Die Krise aufklärerischer Kritik und die Suche nach Naivität. Eine Untersuchung zu Jean Pauls Titan.

  • Volker Ulrich Müller
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Zusammenfassung

Seit einigen Jahren ist in der Germanistik ein Interesse an Jean Paul festzustellen, das es legitim erscheinen läßt, geradezu von einer Jean-Paul-Renaissance zu sprechen. [1] Sie wurde zum einen hervorgerufen durch die in der Nachfolge der Kritischen Theorie und im Zusammenhang mit der Studentenbewegung erfolgte methodische Neuorientierung der Germanistik an soziologischen und politischen Fragestellungen; hier steht sie in Kontext eines allgemeinen politischen Interesses am 18. Jahrhundert als der heroischen Frühphase der bürgerlichen Gesellschaft, sei es unter dem Aspekt der Ideologiekritik bürgerlichen Selbstverständnisses oder unter dem Aspekt der ästhetischen Entfremdungskritik, einer Kritik, als deren Erbe sich die Studentenbewegung z. T. begreifen konnte. Andererseits — und dies schon seit Ende der fünfziger Jahre — ist sie eine Folge von Fragestellungen, wie sie für die immanente Methode charakteristisch sind. Der Titan wurde bevorzugter Gegenstand vor allem dieses Ansatzes; der im hohen »italienischen Stil« [2] konzipierte Roman, die Radikalisierung der Charaktere, die Zuspitzung ihrer Einstellungen bis hin zu Aporien machten den »General-und Kardinalroman« [3] zum geeigneten Gegenstand von Fragen ästhetischer Technik und zu einem zentralen Beleg für den wirklichkeitszerstörenden oder sie fliehenden Jean Paul. [4] Erst im Zusammenhang mit Ansätzen einer materia- listisch orientierten Methode, die vor allem an Jean Pauls Satiren und an deren Relation zum Humor interessiert ist, wurde auch der Titan Gegenstand gesellschaftsbezogener Deutungen. [5] Die Heterogenität von Jean Pauls Werk — es finden sich nicht allein Züge von Wirklichkeitsflucht und dagegen solche der schärfsten Gesellschaftskritik; vielmehr ist auch letztere nicht immer eindeutig — macht Jean Paul allerdings zu einem Autor, der besondere methodische Probleme stellt und zu kontroversen Deutungen geradezu provoziert. Selektionen im methodischen Ansatz können leicht am Werk bestätigt werden, wie es dann auch nahe liegt, mit solchen Bestätigungen Deutungsmonopole anzumelden. Es ist dies ein für Renaissancen charakteristisches Phänomen: aktuelle Interessen wollen sich in der wiederauferstandenen Vergangenheit als »gemeint« [6], d.h. als legitimiert erkennen.

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Anmerkungen

  1. 3.
    So nennt Jean Paul selbst den »Titan«, vgl. Richard Rohde, Jean Pauls Titan. Untersuchungen über Entstehung, Ideengehalt und Form des Romans. Palaestra Bd. 105, 1920, S. 41Google Scholar
  2. 13.
    Peter v. Haselberg, Musivisches Vexierstroh. Jean Paul, ein Jakobiner in Deutschland, in: ›Zeugnisse‹, Th.W. Adorno zum 60. Geburtstag, Frankfurt/M. 1963.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1974

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  • Volker Ulrich Müller

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