Gesellschaftstheoretische Grundlagen und der resultierende Forschungsansatz
Zusammenfassung
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Zum einen gewinnt der „Kontext“ in den jüngeren Diskursen an Bedeutung: d.h. Gesellschaften werden als kontextuelle Einheiten betrachtet, die von Beginn an „lokal unterschiedlich definiert“ sind. Gesellschaften „konstituieren sich in Zeit und Raum“ oder: „Soziale Strukturen können von räumlichen nicht getrennt werden [...].“ Storper geht noch weiter (nach Thrift 1995): Gesellschaften sind demnach nicht mehr vertikal gegliedert, sondern horizontal mit gleichzeitig wirkenden Kräften. Mit anderen Worten (Thrift 1995: 21): „[...] soziale Strukturen sind Geographien — einander überlappende, teilweise integrierte, nicht sehr ordentliche Geographien — und sie müssen nicht nur als solche erkannt, sondern auch theoriegeleitet analysiert und mehr noch als Geographien dargestellt werden [...]“. Diese Erkenntnis hat weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaftstheorie, in der „Lokalität“ bisher weniger räumlich verstanden wurde. Giddens‘ lokale Sozialisation ist für die Konstitution der Gesellschaft von großer Bedeutung. Es gibt lokales Wissen und lokale Werte, die einem Vereinheitlichungsdruck (Medien, Globalisierung) unterliegen. Ein wesentliches Problem bei der „Konzeptualisierung von sozialer Struktur als Geographie“ (ebd.) stellt sich bei der Frage des Maßstabs: Vielschichtige Kausalzusammenhänge entstehen, d.h. „zu sehr Mikro“ blendet einen großen Teil der Realität aus, „zu sehr Makro“ führt häufig zu Kontexthypothesen, ist also zu grob. D.h. man braucht „Regions“- oder „Lokalitäts“-Kategorien, die sich auf der Mesoebene bewegen.
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Zum anderen betrifft dies die Natur des Kapitalismus. Harvey plädiert für einen historisch-geographischen Materialismus, der „die Produktion von Geschichte und Geographie durch den Kapitalismus in gleicher Weise berücksichtigt“ (Thrift 1995: 21f.). Die Produktion des Raums durch den Kapitalismus wurde als Thema der Geographie vor allem durch die Entdeckung dreier Quellen verstärkt: Einerseits waren dies die Arbeiten von Lefébvre, der den Raum als „diachronen Diskurs“ betrachtet, d.h. der Raum ist sowohl Mittel zum Zweck, als auch das Ziel. Andererseits wurden die Situationisten entdeckt (Debord, Vaneigem), bei denen der Raum als wichtiges Element einer Gesellschaft des Spektakels gilt, sowie Baudrillard, der sich mit der Konsumtion von Zeichen und der Hyperrealität auseinandersetzt. Jeweils ist die Produktion des Raums der Schlüsselbegriff; die Raumgestaltung spielt eine Rolle als Konsumanreizsystem (ebd.).
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