Zusammenfassung
»Ein seltsames Schauspiel fürwahr: Ausgerechnet der größte Rationalist unter den deutschen Schriftstellern seines Jahrhunderts gibt den Lesern — und der gelehrten Forschung! — noch heute Rätsel auf, deren Lösung weitere Rätsel ergeben« [1], so kommentiert Walter Jens den paradoxen Eindruck mißverständlicher Aufklärung, der sich aufdrängt, wenn man Lessings dramatisches Werk und seine Wirkung im Ganzen überblickt. Wenn es stimmt, daß die Interpretationsgeschichte der Trauerspiele als Geschichte eines Mißverständnisses und seiner mühsamen Revision rekonstruiert werden muß, dann lautet eines der weiteren Rätsel, das sich nach Auflösung der Verständnisprobleme stellt: Wie ist so viel Mißverstand zu verstehen? Denn die Verwechslung eines moralkritischen mit einem moralistischen Stück (Sara), eines kosmopolitischen mit einem patriotischen Drama (Philotas) und einer problematisierten mit einer aktualisierten Virginia betrifft ja keine mehr oder weniger zentrale Einzelheit, sondern jeweils den Sinn des Ganzen, und das, obwohl zumindest die Emilia zu den meistinterpretierten Texten der deutschen Literatur zählt und hier buchstäblich jeder Satz in zahllosen Interpretationen immer aufs neue um und um gewendet worden ist. Wenn es in der Lessingliteratur Forschungslücken gibt, dann gewiß nicht im Bereich der Drameninterpretation, darin sind sich die besten Kenner der Forschungsliteratur einig. [2] Bereits um die Jahrhundertwende taucht der Stoßseufzer Emilia Galotti und kein Ende [3] als Titel in der Sekundärliteratur auf. Dabei darf die Lessingliteratur als getreuer Spiegel der Germanistik insgesamt gelten, ist sie doch ebenso reich an fach- und wissenschaftsgeschichtlich bedeutenden Leistungen, illustren Namen und intellektuellem Niveau wie — natürlich — auch an offenkundiger Redundanz, an ermüdender Wiederholung des Bekannten in neuer Terminologie oder mit geringfügiger Modifikation.
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Anmerkungen
- 1.Walter Jens, Theologie und Theater, in: W.J., In Sachen Lessing. Voträge und Essays, Stuttgart 1983, S. 104–132, hier: S. 120f.Google Scholar
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- 19.E.-P. Wieckenberg hat darauf aufmerksam gemacht, daß Lessings Engagement bei der Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente auch als Antwort auf Lavaters Bekehrungsversuch verstanden werden müsse (Der Bekehrungsstreit zwischen Lavater und Mendelssohn, in: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums 18/1979, S. 71–79).Google Scholar
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