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„Geschlecht“ und „Sexualität“ Ergebnisse und Ausblick

  • Cornelia Ott
Part of the Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 10)

Zusammenfassung

Mein besonderes Interesse galt im Verlauf dieser Arbeit der These, daß die Analysen der gesellschaftlichen Organisation von Sexualität oder Geschlecht unterschiedlichen Forschungsfeldern zuzurechnen seien, die jeweils eigenständige theoretische und methodische Herangehensweisen erforderten. Bestätigt hat sich, daß »Geschlecht« und »Sexualität« nicht als kausal verschränkte Bereiche sozialer Praxis angesehen werden können, wie etwa frühe feministische Entwürfe nahelegen. Die dort vielfach zugrundeliegende Ausgangsthese, die herrschende Sexualnorm und -praxis sei allein Mittel männlicher Herrschaftssicherung, verdeckt die Diskriminierung und Verfolgung nichtheterosexueller Lebensweisen. Darauf verweisen vor allem die Untersuchungen, die im Umfeld der lesbian and gay wie auch queer studies entstanden sind. In diesem Kontext ist allerdings festzustellen, daß „Heterosexualität“ als privilegierte Lebensweise analysiert, dabei ihre hierarchische Struktur ausgeblendet wird. Meine Untersuchung zeigt, daß zwischen den diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken, die »Geschlecht« und »Sexualität« in unserer Gesellschaft zur Wirkung bringen, eine ständige „Kommunikation“ stattfindet: Jedes der beiden Prinzipien zitiert das jeweils andere. Besonders deutlich wird diese Funktionsweise im englischen Wort sex oder im französischen sexe: Geschlechterdifferenz bezieht ihre normative Stabilität aus einer Sexualität, die sich auf das Gegengeschlecht richtet und umgekehrt. Verstärkt wird dieser Effekt durch die diskursive Einbeziehung der Fortpflanzung als Ursache und Zweck sowohl einer Zwei-Geschlechter-Ordnung als auch Heterosexualität. Der ständige Verweis auf das jeweils andere läßt beide als natürlich erscheinen, verständlich daher die Hoffnung, daß mit der Destabilisierung von »Geschlecht« die heterosexuelle Norm an Mächtigkeit verliert — und mit der Destabilisierung der heterosexuellen Norm auch die mit der Geschlechterdifferenz verschränkte hierarchische Organisation von »Geschlecht«. Historische Untersuchungen zeigen, daß die spezifische Verstrickung von »Geschlecht«, »Sexualität« und »Generativität«, getragen von dem Wahrheitsprinzip „Natur“, in unserem Kulturkreis das (recht junge) Ergebnis einer historischen Entwicklung ist. Es kann also festgehalten werden, daß nicht nur »Geschlecht« und »Sexualität«, sondern auch deren Verhältnis zueinander geschichtlichen Veränderungen unterworfen ist.

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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1998

Authors and Affiliations

  • Cornelia Ott

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