. New York 1988. Pagels hebt in ihrer Geschichte der Sünde die Bedeutung der um das vierte nachchristliche Jahrhundert erfolgten Umdeutung der biblischen Schöpfungsberichte für die Bewertung der Frau hervor. — Bis in die Querelle des Femme. spielt die Auslegung der Schöpfungsgeschichte für den Beweis der Über- oder Unterlegenheit des weiblichen Geschlechts eine zentrale Rolle. Siehe zum Beispiel die ausführliche Behandlung der Schöpfung in Passi, Giuseppe: Dello Stato maritale. Venedig 1602, S. 6, 11, 13, 15, 21–27.Google Scholar