»Der Rabbi von Bacherach« Heinrich Heines ›fragmentarisches‹ Verhältnis zu den Juden seiner Zeit

  • Steffen Leibold

Zusammenfassung

Das Prosafragment »Der Rabbi von Bacherach« von 1840 ist nicht nur eine dichterische Darstellung der wechselhaften und oft von Gewalt beherrschten Geschichte der deutschen (und spanischen) Juden in der christlichen Mehrheitsgesellschaft1 des Mittelalters, sondern auch eine Selbstpositionierung Heinrich Heines gegenüber den Juden seiner Zeit — nämlich in der Entfaltung der am Ende des Fragments ungelösten »jüdische[n] Leidensgeschichte«.2 Vermittelt wird diese Selbstpositionierung durch die Figur des spanischen Ritters Don Isaak Abarbanel.3 Die »jüdische Leidensgeschichte« scheint für Heine als eine Art ewige Wiederkehr des Gleichen4 im 19. Jahrhundert ihre Fortsetzung zu haben5 — mit den bekannten Missständen, welche diese besondere Geschichte nicht im von Heine grundsätzlich geschätzten Hegel’schen Geschichtsverständnis aufgehen lässt.6 Allerdings scheint Heine in der Figur jenes spanischen Ritters und dessen Verhältnis zum Judentum möglicherweise auch einen kleinen Ausweg für sich und die Zukunft des (deutschen) Judentums zu sehen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Manfred Windfuhr: Heinrich Heine. Revolution und Reflexion. Stuttgart 1969, S. 186: »Das jüdische Schicksal in christlicher Umgebung bleibt bis zu Ende Leitthema des Fragments.«Google Scholar
  2. 2.
    Manfred Windfuhr: Der Erzähler Heine. »Der Rabbi von Bacherach« als historischer Roman. — In: Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile. Hrsg. von Gerhard Höhn. Frankfurt a. M. 1991, S. 276–294, hier S. 292.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. z. B. Margaret A. Rose: Über die strukturelle Einheit von Heines Fragment »Der Rabbi von Bacherach«. — In: HJb 15 (1976), S. 38–51, hier S. 47, welche den spanischen Ritter Don Isaak Abarbanel »als selbstparodistisches Porträt des Dichters von 1840« betrachtet.Google Scholar
  4. 5.
    Vgl. Jost Hermand: Mit dem Zeitraffer durch die deutsch-jüdische Geschichte. Heines »Rabbi von Bacherach«. — In: Ders.: Mehr als ein Liberaler. Über Heinrich Heine. 2., erw. Aufl. Frankfurt a. M. 1993, S. 85–100, hier S. 99, mit dem zentralen Begriff der »Zeitraffermethode«, mittels derer Heine die sich immer wiederholende Geschichte der in der Diaspora lebenden Juden darstellt.Google Scholar
  5. 6.
    Vgl. Christian Liedtke: Heinrich Heine. Reinbek bei Hamburg 1997, S. 58, zur Aufnahme des Hegel’schen Geschichtsverständnisses durch Heine und besonders S. 66 zur Gegenüberstellung von Hegels Perspektive und der tatsächlichen jüdischen Geschichte bei Heine. Vgl. zur Auseinandersetzung mit diesem Geschichtsverständnis ebenfallsGoogle Scholar
  6. Alfred Bodenheimer: »Die Engel sehen sich alle ähnlich«. Heines Rabbi von Bacherach als Entwurf einer jüdischen Historiographie. — In: Heinrich Heine und die Religion, ein kritischer Rückblick. Ein Symposion der Evangelischen Kirche im Rheinland vom 27.–30. Oktober 1997. Hrsg von Ferdinand Schlingensiepen und Manfred Windfuhr. Düsseldorf 1998, S. 49–64, und grundlegendGoogle Scholar
  7. Klaus Briegleb: Abgesang auf die Geschichte? Heines jüdisch-poetische Hegelrezeption. — In: Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile. Hrsg. von Gerhard Höhn. Frankfurt a. M. 1991, S. 17–37.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. dazu Anne Maximiliane Jäger: Bacherach — Frankfurt — Toledo. Heines »Rabbi von Bacherach« als literarisches Projekt der jüdischen Aufklärung. — In: Aufklärung und Skepsis. Internationaler Heine-Kongreß 1997 zum 200. Geburtstag. Hrsg. von Joseph A. Kruse, Bernd Witte und Karin Füllner. Stuttgart, Weimar 1998, S. 334–351, hier S. 342.Google Scholar
  9. 10.
    Vgl. die Erläuterungen in DHA V, 517, und zu diesem Grundanliegen des Romans Florian Krobb: »Mach die Augen zu, schöne Sara«. Zur Gestaltung der jüdischen Assimilationsproblematik in Heines Der Rabbi von Bacherach. — In: German Life and Letters 47 (1994), S. 167–181, hier S. 169, sowieCrossRefGoogle Scholar
  10. Barbara Bauer: Nicht alle Hebräer sind dürr und freudlos. Heinrich Heines Ideen zur Reform des Judentums in der Erzählung »Der Rabbi von Bacherach«. — In: HJb 35 (1996), S. 23–54, hier S. 40.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. dazu den Artikel Sèfardim. — In: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Georg Herlitz und Bruno Kirschner. Bd. 4/2. Berlin 1930, S. 329–336.Google Scholar
  12. 22.
    Gans lieβ sich taufen, um eine juristische Professur zu erlangen, vgl. Hartmut Kircher: Nachwort. — In: Heinrich Heine. Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment. Hrsg. von Hartmut Kircher. Stuttgart 1983, S. 70–87, hier S. 77.Google Scholar
  13. 37.
    Vgl. zu Heinrich Heines Einschätzung seiner eigenen Fähigkeiten als Erzähler Hartmut Kircher: Heinrich Heine und das Judentum. Bonn 1973, S. 226.Google Scholar
  14. 47.
    Vgl. dazu ebd., S. 46 f., und zu Heines Kritik am Reformjudentum Regina Grundmann: »Rabbi Faibisch, Was auf Hochdeutsch heißt Apollo«. Judentum, Dichtertum, Schlemihltum in Heinrich Heines Werk. Stuttgart, Weimar 2008, S. 100 ff.CrossRefGoogle Scholar
  15. 61.
    Lion Feuchtwanger: Heinrich Heines »Rabbi von Bacherach«. Mit Heines Erzählfragment. Eine kritische Studie. Frankfurt a. M. 1985, S. 78.Google Scholar
  16. 65.
    Vgl. Clemens Pornschlegel: Die unmögliche Gattung. Zu Heines Rabbi von Bacherach. — In: Heinrich Heine und die Philosophie. Vier Beiträge zur Popularität des Denkens. Hrsg. von Marc Rölli und Tim Trzaskalik. Wien 2007, S. 113–127, hier S. 124.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2015

Authors and Affiliations

  • Steffen Leibold
    • 1
  1. 1.Mülheim an der RuhrDeutschland

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