Die Bedeutung des Ortes für das literarische Geschichtsbewußtsein

  • Anke Bennholdt-Thomsen
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Zusammenfassung

Wenn ich richtig sehe, ist der Raum ein vernachlässigtes Phänomen in der Literaturtheorie und in der Forschungsdebatte um Historiographie und Literatur. Während alle Reflexion über Nähe und Ferne beider Disziplinen das Verhältnis zur Zeit einschließt, weil beiden Geschichtliches als Vergangenes thematisch ist, bleibt der Raum fast unbeachtet, genauer, der Ort, an dem Geschichte stattfand. Der Raum ist zwar bei Droysen als Bedingung der historiographischen »Interpretation« im Rahmen seiner »Methodik«1 berücksichtigt worden und bei Lämmert als »Schauplatz« des epischen Geschehens in den Bauformen des Erzählens2. Wenn seine Bedeutung, im Falle der Historik, nicht nur auf »topographische Anschaulichkeit«, auf »Lokalfarbe«, »örtliche Individualisierung eines historischen Bildes« reduziert werden sollte und, im Falle der Literaturwissenschaft, gerade nicht auf den geographischen Realgehalt, ging es um die Funktion des Raumes für ein erzähltes Geschehen und um den Raum als Objekt literarischer Darstellung. Der Terminus Chronotopos von Michail Bachtin in seinem Aufsatz Zeit und Raum im Roman3 illustriert, in welcher Rücksicht der Raum höchstens Beachtung fand: in Rücksicht auf die zeitlichen Verhältnisse des jeweiligen Geschehens, die an bestimmte Räumlichkeiten gebunden sind. Meine Frage gilt jedoch der Relevanz des literarisch vermittelten Raumes für das Geschichtsbewußtsein des Autors, besser: für das Bewußtwerden; sie gilt dem Erkennen eines Ereignisses in seiner geschichtlichen Dimension, das sich dem Ort verdankt. Voraussetzung dieser Frage ist die Beobachtung, daß historische oder fiktive Orte in der Literatur als Zeugen für Geschichte beansprucht werden.

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Literatur

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    Ein Jahr nach dem Symposium können die Berliner wieder in »Stadtmitte« umsteigen. Die konkreten sichtbaren Anhaltspunkte für Knoblochs Spaziergang sind verschwunden, von der Geschichte überholt. Von heute aus gesehen diente seine literarische Öffnung des verschlossenen Zugangs zum unteren Bahnhofstrakt dem Gedächtnis der Berliner Nachkriegsgesellschaft seit 1961.Google Scholar
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  • Anke Bennholdt-Thomsen

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