Die Flucht in die Ohnmacht

Dankrede zum Kleist-Preis
  • Wilhelm Genazino

Zusammenfassung

Der 23-jährige Kleist schrieb an seine damals zwanzig Jahre alte Verlobte Wilhelmine von Zenge:

Mädchen! Wie glücklich wirst Du sein! Und ich! Wie wirst Du an meinem Halse weinen, heiße innige Freudenthränen! Wie wirst Du mir mit Deiner ganzen Seele danken! — Doch still! Noch ist nichts ganz entschieden, aber — der Würfel liegt, und, wenn ich recht sehe, wenn nicht Alles mich täuscht, so stehen die Augen gut. Sei ruhig. In wenigen Tagen kommt ein froher Brief an Dich, ein Brief, Wilhelmine, der — — Doch ich soll ja nicht reden, und so will ich noch schweigen auf diese wenigen Tage. Nur diese gewisse Nachricht will ich Dir mitteilen: ich gehe von hier nicht weiter nach Straßburg, sondern bleibe in Wirzburg. Eher als Du glaubst, bin ich wieder bei Dir in Frankfurt. Küsse mich, Mädchen, denn ich verdiene es.

Hochtönend wohlmeinende Briefe dieser Art hat Kleist sehr oft geschrieben. Misstrauen in ihren Wahrheitsgehalt war damals noch nicht sehr verbreitet. Ein Mann, der solche Sätze schrieb, durfte glauben, dass sein Leben diesen Sätzen folgen würde. Und wenn eine Verlobte Briefe eines solchen Mannes erhielt, durfte die Verlobte annehmen: dem Mann ist es ernst. Die Herzensergießung, wie blumig auch immer, galt damals als Tatsachenroman. Zu Beginn der bürgerlichen Gesellschaft waren die Menschen dankbar, dass sie überhaupt über ihre Liebe schreiben durften. Aber Kleists Verlobte war skeptischer, das heißt zurückhaltender, wartender, klüger, als von einer Frau ihrer Zeit erwartet werden durfte.

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  • Wilhelm Genazino

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