Märchen und Mythos: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

  • Almut-Barbara Renger

Zusammenfassung

Märchen und Mythen teilen miteinander, daß ihre Entstehungszusammenhänge untergegangen sind, ihr originärer Bezugsrahmen vergessen ist. Hinter dieser Übereinstimmung tun sich indes beträchtliche Unterschiede auf. Was Erzählungen, die Theorie und Wissenschaft herkömmlich als Märchen einordnen, schon prima vista von der gewöhnlich fragmentarischen Überlieferung der Geschichten, die als Mythen gelten, abhebt, ist ihre erzählerische Unversehrtheit. Überdies ist an den bruchstückhaft erhaltenen Mythen mühelos bemerkbar, was die narrativ erheblich intakteren Märchenkompositionen nur sehr partiell erkennen lassen: der Versuch des Menschen, Furcht vor Übermächtigem und Unverstandenem zu bewältigen oder bestimmte gegebene (Gewalt-)Verhältnisse zu legitimieren. Mythen stehen ersichtlich im Zeichen von Weltauslegung, Lebensdeutung, Machtetablierung und historischer Legitimation. Beim Lesen oder Hören von Märchen dagegen überwiegt ein anderer Eindruck. Zwar skizzieren Märchen ideale Wunschbilder ausgleichender Gerechtigkeit. Aber sie scheinen weniger aus inhaltlichen Gründen entstanden zu sein, als vielmehr aus kreativem Erzählbedürfnis, das gewohnte Bedeutungsangebote ›zum Verpuffen bringtx‹.

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Notizen

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  • Almut-Barbara Renger

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