Entdecken und Verraten pp 361-380 | Cite as
Friedrich Nietzsche und die »Dialektik der Aufklärung«
Zusammenfassung
Durch den intensiven Gebrauch und Mißbrauch, den insbesondere einige Nationalsozialisten von Nietzsches Begriffen gemacht haben, war der Philosoph — nach dem Ende des »Dritten Reiches« — nicht nur in Deutschland lange Zeit verpönt. Zwar zeigt eine genauere Untersuchung, daß Nietzsches Denken keineswegs im Zentrum der Naziideologie stand; weder Hitler noch Alfred Rosenberg noch Goebbels verwendeten Nietzschesche Argumente und Formulierungen, und lediglich Alfred Baeumler, dem das Reichserziehungsministerium einen eignen Lehrstuhl für »Politische Pädagogik« an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin eingerichtet hatte, suchte Nietzsche zum aktiven Wegbereiter des Nazismus zu machen.1 Dennoch reagierten vor allem die orthodoxen Marxisten-Leninisten mit einer entschiedenen Ablehnung und Herabsetzung auf diesen — letztlich durch die Nazis geschaffenen — Nietzsche. Am krassesten z. B. im »Philosophischen Wörterbuch« von Rosenthal und Judin (Moskau 1955), in dem Nietzsche kurzerhand als »deutscher ultrareaktionärer, idealistischer Philosoph, offener Apologet der bürgerlichen Ausbeutung und Aggression, Vorläufer der faschistischen Ideologen« abqualifiziert wird.2 Selbst ein so gebildeter Marxist wie Georg Lukács sieht Nietzsche fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt seiner Einwirkung auf »den deutschen Faschismus«. Nietzsches Besonderheit im Kreis reaktionärer Denker bestand für Lukács darin, erklärte er 1943, daß er »auf eine unzufriedene, gegen die Kulturlosigkeit der Zeit spontan und verworren rebellierende Intelligenz« Eindruck machte.
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Anmerkungen
- 1.Die meisten Nietzsche-Zitate sind der KSA entnommen. In zwei Fällen war es mir jedoch nicht möglich, Zitate aus dem Nachlaß von den Ausgaben, die Max Horkheimer benutzt hatte, auf die KSA zu übertragen. Die Fundstellen für diese Ausgabe werden abgekürzt durch Nietzsche Bd. S. angegeben. Die meisten Zitate von Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Korrespondenzpartnern werden zitiert nach: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften in 19 Bänden, hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid-Noerr, Frankfurt am Main 1988–1996 (künftig: HGS, mit Band- und Seitenangabe). Wo angebracht, wird das Jahr der Erstpublikation hinzugefügt. Die Mehrzahl der Hervorhebungen stammt von mir. Vgl. hierzu die Dissertation von Hans Langreder, Die Auseinandersetzung mit Nietzsche im Dritten Reich, Kiel 1970. Als Quellen kommen in Betracht: Alfred Baeumler, Nietzsche, der Philosoph und Politiker, 1931; Heinrich Härtle, Nietzsche und der Nationalsozialismus, 1936, sowie Nationalsozialistische Monatshefte, Jge. 1930–1945.Google Scholar
- 3.Georg Lukács, »Schicksalswende«. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie, Berlin 1948, S. 10. Vgl. auch: Die Zerstörung der Vernunft; in: Lukács, Werke, Bd. 9: Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, S. 270–350.Google Scholar
- 4.Herbert Marcuse, Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, 1964, 21974, S. 213f.Google Scholar
- 7.Max Scheler, Das Ressentiment im Aufbau der Moralen; in: Vom Umsturz der Werte. Bd. 1, 1919, S. 51.Google Scholar
- 9.Hermann Heller, Politische Demokratie und soziale Homogenität; in: Heller, Gesammelte Schriften, 1971, Bd. 2, S. 430.Google Scholar