Zwischen Märchen und Mythos pp 70-105 | Cite as
Märchen und Mythos: Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Zusammenfassung
Märchen und Mythen teilen miteinander, daß ihre Entstehungszusammenhänge untergegangen sind, ihr originärer Bezugsrahmen vergessen ist. Hinter dieser Übereinstimmung tun sich indes beträchtliche Unterschiede auf. Was Erzählungen, die Theorie und Wissenschaft herkömmlich als Märchen einordnen, schon prima vista von der gewöhnlich fragmentarischen Überlieferung der Geschichten, die als Mythen gelten, abhebt, ist ihre erzählerische Unversehrtheit. Überdies ist an den bruchstückhaft erhaltenen Mythen mühelos bemerkbar, was die narrativ erheblich intakteren Märchenkompositionen nur sehr partiell erkennen lassen: der Versuch des Menschen, Furcht vor Übermächtigem und Unverstandenem zu bewältigen oder bestimmte gegebene (Gewalt-)Verhältnisse zu legitimieren. Mythen stehen ersichtlich im Zeichen von Weltauslegung, Lebensdeutung, Machtetablierung und historischer Legitimation. Beim Lesen oder Hören von Märchen dagegen überwiegt ein anderer Eindruck. Zwar skizzieren Märchen ideale Wunschbilder ausgleichender Gerechtigkeit. Aber sie scheinen weniger aus inhaltlichen Gründen entstanden zu sein, als vielmehr aus kreativem Erzählbedürfnis, das gewohnte Bedeutungsangebote ›zum Verpuffen bringtx‹.
Preview
Unable to display preview. Download preview PDF.
Notizen
- 276.vgl. z.B. zu (1) S. Freud, »Märchenstoffe in Träumen« (1913), in: W. Laiblin (Hrsg.), Märchenforschung und Tiefenpsychologie, Darmstadt 1975, S. 49–55Google Scholar
- zu (2) A. Winterstein, »Die Pubertätsriten der Mädchen und ihre Spuren im Märchen« (1928), in: Laiblin, Märchenforschung, S. 56–70Google Scholar
- zu (3) W. Psaar/M. Klein, Wer hat Angst vor der bösen Geiß? Zur Märchendidaktik und Märchenrezeption, Braunschweig 1976, insbes. S. 112–162, die u.a. einen Überblick über die Forschung zu dem Thema »Märchen und Kind« geben.Google Scholar
- Vgl. va. Ch. Bühler/J. Bilz, Das Märchen und die Phantasie des Kindes, München 21961Google Scholar
- 280.Vgl. z.B. A. Gutter, Märchen und Märe, Psychologische Deutung und pädagogische Wertung, Solothurn 1968Google Scholar
- M.-L. von Franz, Psychologische Märcheninterpretation, München 1986, insbes. S. 55Google Scholar
- W. Scherf.,Die Herausforderung des Dämons. Form und Funktion grausiger Kindermärchen, München u.a. 1987.CrossRefGoogle Scholar
- 281.M. Möckel/H. Volkmann (Hrsg.), Spiel, Tanz und Märchen, Regensburg 1995, S. 8.Google Scholar
- 282.K. Reuschel, »Entstehung und Verbreitung der Volksmärchen«, in: ders., Volkskundliche Streifzüge. Zwölf Vorträge über Fragen der deutschen Volkskunde, Dresden/Leipzig 1903, wieder abgedr. in: Karlinger, Wege, S. 1–15, h.: S. 2.Google Scholar
- 285.De Vries, Betrachtungen, S. 158, vgl. auch a.a.O., S. 47 (»das Spielerische der Märchen«), S. 171–179 (Charakterisierung des Märchens als »spielerisch«), und dens., »Les contes populaires«, in: Diogene 22 (1958), S. 3–20 (behandelt den spielerischen Aspekt des Erzählstils).Google Scholar
- 286.Fr. von der Leyen, Das Märchen. Ein Versuch, 4. erneuerte Aufl. von Friedrich von der Leyen und Kurt Schier, Heidelberg 1958, S. 97Google Scholar
- ders., »Mythus und Märchen«, in: DVjS 33 (1959), S. 343–360, h.:S. 358.Google Scholar
- 287.Lüthi, Volksmärchen als Dichtung, insbes. S. 72–74; ders., Volksmärchen und Volkssage, zwei Grundformen erzählender Dichtung, Bern/München 31975, insbes. S. 145–159.Google Scholar
- 288.A. Lang, »Mythology and Fairy Tales«, in: Fortnightly Review 13 (1873), S. 618–631Google Scholar
- H. Naumann, »Sage und Märchen« (1922), in: Karlinger, Wege, S. 61–73, insbes. S. 63Google Scholar
- W. Aly »Märchen«, in: RE XIV 1 (1928), Sp. 254–281, h.: S. 255 f.Google Scholar
- M.P. Nilsson, Geschichte der griechischen Religion, Bd. 1, München 1955, S. 17 ff.Google Scholar
- 293.Weitere Angaben: W. Scherf, Das Märchenlexikon, München 1995, Bd. 1, S. 132–138.Google Scholar
- 296.M. Eliade, »Les savants et les contes de fées«, in: Nouvelle Revue française 5 (1956), S. 884–891Google Scholar
- 304.Cl. Lévi-Strauss, Mythologica IV. Der nackte Mensch, Frankfurt a.M. 1975, S. 784 ff.Google Scholar
- 317.vgl. E.R. Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, Bern/München 101984, S. 486 ff.Google Scholar
- 320.Ebenso betonen A. Wesselski, Versuch einer Theorie des Märchens, Reichenberg i.Br. 1931, und von der Leyen, Märchen, S. 45–93Google Scholar
- 321.P. Saintyves, Les Contes de Perrault et les récits parallèles, Paris 1923Google Scholar
- Vl. Propp, Istoritcheskie kornie volshebnoi skatzki, Leningrad 1946, dt.: Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens, München/ Wien 1987Google Scholar
- Die Theorien von Saintyves und Propp sind knapp dargestellt in H. Gehrts, »Das Zaubermärchen und die prähistorische Thematik. Siuts — Saintyves — Propp«, in: Ch. Oberfeld (Hrsg.), Wie alt sind unsere Märchen, Marburg 1990, S. 27–36Google Scholar
- Vgl. zur Thematik im übrigen die Literaturliste in Lüthi, Märchen, S. 116–118, und B. Holbek, Interpretation of Fairytales: Danish Folklore in a European Perspective (= FFC 239), Helsinki 1987, S. 235–242, wo eine Übersicht über die in dieser Weise ethnologisch orientierte Forschungsrichtung gegeben wird.Google Scholar
- 322.P. Toschi, Rappresaglia di Studi di Litteratura Popolare, Florenz 1957, S. 45–63.Google Scholar
- 323.Eliade, »Wissenschaft«; vgl. auch dens., Birth and Rebirth, New York 1958Google Scholar
- und Myth and Reality, NewYork 1963.Google Scholar
- 325.K. J. Obenauer, Das Märchen. Dichtung und Deutung, Frankfurt a.M. 1959, S. 81–83., 93–95Google Scholar
- 326.W. A. Berendsohn, Grundformen volkstümlicher Erzählerkunst in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Hamburg 1921 (21968), S. 35 (§29: »Zweiteiligkeit«)Google Scholar
- so schon A. Olrik, »Epische Gesetze der Volksdichtung«, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 51 (1909), S. 1–12Google Scholar
- 329.Vgl. K. Horn, »Motivationen und Funktionen der tödlichen Bedrohung in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm«, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 74 (1978), S. 20–40, h.:S. 33 f.Google Scholar
- 335.H. Siuts, Jenseitsmotive im deutschen Volksmärchen, Leipzig 1911Google Scholar
- 338.Vgl. im übrigen auch M. Lüthi, »Diesseits- und Jenseitswelt im Märchen«, in: J. Janning/H. Gehrts (Hrsg.), Die Welt im Märchen, Kassel 1984, S. 9–21, h.: S. 14.Google Scholar
- 343.Gleichfalls spekulativ und ohne wissenschaftlichen Bezug auf konkretes historisches Material interpretiert E. Drewermann, Lieh Schwesterlein laß mich herein: Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet, München 1992, S. 48–101, die Erzählung unter Verfolgung religionspsychologischer Gesichtspunkte.Google Scholar
- 346.St. Thompson, The Folktale, New York 1946, S. 134 ff.Google Scholar
- 350.Zur literarischen Motivtradition der Geschichte vgl. L. Malten, »Philemon und Baucis«, in: Hermes 74 (1939), S. 176–206Google Scholar
- und M. Beller, Philemon und Baucis in der europäischen Literatur, Heidelberg 1967, S. 27 ff.Google Scholar
- 352.M. Landau, »Die Erdenwanderung der Himmlischen und die Wünsche der Menschen«, in: Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte 14 (1901), S. 1–41, h.: S. 5, arbeitet mit vier »Hauptformen der Götterwanderung«. Die zitierte ist eine von ihnen.Google Scholar
- 355.Vgl. L. Gierth, Griechische Gründungsgeschichte als Zeugnis historischen Denkens vor dem Einsetzen der Geschichtsschreibung, (Diss.) Freiburg i. Br. 1970.Google Scholar
- 356.Zur These, daß »alle Mythen in realen Gewalttätigkeiten wurzeln, die gegen reale Opfer gerichtet sind«, vgl. R. Girard, Der Sündenbock, Zürich 1988, S. 38 ff.Google Scholar
- 358.Vgl. W. Quirin, Die Kunst Ovids in der Darstellung des Verwandlungsaktes, (Diss.) Gießen 1930, S. 61 ff.Google Scholar
- 362.O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, Bd. 1, München 1906, S. 779 ff.Google Scholar
- 365.Zur Bedeutung des Spiels bei Platon vgl. H. Gundert, »Wahrheit und Spiel bei den Griechen«, in: W. Marx (Hrsg.), Das Spiel — Wirklichkeit und Methode, Freiburg i.Br. 1967, S. 13–19.Google Scholar
- 369.W. Burkert, »Mythisches Denken. Versuch einer Definition anhand des griechischen Befundes«, in: H. Poser (Hrsg.), Philosophie und Mythos, Berlin/New York 1979, S. 16–39, h.: S. 29.Google Scholar
- 382.Goethe-Briefe, 4. Bd., Weimar und Jena 1792 bis 1800, herausgegeben von Philipp Stein, Berlin 1924, S. 123.Google Scholar