Stabilität und Transformation: Elemente einer politikwissenschaflichen Transformationstheorie
Zusammenfassung
Die Ausgangsüberlegung für den Versuch, einen Beitrag zur theoretischen Konzeptionierung politikwissenschaftlicher Transformationsforschung zu leisten, beruht in Anlehnung an einige der Überlegungen in Kapitel 1.1 auf einem einfachen Vergleich naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisparameter. Die bisher in den Naturwissenschaften dominierende „analytische, linear-kausale Rationalität mit dem Ziel der ‘Beherrschung der Natur’ und ihre technokratische Übertragung auf Sozialsysteme ... (hat) uns neben faszinierenden Einsichten und Erkenntnissen und einem singulären materiellen Wohlstand in den führenden Industrieländern blind gegenüber anderen Fortschrittsmustern gemacht und in eine globale Ökologische und soziale Sackgasse manövriert“ (Balck/Kreibich 1991, 7). Auch in den sozialwissenschaftlichen Versuchen, komplexe und vernetzte Systemzusammenhänge analytisch zu betrachten, setzt sich zunehmend und als Ergebnis von Evolutions-, Chaos- und Autopoiesie-Forschung1 die Erkenntnis durch, daß destabilisierte Strukturen gerade die wichtigen Potentiale für das Entstehen neuer Ordnungen enthalten können, daß also ein Abrücken von dem überkommenen normativen Stabilitätstheorem sinnvoll und notwendig ist. Dies gilt schon gar, wenn dieses Theorem sich mit der zusätzlichen Erwartung paart, Ziel eines jeden Transformationsprozesses müsse zwangsläufig Demokratisierung sein.
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Literatur
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