Probleme einer kriminalpolitischen Gewalttäter-Typisierung: das Beispiel jugendlicher „Intensivtäter“

  • Michael Walter
Part of the Otto-von-Freising-Tagungen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt book series (OVFT)

Zusammenfassung

Die neuere kriminologische Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass das Interesse an der spezifischen Täterpersönlichkeit im Laufe der letzten Jahrzehnte deutlich nachgelassen hat (Sessar 1997). Das kommt auch im Wandel der Professionen zum Ausdruck, die sich mit Kriminalität beschäftigen. Den Psychiatern, Pädagogen und Psychologen sind die Kriminalsoziologen gefolgt. Analysen zur Verbreitung der Kriminalität — vor allem im Dunkelfeld — haben erhebliche Bereiche „normaler“ Kriminalität erkennbar werden lassen. Zu entsprechenden Erscheinungen gehört die Weiße-Kragen-Kriminalität (white-collar crime) (Sutherland 1968). Ebenso wie die ubiquitäre, passagere und episodenhafte Jugendkriminalität (Zusf. M. Walter 2001: 178f.). Die Kriminalität der „Anständigen“, die sozial bestens integriert sind, umfasst etwa die Steuerhinterziehung, die Korruption, den Betrug gegenüber Versicherungsgesellschaften und Krankenkassen, die Unterschlagung und den Diebstahl am Arbeitsplatz sowie umweltschädigende „Entsorgungen“ von Müll (Frehsee 1991). Die Täter solcher Delikte handeln regelmäßig nach einer auf die eigenen Verhältnisse zugeschnittenen Kosten-Nutzen-Rechnung, aufgrund nachvollziehbarer rationaler Kriterien. Ihre Individualität ist dabei nur von untergeordnetem Interesse, da die Kosten und der Nutzen meist ähnlich eingeschätzt werden. Mit steigenden Ertragserwartungen und sinkenden Risiken nimmt die Wahrscheinlichkeit der Vermögenskriminalität zu. Natürlich — und erfreulicherweise — erliegen nicht alle den betreffenden Versuchungen, obwohl sie die verlockenden Chancen durchaus wahrnehmen. Insofern bleibt die Bedeutung persönlicher Variablen bestehen. Es interessieren insbesondere Fähigkeiten, den Anreizen zu trotzen, ihnen besonnen zu widerstehen (protektive Faktoren; dazu Lösel/Bliesener 1990).

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  • Michael Walter

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